Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.05.2026 13:17
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Mehr Details sind bekannt zum Fall, den ich bereits in diesem Beitrag thematisiert habe.
Nach jeder Terrorattacke folgt ein Ritual. Politiker treten vor die Kameras. Polizeisprecher geben Auskunft. Experten analysieren. Journalisten rekonstruieren. Und irgendwann fällt fast immer derselbe Satz:
“Der Täter war den Behörden bekannt.”
Es ist ein Satz, der beruhigen sollte. Er tut das Gegenteil.
Denn wenn jemand den Behörden bekannt war, wenn er über Jahre hinweg Akten füllte, wenn er als Anhänger des Islamischen Staates auffiel, wenn er Teil eines radikalen Netzwerks war, wenn eigens geschaffene Spezialisten ihn auf dem Radar hatten - warum stehen wir dann wenige Tage später vor den Trümmern einer weiteren Gewalttat?
Genau diese Frage drängt sich nach dem Terroranschlag von Winterthur auf.
Der mutmassliche Täter war offenbar kein Unbekannter. Seit Jahren tauchte sein Name in Ermittlungen rund um die islamistische Szene auf. Bereits 2015 beschäftigte er die Behörden wegen IS-Propaganda. Die speziell geschaffene Sonderkommission der Zürcher Kantonspolizei kannte ihn. Der Nachrichtendienst dürfte ihn zumindest wahrgenommen haben. Und nur zwei Tage vor der Tat wurde die Bundeskriminalpolizei über einen Polizeieinsatz informiert.
Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht um einen Fall, bei dem ein bis dahin völlig unbekannter Mensch plötzlich aus dem Nichts zuschlägt.
Der Mann war sichtbar.
Und trotzdem konnte er am Bahnhof Winterthur mehrere Menschen angreifen.
Das wirft Fragen auf.
Nicht deshalb, weil man nach jeder Gewalttat automatisch Schuldige innerhalb der Behörden suchen müsste. Wer Sicherheit garantiert, verspricht etwas, das kein Staat der Welt einhalten kann. Absolute Sicherheit existiert nicht.
Aber wenn ein Mensch gleichzeitig als Islamist bekannt ist, unter Wahnvorstellungen leidet, die Polizei selbst um Hilfe bittet, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird und unmittelbar nach seiner Entlassung einen Terroranschlag verübt, dann darf man durchaus nach den Abläufen fragen.
Was genau bedeutet eigentlich “auf dem Radar”?
Offenbar nicht das, was viele Bürger darunter verstehen.
Die meisten Menschen verbinden damit Beobachtung, Kontrolle und Einschreiten. Wer auf dem Radar ist, wird verfolgt. Wer als gefährlich gilt, wird überwacht. Wer sich radikalisiert, löst Alarm aus.
Doch je mehr man über solche Fälle liest, desto mehr entsteht der Eindruck, dass “auf dem Radar” oft lediglich bedeutet, dass irgendwo ein Dossier existiert.
Ein Name in einer Datenbank.
Ein Vermerk in einem Bericht.
Ein Eintrag in einem System.
Nicht mehr.
Vielleicht ist das sogar unvermeidbar. Sicherheitsbehörden beobachten Hunderte von Personen gleichzeitig. Man kann nicht jeden rund um die Uhr überwachen. Man kann nicht jeden präventiv einsperren. Ein Rechtsstaat darf Menschen nicht allein aufgrund von Vermutungen ihrer Freiheit berauben.
Das ist richtig.
Aber gerade deshalb wird die öffentliche Kommunikation problematisch.
Denn wenn nach einer Tat plötzlich bekannt wird, dass der Täter längst bekannt war, entsteht unweigerlich der Eindruck eines Versagens. Und dieser Eindruck wird nicht kleiner, wenn wichtige Informationen offenbar erst nach und nach ans Licht kommen.
Besonders irritierend wirkt in diesem Fall, dass die Sonderkommission über die jüngsten Auffälligkeiten informiert war. Der Mann hatte wenige Tage vor der Tat wirre Aussagen gemacht. Die Polizei schritt ein. Die Psychiatrie wurde involviert. Die Bundeskriminalpolizei wurde informiert.
All das geschah.
Und trotzdem stehen heute drei verletzte Menschen im Mittelpunkt dieser Geschichte.
Natürlich gibt es eine weitere Ebene.
Die psychische Erkrankung.
Sofort beginnt nach solchen Taten regelmässig eine Diskussion darüber, ob es sich um Terrorismus oder um eine psychische Krise handelt. Als ob sich beides gegenseitig ausschliessen würde.
Tut es aber nicht.
Ein Mensch kann psychisch krank sein und gleichzeitig terroristisch motiviert handeln.
Ein Mensch kann Wahnvorstellungen haben und trotzdem einer extremistischen Ideologie folgen.
Die Realität ist oft komplizierter als die Schlagworte, die wenige Stunden nach einer Tat durch die Medien geistern.
Gerade deshalb wirkt es befremdlich, wenn politische Verantwortliche bereits kurz nach dem Anschlag versuchen, Verantwortung in Richtung Psychiatrie zu verschieben. Vielleicht wurden dort Fehler gemacht. Vielleicht auch nicht. Das wird man untersuchen müssen.
Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wer jetzt am bequemsten als Schuldiger präsentiert werden kann.
Die entscheidende Frage lautet: Was wusste wer - und wann?
Wenn eine Sonderkommission geschaffen wurde, um genau solche Bedrohungen zu erkennen, dann muss auch transparent erklärt werden, welche Möglichkeiten sie tatsächlich besitzt. Kann sie nur beobachten? Kann sie intervenieren? Kann sie warnen? Kann sie handeln?
Oder produziert sie am Ende lediglich Berichte über Menschen, die man ohnehin schon kennt?
Der Fall Winterthur zeigt vor allem eines: Zwischen dem Wissen über eine potenzielle Gefahr und der Verhinderung einer Tat liegt offenbar eine gewaltige Lücke.
Eine Lücke, die sich nicht mit Pressekonferenzen schliessen lässt.
Eine Lücke, die auch nicht kleiner wird, wenn Informationen nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit gelangen.
Und eine Lücke, die viele Bürger ratlos zurücklässt.
Denn wer hört, ein Täter sei seit Jahren bekannt gewesen, stellt am Ende immer dieselbe einfache Frage:
Wenn er tatsächlich auf dem Radar war - warum konnte er dann trotzdem frei herumlaufen, bis die Messer gezückt wurden?
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 29.05.2026 08:49
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Nach dem Messerangriff am Bahnhof Winterthur meldete sich rasch der Vater des Täters zu Wort. Sein Sohn sei krank, sagte er. Psychisch krank. Er brauche Hilfe und keine Etikette. Vor allem aber sei er eines nicht: Terrorist.
Es ist eine Aussage, die man verstehen kann. Welcher Vater möchte schon hören, dass sein eigenes Kind als Terrorist bezeichnet wird? Welcher Vater möchte erleben, wie der Name seiner Familie plötzlich in allen Medien erscheint, verbunden mit Gewalt, Angst und Schlagzeilen? Man spürt in seinen Worten Verzweiflung, Ratlosigkeit und den Versuch, irgendwo noch eine Erklärung zu finden.
Und trotzdem bleibt eine Frage zurück:
Warum sollte das keine Terrortat gewesen sein?
In der öffentlichen Diskussion wird oft so getan, als gäbe es zwei klar getrennte Kategorien. Hier der Terrorist. Dort der psychisch Kranke. Als wären das Gegensätze. Als müsste man sich zwingend für eine der beiden Erklärungen entscheiden.
Doch die Realität ist selten so einfach.
Wer sich die grossen Terroranschläge der vergangenen Jahrzehnte anschaut, stellt fest, dass psychische Probleme keineswegs eine Ausnahme sind. Viele Täter litten unter schweren Krisen, Persönlichkeitsstörungen, Wahnvorstellungen, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Nicht jeder Terrorist ist psychisch krank. Aber die Vorstellung, Terroristen seien grundsätzlich psychisch gesunde Menschen, die einfach eine politische Botschaft senden wollen, entspricht ebenfalls nicht der Realität.
Die beiden Dinge schliessen sich nicht aus.
Wenn jemand mit einem Messer auf Menschen losgeht, dabei religiöse Parolen ruft und gezielt Angst und Schrecken verbreitet, dann erfüllt das durchaus Merkmale dessen, was wir als Terror bezeichnen. Die Frage, ob der Täter gleichzeitig psychisch krank war, verändert die Tat nicht automatisch.
Auch ein psychisch kranker Mensch kann Terror verbreiten.
Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem unserer Debatte. Wir suchen ständig nach einer Erklärung, die uns beruhigt. Wenn wir hören, der Täter sei psychisch krank gewesen, entsteht sofort die Vorstellung, die Tat sei irgendwie weniger politisch, weniger ideologisch oder weniger bedrohlich. Fast so, als würde die Diagnose einen Teil des Schreckens auflösen.
Doch für die Opfer macht das keinen Unterschied.
Die drei Männer, die am Bahnhof angegriffen wurden, fragten sich in diesem Moment wohl kaum, ob ihr Angreifer eine psychiatrische Diagnose hatte. Sie sahen einen Mann mit einem Messer. Sie erlebten Angst. Sie wurden verletzt.
Die Wirkung der Tat bleibt dieselbe.
Besonders nachdenklich macht die Schilderung des familiären Umfelds. Der Vater berichtet von einem Mann, der seit Jahren isoliert lebt. Keine Arbeit. Keine Ausbildung. Keine sozialen Kontakte. Keine Perspektive. Ein Mensch, der sich immer weiter von seiner Umgebung entfernt hat. Gleichzeitig wird bekannt, dass er früher Verbindungen zur An’Nur-Moschee hatte und sich dort radikalisiert haben soll.
Auch das muss man ernst nehmen.
Radikalisierung entsteht selten aus einem einzigen Grund. Sie entsteht oft dort, wo Einsamkeit, Frustration, Sinnsuche und ideologische Angebote zusammentreffen. Nicht jeder isolierte Mensch wird zum Extremisten. Nicht jeder Extremist ist psychisch krank. Aber die Übergänge können fliessend sein.
Gerade deshalb wirkt die Diskussion über die richtige Bezeichnung so unerquicklich.
Es geht nicht darum, einen Vater zu verletzen.
Es geht nicht darum, einen Menschen nachträglich zu dämonisieren.
Es geht darum, die Realität nicht künstlich in Schubladen zu pressen.
Der Vater sagt, sein Sohn brauche Hilfe. Wahrscheinlich hat er recht. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Mann seit Jahren Hilfe gebraucht hätte. Vielleicht stellt sich sogar die unangenehme Frage, weshalb ein Mensch mit einer solchen Vorgeschichte eine psychiatrische Klinik verlassen konnte, nur um kurze Zeit später am Bahnhof Menschen niederzustechen.
Auch darüber wird man sprechen müssen.
Doch selbst wenn sich später herausstellen sollte, dass psychische Probleme eine zentrale Rolle gespielt haben, beantwortet das nicht die Frage nach dem Charakter der Tat. Es beantwortet lediglich die Frage nach möglichen Ursachen.
Ursachen und Folgen sind jedoch nicht dasselbe.
Wir sollten aufpassen, dass wir aus Mitgefühl für Angehörige nicht die Begriffe verwässern. Wenn eine Tat darauf abzielt, Angst zu erzeugen, wenn sie im öffentlichen Raum geschieht, wenn sie von ideologischen oder religiösen Elementen begleitet wird und wenn sie eine ganze Gesellschaft erschüttert, dann ist die Bezeichnung Terrorakt zumindest nachvollziehbar.
Psychische Krankheit und Terrorismus sind keine Gegensätze.
Manchmal treffen sie auf tragische Weise zusammen.
Und genau das macht solche Fälle so verstörend. Nicht weil sie einfach wären. Sondern weil sie es eben nicht sind.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 28.05.2026 08:04
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Früher logen Politiker wenigstens mit einer gewissen Anstrengung. Sie beschönigten, verdrehten, verschwiegen und schoben Zahlen so lange auf dem Tisch herum, bis sie irgendwie nach Wahrheit aussahen. Nicht schön, aber immerhin gab es noch ein stilles Abkommen mit der Realität.
Die Lüge musste glaubwürdig wirken.
Bei Donald Trump ist das anders.
Ihm scheint es völlig egal zu sein, ob eine Behauptung wahr, plausibel oder bereits nach drei Sekunden widerlegt ist. Die Aussage muss nicht stimmen. Sie muss nur wirken. Sie muss laut sein, grob, einprägsam und möglichst geeignet, die eigene Anhängerschaft in Wallung zu bringen.
Der grosse Dammbruch war dieser schauerliche Begriff: «alternative Fakten».
Allein das ist schon ein sprachlicher Autounfall mit Totalschaden. Fakten haben keine Alternativen. Es gibt keine alternative Schwerkraft, keine alternative Körpertemperatur und keinen alternativen Kontostand, nur weil man Ende Monat gern ein bisschen mehr hätte.
Aber genau dort beginnt das Gift.
Wahrheit wird nicht mehr als gemeinsame Grundlage verstanden, sondern als Frage der Zugehörigkeit. Nicht mehr: «Was stimmt?» Sondern: «Zu welchem Lager gehörst du?»
Und genau das macht den Möchtegern-Imperiator so gefährlich.
Nicht seine Frisur. Nicht seine peinlichen Auftritte. Nicht einmal die einzelne Lüge. Gefährlich ist die systematische Entwertung der Wirklichkeit.
Denn Demokratie braucht einen gemeinsamen Boden. Man darf unterschiedlicher Meinung sein. Man darf streiten, zweifeln, widersprechen. Aber wenn nicht einmal mehr klar ist, ob zwei und zwei vier ergibt, wird aus Politik irgendwann nur noch Stammesgebrüll.
Dann werden Journalisten zu Feinden, Gerichte zu Verschwörern, Wissenschaftler zu Lügnern und jeder Unsinn zur angeblich unterdrückten Wahrheit.
Das Perfide daran:
Es funktioniert.
Emotion schlägt Vernunft. Empörung schlägt Genauigkeit. Dauerfeuer schlägt Erinnerung. Wer pausenlos Unsinn produziert, gewinnt irgendwann allein deshalb, weil niemand mehr die Kraft hat, jede Absurdität einzeln zu widerlegen.
Der Informationsraum wird zugemüllt wie ein Bahnhofsklo nach einem Open Air.
Und irgendwo sitzen dann Menschen, die sich für die letzten Verteidiger der Wahrheit halten, während sie jeden noch so offensichtlichen Blödsinn schlucken wie abgestandenes Bier.
Man lacht oft über Donald Trump. Über seine kindischen Beleidigungen, seine groteske Selbstverliebtheit, seine Auftritte zwischen Reality-TV und politischem Kasperlitheater. Und ja, manchmal wirkt er tatsächlich wie ein halb verwirrter Märchenonkel, der sich selbst für Napoleon mit Golfclub hält.
Nur leider sitzt dieser Märchenonkel nicht auf einer Parkbank und erklärt Tauben seine Genialität.
Er sitzt an einem der gefährlichsten Hebel der Welt.
Und genau deshalb ist das Ganze nicht nur lächerlich. Sondern brandgefährlich.
Wenn Wahrheit bedeutungslos wird, bleibt am Ende nur Macht übrig. Lautstärke. Einschüchterung. Loyalität statt Vernunft.
Vielleicht wird man eines Tages sagen:
Der gefährlichste Satz unserer Zeit war nicht irgendeine Drohung.
Sondern die Vorstellung, Fakten seien bloss Ansichtssache.
Und genau dafür gehört dieser selbsternannte König der Welt politisch auf den Schrottplatz der Geschichte.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.05.2026 15:25
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Es gibt Menschen, die hinterlassen Spuren. Eindruck. Würde. Stil.
Und dann gibt es jene, die im Zug sitzen und Gratiszeitungen filetieren wie ein schlecht gelaunter Metzger am Montagmorgen.
Man kennt das Bild. Der Pendlerzug rollt gemächlich durch die Schweiz. Draussen ziehen Einfamilienhäuser, Lärmschutzwände und traurige Industriegebiete vorbei. Drinnen herrscht das übliche Ritual des öffentlichen Dahinvegetierens: Einer telefoniert auf Lautsprecher, jemand schaut TikTok mit voller Lautstärke, ein anderer schläft mit offenem Mund gegen die Scheibe gelehnt.
Und irgendwo sitzt er.
Der Zeitungszerfetzer.
Meistens älteren Semesters. Praktische Jacke. Funktionsweste. Vielleicht ein Käppi mit irgendeinem Vereinslogo. Der Blick konzentriert, ernst, fast chirurgisch präzise. Vor ihm liegt eine Gratiszeitung. Noch vollständig. Noch unschuldig.
Doch dann beginnt das Werk.
Langsam werden Seiten umgeblättert. Nicht gelesen - begutachtet. Gescannt wie Beute. Und plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Ein kurzer Griff in die Mitte. Ein Ruck. RRRRATSCH.
Seite 17 bis 20 verschwinden in der mitgebrachten Migros-Tasche wie Organe auf dem Schwarzmarkt.
Zurück bleibt ein verstümmelter Zeitungstorso, der anschliessend seelenruhig wieder ins Ablagefach gelegt wird. Als wäre das völlig normal. Als hätte man der Öffentlichkeit soeben einen Dienst erwiesen.
Danke auch.
Man setzt sich später in denselben Zug, entdeckt noch hoffnungsvoll eine Zeitung und denkt: „Ah schön, etwas zum Lesen.“
Bis man merkt, dass mitten im Artikel plötzlich einfach Schluss ist.
„Die grosse Analyse zur Weltlage lesen Sie auf S…“
Ja WO DENN, VERDAMMT?
Der Rest liegt vermutlich bereits fein säuberlich zuhause neben dreissig ausgeschnittenen Coop-Rezepten von 1998 und einem Gesundheitsratgeber mit dem Titel „Selleriesaft gegen Rheuma“.
Es ist dieses spezielle Kleinbürgertum der maximalen Rücksichtslosigkeit bei gleichzeitig völliger Überzeugung, ein anständiger Mensch zu sein. Leute, die wahrscheinlich empört wären, wenn jemand im Restaurant das Salz mitnimmt - aber gleichzeitig kein Problem darin sehen, öffentliches Lesematerial auseinanderzunehmen wie ein Schimpanse auf Koffein.
Und das Faszinierende daran: Diese Menschen tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die fast bewundernswert ist. Kein schlechtes Gewissen. Keine Heimlichkeit. Nein. Da wird offen gerissen, gefaltet und eingesteckt. Mit der Ruhe eines Buchhalters beim Sortieren von Steuerbelegen.
Es ist ohnehin eine seltsame Unsitte dieser Generation, alles ausschneiden zu müssen.
„Auberginen richtig lagern“
„Die zehn besten Knieübungen für Senioren“
„So erkennen Sie Magnesiummangel beim Dackel“
Natürlich liest das nie wieder jemand. Diese Ausschnitte verschwinden in Schubladen, Ordnern oder irgendwelchen Küchenkisten, wo sie langsam vergilben und irgendwann beim Wohnungsräumen von den Enkeln entsorgt werden.
Aber der Instinkt bleibt bestehen.
Es ist archaisch. Wahrscheinlich tief im Gehirn verankert. Andere Menschen sammelten früher Beeren oder jagten Mammuts. Der moderne Pendler jagt Sudoku-Seiten aus „20 Minuten“.
Und jedes Mal trifft es die Allgemeinheit.
Denn der nächste Fahrgast bekommt keine Zeitung mehr. Er bekommt Überreste. Ein literarisches Unfallopfer. Ein Printmedium nach Organentnahme.
Ich frage mich manchmal ernsthaft, was in diesen Leuten vorgeht.
Denken sie:
„Perfekt. Jetzt habe ich das Horoskop und die Rabattbons. Der Rest kann zurück zur Bevölkerung.“
Vielleicht gibt es irgendwo sogar geheime Zirkel solcher Menschen. Treffen in schlecht beleuchteten Gemeindesälen. Lange Tische. Thermoskannenkaffee. Raschelnde Jacken.
„Hansruedi hat heute den kompletten Rätselteil aus drei Zügen mitgenommen.“
Tosender Applaus.
Und natürlich gehört diese Spezies eng verwandt zur Fraktion jener Leute, die im Wartezimmer alte Zeitschriften mit nach Hause nehmen. Oder beim Arzt sämtliche Kreuzworträtsel bereits ausgefüllt haben, damit niemand anderes noch Freude daran haben kann.
Es ist dieselbe Energie.
Die Energie von Menschen, die fremdes Eigentum nicht zerstören wollen - aber es halt einfach völlig bedenkenlos unbrauchbar machen.
Still. Unspektakulär. Schweizerisch.
Vielleicht bin ich altmodisch. Aber wenn etwas öffentlich aufliegt, dann gehört es entweder allen oder niemandem. Man kann es lesen. Mitnehmen sogar. Aber dieses halbseidene Herausoperieren einzelner Seiten hat etwas zutiefst Widerliches.
Es ist die kulturelle Version eines Menschen, der am Buffet nur die Crevetten aus dem Nudelsalat pickt und den Rest zurückstellt.
Und jedes Mal, wenn ich wieder so eine amputierte Gratiszeitung sehe, denke ich dasselbe:
Manche Menschen hinterlassen der Gesellschaft wirklich nur Papierstaub und schlechte Laune.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.05.2026 10:01
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Früher war der Eurovision Song Contest ein Musikwettbewerb.
Gut, manchmal ein schlechter. Aber immerhin einer mit Musik.
Da stand jemand auf der Bühne, sang ein Lied, daneben stand ein Orchester, und am Schluss bekam irgendjemand Punkte. Nicht alles war gut. Manches war sogar ziemlich fragwürdig. Aber im Kern ging es noch um ein Lied.
Heute wirkt der ESC oft wie eine Mischung aus Popshow, Weltuntergangsfilm, TikTok-Clip und Selbsthilfegruppe mit Nebelmaschine.
Seit 2024, als das Nemo für die Schweiz gewann, stellte ich mir wieder einmal diese Frage:
Soll ich mich davon jetzt vertreten fühlen?
Nein.
Hätte ich bei Lys Assia vermutlich auch nicht gemusst.
Denn nur weil jemand für die Schweiz singt, singt er noch lange nicht für mich. Die Schweiz klingt nicht nach einem einzigen Lied. Sie klingt nach allem Möglichen: Alphorn, Guggenmusik, Blaskapelle, Jazzclub, Bahnhofsdurchsage, Jodlerfest, Stadtlärm und irgendeinem Keyboard in einer Mehrzweckhalle.
Aber beim ESC wird heute aus jedem Auftritt gleich ein grosses nationales Ereignis gemacht. Man soll stolz sein. Man soll gerührt sein. Man soll die Botschaft verstehen. Man soll merken, dass hier gerade etwas Bedeutendes passiert.
Dabei möchte man manchmal einfach nur fragen:
Wo ist eigentlich das Lied?
Denn heute reicht es offenbar nicht mehr, einfach gute Musik zu machen. Jeder Auftritt muss aussehen, als hätte jemand für drei Minuten den Weltuntergang gemietet.
Da steht dann ein Mensch auf einer brennenden Plattform, hinter ihm flackern riesige LED-Wände, Tänzer wälzen sich bedeutungsvoll über den Boden, und irgendwo darunter läuft noch Musik.
Vermutlich.
Man hört sie einfach kaum noch vor lauter Inszenierung.
Der moderne ESC hat mit einem Musikwettbewerb oft nur noch am Rand zu tun. Es geht nicht mehr nur darum, wer das beste Lied hat. Es geht darum, wer am meisten auffällt.
Früher fragte man:
«Kann die Person singen?»
Heute fragt man:
«Funktioniert das auf TikTok?»
Natürlich muss heute auch alles eine Botschaft haben. Niemand singt einfach mehr über Liebe, Sehnsucht oder Herzschmerz. Nein, heute geht es gleich um Identität, Heilung, Befreiung, Mut, Trauma, Europa, Weltfrieden und den inneren Kampf gegen irgendetwas Unsichtbares.
Manchmal hat man das Gefühl, sogar der Nebel auf der Bühne habe inzwischen eine politische Meinung.
Dabei wäre das alles ja halb so schlimm, wenn die Musik wirklich überzeugen würde. Aber vieles klingt wie Pop aus der Fabrik: perfekt produziert, glattgeschliffen, laut, dramatisch, aber ohne richtige Seele.
Diese Songs haben oft keine Ecken mehr. Keine Fehler. Keine Luft. Keine Persönlichkeit. Alles ist so gebaut, dass es sofort wirken soll. Nach zehn Sekunden muss etwas knallen, nach dreissig Sekunden muss es emotional werden, und spätestens beim Refrain muss das Publikum wissen: Aha, jetzt ist Gänsehaut vorgeschrieben.
Nur bleibt davon oft wenig hängen.
Man erinnert sich nachher daran, dass jemand geschrien hat. Oder geflogen ist. Oder gebrannt hat. Oder auf einem riesigen Würfel stand.
Aber nicht an die Melodie.
Und genau das ist das Problem.
Ein gutes Lied braucht keine fünfzig Tänzer, keine Feuerfontänen und keine LED-Wand, die aussieht wie der Absturz eines Raumfahrzeugs. Ein gutes Lied funktioniert auch mit einer Gitarre am Küchentisch. Vielleicht sogar gerade dort.
Der ESC wirkt heute oft wie ein Wettbewerb darin, wer das Publikum am stärksten überrumpeln kann.
Lauter. Bunter. Grösser. Dramatischer. Noch mehr Licht. Noch mehr Tränen. Noch mehr Bedeutung.
Und irgendwo sitzt dann ein Jazzmusiker zuhause vor dem Fernseher und denkt:
«Ihr habt für all das wirklich ein Lied geopfert.»
Natürlich darf der ESC kitschig sein. Das war er immer. Kitsch gehört dazu. Glitzer gehört dazu. Peinliche Momente auch. Aber früher war es wenigstens oft ein sympathischer Kitsch. Heute wirkt vieles wie eine Hochglanzshow, die so sehr beeindrucken will, dass sie dabei vergisst, Musik zu sein.
Vielleicht ist genau das die Frage:
Ist das heute noch zeitgemäss?
Oder anders gesagt:
Brauchen wir wirklich eine halbe digitale Apokalypse, nur damit jemand drei Minuten singt?
Vielleicht wäre die modernste Revolution inzwischen ganz einfach:
Ein Mensch.
Ein Mikrofon.
Ein gutes Lied.
Und sonst einfach mal die verdammte LED-Wand ausschalten.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.05.2026 21:58
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Eine Freundin von mir arbeitet in einem Schmuckgeschäft. Eine dieser tapferen Seelen also, die täglich erleben, wie Menschen Fachwissen mit Gratiskaffee verwechseln. Neulich erzählte sie mir völlig frustriert von einer Kundin, die einen dekorativen Weinstopper reparieren liess.
Also kein ordinärer Korken, wie er nach drei Gläsern Merlot sowieso irgendwo unter dem Küchentisch verschwindet. Sondern ein kleiner, hübscher Flaschenstopper mit Steinaufsatz, Metallfassung und Korkteil. So ein Ding, das nach Geschenkartikel aussieht, aber bei genauerem Hinsehen eben doch aus mehreren Teilen besteht, die zusammenhalten sollen. Möglichst gerade. Möglichst sauber. Möglichst so, dass man es später auch wieder benutzen kann.
Der alte Kork sass nicht mehr dort, wo er hingehörte. Also musste er entfernt werden. Nicht einfach „zack, abziehen, neuen dran, fertig“. Nein. Der alte Kork musste ausgebohrt werden. Alter Leim raus. Erhitzen. Reinigen. Neuen Kork zuschneiden. Loch neu bohren. Alles exakt anpassen. Wieder einkleben. Kontrollieren. Nacharbeiten. Fast eine Stunde Arbeit. Sauber gemacht. Fachgerecht. Mit gutem Resultat.
Kurz gesagt: echtes Handwerk.
Dann kam die Rechnung.
20 Euro.
Und plötzlich verwandelte sich die Kundin von einer hilfesuchenden Dame in eine beleidigte Grossaktionärin kurz vor der Enteignung.
„Ich dachte, Sie kleben den einfach schnell ein.“
Ah. Natürlich.
Dieses „einfach schnell“ ist sowieso einer der gefährlichsten Sätze unserer Zeit. Gleich nach „Ich kenne da jemanden, der das günstiger macht“ und „Das dauert doch nur fünf Minuten“.
Diese fünf Minuten basieren meistens auf zwanzig Jahren Erfahrung, Spezialwerkzeug und dem Wissen, wie man etwas macht, ohne das ganze Ding endgültig zu ruinieren.
Aber genau das sehen solche Leute nicht.
Sie sehen nur das fertige Resultat. Und weil es einfach aussieht, glauben sie, es sei einfach gewesen.
Das ist ungefähr so intelligent wie jemandem beim Geige spielen zuzusehen und danach zu sagen:
„Ja gut, der streicht halt ein bisschen herum.“
Oder einem Zahnarzt:
„Sie haben ja nur kurz gebohrt.“
Gerade in Fachgeschäften scheint sich dieser Wahnsinn inzwischen festgesetzt zu haben. Menschen holen Beratung ein, lassen sich helfen, profitieren von Erfahrung, Fachwissen und Präzision - und reagieren dann empört, sobald jemand wagt, dafür Geld zu verlangen.
Das Faszinierende daran ist die völlige Selbstverständlichkeit.
Niemand würde ernsthaft erwarten, gratis ein Schnitzel im Restaurant zu bekommen, nur weil das Fleisch bereits da war. Niemand geht zum Friseur und sagt:
„Die Schere besitzen Sie ja schon.“
Aber beim Handwerk setzt offenbar das Denken aus.
Da glaubt man ernsthaft, der kostenlose Kork müsse automatisch auch kostenlose Arbeit bedeuten. Nach derselben Logik müsste ein Arzt gratis operieren, solange der Patient seine eigenen Organe mitbringt.
Und dann dieses passive Beleidigtsein.
Bezahlt wird zwar noch - aber mit jener Miene, mit der Menschen früher vermutlich in den Gulag transportiert wurden. Man spürt richtig, wie innerlich Buch geführt wird:
„Unverschämtheit. 20 Euro. Für so wenig.“
Für so wenig.
Für eine Stunde Arbeit.
Für Werkzeug.
Für Erfahrung.
Für Präzision.
Für das Wissen, wie man etwas richtig macht.
Und vor allem: dafür, dass die Kundin es selber eben nicht konnte.
Denn genau dort liegt der eigentliche Kern des Problems:
Viele Menschen halten fremdes Können erst dann für wertvoll, wenn sie selbst daran scheitern.
Solange etwas ruhig, sauber und professionell erledigt wird, wirkt es plötzlich banal. Erst wenn sie es zuhause selber versuchen - mit Sekundenkleber, Küchenmesser und grenzenloser Selbstüberschätzung - merken sie, weshalb Fachleute existieren.
Wobei selbst das nicht immer hilft. Manche tragen den zerstörten Gegenstand danach einfach wieder ins Geschäft.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.05.2026 14:31
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Es gibt Momente im Leben, da steht man vor einem Verwaltungsakt und denkt: Nein. Das kann jetzt nicht wahr sein. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Zu rund. Zu perfekt. Zu sehr Schweiz.
Ich habe mir ein Postfach bestellt.
Nicht, weil ich plötzlich ein Geheimagent geworden bin, auch wenn «Postfach 130» durchaus nach einem schlecht beleuchteten Treffpunkt in einem Spionagefilm klingt. Sondern aus einem einfachen Grund: Ich möchte keine Post mehr zuhause. Keine Briefe im Hausbriefkasten, keine gelben Zettel, keine amtlichen Überraschungen zwischen Werbung für Matratzen und mysteriösen Gratiszeitungen. Ich möchte Ordnung. Papier bitte gesammelt, kontrolliert, dienstags und freitags. So der Plan.
Also bestellte ich bei der Post ein Postfach. Standard. Ganz normal. Kein Luxus. Kein Champagnerfach mit Samtpolsterung. Einfach ein kleines Blechabteil für Briefe. 120 Franken im Jahr. Dafür, dass Papier nicht mehr zuhause landet, sondern an einem Ort, wo ich es freiwillig abhole. Eigentlich ein zivilisatorischer Fortschritt.
Der Antrag wurde bestätigt. Online. Modern. Digital. Fast schon elegant. Da stand: gültig ab 11. Mai. Postfach Dietikon 1. Die Post werde sich in den nächsten Tagen melden und mitteilen, ob der Antrag angenommen werde und wie die Schlüsselübergabe erfolge.
So weit, so gut.
Dann passierte: nichts.
Kein Mail. Kein Anruf. Kein Rauchzeichen. Kein eingeschriebener Bote auf gelbem Pony. Einfach nichts.
Also begann das Warten. Dieses spezielle Warten, das man nur kennt, wenn man mit einer Institution zu tun hat, die einerseits hochprofessionell organisiert ist, andererseits aber manchmal wirkt, als würde im Keller noch jemand mit Stempel, Wachssiegel und einem sehr müden Bleistift arbeiten.
Freitag: nichts.
Samstag: nichts.
Montag: Das Postfach sollte gültig sein. Immer noch nichts.
Also rief ich die Hotline an. Man kennt das. Erst Musik. Dann Ansage. Dann Musik. Dann das Gefühl, man sei als Mensch in eine Warteschleife hineingeboren worden und werde irgendwann darin bestattet. Doch irgendwann hatte ich tatsächlich jemanden am Telefon. Und siehe da: Das Postfach existiert. Es ist bestätigt. Nummer 130.
Postfach 130.
Ein schöner Moment. Fast feierlich. Ich hatte nun also ein Postfach. Es fehlte nur noch ein unwesentlicher Bestandteil: der Schlüssel.
Auf meine Nachfrage, wie ich denn nun an diesen Schlüssel komme, folgte der Satz, der diesen ganzen Vorgang in die Nähe grosser Kleinkunst rückte:
Die Benachrichtigung sei per Brief verschickt worden.
Per Brief.
An mich.
Und wo lag dieser Brief?
Natürlich im Postfach.
Im neuen Postfach.
In Postfach 130.
Dem Postfach, für das ich den Schlüssel brauchte.
Den ich laut Benachrichtigung hätte abholen können.
Die wiederum im Postfach lag.
Das ich ohne Schlüssel nicht öffnen konnte.
Man muss das erst einmal wirken lassen. Das ist kein Fehler. Das ist ein geschlossenes System. Ein kleines Perpetuum mobile der Verwaltung. Ein gelber Kreisverkehr ohne Ausfahrt. Bürokratische Esoterik auf höchstem Niveau.
Ich stelle mir die Szene intern ungefähr so vor:
«Wie informieren wir Herrn Rellstab über die Schlüsselübergabe für sein neues Postfach?»
«Per Brief.»
«An seine alte Adresse?»
«Nein, nein. Das wäre ja zu einfach.»
«Per Mail?»
«Um Himmels willen, wir sind doch nicht bei Raumschiff Enterprise.»
«Also ins neue Postfach?»
«Genau.»
«Aber er hat doch noch keinen Schlüssel.»
«Eben. Sonst wäre es ja keine Benachrichtigung zur Schlüsselübergabe.»
Man muss es der Post lassen: Wenn sie einen Schildbürgerstreich macht, dann nicht halbherzig. Dann mit Zustellstempel, Priority-Vermerk und FSC-zertifiziertem Papier. Da wird nicht einfach gepfuscht. Da wird sauber absurd gearbeitet.
Natürlich ging am Ende alles gut. Ich bekam die Schlüssel. Öffnete das Postfach. Und darin lag er: der Brief. Der eine Brief. Die heilige Schriftrolle des gelben Tempels. Das Dokument, das mir vermutlich erklärt hätte, wie ich an den Schlüssel komme, den ich bereits in der Hand hielt.
Ein Moment von seltener Schönheit.
Ich stand also vor Postfach 130, Schlüssel in der Hand, Brief im Fach, und dachte: Genau dafür müsste es ein Museum geben. Ein kleines Schweizer Museum der Verwaltungslogik. Gleich neben dem Passierschein A38, dem Automaten, der keine Zwanzigernoten nimmt, und dem Onlinekonto, das zwar einen Antrag entgegennimmt, ihn danach aber so gut versteckt, als wäre er Teil eines Zeugenschutzprogramms.
Und trotzdem: Ich war nicht einmal richtig wütend. Denn es hatte etwas Tröstliches. In einer Welt, in der alles schneller, digitaler und seelenloser wird, schafft es die Post noch immer, einen Vorgang zu erzeugen, der so menschlich absurd ist, dass man fast Zuneigung empfindet.
Fast.
Denn natürlich bleibt die Frage: Warum?
Warum verschickt man eine Schlüsselbenachrichtigung in ein Fach, das nur mit dem noch nicht übergebenen Schlüssel geöffnet werden kann? Warum sagt niemand im System: «Moment, Freunde, das könnte ein bisschen sehr Kafka mit gelbem Rand sein»?
Vielleicht, weil niemand zuständig ist. Vielleicht, weil das System es so vorsieht. Und wenn das System es so vorsieht, dann ist es offenbar richtig. Auch wenn es völlig gaga ist.
Aber nun ist es erledigt. Ich habe mein Postfach. Nummer 130. Ein kleines Blechfach für Briefe, Rechnungen, Behördenpoesie und sonstige Papierangriffe des Lebens. Dienstags und freitags werde ich es leeren. In Ruhe. Kontrolliert. Erwachsen.
Und jedes Mal, wenn ich den Schlüssel drehe, werde ich an den ersten Brief denken, der darin lag.
Den Brief, der mir sagen wollte, wie ich an den Schlüssel komme.
Schweiz, 2026.
Manchmal braucht es keine Satire. Man muss nur seine Post abholen.
Wörter: 853 - Anschläge: 5672
Kommentare
Urs Spörri
11.05.2026 19:47
Kafka in Reinkultur, dazu stilistisch gut abgefasst. Sollte breit veröffentlicht werden.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.05.2026 13:18
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Es gibt Menschen, die begehen eine Dummheit und schämen sich wenigstens noch dabei. Und dann gibt es moderne Linkspolitiker. Dort wird aus jeder Peinlichkeit sofort ein moralisches Kunstprojekt gemacht.
In Lausanne hat nun ein junger Stadtparlamentarier öffentlich erklärt, dass er seit Jahren täglich schwarzfährt. Nicht versehentlich. Nicht ausnahmsweise. Nicht in einer finanziellen Notsituation.
Nein.
Mit Ansage.
Mit Haltung.
Mit fast schon revolutionärem Brustton der Selbstgerechtigkeit.
Man stelle sich das bildlich vor:
Da sitzt ein gewählter Volksvertreter in einem politischen Gremium und erklärt im Grunde:
«Regeln gelten für mich nur dann, wenn ich gerade Lust darauf habe.»
Und das Erstaunlichste:
Er scheint ernsthaft zu glauben, das mache ihn sympathisch.
Diese Sorte Mensch ist das politische Äquivalent eines Typen, der im Coop eine Salami in die Jacke steckt und sich danach als Freiheitskämpfer gegen den Kapitalismus bezeichnet.
Der Mann fährt also seit Jahren schwarz, springt bei Kontrollen aus dem Bus und erklärt gleichzeitig, der öffentliche Verkehr müsse praktisch gratis werden.
Natürlich.
Denn nichts beweist die Finanzierbarkeit eines Systems überzeugender als Menschen, die konsequent nichts dafür bezahlen.
Das ist ungefähr so, als würde ein Pyromane einen Vortrag über nachhaltigen Brandschutz halten.
Besonders faszinierend ist diese inzwischen typisch linke Umdeutung sämtlicher persönlicher Fehlleistungen in politische Haltung.
Vorhänge bei Ikea klauen?
Nicht Diebstahl - Solidarität.
Ohne Ticket Bus fahren?
Nicht Betrug - Sozialkritik.
ACAB-Shirt im Parlament?
Nicht pubertäre Peinlichkeit - Widerstand.
Wenn diese Leute betrunken in einen Brunnen fallen würden, erklärten sie vermutlich noch, das sei ein performativer Protest gegen die Vertikalisierung urbaner Bewegungsräume gewesen.
Es gibt in dieser politischen Blase offenbar keine Grenze mehr zwischen Aktivismus und kompletter Verwahrlosung des eigenen Verantwortungsgefühls.
Früher galt:
Wer ein öffentliches Amt hat, sollte Vorbild sein.
Heute reicht offenbar:
Man muss nur laut genug «Systemkritik» murmeln, während man sich danebenbenimmt.
Und natürlich folgt immer dieselbe moralische Nebelmaschine:
Der arme idealistische Rebell gegen das kalte System.
Das Problem ist nur:
Das «System» sind hier normale Leute.
Busfahrer.
Kontrolleure.
Arbeitende Menschen.
Lehrlinge.
Rentner.
Pflegepersonal.
Jene Trottel also, die morgens ihre Billette bezahlen, ohne sich dabei wie Che Guevara auf Rädern zu fühlen.
Die eigentliche Frechheit liegt nämlich nicht einmal im Schwarzfahren selbst. Das machen viele irgendwann mal.
Die wirkliche Arroganz ist dieser selbstzufriedene Stolz darauf.
Dieses widerliche Gefühl moralischer Überlegenheit, obwohl man schlicht bescheisst.
Und exakt dort kippt moderne Ideologie regelmässig ins Lächerliche:
Man hält sich gleichzeitig für Opfer, Widerstandskämpfer und moralisch überlegen - während man einfach nur die Rechnung anderen überlässt.
Das ist keine soziale Gerechtigkeit.
Das ist pubertärer Egoismus mit politischem Theater-Make-up.
Besonders grotesk wird es, wenn man bedenkt, dass dieselben Kreise sonst bei jedem Bagatelldelikt sofort gesellschaftliche Sensibilisierung, Awareness-Kampagnen und moralische Umerziehung fordern.
Aber wehe, der eigene Aktivist macht denselben Mist.
Dann wird plötzlich alles komplex.
Dann muss man «Kontexte verstehen».
Dann geht es um «soziale Realitäten».
Dann ist Schwarzfahren praktisch schon ziviler Ungehorsam auf Gandhi-Niveau.
Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass irgendein Feuilleton-Trottel demnächst schreibt:
«Das absichtsvolle ticketlose Reisen dekonstruiert hegemoniale Mobilitätsstrukturen.»
Diese Leute können nicht einmal mehr ehrlich zugeben, dass sie einfach Scheisse gebaut haben.
Alles muss immer Manifest sein.
Alles Haltung.
Alles Aktivismus.
Selbst der Griff in fremde Taschen wird noch zur revolutionären Performance hochfrisiert.
Und irgendwann sitzt man dann da und fragt sich:
Wie zum Teufel konnte aus der politischen Linken teilweise eine Mischung aus WG-Küchenmoral, Dauerempörung und intellektualisiertem Ladendiebstahl werden?
Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem unserer Zeit:
Nicht die Regelbrecher.
Sondern jene, die sich dabei noch für die besseren Menschen halten.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.05.2026 06:04
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„Das kann man sich doch nicht mehr leisten!“
Gesagt wird das meistens aus einem Fahrzeug, das gross genug wäre, um darin einen mittleren Bürgerkrieg auszutragen. Zwei Tonnen Stahl, Allradantrieb, Sitzheizung, zwölf Lautsprecher und ein Bordcomputer mit mehr Rechenleistung als die Mondlandung.
Und wohin fährt man damit?
Ins Fitnessstudio.
Um dort Fahrrad zu fahren.
Das ist kein Witz. Das ist inzwischen ein Lebensmodell.
Da sitzt dann Kevin in seiner atmungsaktiven Hochleistungsleggings auf einem stationären Fahrrad für 3’800 Franken und strampelt hochmotiviert gegen exakt gar nichts an. Kein Gegenwind. Kein Hügel. Kein Regen. Kein Ziel. Nicht einmal ein verdammter Briefkasten am Ende der Strecke.
Einfach nur: Pedale treten. Innenraumluft konsumieren. Elektro-Beats hören. Protein pulverisieren.
Und draussen vor dem Studio stehen sie alle aufgereiht nebeneinander: SUVs, Leasing-Bomber, Elektropanzer mit Öko-Aufkleber. Die moderne Form von: „Ich rette die Welt - aber bitte mit Sitzmassage.“
Früher fuhr man mit dem Fahrrad irgendwo hin. Heute fährt man mit dem Auto zum Fahrrad.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Der Mensch hat tatsächlich eine Technologie erfunden, mit der er sich effizient fortbewegen könnte - und benutzt sie jetzt ausschliesslich in geschlossenen Räumen. Wie ein Hamster mit Kreditkarte.
Natürlich kommt dann sofort jemand und erklärt:
„Ja, aber Fitness ist wichtig.“
Nein? Wirklich?
Danke für diese bahnbrechende Erkenntnis, Dr. Sporty McEiweisspulver.
Natürlich ist Bewegung wichtig. Aber weshalb muss jede menschliche Grundfunktion heute industrialisiert werden?
Treppensteigen?
Nein. Stairmaster.
Frische Luft?
Nein. Klimatisierter Cardio-Bereich mit Lavendelduft.
Fahrradfahren?
Nein. Indoor Cycling Experience.
Man hat aus simplen Alltagsbewegungen ein Abo-Modell gemacht. Das ist eigentlich genial. Irgend so ein Geschäftsmensch sass vermutlich eines Tages im Büro und dachte:
„Wie könnte man Menschen dafür bezahlen lassen, Dinge zu tun, die früher kostenlos waren?“
Und alle so:
„JA!“
Die moderne Welt hat überhaupt eine faszinierende Fähigkeit entwickelt: Sie produziert Probleme, verkauft die Lösung und lässt sich danach dafür feiern.
Die Leute sitzen acht Stunden täglich bewegungslos im Büro, bekommen Rückenschmerzen, fahren anschliessend mit dem Auto ins Fitnessstudio, laufen dort auf einem Laufband und posten danach:
„Selfcare.“
Früher hiess das schlicht: Leben.
Heute braucht es dafür Carbon-Trinkflaschen, Pulsuhren und motivierendes Geschrei aus einem Bluetooth-Lautsprecher.
Und wehe, man sagt etwas dagegen.
Dann kommt sofort jemand mit:
„Du bist wahrscheinlich einfach unsportlich.“
Nein, Heinz.
Ich bin einfach verwirrt.
Verwirrt darüber, dass Menschen ernsthaft 40 Franken Benzin verfahren, um an einem Ort anzukommen, an dem sie Kalorien verbrennen wollen.
Das ist ungefähr so logisch, als würde man mit dem Lift ins Untergeschoss fahren, um dort einen Bergwanderfilm zu schauen.
Oder als würde man beim Lieferdienst einen Salat bestellen, damit der Fahrer mit laufendem Motor durch die halbe Stadt fährt und einem anschliessend erklärt wird, das sei ein „Healthy Lifestyle“.
Die Menschheit ist inzwischen derart komfortverblödet, dass sie sich künstliche Anstrengung kaufen muss, weil sie jede natürliche Anstrengung aus ihrem Alltag entfernt hat.
Und gleichzeitig wundert man sich über Stress, Schlafprobleme und innere Leere.
Vielleicht, nur ganz vielleicht, täte uns allen ein bisschen weniger Optimierung gut und ein bisschen mehr echtes Leben.
Zu Fuss irgendwo hingehen.
Mit dem Fahrrad tatsächlich von A nach B fahren.
Etwas tragen, ohne dass eine App beteiligt ist.
Einmal schwitzen, ohne Monatsmitgliedschaft.
Aber vermutlich bin ich einfach altmodisch.
Ich gehe jetzt jedenfalls raus.
Frische Luft anschauen.
Ganz gratis.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.05.2026 10:44
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Es gibt Dinge, die kann man tun. Und es gibt Dinge, die kann man lassen. Man kann zum Beispiel versuchen, einen nassen Pudel mit dem Föhn zu frisieren. Man kann einem Staubsauger gesellschaftspolitische Verantwortung beibringen. Man kann auch mitten in einem Satz einen Doppelpunkt einbauen und hoffen, dass die Menschheit danach gerechter, klüger und innerlich geläuterter aus dem Sprachlabor spaziert.
Ich werde es trotzdem nicht tun.
Nicht, weil ich Frauen nicht ernst nehme. Ganz im Gegenteil. Ich nehme Frauen so ernst, dass ich ihnen zutraue, sich nicht erst durch ein Sternchen in der Mitte eines Wortes sichtbar fühlen zu müssen. Wer Gleichberechtigung davon abhängig macht, ob irgendwo „Bürger:innen“ steht, hat meines Erachtens das Problem nicht gelöst, sondern typografisch dekoriert. Das ist ein bisschen wie ein Pflaster auf einem Beinbruch - nur mit Genderstern.
Sprache ist lebendig, ja. Natürlich. Sie verändert sich. Sie darf das auch. Aber lebendig heisst nicht, dass man ihr mit dem Akkuschrauber in den Satzbau fährt, bis sie aussieht wie ein Möbelstück aus einer falsch verstandenen Reformpädagogik. Lebendige Sprache wächst. Sie stolpert, entwickelt sich, übernimmt, verwirft, biegt sich zurecht. Was sie nicht gut verträgt, ist moralischer Turnunterricht mit Pflichtübung am Doppelpunkt.
Das generische Maskulinum ist kein Geheimbund alter Herren mit Zigarre und Ledersessel. Es ist eine grammatikalische Form. Grammatik ist nicht Biologie. Wenn ich sage: „Die Bürger wollen mitreden“, dann meine ich nicht ein Geschlecht, sondern eine Rolle. Eine gesellschaftliche Funktion. Menschen, die betroffen sind. Menschen, die wählen, zahlen, arbeiten, widersprechen, sich ärgern, mitdenken und gelegentlich an der Kommentarspalte scheitern. Das Geschlecht ist in diesem Zusammenhang nicht der Punkt. Und wenn es nicht der Punkt ist, muss ich es auch nicht künstlich zum Mittelpunkt des Satzes machen.
Besonders lustig wird es, wenn aus lauter sprachlicher Weltrettung plötzlich Wörter entstehen, die aussehen, als hätte ein Drucker einen Nervenzusammenbruch gehabt. „Mitglieder:innen“ zum Beispiel. Da möchte man kurz innehalten, tief durchatmen und fragen: Was genau war der Plan? „Mitglieder“ ist bereits neutral. Da steht kein muskelbepackter Hugo im Wortstamm und bewacht die Tür. Ein Mitglied ist ein Mitglied. Punkt. Wer daraus „Mitglieder:innen“ macht, der gendert nicht mehr. Der streut Konfetti in die Grammatik und nennt es Fortschritt.
Ich sage das übrigens nicht mit erhobenem Zeigefinger. Eher mit erhobener Augenbraue. Diese Augenbraue hat inzwischen Dauerbetrieb. Sie zuckt bei „Zuhörenden“, obwohl die meisten davon gerade gar nicht zuhören, sondern aufs Handy starren. Sie zuckt bei „Teilnehmenden“, obwohl manche nur physisch im Raum sitzen und geistig längst bei der Einkaufsliste sind. Sie zuckt besonders heftig bei „Backenden“. Denn ein Bäcker ist ein Bäcker. Wenn er backt, wenn er nicht backt, wenn er schläft, wenn er Ferien hat, wenn er auf dem Klo sitzt und überlegt, ob er den Hefeteig zu lange hat gehen lassen. Er verwandelt sich nicht minütlich je nach Tätigkeit in eine sprachliche Aggregatsform.
Natürlich kann man sagen: „Aber Sprache beeinflusst Denken.“ Ja. Tut sie. Aber nicht jede Wortakrobatik ist automatisch Bewusstseinsbildung. Man kann auch so lange an der Verpackung herumfummeln, bis niemand mehr merkt, dass der Inhalt fehlt. Wenn Lohngleichheit, Respekt, Karrierechancen, Sicherheit und echte gesellschaftliche Teilhabe durch Doppelpunkte hergestellt würden, ich würde sofort eine ganze Satzzeichenparade organisieren. Mit Trillerpfeifen, pädagogischem Ernst und einem kleinen Feuerwerk aus Binnen-I. Aber die Welt wird nicht gerechter, weil ein Formular plötzlich aussieht wie ein WLAN-Passwort.
Das Absurde ist ja: Viele Menschen, die gendern, meinen es gut. Das will ich ihnen gar nicht absprechen. Im Gegenteil. Die Absicht ist oft anständig. Nur ist gut gemeint eben noch lange nicht gut geschrieben. Und manchmal klingt dieses Bemühen nach Gerechtigkeit so verkrampft, dass man Angst bekommt, der Satz müsse danach physiotherapeutisch behandelt werden.
Ich habe nichts gegen präzise Sprache. Im Gegenteil. Wenn eine Frauengruppe gemeint ist, schreibe ich Frauengruppe. Wenn eine Männergruppe gemeint ist, schreibe ich Männergruppe. Wenn eine gemischte Gruppe gemeint ist und die Zusammensetzung wichtig ist, kann man das sagen. Es gibt elegante Möglichkeiten, genau zu formulieren, ohne die Sprache zu zerhacken. Man kann freundlich sein, ohne einen Satz mit Sonderzeichen zu panieren.
Was mich stört, ist nicht Rücksicht. Rücksicht ist etwas Gutes. Was mich stört, ist der Tonfall der Sprachaufsicht. Dieses leise moralische Knirschen im Hintergrund. Diese Unterstellung, wer nicht gendert, sei mindestens rückständig, vermutlich verdächtig, eventuell schon mit einem Bein im sprachlichen Mittelalter. Dabei wollen viele schlicht normales Deutsch schreiben. Verständlich, lesbar, rhythmisch. Ohne Stolperdrähte.
Und ja: Ich schreibe auch weiterhin „Liebe Kollegen“, wenn ich eine Gruppe anspreche, für die diese Form im Deutschen seit jeher verwendet wird. Nicht, weil ich jemanden übersehen will. Nicht, weil ich jemanden kleiner machen will. Sondern weil ich dem Satz zutraue, das zu leisten, was Sprache seit Jahrhunderten leistet: Bedeutung aus Zusammenhang. Wer jedes Wort erst mit Warnwesten, Absperrband und dreifacher Beschriftung sichern muss, misstraut nicht nur der Sprache, sondern auch den Menschen, die sie lesen.
Ich werde also nicht gendern. Nicht aus Trotz. Nicht aus Frauenfeindlichkeit. Nicht, weil ich im Keller alte Duden-Ausgaben streichle und von 1953 träume. Sondern weil ich Sprache mag. Weil ich Klarheit mag. Weil ich Rhythmus mag. Weil ein Satz atmen soll und nicht nach jeder zweiten Silbe einen Gleichstellungs-Hampelmann machen muss.
Wer gendern will, soll gendern. Meinetwegen mit Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I oder kleinen Glöckchen am Satzende. Jeder nach seiner Fasson. Aber ich möchte nicht dazu verpflichtet werden, Deutsch zu schreiben, das aussieht, als hätte jemand eine Tastatur auf Gleichstellungskonferenz geschickt und sie sei traumatisiert zurückgekommen.
Sprache darf ein Werkzeug sein. Ein schönes sogar. Man kann damit denken, trösten, streiten, erklären, lachen, widersprechen und gelegentlich jemandem sehr höflich die Meinung geigen. Aber man sollte nicht aus jedem Hammer ein moralisches Messgerät machen.
Darum: Ich werde nicht gendern.
Nicht, weil ich jemanden ausschliessen will.
Sondern weil ich nicht bereit bin, jeden Satz sprachlich so zu verkabeln, dass er am Ende klingt wie eine Bedienungsanleitung für ein linksdrehendes Toasterkollektiv.
Wörter: 957 - Anschläge: 6688
Kommentare
Herby
05.05.2026 11:27
Deinen Beitrag solle die Zeitung veröffentlichen! Dieses Theme verursacht bei mir schon lange Brechreize!
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.05.2026 19:09
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Es gibt Peinlichkeiten, die passieren. Ein falscher Name in einem Programmheft. Ein Mikrofon, das nicht funktioniert. Ein Laudator, der den Preisträger mit dem Caterer verwechselt. Alles unangenehm, alles menschlich, alles reparierbar.
Und dann gibt es den Prix Walo.
Dort schafft man es offenbar, eine quicklebendige 98-jährige Kabarett-Legende während eines Gedenksegments unter die Verstorbenen zu mischen. Margrit Läubli, Grande Dame des Schweizer Kabaretts, wurde also öffentlich symbolisch beerdigt, während sie noch höchst lebendig ist. Das muss man auch erst einmal hinkriegen. Andere brauchen für solche Nummern ein Drehbuch, eine Satire-Sendung und ein ordentliches Timing. Die Prix-Walo-Organisation erledigt das live und unfreiwillig.
Man könnte jetzt sagen: Fehler passieren. Natürlich passieren Fehler. Aber es gibt Fehler, bei denen man den Kaffee verschüttet. Und es gibt Fehler, bei denen man eine lebende Künstlerin auf die Leinwand der Toten projiziert. Das ist nicht dieselbe Liga. Das ist nicht einmal derselbe Sport.
Besonders hübsch ist ja die Erklärung danach. Das Bild sei «versehentlich in die Liste geraten». Aha. Wie genau gerät denn ein Bild versehentlich in eine Liste Verstorbener? Ist das wie mit einzelnen Socken in der Waschmaschine? Man steckt sie lebendig hinein, und irgendwann kommen sie als Nachruf wieder heraus? Hat die Liste eine Eigendynamik entwickelt? Ist das Bild nachts selbständig hineingekrochen, mit schwarzem Rand und trauriger Musik im Gepäck?
Und dann der nächste Satz: «Mir war nicht bewusst, dass dieses Bild reingerutscht ist. Und jenen, die es visioniert haben, war es auch nicht bewusst.»
Grossartig. Visioniert haben sie es also. Nur offenbar nicht angeschaut. Das ist dann ungefähr wie ein Pilot, der vor dem Start sagt: «Ich habe das Flugzeug kontrolliert, aber mir war nicht bewusst, dass die Flügel fehlen.» Man fragt sich schon, was bei dieser Visionierung genau passiert ist. Sassen da Leute vor dem Bildschirm und dachten: «Ah ja, Margrit Läubli, 98, lebt zwar noch, aber sicherheitshalber schon mal in die Ewigkeit mit ihr»?
Das Bitterkomische daran: Die Betroffene selbst hat besser reagiert als die ganze Organisation vorbereitet war. Läubli sagte sinngemäss, wenn sie fürs Schweizer Fernsehen nun tot sei, hoffe sie doch, die Serafe-Gebühr nicht mehr bezahlen zu müssen. Das ist Kabarett. Das ist Punktlandung. Das ist die Art von Satz, für die andere Autoren drei Tage, zwei Espressi und einen Nervenzusammenbruch brauchen. Sie kriegt ihn aus dem Handgelenk hin, nachdem man sie gerade öffentlich ins Jenseits dekoriert hat.
Auch Sohn Lorenz Keiser lieferte trocken nach: Die Mutter sei gar nicht tot, sie sei nur während der Prix-Walo-Verleihung eingeschlafen. Wieder so ein Satz, der sitzt. Und vermutlich auch die ehrlichste Rezension des Abends.
Die Organisation hingegen wirkt, als hätte sie den ganzen Vorfall mit jener Mischung aus Vereinsmeierei, Altersheim-Gala und PowerPoint-Nahtoderfahrung produziert, die man in der Schweiz leider viel zu gut kennt. Irgendwo hat jemand eine Liste. Irgendwo hat jemand Bilder. Irgendwo hat jemand gesagt: «Das passt schon.» Und genau dort beginnt das Elend. Bei diesem «Das passt schon». Dem heiligen Schutzpatron aller Schweizer Pannen.
Denn nein, es passt eben nicht schon. Nicht bei einem Gedenksegment. Nicht bei Menschen, die ein Leben lang auf Bühnen standen, das Land unterhielten, prägten, zum Lachen brachten und Kulturgeschichte geschrieben haben. Wer Menschen öffentlich würdigt, sollte wenigstens wissen, ob sie noch atmen. Das ist keine übertriebene Erwartung. Das ist die unterste Kellertreppe der Sorgfalt.
Man stelle sich vor, Läubli wäre nicht mit Humor gesegnet. Man stelle sich vor, die Familie hätte diese Meldung im Saal oder am Bildschirm unvorbereitet gesehen. Man stelle sich vor, jemand hätte erschrocken zum Telefon gegriffen. Solche Fehler sind nicht einfach «peinlich». Sie sind respektlos. Nicht absichtlich vielleicht. Aber Respektlosigkeit braucht keine Absicht. Manchmal reicht Schlamperei völlig.
Und genau da liegt das Problem: Der Prix Walo will Glanz, Glamour, nationale Unterhaltung, grosse Namen, grosse Gefühle. Aber wenn man mit Erinnerung, Lebensleistung und Tod hantiert, sollte man nicht arbeiten wie ein Schüler, der morgens um 7:42 Uhr noch schnell sein Referat auf dem Drucker der Mutter zusammenkopiert.
Natürlich hat sich Monika Kälin entschuldigt. Das ist richtig. Das muss man anerkennen. Aber eine Entschuldigung ist nur der Anfang. Danach müsste eigentlich die Frage kommen: Wer hat diese Liste erstellt? Wer hat sie geprüft? Wer hat sie freigegeben? Und weshalb hat niemand in dieser ganzen Kette gemerkt, dass Margrit Läubli noch lebt?
Vielleicht ist das ja die eigentliche Pointe dieses Abends: Die Totgesagte war wacher als die Verantwortlichen. Läubli lebt. Ihr Humor lebt. Ihr Timing lebt. Nur beim Prix Walo scheint einiges bereits ziemlich lange klinisch flachzuliegen.
Am Ende bleibt ein Satz hängen: Margrit Läubli wurde beim Prix Walo versehentlich für tot erklärt und hat trotzdem den besten Auftritt des Abends geliefert.
Das muss man erst einmal schaffen.
Also, liebe Prix-Walo-Organisation: Beim nächsten Gedenksegment vielleicht vorher kurz kontrollieren, ob die Toten wirklich tot sind. Nicht übertreiben, nur so als gewagte Innovation. Ein Telefonanruf. Eine Google-Suche. Ein Pulscheck. Irgendetwas.
Und falls das alles zu kompliziert ist: Margrit Läubli fragen.
Die lebt nämlich.
Und zwar offensichtlich lebendiger als eure Qualitätskontrolle.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.05.2026 10:17
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Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Man muss sich diesen Satz gelegentlich wieder einmal auf der Zunge zergehen lassen, weil er in Zürich jedes Jahr spätestens am Nachmittag unter einem Haufen Sprayereien, Petarden, Pflastersteinen und ideologisch aufgeblasenem Nebel verschwindet.
Tag der Arbeit. Nicht Tag der zerdepperten Schaufenster. Nicht Tag der vermummten Selbstdarsteller. Nicht Tag der pubertären Sachbeschädigung mit politischem Beipackzettel. Arbeit. Also dieses seltsame Ding, bei dem Menschen morgens aufstehen, Rechnungen bezahlen, Kinder ernähren, Mieten stemmen, Überstunden machen, Rücken kaputt haben, zu wenig verdienen, zu spät Feierabend haben und trotzdem jeden Tag wieder antanzen. Weil irgendjemand den Laden ja am Laufen halten muss.
Der 1. Mai war nie als Erlebnisnachmittag für Kapuzenromantiker gedacht. Er ist kein Abenteuerspielplatz für Leute, die Kapitalismuskritik mit dem Anzünden von Abfallcontainern verwechseln. Er ist historisch ein Tag der Arbeiterbewegung. Ein Tag, der aus echten Kämpfen entstanden ist. Aus Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten, menschenwürdigen Bedingungen, fairen Löhnen, Schutz vor Ausbeutung. Da ging es nicht um das Recht, einem Tramwartehäuschen eins auf die Fresse zu geben.
Und genau darin liegt die ganze Armseligkeit dieser jährlichen Zürcher 1.-Mai-Folklore. Während Gewerkschaften, Angestellte, Rentner, Familien, Migranten, Pflegepersonal, Reinigungskräfte, Handwerker und alle anderen, die tatsächlich etwas zu sagen hätten, für Anliegen auf die Strasse gehen, hängen sich am Rand wieder jene Gestalten dran, die aussehen, als hätten sie ihr politisches Weltbild zwischen YouTube-Kommentaren, WG-Küchen-Rotwein und einem schlecht kopierten Antifa-Flyer zusammengeschustert.
Sie nennen es Widerstand. Es sieht aber erstaunlich oft aus wie Langeweile mit Sturmhaube.
Natürlich darf man demonstrieren. Man soll sogar demonstrieren. Eine Demokratie, in der niemand mehr protestiert, ist auch nur noch ein sauber parkiertes Verwaltungsformular. Wer für bessere Löhne, bezahlbare Mieten, tiefere Krankenkassenprämien, faire Arbeitsbedingungen oder gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Strasse geht, macht genau das, wofür dieser Tag da ist. Das ist nicht nur legitim, das ist wichtig.
Aber wer danach durch die Stadt zieht, Fassaden versaut, Flaschen wirft, Polizisten attackiert oder fremdes Eigentum beschädigt, kämpft nicht für die Arbeiterklasse. Er produziert Arbeit. Für andere. Für Reinigungskräfte. Für Handwerker. Für Ladenbesitzer. Für Versicherungen. Für Stadtangestellte. Für genau jene Leute, deren Tag er angeblich verteidigen will.
Das ist der besonders hübsche Irrsinn daran: Da randalieren selbsternannte Kämpfer gegen Ausbeutung und sorgen dafür, dass am nächsten Morgen irgendjemand mit Putzkübel, Besen, Hochdruckreiniger und Sicherheitsweste den ganzen Dreck wieder wegräumen darf. Revolution deluxe, aber bitte die Reinigung dem Proletariat überlassen. Man selber hat nach dem grossen Umsturz schliesslich noch Brunch.
Der politische Tiefgang dieser Chaoten entspricht dabei oft ungefähr einer Pfütze auf dem Helvetiaplatz. Man ist gegen «das System». Gegen «die Bullen». Gegen «den Kapitalismus». Gegen «die da oben». Gegen alles, was sich auf ein Transparent sprayen lässt, ohne dass man es genauer erklären müsste. Es ist die grosse Oper der Halbbildung: viel Pathos, wenig Inhalt, dazu ein bisschen Rauch und kaputte Scheiben. Fertig ist die Discount-Revolution.
Und Zürich kennt dieses Theater längst. Der Vormittag ist Demonstration, der Nachmittag ist Ritual. Erst Reden, Fahnen, Forderungen. Dann die Nachhut der Empörungsdarsteller, die sich irgendwo zwischen Langstrasse, Kreis 4 und moralischer Selbstüberschätzung für historische Figuren halten. Dabei sind sie meist nur eine Mischung aus beleidigtem Gymnasiasten, kaputtem Ego und schlechtem Timing.
Das Tragische ist: Sie beschädigen damit nicht das System. Sie beschädigen den Tag.
Sie nehmen einem wichtigen Anliegen die Würde. Sie liefern jenen, die soziale Forderungen ohnehin für linke Folklore halten, jedes Jahr die perfekte Ausrede. Ein paar Vermummte schmeissen Mist, und schon redet niemand mehr über Arbeitsbedingungen, Löhne, Pflege, Mieten oder soziale Sicherheit. Dann geht es nur noch um Wasserwerfer, Tränengas, Sachschaden und Polizeimeldungen. Herzliche Gratulation. Politisches Eigentor mit Anlauf.
Wer wirklich etwas verändern will, braucht mehr als eine Kapuze. Er braucht Argumente. Ausdauer. Organisation. Verantwortung. Und vor allem ein Minimum an Respekt vor jenen, in deren Namen er angeblich handelt. Die Arbeiterbewegung wurde nicht von Menschen aufgebaut, die nach drei Bier eine Spraydose in die Hand nahmen und sich für den Endgegner des Kapitalismus hielten. Sie wurde aufgebaut von Menschen, die sich organisierten, streikten, verhandelten, litten, verloren, wieder anfingen und oft sehr realen Druck aushielten.
Dagegen wirkt der heutige Krawalltourist wie ein Fasnachtsclown in Schwarz. Nur weniger lustig.
Der 1. Mai verdient besseres. Die Arbeitenden verdienen besseres. Die echten Anliegen verdienen besseres. Und Zürich verdient es, dass dieser Tag nicht jedes Jahr von ein paar politischen Hohlkörpern gekapert wird, die ausser Lärm, Dreck und Sachschaden nichts zur Debatte beitragen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 26.04.2026 19:55
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Man muss Dony fast dankbar sein. Nicht politisch, nicht moralisch, nicht menschlich, bewahre. Aber als lebendes Anschauungsmaterial für politische Verwahrlosung ist der Mann mittlerweile unbezahlbar. Andere Staatschefs haben Strategien, Prinzipien, Diplomaten, Sicherheitskonzepte und vielleicht noch ein Restchen Schamgefühl. Der Möchtegern-Imperiator hat offenbar Listen. Gute Nato-Staaten, schlechte Nato-Staaten. Brave Hündchen, böse Hündchen. Wer Männchen macht, bekommt vielleicht ein Leckerli. Wer nicht wedelt, dem wird halt mit den Falklandinseln auf den Teppich gemacht.
So ungefähr muss man sich Weltpolitik im Kopf eines überdimensionierten Golfplatz-Wüterichs vorstellen.
Grossbritannien will also nicht einfach blindlings in den nächsten Krieg stolpern, den die USA und Israel gegen den Iran führen? London sagt: Danke, aber nein danke, wir haben gerade keine Lust auf Weltbrand mit Beilagensalat. Und was macht Dony? Er schmollt nicht einfach. Er droht nicht nur mit ein paar beleidigten Sätzen in Grossbuchstaben. Nein, offenbar wird in Washington ernsthaft darüber nachgedacht, ob man den Briten nicht bei den Falklandinseln ans Bein pinkeln könnte.
Die Falklandinseln. Diese windumtoste Inselgruppe im Südatlantik, auf der die Menschen in einem Referendum mit 99,8 Prozent gesagt haben: Wir bleiben britisch. Klarer kann ein demokratisches Signal kaum sein. 99,8 Prozent. Das ist nicht knapp, das ist nicht missverständlich, das ist nicht «wir müssten noch einmal darüber reden». Das ist ein politischer Amboss, der mit voller Wucht auf den Schädel jeder imperialen Fantasie fällt.
Aber Selbstbestimmung interessiert den BeinaheDiktator nur dann, wenn sie ihm gerade ins vergoldete Dekor passt. Wenn ein Volk so abstimmt, wie es ihm gefällt, nennt er es Freiheit. Wenn nicht, wird es eben zur Verhandlungsmasse. Da werden Inselbewohner plötzlich zu Kleingeld in einem Machtpoker, den niemand bestellt hat. Menschen, Geschichte, Kriegstote, lokale Identität, alles egal. Hauptsache, der beleidigte König der Welt kann zeigen, dass er noch irgendwo einen Hebel findet, den er wie ein überdrehtes Kind im Cockpit herunterreissen kann.
Das Perfide daran ist nicht einmal nur die Brutalität. Brutalität kennt man von ihm. Das wirklich Schäbige ist die Kleinlichkeit. Die USA haben mit Grossbritannien eine der engsten historischen Partnerschaften überhaupt. Man redet dort gerne von special relationship, von gemeinsamer Geschichte, von Waffenbrüderschaft, von Churchill, Roosevelt und all dem schweren Pathos, das Angelsachsen so gerne mit sonorer Stimme vor sich hertragen. Und dann kommt Dony und macht daraus: Unterstützt du meinen Krieg nicht, schaue ich mal, ob ich dir deine Inseln wegargumentieren kann.
Das ist keine Aussenpolitik. Das ist Mafia mit schlechter Frisur.
Und natürlich musste auch Spanien auf die Strafbank. Madrid will den Iran-Krieg ebenfalls nicht beklatschen? Dann wird halt darüber sinniert, ob man Spanien aus der Nato werfen könnte. Dass das gar nicht einfach so geht, scheint im Palast der beleidigten Egos keine grössere Rolle zu spielen. Juristische Realitäten sind dort vermutlich etwas für Buchhalter, Feiglinge und Leute, die noch nie einen goldenen Aufzug von innen gesehen haben.
Die Nato wird dabei behandelt wie ein schlecht geführter Country Club. Wer zahlt? Wer salutiert? Wer lobt den Präsidenten am schönsten? Wer bringt die richtige Flasche Wein mit? Wer nicht spurt, verliert Zugang zum Pool. Nur geht es hier nicht um einen Golfplatz in Florida, sondern um Sicherheitsarchitektur, Krieg, Frieden und das Überleben von Bündnissen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Langeweile gebaut wurden.
Aber genau das ist der Punkt. Dony versteht Bündnisse nicht als Gemeinschaften mit Rechten und Pflichten, sondern als Besitzverhältnisse. Für ihn ist Loyalität keine politische Kategorie, sondern persönliche Unterwerfung. Wer ihm widerspricht, ist illoyal. Wer zögert, ist schwach. Wer eigenständig denkt, ist verdächtig. Und wer nicht mitbomben will, bekommt diplomatisch eins mit dem Vorschlaghammer auf die Finger.
Man stelle sich die Szene vor: Ein Land sagt, es wolle sich nicht an einem Krieg beteiligen. Früher hätte man das verhandelt, diskutiert, vielleicht kritisiert. Heute kommt aus Washington offenbar die Idee: Dann nehmen wir halt eine Inselgruppe aus dem Regal und schauen, ob wir damit Druck machen können. Das ist geopolitisches Ramschverkaufen. Alles muss raus, Demokratie inklusive.
Besonders widerlich ist dabei die Verachtung gegenüber den Falklandbewohnern. Diese Menschen sind keine Spielfiguren. Sie sind keine Fussnote in einem Pentagon-Mail. Sie sind keine Knöpfe auf Donys Hemd, die man nach Laune öffnet oder schliesst. Sie haben eine Geschichte, eine politische Entscheidung und ein Recht darauf, nicht als Rachewerkzeug benutzt zu werden, nur weil der selbsternannte König der Welt wieder einmal eine seiner napoleonischen Zuckerunterzuckerungen hat.
Und ja, man darf die britische Kolonialgeschichte durchaus kritisch sehen. Sehr sogar. Aber hier geht es nicht darum, plötzlich antikolonial empfindsam zu werden. Dony entdeckt ja nicht das Selbstbestimmungsrecht der Völker, weil ihn nachts die moralische Erleuchtung aus dem Bett gekegelt hat. Er entdeckt es nur als Knüppel gegen einen Verbündeten. Das ist nicht Prinzipientreue. Das ist Erpressung im Sonntagsanzug.
Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der die Macht Amerikas nicht als Verantwortung begreift, sondern als Spielzeug. Ein Tyrann im Kinderzimmer der Weltpolitik. Einer, der Bündnisse verbiegt, Drohungen streut und historische Konflikte ausgräbt, wenn ihm jemand nicht schnell genug die Stiefel küsst.
Die Falklandinseln bleiben britisch, sagen die Menschen dort. Und eigentlich müsste jeder Demokrat antworten: Ja, wenn sie das so wollen, dann ist das so.
Aber bei Dony zählt der Wille der Menschen nur, solange er in seine Reality-Show passt.
Und genau deshalb ist dieser Mann nicht einfach ein lauter Trottel mit Macht. Das wäre schon schlimm genug. Er ist ein Symptom. Eines für eine Politik, in der Stärke mit Rücksichtslosigkeit verwechselt wird, Bündnisse mit Gehorsam und Demokratie mit dekorativem Lametta.
Kurz gesagt: Der Imperator spielt Risiko. Nur leider mit echten Ländern.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.04.2026 07:05
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Es gibt in diesem Land Leute, die verlieren eine Abstimmung und sagen sich: Gut, dumm gelaufen, weiter im Text. Und dann gibt es Nicolas Rimoldi. Der Mann hat aus dem politischen Verlieren eine Art Lebensstil gemacht. Andere sammeln Briefmarken, er sammelt Niederlagen mit anschliessender Empörungsgymnastik.
Diesmal ging es um die E-ID. Also um etwas, das in einer halbwegs modernen Gesellschaft ungefähr so exotisch ist wie ein Lichtschalter. Man kann natürlich dagegen sein. Man kann auch gegen Rolltreppen, E-Banking oder den elektrischen Dosenöffner sein. Das ist jedem unbenommen. Aber wenn eine Abstimmung knapp angenommen wird und man danach mit hochrotem Kopf durchs juristische Unterholz stolpert, um das Resultat doch noch irgendwie aus der Welt zu feilschen, dann wird es irgendwann unerquicklich. Und vor allem unerquicklich unerquicklich. So unerquicklich, dass man fast schon wieder lachen muss.
Der Vorwurf war ja nicht ganz aus der Luft gegriffen. Swisscom hat vor der Abstimmung rund 30’000 Franken an die Befürworter gespendet. Das Bundesgericht sagt nun sinngemäss: Ja, das war nicht sauber. Ja, staatsnahe Betriebe sollen sich nicht in Abstimmungen einmischen. Ja, das war unzulässig. Aber nein, es reicht nicht, um die ganze Abstimmung zu kippen. Und genau da beginnt der eigentlich interessante Teil. Nicht bei Rimoldi. Der ist bloss der übliche Krawallkasper im Vordergrund. Spannend ist die Frage, weshalb manche Leute nur dann an die Reinheit der Demokratie glauben, wenn am Ende ihr eigener Zettel gewinnt.
Denn offenbar ist die Demokratie für gewisse Kreise wie ein Restaurantbesuch mit Vollbedienung: Man bestellt das Resultat, das einem passt, und wenn etwas anderes serviert wird, verlangt man den Geschäftsführer. Das Volk hat entschieden? Ja, aber bitte nur dann, wenn das Volk gefälligst vernünftig entscheidet. Also so, wie man es selber vorgesehen hat. Wenn nicht, war es Manipulation, Staatspropaganda, systemische Einflussnahme oder mindestens kosmische Ungerechtigkeit.
Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Das höchste Gericht des Landes sagt, der Fehler sei real, aber nicht ausschlaggebend. Und sofort tun manche so, als sei damit die Demokratie in die Mulde getreten worden. Nein. Ist sie nicht. Demokratie ist nicht deshalb kaputt, weil nicht jeder formale Verstolperer gleich zur Totalannullation führt. Im Gegenteil. Eine Demokratie, die bei jedem kleinen schiefen Räuspern kollabiert, wäre keine Staatsform, sondern ein beleidigtes Porzellanservice.
Natürlich kann man sagen: Ein staatsnaher Betrieb darf sich nicht einmischen, Punkt. Das ist richtig. Und genau deshalb ist das Urteil ja nicht einfach ein Freipass. Die Richter haben die Einmischung ausdrücklich gerügt. Das ist keine Kleinigkeit. Es ist bloss keine Atombombe. Der Unterschied scheint allerdings für gewisse Leute zu hoch zu hängen. Entweder alles ist sauber wie ein Operationssaal, oder alles ist korrupt bis ins Mark. Dazwischen gibt es in ihrem Kopf offenbar nur Zugluft.
Und jetzt kommt der eigentliche Witz: Ausgerechnet Rimoldi, der sich gern als aufrechter Hüter des Volkswillens inszeniert, wirkt in solchen Momenten wie dessen grösster Misstrauensverwalter. Das Volk darf alles, solange es brav in seine Richtung marschiert. Weicht es ab, wird sofort das ganze Theater in Frage gestellt. Das hat etwas ungemein Kindisches. So ein bisschen wie ein Bub, der beim Jassen verliert und dann behauptet, die Karten seien falsch gemischt gewesen, der Tisch schief und der Gegner moralisch ohnehin fragwürdig.
Dabei ist die E-ID nun wirklich kein apokalyptisches Monster mit Laseraugen. Sie ist ein Verwaltungswerkzeug. Ein digitales Mittel, um sich künftig im Netz auszuweisen, statt weiterhin mit Papierkrieg und Behördenschlafsack durch den Alltag zu robben. Man muss sie nicht lieben. Man darf sie auch hässlich finden. Aber sie als Freiheitsuntergang aufzublasen, ist etwa so glaubwürdig wie ein Dorfbäcker, der sich als Opfer der Raumfahrtindustrie bezeichnet.
Besonders ermüdend ist dieses Dauerpathos der selbsternannten Widerstandskämpfer. Immer dieser Ton, als würden sie allein auf weiter Flur gegen ein übermächtiges System anreiten, während rundherum in Wahrheit einfach Leute sitzen, die irgendwann gern eine vernünftige digitale Infrastruktur hätten. Es ist diese Mischung aus Sendungsbewusstsein, Empörungsroutine und theatralischer Selbstüberhöhung, die so unerquicklich ist. Nicht weil sie gefährlich grandios wäre, sondern weil sie so kleinlich wirkt. So furchtbar kleinlich. Wie ein Mann, der mit Schaum vor dem Mund gegen die Moderne anrennt und dabei nicht merkt, dass er vor allem gegen die Realität verliert.
Das heisst nicht, dass die Kritik an staatsnahen Betrieben unberechtigt wäre. Im Gegenteil. Gerade dort muss man pingelig sein. Wer öffentliche Nähe geniesst, soll sich nicht wie ein Lobbyverein benehmen. Das gehört benannt, gerügt und künftig sauber geregelt. Aber zwischen berechtigter Kritik und beleidigter Prozessreiterei liegt eben noch ein Unterschied. Der eine verteidigt Regeln. Der andere sucht bloss so lange am Resultat herum, bis es ihm endlich passt.
Und genau darum geht es am Schluss. Nicht um E-ID-Folklore. Nicht um die ewige Frage, ob irgendwo jemand 30’000 Franken zuviel in die politische Kasse gelegt hat. Sondern um politische Reife. Um die Fähigkeit, eine Niederlage auszuhalten, ohne sich gleich als Märtyrer der Nation aufzuführen. Das ist in der Schweiz eigentlich keine unzumutbare Anforderung. Wer dauernd Volksentscheide beschwört, sollte sie auch dann akzeptieren können, wenn sie ihm gerade die eigene Suppe versalzen.
Sonst ist er nicht der grosse Verteidiger der Demokratie. Sondern einfach nur ihr lautester Miesepeter. Einer, der so lange am Volkswillen herumstudiert, bis daraus endlich sein Privatwille wird. Und das, bei allem Spass, ist nicht rebellisch. Das ist bloss unerquicklich in Reinform.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.04.2026 05:13
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Es gehört zu den unerquicklichsten Eigenheiten unserer Zeit, dass selbst die Aussetzung eines Krieges nicht mehr als Atempause bezeichnet wird, sondern als Triumph. Donald Trump hat angekündigt, die für den 7. April 2026 angedrohten Angriffe auf den Iran für zwei Wochen auszusetzen - unter der Bedingung, dass Teheran die Strasse von Hormus vollständig und sicher öffnet. Zustande gekommen sei dies nach Gesprächen mit Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif und Armeechef Asim Munir. Gleichzeitig pries er einen iranischen Zehn-Punkte-Vorschlag als tragfähige Grundlage für ein grösseres Abkommen und erklärte, die militärischen Ziele der Vereinigten Staaten seien bereits erreicht oder gar übertroffen worden.
Schon diese Dramaturgie ist entlarvend. Hier wird nicht Frieden verkündet, sondern ein zeitlich begrenztes Aussetzen weiterer Gewalt. Es ist kein Ende des Konflikts, keine belastbare Einigung, kein gesicherter Neubeginn. Es ist ein befristeter Stillstand unter Vorbehalt, aufgehängt an einer strategischen Wasserstrasse, deren Öffnung für den Weltmarkt, die Energieversorgung und die regionale Machtbalance zentral ist. Wer das als Friedenswerk verkauft, arbeitet nicht mit der Sprache der Deeskalation, sondern mit der Sprache der Inszenierung.
Gerade darin liegt die moralische Zumutung dieses Vorgangs. Zuvor standen massive Drohungen im Raum, darunter neue amerikanische Angriffe, falls Iran nicht einlenke. Und dann, kurz vor dem möglichen nächsten Gewaltschritt, wird plötzlich umgeschwenkt, als hätte der grosse Imperator eben persönlich beschlossen, der Welt noch einmal Gnade vor Recht widerfahren zu lassen. Derselbe politische Brandstifter, der die Eskalation bis an die Kante treibt, darf sich anschliessend als Architekt der Vernunft aufführen, sobald er für vierzehn Tage die Handbremse zieht. Das ist kein Staatskunststück. Das ist Erpressung mit anschliessender Selbstbeweihräucherung.
Hinzu kommt, dass die gross angekündigte Ruhe keineswegs jene Klarheit besitzt, die das Wort Waffenstillstand suggeriert. Vieles bleibt offen: nukleare Fragen, Sanktionen, die künftige Rolle amerikanischer Streitkräfte in der Region und die konkrete Ausgestaltung eines allfälligen Verhandlungsrahmens. Die Lage bleibt fragil, begleitet von widersprüchlichen Signalen und fortbestehenden Spannungen. Wer jetzt von fast gelösten Problemen spricht, spricht vor allem aus dem Bedürfnis heraus, den eigenen Auftritt als Erfolgsgeschichte zu rahmen. Der Möchtegern-Gott möchte nicht als einer erscheinen, der den Finger vom Abzug nehmen musste, sondern als Weltordner, dem die Geschichte ehrfürchtig beim Verfassen seines nächsten Erlöser-Posts zusieht.
Besonders unerquicklich ist dabei die Wahl des Massstabs. Nicht das Leben der Zivilbevölkerung, nicht das Elend der Verletzten, nicht die Verwüstung einer ohnehin überlasteten Region stehen am Anfang dieser Erzählung, sondern die freie Passage durch Hormus. Gewiss, diese Meerenge ist geopolitisch und wirtschaftlich von enormer Bedeutung. Gerade deshalb sagt ihre zentrale Stellung in dieser Vereinbarung so viel aus. Es geht nicht zuerst um Frieden als ethisches Ziel, sondern um Stabilität dort, wo Märkte nervös werden, Tanker stillstehen und Versicherungsprämien durch die Decke gehen. Frieden erscheint hier nicht als Wert, sondern als Funktion. Er ist willkommen, solange er Lieferketten rettet, Ölpreise beruhigt und den Eindruck vermittelt, der selbsternannte Weltenlenker habe die Lage unter Kontrolle.
Man muss auch auf die politische Symbolik achten. Pakistan tritt als Vermittler auf, Iran präsentiert einen Vorschlag, Washington erklärt sich gesprächsbereit, und der fast-Kriegsverbrecher beansprucht zugleich die Rolle des Präsidenten, der nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern beinahe für den gesamten Nahen Osten spreche. Dieses Pathos ist kein Nebengeräusch, sondern Teil der Botschaft. Der Mann, der noch kurz zuvor mit weiterer Vernichtung drohte, möchte nun als historische Schlüsselfigur einer bevorstehenden Friedensordnung gelesen werden. Es ist die alte Logik des Machtmenschen: Erst die Krise personalisieren, dann die Beruhigung ebenfalls personalisieren und zuletzt beides in die eigene Legende einbauen.
Darin steckt ein grösseres Problem, das über diesen konkreten Fall hinausweist. Wenn Politik nur noch aus Ultimaten, Drohgebärden, Showeffekten und abrupten Wendungen besteht, verändert sich auch unser Verständnis von Normalität. Dann gilt nicht mehr als Mindeststandard, dass ein Krieg beendet wird, sondern schon als historische Leistung, dass er für zwei Wochen nicht weiter angeheizt wird. Dann genügt es, die Welt einmal weniger heftig an den Abgrund zu führen, um sich als Retter feiern zu lassen. So sinkt der moralische Massstab Schritt für Schritt. Das Abnorme wird gewöhnlich. Das Unzulängliche erscheint plötzlich grossartig.
Darum ist „Frieden auf Abruf“ ein treffender Ausdruck. Er beschreibt einen Zustand, in dem Ruhe nicht aus Vertrauen entsteht, sondern aus Druck. Einen Zustand, in dem eine Feuerpause nicht aus Einsicht geboren wird, sondern aus Kalkül. Und einen Zustand, in dem politische Führer ihre eigene Rolle in der Eskalation nach Belieben verkleinern, während sie ihre Bedeutung bei jeder noch so vorläufigen Entspannung maximal aufblasen. Zwei Wochen Aufschub sind besser als neue Bomben. Aber wer daraus bereits eine Sternstunde der Diplomatie machen will, verwechselt Unterlassung mit Grösse. Frieden ist nicht dann erreicht, wenn ein grössenwahnsinniger Möchtegern-Imperator für einen Moment das Streichholz weglegt. Frieden beginnt erst dort, wo Gewalt nicht mehr als Verhandlungsstil verkauft wird.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.04.2026 16:57
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Es gibt diesen einen Satz. Wenn man ihn einmal verstanden hat, versteht man plötzlich alles.
„Ich kann vieles nicht, aber habe jemanden, der es kann.“
Klingt harmlos. Fast sympathisch. Ein bisschen selbstironisch, ein bisschen locker. Ist es aber nicht.
Denn was er wirklich heisst, ist: Ich mache es nicht – ein anderer macht es für mich. Und zwar zuverlässig.
Das System dahinter ist einfach. Er erzählt, andere erledigen. Er weiss, andere tragen. Er glänzt, andere springen.
Und solange das funktioniert, ist alles wunderbar. Er ist der mit den Geschichten. Der, der schon alles gesehen hat. Der, der immer irgendwie dabei war, wenn es wichtig wurde.
Nur eines war er selten: der, der es gemacht hat.
Das merkt man nicht sofort. Weil Geschichten blenden. Weil jemand, der gut erzählt, automatisch Kompetenz ausstrahlt. Weil man denkt: Der weiss schon, wovon er spricht.
Bis zu dem Moment, in dem es konkret wird. Ein Bild aufhängen. Etwas organisieren. Eine Verantwortung übernehmen. Und plötzlich wird es erstaunlich still.
Oder es wird kompliziert. Weil dann beginnt das Ausweichen.
Und wenn es schiefgeht, beginnt das nächste Spiel: das Umschreiben.
Dann war es nicht seine Verantwortung. Dann waren die Umstände schwierig. Dann hat jemand anders etwas falsch gemacht. Und wenn man nicht aufpasst, sitzt man plötzlich da und denkt: War ich das jetzt?
Das ist der Punkt, an dem es kippt. Nicht, weil jemand etwas nicht kann, sondern weil er es nicht aushält, dass man es sieht.
Und dann wird es interessant. Denn genau die Dinge, die er selbst nicht kann, werden plötzlich zum Problem bei den anderen.
Er kriegt organisatorisch nichts auf die Reihe? Dann sind alle anderen unstrukturiert. Er verliert den Überblick? Dann sind die anderen unzuverlässig. Er kann etwas nicht? Dann können es die anderen plötzlich auch nicht.
Das ist kein Zufall. Das ist Systempflege.
Und lange macht man mit. Weil man hilft. Weil man einspringt. Weil man denkt, es geht schneller, wenn man es einfach selbst macht.
Und genau so bleibt das Ganze stabil.
Bis zu dem Moment, in dem man merkt: Ich bin nicht Teil eines Teams. Ich bin Teil eines Systems.
Ein System, in dem einer erzählt und die anderen funktionieren.
Und irgendwann ist es nicht mehr lustig. Nicht mehr charmant. Nicht mehr „ja, so ist er halt“. Sondern einfach nur noch anstrengend.
Und dann kommt dieser Satz. Nicht laut, nicht dramatisch. Einfach klar: Ich bin raus.
Und plötzlich funktioniert nichts mehr. Weil der, der immer gesprungen ist, nicht mehr springt. Weil der, der immer ausgeglichen hat, nicht mehr ausgleicht. Weil das System ein Loch bekommt.
Und natürlich wird das erklärt. Nicht direkt, sondern über Geschichten. Über Umwege. Über Versionen.
Versionen, in denen er weiterhin der ist, der alles im Griff hat. Und du der, der plötzlich schwierig ist.
Das gehört dazu. Das ist fast schon der letzte Beweis, dass das System echt war.
Und genau hier liegt die eigentliche Entscheidung. Nicht, ob du recht hast. Sondern ob du wieder einsteigst.
Ob du erklärst. Ob du dich rechtfertigst. Ob du versuchst, das Bild zu korrigieren.
Oder ob du etwas machst, das deutlich schwieriger ist: nichts.
Nicht reagieren. Nicht aufspringen. Nicht wieder funktionieren. Einfach draussen bleiben.
Und dann merkt man plötzlich: Es war nie kompliziert. Es war nur bequem – für ihn.
Er kann vieles nicht. Aber er wusste immer, wer es für ihn macht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.02.2026 13:24
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Ich bin Ende der 90er, Anfang der 00er gross geworden. Also in jener Zeit, als man noch glaubte, Musik sei etwas, das man nicht einfach nebenbei aus dem Internet saugt, sondern etwas, das Leute lernen, üben, schleppen, schwitzen - und dann liefern. Live. Vor echten Menschen. Ohne Netz, ohne doppelten Boden, ohne “Sorry, das WLAN spinnt gerade”.
Und damals gab es in der Schweiz etwas, das heute fast schon wie ein Märchen klingt: Man musste nicht um die Gage streiten.
Nicht, weil alle Veranstalter Kulturmenschen waren. Sondern weil es einen stillen Konsens gab. Eine Art Grundanstand. Ein Musiker kostet. Punkt. Und selbst der Amateur - der nach der Arbeit in den Proberaum fuhr, das Wochenende für Auftritte hergab und seine Freizeit in Tonleitern versenkte - bekam seine 300 Franken pro Gig. Das war nicht Luxus. Das war nicht “wow, da wird aber einer reich”. Das war einfach: normal.
Heute, 30 Jahre später, ist genau dieser Betrag zu einer Art Prügel geworden.
Und zwar nicht nur für die Amateure. Sondern für Profis.
Für Leute, die das nicht “auch noch nebenbei” machen, sondern die ihr Leben darauf ausgerichtet haben. Die investieren, die sich weiterbilden, die Netzwerke pflegen, die verlässlich sind, die Qualität abliefern, die ihre Instrumente warten, ihre Technik im Griff haben, die pünktlich sind, die führen können, wenn der Abend kippt, und die nicht nach dem ersten Set sagen: “So, jetzt hämmer’s ja”.
Und genau diese Leute müssen heute diskutieren, rechtfertigen, erklären, verhandeln, feilschen - nur damit am Schluss vielleicht die gleichen 300 Franken herauskommen, die vor 25 Jahren schon als untere Kante galten.
Das ist nicht einfach “schade”. Das ist eine Beleidigung.
Denn es geht nicht um die Zahl. Es geht darum, was sie ausdrückt.
Wenn ein Profi darum kämpfen muss, ob er überhaupt 300 Franken bekommt, dann sagt das nicht: “Wir haben ein enges Budget.” Es sagt: “Wir glauben nicht, dass deine Arbeit mehr wert ist als ein Abend Unterhaltung auf Sparflamme.”
Und das ist die eigentliche Verschiebung: Musik ist vom Handwerk zur Dekoration geworden. Von “wir buchen eine Band” zu “wir brauchen halt irgendwas im Hintergrund”. Und wenn Musik nur noch Hintergrund ist, dann soll sie gefälligst auch so viel kosten wie ein Blumenarrangement oder eine Lichterkette.
Das Problem ist nur: Eine Lichterkette übt nicht fünf Stunden, damit sie am Samstagabend schön leuchtet.
Die leuchtet einfach.
Und genau da kommt der moderne Sargnagel für jede anständige Gagenkultur ins Spiel: der Alleinunterhalter mit den MIDI-Backings. Oder nennen wir ihn, wie er in der Realität oft wirkt: der menschliche Startknopf. Einer drückt Play, singt drüber, und der Rest ist ein digitaler Teppich aus Plastik-Drums und Karaoke-Basslinien.
Für viele Veranstalter ist das die perfekte Lösung. Billiger. Einfacher. Planbarer. Keine Band, die Platz braucht. Keine Abstimmung. Kein Soundcheck mit fünf Leuten. Keine Diskussion um Monitorwege. Keine “wir bräuchten noch eine Steckdose”. Ein Mensch, ein Preis, ein USB-Stick, fertig.
Und dann passiert das, was immer passiert, wenn man Qualität durch Bequemlichkeit ersetzt: Man gewöhnt sich an das Billige. Und plötzlich wirkt das Normale teuer.
Plötzlich steht eine Band da - echte Leute, echtes Zusammenspiel, echte Dynamik - und der Veranstalter schaut dich an, als hättest du soeben vorgeschlagen, einen Goldbarren als Bühne zu bestellen.
“Also… 1800? Für euch sechs? Das ist aber viel.”
Nein. Das ist nicht viel. Das ist nur nicht billig.
Und der Unterschied ist gewaltig.
Denn billig ist nicht nur ein Preis. Billig ist eine Haltung. Billig bedeutet: Es reicht, wenn’s irgendwie klingt. Billig bedeutet: Hauptsache, es dudelt. Billig bedeutet: Wir zahlen für Geräusch, nicht für Musik.
Und damit sind wir bei der Frage, die mich wirklich umtreibt: Warum akzeptieren wir das eigentlich?
Warum ist es normal geworden, dass man beim Musiker als Erstes fragt: “Kann man da noch etwas machen?” - aber beim Caterer, beim Floristen und bei der Location nicht?
Vielleicht, weil viele Leute immer noch glauben, Musik “passiert halt”. Man stellt ein Instrument hin, und dann kommt der Sound schon raus. Als wäre ein Saxophon eine Kaffeemaschine. Als wäre eine Band ein Spotify-Playlist mit Beinen.
Die Realität ist: Live-Musik ist kein Knopfdruck. Du stehst da, spielst, liest den Raum und trägst die Stimmung. Wenn es gelingt, trägt es den ganzen Anlass. Wenn nicht, merkt es jeder - weil es live ist. Das ist Verantwortung. Und Verantwortung kostet.
Und jetzt wird es fast absurd: 300 Franken pro Musiker.
Dieser Betrag ist heute nicht “ein fairer Deal”. Dieser Betrag ist ein Symbol dafür, dass man die Zeit zurückdrehen will, während alles andere teurer wurde. Er ist die Illusion, dass Musik gratis bleiben soll, weil sie sich so schön anfühlt. Und wenn sie sich schön anfühlt, darf sie offenbar nichts kosten.
Doch. Darf sie. Muss sie.
Weil Musik Arbeit ist. Weil Musik Können ist. Weil Musik nicht nur “Lärm im Hintergrund” ist, sondern das, was einen Abend in Erinnerung verwandeln kann.
Und wenn ein Profi heute darum kämpfen muss, diese 300 Franken überhaupt noch zu bekommen, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Nicht beim Musiker. Sondern bei der Wertschätzung.
Vielleicht wäre es Zeit, dass wir wieder einen simplen Satz normal machen:
“Was kostet ihr Auftritt?”
Und nicht:
“Was könnt ihr noch am Preis machen?”
Denn wer beim Profi um 300 Franken feilscht, feilscht nicht um Geld. Der feilscht um Respekt. Und da gibt es nichts zu verhandeln.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.02.2026 08:44
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Nun passiert genau das, was viele befürchtet haben.
Kaum stehen die Midterms 2026 am Horizont, hebt ein Top-Demokrat warnend den Zeigefinger und sagt laut, was man eigentlich seit Jahren weiss: Der Möchtegern-Imperiator könnte versuchen, die Wahlen zu manipulieren. Adam Schiff schlägt Alarm. Und ganz ehrlich – wer jetzt noch überrascht tut, hat die letzten Jahre entweder im Winterschlaf verbracht oder Fox News als Meditations-App benutzt.
Der selbsternannte König der Welt liess bei NBC verlauten, er werde die Zwischenwahlen akzeptieren. Aber nur, wenn sie ehrlich seien. Er glaube allerdings nicht daran. Wenn sie unehrlich seien, müsse „etwas anderes“ passieren.
„Etwas anderes“.
Das ist die politische Version von: „Wenn ich nicht gewinne, schmeisse ich das Spielbrett vom Tisch.“ Ein erwachsener Staatsmann würde sagen: Wir respektieren Institutionen. Der Dikator hingegen formuliert Drohkulissen wie ein beleidigter Primarschüler mit Atomcodes.
Er nennt Detroit, Philadelphia, Atlanta – alles Orte, wo die Demokraten traditionell gut abschneiden. Ein Schelm, wer Böses denkt. In seiner Welt sind Wahlen nur dann sauber, wenn sie ihn bestätigen. Demokratie als Spiegelkabinett: Wenn das Spiegelbild nicht gefällt, zerschlägt man halt das Glas.
Und jetzt kommt das Pikante: Ein FBI-Einsatz in Georgia, 700 Kartons mit Stimmzetteln, beschlagnahmt auf Anweisung eines von ihm ernannten Richters. Natürlich alles im Namen der Aufklärung. Natürlich rein zufällig Jahre nach Ablauf der Aufbewahrungsfristen. Natürlich ohne Beweise für Betrug.
Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Der Mann, der 2020 ohne Belege „gestohlen!“ brüllte, bekommt nachträglich die Bühne für eine Re-Inszenierung seiner eigenen Kränkung. Ein Polit-Remake, diesmal mit mehr Paletten und weniger Scham.
Und Schiff sagt: Wir dürfen nicht ignorieren, was sie ankündigen.
Das ist der Punkt. Dony ist kein subtiler Strippenzieher. Er ist ein Megafon. Er sagt laut, was er denkt. Wenn er sagt, er werde „irgendwelche Massnahmen“ ergreifen, um ein Resultat zu kippen – dann sollte man ihm glauben. Nicht, weil er genial ist. Sondern weil er konsequent ist in seiner Egomanie.
Sein Ego könne keine weitere Niederlage ertragen, sagt Schiff. Ja. Das ist vermutlich die treffendste psychologische Analyse seit Langem. Wir reden hier nicht von konservativer Politik, nicht von ideologischen Differenzen. Wir reden von einem Mann, dessen Selbstbild grösser ist als das Kapitol und fragiler als ein Soufflé.
Und dann das „SAVE America“-Gesetz. Klingt wie eine patriotische Wellnesskur, ist aber im Kern eine bürokratische Hürde mit politischer Schlagseite. Staatsbürgerschaftsnachweis bei der Registrierung. Demokraten warnen, dass viele Menschen dadurch faktisch ausgeschlossen werden könnten. Der Dikator kontert: Wer keine Ausweise wolle, wolle betrügen.
So simpel ist die Welt in seinem Kopf. Schwarz oder weiss. Loyal oder Verräter. Sieg oder Betrug. Dazwischen existiert nichts.
Man fragt sich: Ist das noch Politik oder schon Reality-TV mit Verfassungszusatz? Jede Wahl wird zur Staffel-Finale-Folge. Und wenn das Publikum falsch abstimmt, dann wird halt das Voting-System „übernommen“. Nationalisieren nennt er das. Fünfzehn Orte unter Bundesaufsicht. Warum nicht gleich das ganze Land? Ist ja nur Demokratie.
Die Ironie ist ja: In den USA ist es üblich, dass die Regierungspartei bei Zwischenwahlen Sitze verliert. Das nennt sich Checks and Balances. Das nennt sich Reibung. Das nennt sich gesunde Demokratie. Für den Mann mit der explodierten Orangensaftpackung auf dem Kopf hingegen ist es offenbar Majestätsbeleidigung.
Die Umfragewerte? 37 Prozent Zufriedenheit. 56 Prozent unzufrieden. Wirtschaft, Migration, Aussenpolitik – überall mässige bis schlechte Noten. Das ist kein Untergang. Das ist Normalität in einer polarisierten Gesellschaft. Aber für jemanden, der sich als unfehlbares Genie inszeniert, ist das ein persönlicher Affront.
Und genau hier liegt die eigentliche Gefahr. Nicht in genial orchestrierten Verschwörungen. Sondern in gekränkter Eitelkeit mit Zugriff auf Macht. In einem politischen Klima, in dem Misstrauen bewusst gesät wird, um es später zu ernten.
„Wir können Betrug nicht zulassen“, ruft er.
Stimmt. Können wir nicht.
Aber vielleicht sollten wir zuerst klären, was Betrug eigentlich ist. Ist es Betrug, wenn Städte anders wählen als man selbst? Ist es Betrug, wenn eine Mehrheit sagt: Danke, reicht jetzt? Oder ist Betrug eher das systematische Infragestellen von Ergebnissen, solange bis nur noch das eigene Resultat als legitim gilt?
Nun passiert also genau das, was viele befürchtet haben: Die Vorbereitung auf die Niederlage beginnt lange vor der Abstimmung. Man sät Zweifel, damit man sie später ernten kann. Man konstruiert Bedrohungen, um dann als Retter aufzutreten. Ein politischer Feuerwehrmann, der heimlich mit dem Benzinkanister unterwegs ist.
Und wir? Wir schauen zu. Analysieren. Kommentieren. Lachen vielleicht sogar über die groteske Rhetorik des Mannes.
Aber eigentlich ist es nicht lustig.
Demokratie ist kein Selbstläufer. Sie lebt davon, dass auch Verlierer das Resultat akzeptieren. Wenn dieser Grundkonsens bröckelt, wird aus Wahlkampf Systemkampf.
Vielleicht ist das die eigentliche Zwischenwahl: Nicht Republikaner gegen Demokraten. Sondern Realität gegen Kränkung. Institution gegen Ego. Verfassung gegen Narzissmus.
Und die Frage ist nicht, ob er es versuchen wird.
Die Frage ist, ob genug Leute bereit sind, ihm dabei zuzuschauen – oder endlich aufzustehen und zu sagen: Spielregeln gelten für alle. Auch für selbsternannte Könige.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.02.2026 08:40
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Ich bin Jazzmusiker. Ich leite mehrere Bands, schreibe Programme, akquiriere Konzerte, telefoniere, verhandle, springe ein, wenn irgendwo der Hut brennt. Ich kenne beide Seiten – die Bühne und die Organisation. Und genau deshalb erlaube ich mir eine Beobachtung, die nicht schmeichelhaft ist.
Es gibt eine neue Disziplin im Schweizer Kulturbetrieb. Sie heisst: Unsichtbar sein.
Nicht auf der Bühne – im Büro.
Man bewirbt sich. Man schreibt ein sorgfältiges Mail. Kein Massenversand, kein Copy-Paste-Müll. Persönlich adressiert. Mit Programmvorschlag. Mit Hörbeispielen. Mit Referenzen. Mit konkreten Daten.
Und dann?
Nichts.
Kein „Danke“.
Kein „Passt gerade nicht“.
Kein „Wir melden uns“.
Nicht einmal ein liebloses automatisiertes „Diese Mail wurde empfangen“.
Einfach digitale Leere. Als hätte man in ein schwarzes Loch geschrieben.
Und das Absurde daran: Es sind nicht irgendwelche dubiosen Hinterhofschuppen. Es sind Clubs, die sich gerne als „wichtige Plattform für Livekultur“ feiern. Häuser, die in Fördergesuchen mit Worten wie „Vernetzung“, „Nachhaltigkeit“ und „Wertschätzung“ um sich werfen, als wären es Konfetti an der Luzerner Fasnacht.
Wertschätzung.
Herrlich.
Als Musiker weiss man ja, wie das Spiel läuft. Nicht jede Bewerbung passt ins Programm. Budgets sind knapp. Stilistische Ausrichtung, Saisonplanung, kuratorische Linie – alles legitim. Niemand verlangt eine Zusage. Niemand verlangt Begründungen. Niemand verlangt eine seitenlange Abhandlung über ästhetische Differenzen.
Man verlangt eine Antwort.
Zwei Sätze würden reichen. Wirklich.
„Vielen Dank für Ihre Anfrage. Aufgrund der Vielzahl an Bewerbungen können wir nicht jede individuell beantworten. Sollte Interesse bestehen, melden wir uns.“
Das ist kein literarisches Meisterwerk. Das ist keine Zumutung. Das ist die digitale Version von Augenkontakt.
Aber nein.
Stattdessen: Funkstille.
Und das wird besonders unerquicklich, wenn man für denselben Club in der Vergangenheit schon eingesprungen ist. Wenn man kurzfristig einen Abend gerettet hat, weil eine Band abgesagt hat. Wenn man Publikum gebracht, die Kasse gefüllt und das Image poliert hat.
Dann bewirbt man sich – und wird behandelt wie ein Spamfilter-Opfer.
Da darf man sich verarscht fühlen. Nicht gekränkt – verarscht.
Was mich daran wirklich stört, ist nicht einmal der persönliche Aspekt. Es ist die strukturelle Schieflage. Musiker sollen professionell auftreten. Dossiers in perfektem PDF-Layout liefern. Pressetexte fehlerfrei, Biografien aktuell, Social-Media-Links sauber gepflegt. Pünktlich erscheinen. Soundcheck diszipliniert absolvieren. Gage bescheiden verhandeln. Verständnis für Budgetengpässe zeigen.
Aber wenn es um minimale Professionalität auf Veranstalterseite geht, wird plötzlich auf Durchzug geschaltet.
Das ist keine Überforderung. Das ist Bequemlichkeit.
Und ja, ich weiss – jetzt kommt das Argument: „Wir werden überrannt mit Anfragen.“
Gratuliere. Dann seid ihr offensichtlich attraktiv. Das freut mich für euch. Aber wer Veranstalter sein will, wer Fördergelder beantragt, wer sich als kulturelle Drehscheibe versteht, der hat auch eine Verantwortung gegenüber denjenigen, die diesen Betrieb überhaupt ermöglichen.
Ohne Bands kein Programm.
Ohne Musiker kein Club.
Ohne Rückmeldung kein Respekt.
Man kann das auch pragmatisch sehen: Funkstille ist ebenfalls eine Antwort. Eine ziemlich deutliche sogar. Sie sagt: Deine Zeit ist weniger wert als unsere Inbox.
Gut. Dann weiss man wenigstens, woran man ist.
Vielleicht ist das der eigentliche Lackmustest. Nicht die Bühne, nicht der Sound, nicht die Gage. Sondern die Art, wie man miteinander umgeht, wenn gerade niemand voneinander profitieren kann.
Ein Club, der nicht einmal ein automatisiertes „Mail angekommen“ zustande bringt, wird im Zweifel auch sonst nicht vor Professionalität glänzen. Wer im Kleinen schludert, tut es oft auch im Grossen.
Und bevor jetzt jemand „Empfindlichkeit“ ruft: Nein. Es geht nicht um Eitelkeit. Es geht um Verbindlichkeit. Um das elementare Minimum an Kommunikation in einem Bereich, der ständig von „Netzwerk“ und „Community“ spricht.
Community beginnt nicht auf Instagram.
Sie beginnt bei einer Antwort.
Vielleicht sollten wir Musiker uns das einfach merken. Energie dorthin investieren, wo Resonanz entsteht. Und Orte, die sich nur noch an die eigene Wichtigkeit erinnern, leise ziehen lassen.
Es gibt genug Bühnen.
Und es gibt genug Publikum.
Aber Respekt ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Offenbar muss man ihn inzwischen aktiv einfordern – oder sich andere Partner suchen.
Und ganz ehrlich: Ein Club, der nicht antwortet, hat vielleicht schon längst aufgehört zuzuhören.
Wörter: 647 - Anschläge: 4676
Kommentare
Leo
06.02.2026 11:26
Ja, du hast recht. Ich habe kürzlich 12 Briefe an Jazzclubs geschrieben. Rausgekommen sind 2 „gescheite“ Antworten und natürlich keine Zusage für ein Konzert.
Damit müssen wir leider leben.
Gruss
Leo
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.02.2026 23:26
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Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Ausgerechnet Dänemark. Dieses hyggelige Land mit Kerzen, Zimtschnecken und sozialdemokratischer Kuscheldecke beschliesst, kriminelle Ausländer bei über einem Jahr Gefängnis automatisch auszuschaffen. Und plötzlich reiben sich in der Schweiz alle die Augen. Moment – war das nicht unsere «rechte Schande» von 2010?
Damals, als wir über die Ausschaffungsinitiative abstimmten, wurden wir europaweit moralisch in die Pfanne gehauen. Fremdenfeindlich. Provinziell. Rechts abgebogen. Und jetzt? Jetzt steht da eine sozialdemokratische Ministerpräsidentin in Kopenhagen und sagt sinngemäss: Wir schützen lieber unser Land als Straftäter. Und halb Europa nickt betreten.
Die Rede ist von Mette Frederiksen, Sozialdemokratin, also nicht gerade Aushängeschild der nationalkonservativen Fraktion. Und sie fährt einen Asylkurs, bei dem selbst die hiesige Schweizerische Volkspartei vermutlich kurz ehrfürchtig die Mütze zieht.
Was ist da passiert?
Ich bin links. Also so richtig links-grünliberal sozialisiert. Ich finde Menschenrechte wichtig, halte Abschottungsfantasien für infantil und das hysterische Dauergepolter gewisser Parteien für politisches Kasperlitheater. Und ja, ich verachte die SVP-Ästhetik mit Inbrunst. Aber – und jetzt kommt das grosse Aber – ich habe ein Problem mit einer Denkfaulheit, die so tut, als gäbe es keine Grenzen.
Es geht hier nicht um Bagatelldelikte. Nicht um einen geklauten Kaugummi oder einen nicht bezahlten Tram-Billet. Es geht um schwere Straftaten: Vergewaltigung. Massive Körperverletzung. Mord. Wer als Gast in ein Land kommt – aus welchen Gründen auch immer – und dann dessen Regeln in dieser Form mit Füssen tritt, der verwirkt etwas. Und dieses Etwas nennt sich Gastrecht.
Gastrecht ist kein Wellness-Abo. Es ist kein «All inclusive, aber bitte ohne Konsequenzen». Es ist ein Angebot: Schutz, Sicherheit, Chancen – gegen die Bereitschaft, sich an Regeln zu halten. Wer dieses Angebot missbraucht, darf sich nicht wundern, wenn der Gastgeber irgendwann sagt: Danke, reicht.
Dänemark hat nach der Migrationswelle 2015 den sogenannten Paradigmenwechsel vollzogen. Befristete Aufenthalte. Regelmässige Überprüfung. Rückkehr als Ziel, nicht als Tabu. Und jetzt also die automatische Ausweisung bei schweren Verbrechen. Dass das mit der Europäischen Menschenrechtskonvention kollidieren könnte, ist bekannt. Deshalb fordert Kopenhagen Anpassungen. Auch Grossbritannien spielt mit.
Man kann das alles kritisieren. Und ja, es wird juristisch kompliziert. Der Europäische Gerichtshof wird nicht plötzlich jubelnd Automatismen durchwinken. Richter könnten Strafen knapp unter ein Jahr ansetzen. Herkunftsländer könnten sich weigern, ihre Bürger zurückzunehmen. Willkommen in der Realität.
Aber das Grundgefühl, das hinter dieser Politik steht, ist kein dumpfer Fremdenhass. Es ist ein nüchterner Satz: Unsere Gesellschaft ist kein Selbstbedienungsladen.
Was mich wirklich irritiert, ist weniger der dänische Kurs als die plötzliche europäische Kehrtwende. Länder wie Schweden, Deutschland, Frankreich – alle ziehen an. Restriktion ist plötzlich kein Schimpfwort mehr, sondern Realpolitik. Und die Schweiz? Die steht da und denkt sich vermutlich: Wir haben euch das vor 15 Jahren gesagt.
Damals war es ein Tabubruch. Heute ist es Mainstream.
Natürlich darf man nicht so tun, als wären «die Ausländer» das Problem. Die meisten Menschen, die hierherkommen, wollen arbeiten, leben, ihre Kinder grossziehen. Punkt. Aber eine kleine Minderheit richtet enormen Schaden an – nicht nur an ihren Opfern, sondern auch am gesellschaftlichen Klima. Jede schwere Gewalttat durch einen Asylbewerber ist Wasser auf die Mühlen jener, die sowieso schon alle in denselben Topf werfen wollen.
Und genau deshalb ist die Frage heikel. Wenn man aus falsch verstandener Liberalität jede Konsequenz relativiert, überlässt man das Feld den Schreihälsen. Dann darf man sich nicht wundern, wenn am Ende die Radikalen profitieren.
Vielleicht ist das der eigentliche Clou an Frederiksen. Sie nimmt der extremen Rechten das Monopol auf «Härte». Sie sagt: Wir können solidarisch sein und trotzdem klare Grenzen setzen. Wir können Schutz bieten und gleichzeitig sagen: Wer schwere Verbrechen begeht, hat sein Bleiberecht verspielt.
Das ist kein Verrat an linken Werten. Im Gegenteil. Es ist die Anerkennung, dass Solidarität ohne Verbindlichkeit zur Farce wird.
In der Schweiz zeigt sich allerdings, dass zwischen Gesetz und Umsetzung ein Graben klafft. Drei Viertel der angeordneten Landesverweise werden vollzogen, der Rest bleibt – aus juristischen Gründen, wegen Unverhältnismässigkeit oder weil Herkunftsstaaten blockieren. Auch Dänemark wird diese Probleme haben. Automatisch heisst noch lange nicht effektiv.
Und doch bleibt die symbolische Botschaft stark. Sie lautet: Wer hier Schutz findet, steht unter dem gleichen Strafrecht wie alle anderen – mit zusätzlichen Konsequenzen, wenn er das Vertrauen massiv missbraucht.
Man kann darüber streiten, wo die Schwelle liegt. Ein Jahr Gefängnis? Zwei? Nur bei Sexualdelikten und Mord? Diese Diskussion muss geführt werden – sachlich, nicht hysterisch. Aber sie darf nicht mit moralischer Erpressung erstickt werden.
Ich bleibe links. Ich bleibe allergisch auf dumpfen Nationalismus. Aber ich bleibe auch dabei: Gastrecht ist ein Privileg. Und wer es in der brutalstmöglichen Weise missachtet, darf nicht erwarten, dass man ihm zum Abschied noch die Bettdecke glatt streicht.
Vielleicht ist die eigentliche Pointe dieser Geschichte nicht, dass Dänemark die Schweiz «rechts überholt». Sondern dass Europa langsam merkt: Eine offene Gesellschaft braucht nicht nur offene Türen. Sie braucht auch die Fähigkeit, sie wieder zu schliessen, wenn jemand im Wohnzimmer Feuer legt.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.02.2026 10:06
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Es ist wieder soweit. Kaum kündigt sich eine Wahl an, verwandelt sich Dietikon in eine Mischung aus Freiluftgalerie und Baumarkt-Ausstellung. An jeder zweiten Ecke lächelt jemand mit diesem leicht verkrampften Gesichtsausdruck, der sagen soll: „Ich kann Verantwortung“, aber schreit: „Bitte wählt mich, meine Familie sieht das auch.“
Gemeinderat. Stadtrat. Stadtpräsident. Die grosse Bühne der Lokalpolitik. Und plötzlich hängen sie alle da draussen wie frisch gewaschene Unterhosen im Gegenwind der Demokratie.
Man fragt sich unweigerlich: Gelten für Politiker eigentlich andere Regeln? Wenn irgendein Gewerbler ein Plakat aufstellen will, braucht es Bewilligungen, Reglemente, Abklärungen, vermutlich noch ein Formular in dreifacher Ausführung. Und im Wahlkampf? Da scheint plötzlich jeder Grünstreifen zur temporären Bühne zu werden.
Natürlich - rein juristisch ist das sauber geregelt. Bewilligungen, Zeitfenster, Verkehrssicherheit, alles korrekt. Demokratie ist ein hohes Gut, Meinungsfreiheit ein Grundrecht. Politische Werbung ist eben keine Sonderaktion im Detailhandel.
Und trotzdem bleibt dieses Gefühl: Irgendetwas kippt hier ästhetisch aus dem Gleichgewicht.
Denn seien wir ehrlich - viele dieser Plakate sehen aus, als hätte PowerPoint kurz vor der Pensionierung noch einmal alles gegeben. Schriftarten, die miteinander kämpfen. Slogans, die irgendwo zwischen Motivationskalender und Vereinsversammlung hängen bleiben. Fotos, bei denen man nicht weiss, ob das Licht falsch war oder die Überzeugung.
„Für ein starkes Dietikon.“
„Miteinander vorwärts.“
„Zukunft gestalten.“
Ja gut. Und sonst noch? Vielleicht noch „Mit Herz und Verstand“, damit das Bingo komplett ist.
Das Problem ist nicht, dass sie plakatieren. Das sollen sie. Das gehört zur Demokratie wie das Stimmbüro am Sonntagmorgen und das leichte Unbehagen beim Ausfüllen des Wahlzettels.
Das Problem ist die visuelle Beliebigkeit. Wer Verantwortung für eine Stadt übernehmen will, könnte wenigstens zeigen, dass er ein Auge für Gestaltung hat - oder jemanden kennt, der eines hat.
Man könnte argumentieren: Sichtbarkeit schlägt Schönheit. Hauptsache, das Gesicht hängt. Präsenz ist alles. Wer nicht im Strassenbild vorkommt, existiert politisch nicht.
Mag sein. Aber was sagt es über eine politische Kultur aus, wenn Quantität wichtiger ist als Qualität? Wenn jedes freie Fleckchen Grünfläche zur Selfie-Kulisse in Überlebensgrösse wird?
Und dann diese Slogans. Gross. Fett. Aussagearm. Als hätte man sich kollektiv darauf geeinigt, nichts Konkretes zu versprechen, damit man später nichts erklären muss. Es ist ein rhetorischer Sicherheitsabstand.
Dabei wäre Mut doch erfrischend. Ein Plakat mit Haltung. Mit klarer Aussage. Mit Ecken und Kanten. Nicht nur „kompetent“, „bürgernah“ oder „engagiert“. Das sind Eigenschaften, die inzwischen jeder für sich beansprucht wie Gratisparkplätze.
Vielleicht wäre es ehrlicher zu schreiben:
„Ich weiss auch nicht alles, aber ich höre zu.“
Oder:
„Ich habe eine Meinung - und sie ist nicht immer bequem.“
Das würde zumindest auffallen zwischen all den weichgespülten Farbtönen.
Und ja - am Ende erfüllen diese Plakate ihren Zweck. Sie erinnern daran, dass gewählt wird. Dass Lokalpolitik nicht irgendwo im fernen Bundeshaus stattfindet, sondern hier, zwischen Bahnhof, Schulhaus und Friedhof.
Aber ein bisschen mehr Sorgfalt wäre schön. Wer eine Stadt führen will, sollte vielleicht damit beginnen, ihr Strassenbild nicht wie eine überforderte Agenturübung aussehen zu lassen.
Demokratie darf laut sein. Sie muss nicht beliebig sein.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Plakatwaldes: Politik ist Arbeit. Und Arbeit darf man sehen. Aber bitte - wenn schon in A0, dann mit etwas Würde.
Sonst denkt man am Ende nicht: „Das ist eine starke Kandidatur.“
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.01.2026 09:17
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Es war einer dieser Abende, an denen Europa kollektiv ausatmet. Nicht, weil plötzlich alles gut wäre, sondern weil es für einen kurzen Moment weniger schlimm ist als befürchtet. Der Diktator in Washington hat es sich anders überlegt. Grönland wird nicht annektiert. Vorerst. Stattdessen gibt es einen Deal, einen Rahmen, eine Absichtserklärung. Man kennt das. Viel Papier, wenig Klarheit, grosse Worte, kleine Fussnoten.
Am Rande des Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet der Mann, der Grönland zuletzt wie ein Stück Immobilienbesitz behandelte, eine diplomatische Kehrtwende. Kein Einmarsch, kein Kauf, keine formelle Übernahme. Dafür ein Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland. Klingt vernünftig. Klingt europäisch. Klingt nach Schadensbegrenzung.
Wer genauer hinschaut, merkt allerdings schnell: Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand auf Zeit.
Laut der Zeitung Die Welt, die sich auf Nato-Kreise beruft, ruht dieser Deal auf vier Säulen. Vier Säulen, die angeblich Stabilität versprechen. In Wahrheit sind es vier elegante Umschreibungen für Machtverschiebung.
Die erste Säule ist fast schon rührend. Die Zolldrohungen der USA gegen Europa sind vom Tisch. Vorläufig. Als ob man einem Erpresser dankt, weil er heute ausnahmsweise kein Lösegeld verlangt. Europa atmet auf, Washington nickt gönnerhaft, und alle tun so, als wäre das ein fairer Tausch. Dass diese Drohungen jederzeit wieder hervorgeholt werden können, wie ein rostiger Revolver aus der Schublade, sagt man lieber nicht laut.
Die zweite Säule ist das eigentliche Herzstück. Oder besser: das Ego-Projekt. Das Stationierungsabkommen von 1951 soll neu verhandelt werden, unter Einbezug des Raketenabwehrsystems «Golden Dome». Der Diktator braucht sein Denkmal, seine technische Grossgeste, seine militärische Spielzeugburg im Eis. Er hatte Grönland nicht aus romantischer Polarforschungsliebe im Visier, sondern aus sicherheitspolitischem Kalkül. Wer den Norden kontrolliert, kontrolliert Wege, Rohstoffe, Reichweiten. Das ist kalter Krieg mit neuem Branding.
Die Botschaft ist klar: Ihr dürft eure Flagge behalten, solange unsere Raketen dort stehen.
Die dritte Säule ist besonders pikant. Europa räumt den USA ein Mitspracherecht bei Investitionen in Grönland ein. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Ein Vetorecht, wohlgemerkt. Wenn China oder Russland in Grönland Rohstoffe abbauen oder Infrastruktur kaufen wollen, dürfen die USA Nein sagen. Europa nickt. Dänemark nickt. Grönland nickt. Souveränität bleibt formal bestehen, wird aber praktisch konditioniert.
Man könnte auch sagen: Die Insel bleibt autonom, solange sie das Richtige tut.
Die vierte Säule schliesslich betrifft die Arktis insgesamt. Die europäischen Nato-Partner wollen sich stärker engagieren. Mehr Präsenz, mehr Militär, mehr Aufmerksamkeit. Die Arktis als neues Spielfeld der Grossmächte, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt. Umwelt, indigene Bevölkerung, langfristige Folgen? Kommen später. Vielleicht.
In diesem Zusammenhang meldet sich auch Mark Rutte zu Wort. Der Generalsekretär der NATO spricht von viel Arbeit, von gemeinsamen Schutzinteressen, von fortgesetzten Gesprächen. Diplomatensprache vom Feinsten. Beruhigend, ausweichend, wolkig. Auf die entscheidende Frage, ob Grönland weiterhin eindeutig zu Dänemark gehört, gibt es keine klare Antwort. Man habe darüber nicht mehr gesprochen, sagt Rutte. Der Fokus habe woanders gelegen.
Das ist der Moment, in dem man stutzig werden sollte.
Denn wenn über Souveränität nicht mehr gesprochen wird, ist sie meist schon verhandelbar. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Der Diktator hat gelernt, dass offene Annexionen schlecht ankommen. Also geht man den Weg über Abkommen, Vetorechte und Sicherheitsargumente. Das Resultat ist dasselbe, nur eleganter verpackt.
Europa feiert diesen Deal als Erfolg. Keine Annexion, keine Eskalation, kein diplomatischer Super-GAU. Man klopft sich auf die Schulter, bestellt noch einen Davoser Kaffee und hofft, dass das Thema damit erledigt ist. Doch das ist Wunschdenken.
Denn der Diktator ist nicht verschwunden. Er hat nur die Strategie gewechselt. Statt mit der Brechstange kommt er nun mit Vertragsentwürfen. Statt Landraub gibt es Einflussnahme. Statt Drohungen gibt es Deals. Und Europa spielt mit, weil es glaubt, keine Alternative zu haben.
Vielleicht ist das sogar richtig. Vielleicht ist das der bestmögliche Schaden. Aber man sollte sich nichts vormachen. Dieses Abkommen ist kein Sieg der Vernunft. Es ist ein Symptom der Angst. Angst vor wirtschaftlichem Druck, vor militärischer Eskalation, vor einem Mann, der die Welt als Schachbrett betrachtet.
Grönland bleibt auf der Karte dänisch. In der Realität wird es amerikanischer. Stück für Stück, Säule für Säule. Und der Diktator? Der wird irgendwann sagen, es sei schon immer so gewesen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.01.2026 11:16
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Man muss der Jungen SVP Kanton Zürich fast dankbar sein. Wirklich. Kaum eine politische Jugendorganisation schafft es derzeit so effizient, sich selbst ad absurdum zu führen - ganz ohne linke Medien, ganz ohne böse Gegner, ganz ohne ausländische Unterwanderung. Reine Eigenleistung. Schweizer Wertarbeit, sozusagen.
Der Fall ist schnell erzählt: Die JSVP wirft ein Mitglied raus, weil es gar kein Schweizer ist. Nicht «gefühlt», nicht «eigentlich schon integriert», sondern schlicht: kein Pass. Und das wird erst dann zum Problem, als genau dieser Nicht-Schweizer auf einer Wahlliste landet. Für Gemeindeparlamentswahlen. Öffentlich. Offiziell. Abgesegnet. Und offenbar von niemandem bemerkt.
Das ist keine Panne. Das ist Organisationsversagen mit Ansage.
Denn wir reden hier nicht von einer Partei, deren Verhältnis zu Staatsbürgerschaft und Herkunft ein nebensächliches Detail ist. Wir reden von einer politischen Bewegung, deren gesamtes Weltbild auf der obsessiven Unterscheidung zwischen «wir» und «die anderen» basiert. Schweizer oder nicht Schweizer. Drinnen oder draussen. Berechtigt oder unerwünscht. Wer ausgerechnet hier den Überblick verliert, sollte vielleicht kurz innehalten und sich fragen, wofür er eigentlich steht - ausser für Schlagworte.
Natürlich versucht man jetzt, das Ganze kleinzureden. Eine «peinliche Panne» sei es gewesen. Als hätte jemand beim Migros-Selfcheckout aus Versehen den falschen Apfel gewogen. Dabei geht es um nichts weniger als den ideologischen Kern dieser Partei. Das aktive und passive Wahlrecht nur für Schweizerinnen und Schweizer - jahrelang gepredigt wie ein Glaubenssatz. Und dann stolpert man über den eigenen Dogmatismus wie über ein schlecht verlegtes Kabel.
Besonders grotesk wird es dort, wo die Partei erklärt, der Versuch, dieses Prinzip zu umgehen, sei ein Affront gegen einen der wichtigsten Eckpfeiler. Aha. Der Affront liegt also nicht darin, dass man selbst nicht merkt, wen man aufstellt. Sondern darin, dass jemand das System benutzt, das man selbst so schlampig gebaut hat. Opfer-Täter-Umkehr, Parteiversion.
Weil das allein aber zu dünn wäre, wird nachgeschoben. Der Rausgeworfene habe vertrauliche Informationen weitergegeben, falsche Anschuldigungen erhoben, Unruhe gestiftet. Man kennt diese Textbausteine. Sie tauchen immer dann auf, wenn eine Organisation merkt, dass sie nicht nur dumm, sondern auch lächerlich dasteht. Dann wird plötzlich moralisch bilanziert, als hätte man schon immer auf diesen Moment gewartet.
Am schönsten ist allerdings die Geschichte vom freiwilligen Rücktritt. Subotic habe behauptet, er sei aus dem Vorstand gedrängt worden. Das sei völlig haltlos. Er sei freiwillig gegangen. Auf eigenen Wunsch. Und danach, rein zufällig, zum Schutz der Partei ausgeschlossen worden. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Rausschmiss mit Blumenstrauss.
Hier zeigt sich das eigentliche Problem. Die Junge SVP ist nicht Opfer eines Einzelfalls, sondern Gefangene ihres eigenen Denkens. Wer Politik permanent über Ausschluss definiert, muss sich nicht wundern, wenn am Ende nur noch der Ausschluss als Lösung bleibt. Kein Fehler wird analysiert, kein strukturelles Versagen eingeräumt. Stattdessen wird personalisiert, entsorgt, weitergemacht.
Und dann dieser obligate Schlusssatz: Man wolle nun wieder nach vorne schauen. Gemeinsam, geschlossen und respektvoll. Das ist der Moment, in dem selbst wohlmeinende Beobachter kapitulieren. Respektvoll? Gegenüber wem eigentlich? Sicher nicht gegenüber der eigenen Verantwortung. Sicher nicht gegenüber dem politischen Handwerk. Und ganz sicher nicht gegenüber den Wählerinnen und Wählern, die erwarten dürfen, dass selbst eine Jugendpartei weiss, wen sie kandidieren lässt.
Was bleibt, ist eine politische Selbstentlarvung. Eine Partei, die vorgibt, Ordnung zu schaffen, aber nicht einmal ihre eigenen Grundregeln kontrolliert. Die lautstark über Zugehörigkeit urteilt, aber intern im Blindflug unterwegs ist. Und die glaubt, man könne Glaubwürdigkeit mit einem Parteiausschluss reparieren.
Kann man nicht ernst nehmen, sagt man dann gern. Stimmt. Aber genau das ist das Problem. Denn diese Leute wollen ernst genommen werden. Sie wollen gestalten, entscheiden, bestimmen. Und liefern stattdessen eine Realsatire, die so plump ist, dass man sich fragt, ob hier noch jemand merkt, wie tief der eigene Anspruch gefallen ist.
Nicht peinlich. Nicht lustig. Sondern schlicht entlarvend.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.01.2026 09:33
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Man kennt diesen Satz. Er liegt geschniegelt auf dem Rednerpult, geschniegelt wie ein Sonntagsanzug aus der Mottenkiste: «Ich wollte auf keinen Fall jemanden verletzen oder kränken.» Gesagt von Valérie Dittli, 33, Regierungsrätin im Kanton Waadt, und damit ungefähr so überraschend wie Regen im November. Niemand will je jemanden verletzen. Komischerweise passiert es dann trotzdem. Immer. Vor allem dort, wo Macht auf mangelnde Selbstreflexion trifft.
Was hier abläuft, ist kein Drama, sondern ein Lehrstück. Ein Lehrstück darüber, wie Politik heute funktioniert, oder besser: wie sie glaubt zu funktionieren. Erst mal alles niederwalzen, dann erstaunt sein, dass Trümmer rumliegen, und schliesslich betroffen dreinschauen. Betroffenheit ist das neue Schmieröl der Politik. Quietschende Zahnräder? Ein paar Sätze Reue, bitte. Möglichst weich, möglichst rund, möglichst nichtssagend.
Der Untersuchungsbericht des Parlaments liest sich nicht wie ein Betriebsunfall, sondern wie ein systemisches Problem mit Schleifspuren. Mangelhaftes Management, Misstrauen gegenüber der Verwaltung, schlecht begründete Entscheidungen. Das ist kein kleiner Kratzer im Lack, das ist ein ordentliches Schrammenfeld. Und dann steht da eine Regierungsrätin und sagt sinngemäss: Tut mir leid, war alles ein Missverständnis, ich war jung, unerfahren und irgendwie ist das Klima jetzt sowieso schon wieder besser. Von Tag zu Tag. Wie praktisch.
Das mit dem Arbeitsklima ist besonders hübsch. Arbeitsklima ist in der Politik das, was Wetter im Smalltalk ist. Man redet drüber, wenn man sonst nichts zu sagen hat. Wer das Arbeitsklima beschwört, vermeidet meist konsequent die Frage nach Verantwortung. Denn Klima kommt angeblich von allein. Wie Hochdruck oder Tiefdruck. Da kann man halt nichts machen. Ausser vielleicht ein paar warme Worte in den Raum blasen.
«Unsere Beziehungen waren von Missverständnissen geprägt», sagt Dittli. Ach so. Missverständnisse. Nicht etwa Machtspiele, Unsicherheit, Kontrollzwang oder schlicht schlechte Führung. Nein nein, Missverständnisse. Als hätten sich alle Beteiligten einfach gegenseitig falsch angeguckt. Ein riesiges Verwaltungsapparat-Missverständnis. Passiert den Besten. Oder denen, die sich für die Besten halten.
Dann wird es juristisch. Steuer-Rabatte, reiche Waadtländer, mutmasslich illegale Bevorzugung. Staatsanwaltschaft, Amtsmissbrauch, Ermittlungen. Und wieder diese glasklare, politisch lupenreine Formel: Ich habe niemals einzelne Steuerakten eingesehen. Das ist juristisch wahrscheinlich klug. Politisch ist es dünn. Moralisch ist es ein Witz. Denn die Frage ist nicht, ob man persönlich einen Ordner geöffnet hat, sondern welches System man duldet, treibt oder zumindest nicht stoppt. Verantwortung ist kein USB-Stick, den man einfach nicht eingesteckt hat.
Besonders elegant ist der Satz vom «kulturellen Wandel hin zu mehr Klarheit und Transparenz». Das ist Politsprech in Reinform. Klingt nach Reform, heisst aber oft: Ich habe keine Ahnung, wie ich das erklären soll, also nenne ich es Kultur. Kultur ist super. Kultur ist immer irgendwie schuld, aber nie haftbar.
Im Parlament knirscht es dann doch noch ein wenig lauter. FDP-Grossrat Jean-Daniel Carrad bringt es uncharmant, aber ehrlich auf den Punkt: «Man hält uns für Dummköpfe!» Das ist vermutlich der ehrlichste Satz der ganzen Debatte. Und er trifft einen wunden Punkt. Politik scheitert nicht nur an Fehlern, sondern an der Annahme, man könne diese Fehler mit wohltemperierten Statements wegmoderieren. Als wäre das Parlament ein schlecht gelaunter Elternabend.
Dittli gibt sich kämpferisch. Sie habe gelernt, sie sei nicht mehr die von gestern, sie wolle aufbauen statt zerstören. Das klingt alles sehr nach Motivationsposter im Co-Working-Space. Sonnenaufgang, Bergpanorama, darunter ein Zitat in serifenloser Schrift. Schön fürs Gemüt. Nur leider kein Ersatz für Vertrauen. Vertrauen ist nämlich kein Software-Update. Man kann es nicht einfach neu installieren, nachdem man es zerschossen hat.
Dazu kommt die politische Ausgangslage: Die Mitte ist im Waadtländer Parlament nicht einmal vertreten. Dittli sitzt da als Produkt einer bürgerlichen Zweckallianz. Gewählt, aber nicht verankert. Und wer keinen Boden unter den Füssen hat, stolpert schneller. Rücktrittsforderungen stehen im Raum. Noch vereinzelt, aber hörbar. Und natürlich kommt dann der Satz: Die Kritik gehe ihr als Person nahe, aber man dürfe die Funktion nicht vergessen. Auch das ein Klassiker. Übersetzt heisst das: Bitte kritisiert mich, aber nicht zu fest, und bitte mich, aber eigentlich meine Rolle, und bitte alles gleichzeitig und doch nicht.
Ob sie 2027 wieder antritt, weiss sie noch nicht. Verständlich. Vielleicht will sie erst schauen, wie sich das Klima entwickelt.
Am Ende bleibt das Gefühl: Diese Entschuldigung kommt nicht zu spät im Kalender, sondern zu spät im Prozess. Sie kommt nach Berichten, nach Vorwürfen, nach beschädigtem Vertrauen. Sie kommt, weil sie muss, nicht weil sie will. Und genau das riecht man. Entschuldigungen sind wie Milch. Wenn sie zu lange stehen, merkt man es sofort.
Vielleicht ist Valérie Dittli tatsächlich nicht mehr die von gestern. Vielleicht lernt sie wirklich dazu. Vielleicht wird alles besser. Möglich. Aber Politik lebt nicht von Vielleicht. Sie lebt von Glaubwürdigkeit. Und die lässt sich nicht herbeireden. Schon gar nicht mit Sätzen, die man schon hundert Mal gehört hat.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.01.2026 11:56
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Ich bin nicht irritiert. Ich bin nicht besorgt. Ich bin nicht «alarmiert», wie es diese politisch sedierten Pressemitteilungen so gerne formulieren.
Ich bin wütend. Richtig wütend. Persönlich. Tief. Brennend.
Denn wenn ein selbstverliebter Machtmensch im Weissen Haus meint, er könne ein Stück meines kulturellen, historischen und menschlichen Raums wie ein verdammtes Ferienhaus auf Airbnb «übernehmen», dann ist eine Grenze überschritten. Nicht diplomatisch. Moralisch. Zivilisatorisch.
Donald Trump ist ein Diktator. Punkt.
Ein Diktator, der mit dem Vokabular von Immobilienhaien spricht und mit der Logik von Kolonialverbrechern denkt. Ein Mann, der glaubt, Land sei Ware, Menschen seien Störfaktoren und Geschichte ein lästiger Beipackzettel, den man ungelesen entsorgt.
«Kein Militäreinsatz geplant, nur ein Kauf», säuselt sein Aussenminister.
Marco Rubio, dieser geschniegelt auftretende Lautsprecher imperialer Feigheit, verkauft uns Erpressung als Vertrag. Als ob es einen Unterschied machen würde, ob du mir mein Haus anzündigst oder mir vorher freundlich erklärst, dass du es mir abkaufen willst, weil du sonst vielleicht… na ja… etwas passieren könnte.
Das ist Mafia-Rhetorik. Das ist Schutzgeldlogik. Das ist Diktatur in Krawatte.
Trump droht Dänemark. Einem Nato-Partner. Einem souveränen Staat.
Er droht Grönland. Einer Bevölkerung. Einer Kultur.
Er droht Europa. Uns allen.
Und das mit dieser widerlichen Selbstverständlichkeit, mit der nur Diktatoren sprechen.
«Nationale Sicherheitspriorität», sagt er.
Weisst du, was auch eine nationale Sicherheitspriorität war?
Der Anschluss Österreichs.
Die Krim.
Kuwait.
Immer dieselbe Leier. Immer dieselbe Lüge. Immer dieselbe Blutspur.
Grönland sei wichtig wegen Russland und China, heisst es. Das ist so absurd, dass es weh tut. Die USA sind dort präsent. Militärisch. Politisch. Bündnistechnisch. Aber ein Diktator kennt nur zwei Zustände: besitzen oder bedrohen. Partnerschaft ist für ihn Schwäche. Respekt ein Fremdwort. Selbstbestimmung ein lästiges Detail.
Und dann dieses ekelhafte Herablächeln:
«Grönland war ja mal Kolonie.»
Ja. War es. Und genau deshalb steht es keinem grössenwahnsinnigen Autokraten zu, sich jetzt als neuer Herr aufzuspielen. Wer koloniale Geschichte als Einladung versteht, hat nicht aus ihr gelernt, sondern sie verinnerlicht.
Mette Frederiksen nennt es beim Namen: Ein Angriff auf Grönland wäre das Ende der Nato.
Natürlich wäre es das. Denn ein Bündnis, in dem der Stärkste den Schwächeren frisst, ist kein Bündnis. Es ist ein Raubtiergehege.
Dass Europa darauf bisher vor allem mit «Besorgnis» reagiert, ist beschämend. Besorgnis ist etwas für Wetterwarnungen. Nicht für diktatorische Landnahmefantasien. Hier bräuchte es klare Worte, harte Linien, verdammt noch mal Rückgrat.
Ich bin halber Däne. Aber das ist fast nebensächlich.
Ich bin Mensch. Ich bin Europäer. Ich bin jemand, der es nicht akzeptiert, dass 2026 wieder darüber diskutiert wird, ob man Länder kaufen oder notfalls erobern darf.
Grönland ist kein Sonderangebot.
Kein Sicherheitsasset.
Kein strategischer Bonus.
Kein Spielzeug für einen Diktator mit Weltmachtkomplex.
Grönland ist nicht zu verkaufen.
Nicht zu drohen.
Nicht zu kaufen.
Nicht zu erpressen.
Und wenn ein Diktator das nicht versteht, dann muss man ihm endlich kollektiv sagen, was er ist:
Nicht der Herr der Welt.
Sondern ein gefährlicher, grössenwahnsinniger Brandstifter, der glaubt, alles Weisse auf der Landkarte gehöre ihm.
Finger weg von Grönland.
Finger weg von Europa.
Finger weg von uns.
Wörter: 499 - Anschläge: 3519
Kommentare
Norbert Blank
19.01.2026 15:26
Ein exzellent geschriebener Kommentar, der alle wesentlichen Facetten dieser Zeitgeschichte umfasst. Auch sprachlich überzeugend
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.01.2026 16:41
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Das Unglück liegt erst wenige Tage zurück. Die Nacht auf Neujahr ist noch präsent, in den Gedanken der Angehörigen, in den Körpern der Überlebenden, in den Bildern, die sich festgesetzt haben. Und dennoch stehen wir bereits mitten in Erklärungen, Rechtfertigungen und Zuständigkeitsfragen. Vielleicht zu früh. Vielleicht genau deshalb.
Ich habe Fragen. Keine polemischen, keine moralisch aufgeladenen, sondern nüchterne. Fragen, die sich aus dem ergeben, was bekannt ist – und aus dem, was auffällig unbeantwortet bleibt.
Die zentrale Frage lautet: Weshalb wurde die letzte Brandkontrolle im «Le Constellation» im Jahr 2019 durchgeführt?
Fünf Jahre lang fand keine Kontrolle mehr statt. Fünf Jahre, in denen ein öffentlich zugängliches Lokal betrieben wurde. Fünf Jahre, in denen Menschen dort feierten, tanzten, Silvester verbrachten. Fünf Jahre ohne systematische Überprüfung des Brandschutzes, obwohl diese gesetzlich vorgeschrieben gewesen wäre. Und bis heute kann niemand erklären, warum.
Der Gemeindepräsident von Crans-Montana spricht vor den Medien von einer Last, die er sein Leben lang tragen werde. Von Trauer. Von Bedauern. Das sind gewichtige Worte. Doch Worte ersetzen keine Verantwortung. Und Verantwortung beginnt nicht erst nach einem Unglück, sondern lange davor.
Die Fakten sind eindeutig. Die Gemeinde hätte das Lokal jährlich kontrollieren müssen. Sie tat es nicht. Die letzte Kontrolle datiert von 2019. Davor gab es Beanstandungen und Auflagen, unter anderem betreffend Notausgänge. Danach: nichts. Keine Nachkontrolle. Kein erneuter Blick. Ab 2020 herrschte faktisch ein Kontrollvakuum.
Als Erklärung wird angeführt, der Sicherheitsdienst sei personell unterbesetzt. Fünf Personen für 128 öffentliche Betriebe – Hotels, Bars, Restaurants, Kliniken. Das reiche kaum aus, um alle jährlich zu überprüfen. Diese Aussage ist bemerkenswert. Nicht, weil sie entschuldigt, sondern weil sie offenlegt, dass man wusste, den gesetzlichen Auftrag nicht erfüllen zu können – und dennoch so weiterarbeitete.
Damit stellt sich eine weiterführende Frage: Warum wird ein System aufrechterhalten, von dem bekannt ist, dass es strukturell nicht funktioniert? Warum wird dieser Mangel nicht politisch adressiert, sondern administrativ hingenommen? Brandschutz ist kein freiwilliger Service. Er ist Teil der öffentlichen Sicherheit.
Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil der Verantwortung dem Barbetreiber zugeschrieben. Fahrlässigkeit, Überbelegung, Risikokultur. All das mag zutreffen und wird juristisch zu klären sein. Doch staatliche Kontrollen existieren nicht für vorbildliche Betriebe. Sie existieren genau für jene Fälle, in denen wirtschaftliche Interessen, Leichtsinn oder Ignoranz Sicherheitsrisiken erzeugen. Wer sich darauf zurückzieht, der Betreiber habe versagt, blendet die eigene Aufsichtspflicht aus.
Besonders irritierend wirken die Hinweise auf strukturelle Brüche. Das Gebäude sei alt. Es stamme aus einer Zeit vor der heutigen Gemeinde. Zuständigkeiten hätten sich durch die Gemeindefusion verändert. Für den Innenausbau sei kein Baugesuch nötig gewesen. All diese Argumente haben eines gemeinsam: Sie erklären, warum niemand hingeschaut hat. Sie erklären aber nicht, warum niemand hinschauen musste.
Feuer interessiert sich nicht für Gemeindefusionen. Rauch unterscheidet nicht zwischen alter und neuer Zuständigkeit. Brandschutz ist keine historische Fussnote, sondern eine fortlaufende Pflicht.
Beunruhigend ist auch die Aussage des Gemeindepräsidenten, er habe bis zum Brand nicht gewusst, dass die Kontrollen mangelhaft waren. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wenn die politische Spitze nicht weiss, dass zentrale Sicherheitsaufgaben über Jahre nicht erfüllt werden – wer weiss es dann? Und wenn es niemand weiss, wie funktioniert Kontrolle überhaupt?
Dass an der Medienkonferenz keine ausdrückliche Entschuldigung an die Angehörigen ausgesprochen wurde, wirkt in diesen Tagen schwer erträglich. Juristisch mag Zurückhaltung geboten sein. Menschlich bleibt ein Bruch. Trauer ist kein Protokollpunkt.
Der Rücktritt wird abgelehnt. Man wolle das Schiff nicht im Sturm verlassen. Doch der Sturm besteht nicht aus Medienkritik oder internationaler Empörung. Er besteht aus den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Wer Verantwortung trägt, muss sich dieser Geschichte stellen – nicht erst vor Kameras, sondern in Strukturen, Abläufen und Konsequenzen.
Ich bleibe bei meiner Frage: Warum 2019? Warum danach nichts? Und warum weiss heute niemand, weshalb?
Solange darauf keine klare, nachvollziehbare Antwort existiert, bleiben alle Worte von Bedauern unvollständig. Und jede Beschwörung von Verantwortung hohl.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.01.2026 20:51
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Trumps Imperialismus – Stand Januar 2026. Quelle: KATAPULT.
Für mich ist Donald Trump kein Populist, kein polternder Geschäftsmann,
kein missverstandener Provokateur. Für mich ist er ein Diktator.
Nicht im historischen Kostüm des 20. Jahrhunderts, nicht mit Uniform und
Massenparaden, sondern in der zeitgenössischen Variante: Macht ohne Hemmung,
Regeln ohne Bedeutung, Gewalt als legitimes Mittel.
Wer dieses Wort für überzogen hält, sollte nicht zuerst den Text lesen,
sondern die Karte betrachten. Sie trägt den Titel
„Trumps Imperialismus – Stand Januar 2026“.
Schwarzer Hintergrund, graue Welt. Keine Karikatur, kein Witz, keine Polemik.
Länder sind farbig markiert, und die Legende erklärt nüchtern, was diese
Farben bedeuten. Keine Metaphern, keine moralischen Ausschmückungen –
nur Kategorien.
Pink steht für Staaten, in denen Präsidenten entführt wurden.
Orange für Länder, deren Präsidenten offen mit Entmachtung bedroht wurden.
Gelb für angedrohte gewaltsame Unterwerfung.
Grün für Bombardierungen.
Mehr braucht es nicht.
Lateinamerika erscheint als Mosaik aus Orange, Gelb und Pink: Panama,
Kolumbien, Venezuela. Regionen, die man aus früheren Jahrzehnten kennt, ja –
aber neu ist nicht der Ort, neu ist die Offenheit. Hier wird nichts mehr
verbrämt, nichts mehr diplomatisch umschrieben. Drohung ist keine Ultima
Ratio mehr, sondern ein reguläres Instrument.
Noch verstörender ist der Blick nach Norden. Kanada und
Grönland sind gelb markiert.
Gewaltsame Unterwerfung angedroht.
Nicht irgendwelche „Schurkenstaaten“, sondern engste Partner. Demokratien.
Verbündete. Dass diese Länder überhaupt auf einer solchen Karte auftauchen,
markiert einen historischen Bruch. Das ist der Moment, in dem klar wird:
Es gibt keine geschützten Zonen mehr. Keine moralischen Sperrgebiete.
Keine Selbstverständlichkeiten.
Im Nahen Osten und in Teilen Afrikas leuchtet es grün. Syrien, Iran, Irak,
Jemen, Somalia, Nigeria. Bombardierungen. Man könnte zynisch sagen:
Das kennen wir. Genau das ist das Problem. Dass wir uns daran gewöhnt haben.
Dass Bombardierung als Kategorie auf einer Infografik fast schon banal wirkt.
Diese Karte ist keine akademische Analyse. Sie will nicht erklären,
sie will festhalten. Sie beantwortet nicht das Warum, sondern das Was.
Und das Was ist erschreckend eindeutig: Macht wird nicht mehr legitimiert,
sie wird durchgesetzt. Souveränität gilt nur noch unter
Vorbehalt. Wer nicht gehorcht, wird bedroht. Wer sich widersetzt,
destabilisiert. Wer im Weg steht, bombardiert.
Imperialismus ist kein historischer Begriff, den man im Museum ablegt.
Er beschreibt eine Haltung: die Überzeugung, dass andere Staaten
verhandelbar sind. Dass ihre Regierungen austauschbar sind. Dass ihre
Grenzen relativ sind. Genau diese Haltung spricht aus dieser Karte.
Trump braucht keine Ideologie. Er braucht keine Vision. Er braucht nur Macht
– und die Bereitschaft, sie jederzeit einzusetzen. Das macht ihn
gefährlicher als viele Autokraten vor ihm. Er tarnt sich nicht.
Er erklärt nichts. Er handelt.
Die eigentliche Zumutung dieser Karte liegt nicht in ihren Farben.
Sie liegt darin, dass sie plausibel ist.
Dass niemand ernsthaft behaupten kann, sie sei absurd.
Dass die Diskussion nicht mehr lautet „Stimmt das?“,
sondern nur noch „Darf man das so nennen?“.
Ja, man darf. Man muss sogar.
Denn wer Präsidenten entführen lässt, Regierungen offen bedroht,
Staaten militärisch unter Druck setzt und Bombardierungen als politisches
Mittel normalisiert, der regiert nicht wie ein Demokrat.
Der regiert wie ein Diktator.
Diese Karte ist kein Alarmruf. Sie ist ein Protokoll.
Und Protokolle haben die unangenehme Eigenschaft, recht zu behalten.
Quelle der Grafik: KATAPULT – „Trumps Imperialismus“, Stand Januar 2026.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.01.2026 14:22
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Es gibt Orte, an denen man demonstriert.
Und es gibt Orte, an denen man bewusst provoziert.
Der Platz vor Amalienborg gehört zur zweiten Kategorie. Silvesterabend in Kopenhagen, direkt nach der Neujahrsansprache des Königs. Leibgarde, Parade, Hochglanz-Pathos, staatstragende Selbstvergewisserung. Kurz: das dänische Wohnzimmer im Sonntagsanzug. Und genau dort hält ein 24-jähriger Klimaaktivist ein Banner hoch: Klimakollaps – zieht die Notbremse.
Das ist kein Missverständnis. Das ist Kalkül.
Wer an diesem Ort protestiert, will keinen Dialog. Er will Bilder. Und Bilder gab es reichlich: ein Gardist, der ihn umstösst. Ein Aktivist am Boden. Ein Zuschauer, der noch einen draufsetzt und zuschlägt. Willkommen im Neujahr Dänemark.
Fangen wir vorne an:
Die Leibgarde ist kein Debattierclub. Sie ist keine soziale Einrichtung, kein Mediationsangebot, kein Aushängeschild für sanfte Demokratiepädagogik. Ihr Auftrag lautet: Ruhe, Sicherheit, Kontrolle. Wer sich ihr in den Weg stellt, wird aus dem Weg geräumt. Das ist nicht hübsch, aber auch nicht überraschend. Empörung darüber wirkt ungefähr so glaubwürdig wie jemand, der sich über Nässe beschwert, nachdem er freiwillig in den Regen gestanden ist.
Der Aktivist wusste, was passiert. Und wer jetzt so tut, als sei er aus allen Wolken gefallen, betreibt nachträgliche Unschuldssimulation.
Was jedoch nicht dazugehört, ist der Faustschlag aus dem Publikum. Das ist der Punkt, an dem aus Ordnungsliebe blanke Aggression wird. Da kippt das moralische Überlegenheitsgefühl in etwas sehr Hässliches. Wer da innerlich nickt, sollte sich ehrlich fragen, ob er wirklich Demokratie verteidigt – oder bloss froh ist, dass Gewalt diesmal den „Richtigen“ trifft.
Und dann kommt die Politik. Und macht alles noch dümmer.
Wenn ein Kulturminister öffentlich von „mentaler Unterfrankierung“ spricht, dann ist das keine Analyse, sondern Stammtisch mit Ministergehalt. Jakob Engel-Schmidt hätte eine einfache Aufgabe gehabt: beruhigen, einordnen, deeskalieren. Stattdessen tritt er verbal nach unten und bekommt Applaus von Leuten, die Kritik ohnehin für ein Luxusproblem halten.
Gratulation. Wieder ein Gespräch erfolgreich abgewürgt.
Der Aktivist bietet danach Dialog an. Das klingt erwachsen. Fast zu erwachsen. Denn wer den grösstmöglichen symbolischen Regelbruch wählt, kann sich nicht ernsthaft wundern, wenn die Antwort nicht im Tonfall eines Workshops daherkommt. Protest ist kein Wunschkonzert. Aber auch kein Freipass für alles, was danach passiert.
Was bleibt, ist eine perfekt dänische Tragikomödie:
Pflichtbewusste Uniformen ohne Empathie.
Ein Aktivist mit Reichweite, aber ohne Wirkung.
Ein Publikum, das schneller zuschlägt als nachdenkt.
Und eine Politik, die lieber verspottet als führt.
Und das Klima?
Das schaut zu. Sagt nichts. Und macht weiter, was es sowieso tut.
Vielleicht ist das die eigentliche Notbremse, die niemand ziehen will: die Einsicht, dass Symbolik ohne Strategie nur Lärm erzeugt – und dass Ordnung ohne Mass genauso gefährlich ist wie Protest ohne Plan.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 23.12.2025 09:18
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Und wieder mal DJ Bobo.
Wenn Falschheit einen Duft hätte, würde es nach Haarspray, Nebelmaschine und moralischer Selbstentlastung riechen.
Man muss schon sagen: Der Mann hat Talent. Nicht nur fürs Dauerlächeln, sondern auch fürs Weglächeln. Weglächeln von Menschen, weg vom Problem, weg von Verantwortung. Und jetzt stehen wir da, 2025, mit einer Geschichte, die so unerquicklich ist, dass man sie eigentlich nur noch mit Galgenhumor erträgt: Lori Glori, die Stimme hinter einem guten Teil der DJ-Bobo-Hits, kämpft mit 66 Jahren nicht um Ruhm oder Comeback, sondern um ihr verdammtes Aufenthaltsrecht.
Und währenddessen läuft irgendwo «There’s a Party». Ironie kann manchmal wirklich fies sein.
Diese Frau hat «Pray», «Respect Yourself» und anderes Eurodance-Gesäusel eingesungen, das ganze Stadien zum Wackeln gebracht hat. Sie hat Welthits eingesungen. Nicht ein bisschen Background-Gehauch, sondern die Stimme, die man erkennt, auch wenn man’s nicht will. Und was blieb ihr? Einmal 10’000 Mark, ein Stück Papier, das sie nicht verstand, und ein Leben, das langsam aber sicher den Bach runterging.
Man stelle sich das bitte kurz vor: Du kannst kaum Deutsch, man schiebt dir ein Dokument hin, sagt «nur eine Quittung», und zack - Urheberrecht weg, Stimme weg, Zukunft weg. Aber hey, Business ist Business, gell. Und DJ Bobo? Hat seither offenbar nie mehr das Bedürfnis verspürt, auch nur ein einziges Wort mit ihr zu wechseln. Muss man auch erst mal hinkriegen. Charakterlich meine ich.
Während Lori Glori auf der Strasse landet, wird ihre Stimme weiterverwertet wie eine gut geölte Maschine. Heute bewegt Nancy, DJ Bobos Frau, an Konzerten die Lippen dazu. Playback trifft auf Moral-Playback. Passt irgendwie.
Jetzt also der nächste Akt im Drama: Migration. Papier. Fristen. Formulare. Die Schweiz, dieses wunderbare Land der Ordnung, wo du alles darfst - solange du jede Kleinigkeit korrekt anmeldest, dreifach unterschreibst und am besten nie krank wirst. Lori Glori war zu lange im Ausland. Corona. Malta. Karriere. Leben. Pech gehabt. Niederlassungsbewilligung C hin oder her - sechs Monate sind sechs Monate, und Regeln sind Regeln. Herzlos? Ja. Aber korrekt. Und Korrektheit ist hierzulande bekanntlich wichtiger als Gerechtigkeit.
Dass sie depressiv ist, gesundheitlich angeschlagen, frisch geschieden, ihren Ausweis verloren hat und inzwischen nicht mal Ergänzungsleistungen beantragen kann? Details. Kollateralschäden. Das Amt prüft. Das Amt erwägt. Das Amt teilt mit. Menschlichkeit bitte hinten anstellen, wir haben hier eine Akte.
Natürlich könnte man jetzt sagen: Ja gut, so sind halt die Regeln. Aber genau da fängt das Problem an. Denn Regeln gelten nie im luftleeren Raum. Sie treffen immer Menschen. Und erstaunlicherweise fast immer die, die sowieso schon am Boden liegen. Der Erfolgreiche mit Anwalt, Management und PR-Team fällt selten durch die Maschen. Die Sängerin mit Depression, Papierverlust und Existenzangst schon eher.
Und DJ Bobo? Sitzt der irgendwo und denkt sich: «Hoppla, vielleicht habe ich da damals etwas falsch gemacht»? Eher nicht. Das System hat ihm recht gegeben. Ein Gericht hat ihre Klage abgewiesen. Juristisch sauber, moralisch eine Bankrotterklärung. Aber Moral zahlt halt keine Dividende.
Besonders hübsch wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass 2024 im Schauspielhaus Zürich ein Musical über Lori Gloris Leben lief. Ein Musical! Mit ihr selbst in der Hauptrolle! Die Schweiz liebt ihre tragischen Künstlergeschichten - solange sie auf der Bühne stattfinden. Sobald sie ins echte Leben rutschen, heisst es: Formular B17 fehlt, bitte neu einreichen.
Man könnte fast lachen, wenn es nicht so elend wäre.
Was mich an der ganzen Geschichte am meisten ankotzt, ist nicht einmal die Bürokratie. Die ist wenigstens ehrlich in ihrer Kälte. Was mich ankotzt, ist diese ewige Verklärung von Erfolg. DJ Bobo als sympathischer Dauergrinser, als nationaler Export-Schlager. Und irgendwo im Schatten die Frau, ohne die ein Teil dieses Erfolgs nie existiert hätte. Abgesägt, ausgesaugt, abgeschoben - erst finanziell, jetzt vielleicht geografisch.
Und ja, ich weiss: Das ist rechtlich alles kompliziert. Aber manchmal wäre es schön, wenn jemand mit Macht und Geld einfach sagen würde: «Das war scheisse. Wir regeln das.» Einfach so. Ohne Anwälte. Ohne PR. Ohne Nebelmaschine.
Aber das würde Rückgrat voraussetzen. Und Rückgrat ist im Showbusiness ungefähr so verbreitet wie Ehrlichkeit in Wahlkampfplakaten.
Sollte Lori Glori am Ende wirklich ausgeschafft werden, dann ist das nicht nur ein persönliches Drama. Dann ist es auch ein ziemlich schäbiger Spiegel für dieses Land. Und für eine Musikindustrie, die gerne von Respekt singt, ihn aber offenbar nur selten lebt.
Respect Yourself, hat sie gesungen.
Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, dass auch andere diesen Text mal ernst nehmen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.12.2025 11:20
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Es gibt Fragen, die spalten die Gesellschaft.
Klimawandel. Tempolimit. Ananas auf Pizza.
Und dann gibt es die ganz grossen, wirklich heiklen Themen: Heisst es die Mail oder das Mail?
Wer jetzt müde abwinkt und denkt: Meine Güte, ist doch egal, ist vermutlich genau der Typ Mensch, der im Büro „das Mail“ sagt. Laut. Selbstbewusst. Mit dem Brustton der Überzeugung. Und ohne jede innere Unruhe.
Denn „das Mail“ ist kein Zufall. Es ist ein Statement.
In der Schweiz wird nicht einfach „das Mail“ gesagt.
Es wird verteidigt.
Mit einer Vehemenz, als ginge es um den Landesverteidigungsfall oder wenigstens um den letzten freien Parkplatz vor dem Migros.
Dabei ist die Sache sprachlich eigentlich glasklar.
Standarddeutsch sagt: die Mail.
Weil: die E-Mail, die Nachricht, die Post.
Feminin. Punkt.
Aber Sprache funktioniert bekanntlich nicht nach Logik, sondern nach Gewohnheit. Und Gewohnheit ist der Tod jeder Einsicht.
Warum also quatschen trotzdem alle von dem Mail?
Weil „das“ bequem ist.
„Das“ ist der sprachliche Jogginghosen-Artikel. Passt immer, stört niemanden, man muss sich nichts überlegen.
„Das Mail“ ist die linguistische Version von: Hauptsache geschickt.
Dazu kommt der Bürovirus.
Einmal sagt es der IT-Mensch. Dann der Projektleiter. Dann die HR-Frau.
Und plötzlich ist „das Mail“ überall.
Wie ein schlecht gesetzter CC-Verteiler, den niemand mehr abbestellt.
Besonders beliebt ist „das Mail“ dort, wo Sprache grundsätzlich als lästiges Beiwerk betrachtet wird. In Verwaltungen. In Grossraumbüros. In Sitzungen, in denen fünf Leute über etwas reden, das auch eine Person hätte entscheiden können – per Mail. Oder eben: per Mail.
Auffällig ist auch:
„Das Mail“ wird fast nie liebevoll gesagt.
Niemand sagt: Ich habe ein schönes Mail bekommen.
Es heisst eher: Ich schick dir noch schnell das Mail.
Schnell. Zack. Abgehakt.
Kommunikation als Durchlauferhitzer.
Und dann gibt es die Verteidigungsargumente. Immer dieselben.
„Bei uns sagt man halt so.“
Ja. Bei euch hängt auch noch ein Faxgerät. Gratulation.
„Sprache verändert sich.“
Stimmt. Aber nicht jede Veränderung ist automatisch ein Fortschritt. Sonst müssten wir auch applaudieren, wenn jemand „wo ich gewesen bin“ sagt und dabei ernst bleibt.
„Der Duden ist mir egal.“
Das merkt man. Wirklich.
Natürlich ist „das Mail“ in der Schweiz sozial akzeptiert. Niemand wird verhaftet, niemand verliert den Job, niemand muss zur Nachschulung in Deutsch.
Aber akzeptiert heisst nicht richtig.
Und schon gar nicht elegant.
Denn „die Mail“ hat etwas, das „das Mail“ nie haben wird:
Stil.
Und Haltung.
Wer „die Mail“ sagt, entscheidet sich bewusst für Sprache.
Nicht aus Besserwisserei, sondern aus Respekt vor dem Werkzeug, das wir täglich benutzen.
Worte sind schliesslich keine Wegwerfpaletten.
Das Problem ist ja nicht „das Mail“ an sich.
Das Problem ist die Gleichgültigkeit dahinter.
Diese Haltung von: Man weiss schon, was gemeint ist, also reicht’s.
Tut es aber nicht.
Denn Sprache formt Denken.
Und Denken formt Handeln.
Und Handeln formt – nun ja – auch Mails. Die schlechten. Die unnötigen. Die mit „FYI“ im Betreff und null Inhalt.
Vielleicht müssten wir gar nicht über Artikel diskutieren.
Vielleicht müssten wir darüber reden, warum so viele Mails so unerquicklich sind.
Warum sie niemand liest.
Warum sie trotzdem alle verschicken.
Aber anfangen könnten wir klein.
Mit einem einzigen Wort.
Mit die Mail.
Nicht als Sprachpolizei.
Nicht als Mission.
Sondern als kleines Zeichen von Aufmerksamkeit in einer Welt voller hastig hingeschluderter Kommunikation.
Und wer weiterhin „das Mail“ sagen will – bitte.
Aber dann lebt auch mit dem leisen Verdacht, dass ihr sprachlich gesehen ein bisschen im Jogginganzug durch die Gegend lauft.
Bequem.
Praktisch.
Aber halt nicht besonders schick.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.12.2025 14:37
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Schade. Wirklich schade.
Ich verfolge diese Geschichte nun seit einigen Monaten. Nicht aus Sensationslust, sondern weil sie exemplarisch ist für etwas, das uns in der Schweiz zunehmend beschäftigt – oder beschäftigen sollte: Was passiert, wenn grosse Institutionen, komplexe Projekte und menschliche Existenzen aufeinandertreffen und keiner mehr so recht vom eigenen Standpunkt abrücken kann?
Im Zentrum steht der Streit zwischen dem Zoo Zürich und der Stahlfirma Baltensperger aus Höri. Es geht um die Pantanal-Voliere, ein architektonisches Grossprojekt, das dereinst Flamingos, Tapire und Ameisenbären beherbergen soll. Und es geht um vier Millionen Franken. Und um rund 75 Arbeitsplätze. Und um Vertrauen. Viel Vertrauen.
Die Fronten sind verhärtet. Ein Vermittlungsversuch ist gescheitert, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet. Gespräche wurden abgesagt, Spielregeln nicht akzeptiert, Termine vertagt. Was bleibt, ist ein Patt – und eine wachsende Unsicherheit für all jene, die mit juristischen Spitzfindigkeiten nichts zu tun haben, aber jeden Monat ihre Miete zahlen müssen.
Man kann es sich einfach machen. Man kann sagen: Vertrag ist Vertrag. Fünf Millimeter sind fünf Millimeter. Punkt. Man kann ebenso sagen: Wer sich auf ein derart komplexes Projekt einlässt, muss liefern – technisch, terminlich, finanziell. Diese Sichtweise ist nicht falsch. Aber sie ist auch nicht vollständig.
Grossprojekte sind keine Excel-Tabellen. Sie sind lebende Organismen. Sie verändern sich. Anforderungen wachsen, Sicherheitsbedenken werden nachgeschärft, Details plötzlich zentral, die zu Beginn kaum jemand auf dem Radar hatte. Wer jemals an einem Bauprojekt beteiligt war – und sei es nur an einer etwas ambitionierten Garagenüberdachung – weiss, wie schnell aus einem klaren Plan ein Dickicht aus Abhängigkeiten werden kann.
Auf der anderen Seite steht der Zoo. Eine Institution mit internationalem Ruf, mit Verantwortung gegenüber Tieren, Besuchern, Spendern und der Öffentlichkeit. Auch dort kann man nicht einfach sagen: Ach komm, passt schon. Fünf Millimeter sind egal. Wenn etwas einstürzt, fragt später niemand nach Verständnis, sondern nach Schuld. Der Zoo kann – und darf – sich keine Kompromisse leisten, die sicherheitsrelevant sind. Das ist ebenso legitim.
Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack.
Vier Millionen Franken aus einer Garantie zu ziehen, bedeutet nicht einfach, einen Buchungsvorgang auszulösen. Es bedeutet, einem Unternehmen den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Einer Firma mit Geschichte. Mit Mitarbeitenden, die jetzt über Weihnachten zwar ihren Lohn erhalten – immerhin –, aber nicht wissen, ob es ihre Firma im Frühling noch gibt. Dieses „immerhin“ ist tröstlich und bitter zugleich.
Was mich an dieser Geschichte besonders umtreibt, ist nicht die juristische Frage. Die wird irgendwann vor Gericht geklärt. Mich beschäftigt das Zwischenmenschliche. Das, was zwischen den Zeilen passiert – oder eben nicht mehr passiert.
Wenn ein Vermittlungsgespräch daran scheitert, dass man sich nicht einmal auf die Spielregeln einigen kann, dann ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Dann geht es nicht mehr um Lösungen, sondern um Positionen. Um Recht haben statt weiterkommen. Und das ist gefährlich.
Denn am Ende verliert fast immer jemand, der eigentlich gar nicht verlieren dürfte: die Mitarbeitenden. Menschen, die morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, Stahlträger schweissen, Pläne lesen, Verantwortung übernehmen. Menschen, die nichts für Millimeter-Toleranzen können, aber alles ausbaden müssen.
Natürlich: Auch ein Zoo ist kein Sozialamt. Auch er muss wirtschaftlich handeln. Aber vielleicht – und das ist mein Analyseversuch – braucht es in solchen Fällen mehr als nur Vertragsparagraphen und Anwaltsschreiben. Vielleicht braucht es den Mut, noch einmal an einen Tisch zu sitzen, bevor alles endgültig zerbricht. Nicht um nachzugeben, sondern um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte.
Die Pantanal-Voliere sollte ein Symbol werden. Für Weitsicht, für Biodiversität, für eine moderne Tierhaltung. Im Moment ist sie vor allem ein Symbol für etwas anderes: dafür, wie fragil grosse Projekte werden, wenn Kommunikation scheitert und Vertrauen erodiert.
Ob die Voliere je wie geplant eröffnet wird, ist offen. Ob Baltensperger diese Krise überlebt, ebenso. Sicher ist nur eines: Schaden genommen haben bereits jetzt alle Beteiligten. Und das ist – bei allem Verständnis für beide Seiten – einfach nur schade.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.12.2025 22:38
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Es gibt Wörter, die haben eine magische Wirkung. Sie fallen, und sofort leuchten Augen, klingeln Kassen und wehen imaginäre Fahnen im Wind. «Unesco-Weltkulturerbe» ist so ein Wort. Ein Etikett mit Goldrand. Ein Prädikat, das aus einem Hügel eine Ikone macht, aus einem Garten einen Wallfahrtsort und aus jeder kritischen Nachfrage ein Sakrileg. Wer da noch fragt, gilt rasch als Banause, Kulturverweigerer oder - Gott bewahre - als jemand mit Geschmack.
Nun also der Bruno-Weber-Park. Oberhalb von Dietikon, leicht entrückt, ein bisschen verwunschen, ein bisschen exzentrisch. Jahrelang ein juristischer und emotionaler Zankapfel, jetzt sauber in eine neue Stiftung gegossen, mit wohlklingendem Namen: «Bruno-Weber-Gesamtkunstwerk». Das tönt schon nach grossem Atem, nach Kanonisierung, nach Denkmalpflege mit Fernsicht. Und dann der nächste Schritt: Unesco-Weltkulturerbe. Natürlich. Was denn sonst.
Verstehen wir uns richtig: Der Bruno-Weber-Park ist etwas Besonderes. Er ist eigenwillig, er ist liebevoll gemacht, er ist das Resultat eines künstlerischen Lebens, das sich nicht um Normen, Trends oder Kunstmarktlogiken geschert hat. Das ist sympathisch. Das ist selten. Das ist schützenswert. Aber genau hier beginnt die Frage, die man offenbar kaum mehr stellen darf: Reicht das für Weltkulturerbe?
Oder anders gefragt: Greifen wir da nicht ein bisschen hoch? Vielleicht sogar deutlich zu hoch?
Der Unesco-Stempel ist kein Teilnahmebändeli. Er ist kein «Dabei sein ist alles» für kulturell ambitionierte Regionen. Er ist gedacht für Stätten von herausragendem universellem Wert. Universal, nicht lokal charmant. Herausragend, nicht herzig. Weltweit bedeutend, nicht «bei uns im Limmattal kennt man das halt».
Wenn man sich die Liste der Welterbestätten anschaut, wird die Messlatte schnell sichtbar. Kathedralen, antike Städte, Kulturlandschaften von jahrhundertelanger Prägung. Und ja, auch Kunst. Aber dann reden wir von Antoni Gaudí, von Le Corbusier, von Friedensreich Hundertwasser. Und spätestens hier wird es heikel.
Denn so sehr man Bruno Weber schätzen mag: Ihn mit Hundertwasser in einen Atemzug zu nennen, ist mutig. Sehr mutig. Hundertwasser hat einen weltweiten architektonischen und künstlerischen Einfluss hinterlassen, er hat Städte geprägt, Diskurse ausgelöst, Generationen beeinflusst. Bruno Weber hat einen Park gebaut. Einen schönen, eigenwilligen Park, ja. Aber eben einen Park. In Spreitenbach. Mit Dietiker Adresse.
Das ist kein Welturteil, das ist eine Einordnung.
Was mich an der ganzen Sache stört, ist weniger der Park als die fast reflexartige Selbstüberhöhung. Kaum ist der juristische Scherbenhaufen aufgeräumt, kaum gibt es eine neue Stiftung mit vereinten Grundstücken, wird nicht zuerst über Pflege, Vermittlung, Zugänglichkeit oder Nachbarschaft gesprochen, sondern gleich über Unesco. Als wäre das der natürliche nächste Schritt. Als müsste man sich jetzt nur noch anmelden und abwarten.
Dabei wäre genau jetzt die Chance für etwas Bodenständigeres. Für eine ruhige, selbstbewusste Haltung: Wir haben hier ein einzigartiges Werk eines eigenständigen Künstlers. Wir wollen es erhalten, gut betreuen, erklären, einbetten. Wir wollen es regional verankern, national sichtbar machen. Punkt. Das wäre ehrlich. Und es wäre stark.
Stattdessen wird mit dem grössten aller Etiketten gewedelt. Und natürlich sitzen die Gemeindepräsidenten gleich im Stiftungsrat. SVP hier, Mitte dort. Kulturpolitik trifft Standortmarketing, das ist man sich inzwischen gewohnt. Man will dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Oder zumindest, wenn man später sagen kann: Ich war schon damals im Stiftungsrat.
Dabei hat diese Unesco-Rhetorik auch etwas Unangenehmes. Sie immunisiert gegen Kritik. Wer jetzt noch fragt, ob das wirklich realistisch sei, ob das Verhältnis zwischen Anspruch und Werk stimmt, ob man nicht zuerst kleinere Brötchen backen sollte, gilt rasch als Spielverderber. Als jemand, der dem Park schaden wolle. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall.
Man darf den Bruno-Weber-Park mögen, ohne ihn gleich zur Weltangelegenheit zu erklären. Man darf Bruno Weber respektieren, ohne ihn auf einen Sockel zu stellen, der unter seinem Gewicht zu wackeln beginnt. Und man darf sich fragen, ob wir uns manchmal nicht selber ein bisschen überschätzen, nur weil etwas bei uns steht.
Vielleicht wäre das Grösste am Bruno-Weber-Park gerade, dass er keiner Unesco-Plakette bedarf. Dass er funktioniert, weil er eigen ist. Weil er nicht glatt, nicht international normiert, nicht global verwertbar ist. Sondern einfach da. Ein bisschen schräg. Ein bisschen trotzig. Und genau deshalb liebenswert.
Manchmal ist weniger Welt, dafür mehr Ehrlichkeit, die bessere Lösung.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.12.2025 15:50
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Man stelle sich kurz die Szene vor: Ein 120-Millionen-Bussenbrief flattert ins Haus von Elon Musk, und irgendwo in Texas kippt ein 54-jähriger Tech-Gigant rückwärts vom Ledersessel, weil irgendein Brüsseler Beamter sein glänzendes Spielzeug X nicht so transparent findet, wie Musk sich selber gern sieht. Zack, Wut, Trotz, Twitter-Finger. Und schon ist es raus: Die EU soll weg. Einfach weg. Puff. Aufgelöst. Fertig. So, wie man einem Kind die Glace wegnimmt, nachdem es sie aufs Sofa geschmiert hat.
Was für eine schöne Vorstellung. Ein Weltkonzern, der nicht einmal seine Verifizierungshaken korrekt erklärt bekommt, ruft nach der Abschaffung eines ganzen Kontinents. Wenn man schon dermassen mächtig ist, dann denkt man wohl tatsächlich, man könne die Geschichte in 280 Zeichen neu schreiben. Oder zumindest so tun.
Dass die EU-Kommission Musk eine Busse aufgebrummt hat, weil seine lustigen Verifizierungshäkchen angeblich irreführend seien, passt perfekt zum absurden Theater der Gegenwart. Ein blauer Haken war mal ein Zeichen für verifizierte Identität. Heute ist es ein Zeichen dafür, dass jemand irgendwo im Silicon Valley entschieden hat, dass Transparenz total overrated ist und man lieber irgendwelche Abos verkauft. Die EU nennt das mangelnde Transparenz. Musk nennt es vermutlich Kunst. Oder Freiheit. Oder beides, je nach Tagesform.
Natürlich ist Musk empört. Wenn man sein Leben lang hört, man sei ein Genie, ein Visionär, ein Tech-Messias, dann kratzt es am Selbstverständnis, wenn plötzlich jemand mit einem Formular aus Brüssel kommt und sagt: «Du, Elon, das geht so nicht.» Und weil er keine Lust hat, sich argumentativ auf irgendwas einzulassen, packt er die grossen Worte aus. Zensur! Unterdrückung! Abschaffung der EU! Vermutlich dachte er kurz daran, die Gravitation verbieten zu lassen, hat sich dann aber für Europa entschieden, weil es näher liegt.
Die EU habe zu viel Macht, raunzt Musk. Sie dürfe nicht bestimmen, wie amerikanische Tech-Plattformen funktionieren. Das ist etwa so logisch, wie wenn ein Tourist in Zürich falsch parkiert, eine Busse bekommt und dann findet, die Schweiz solle aufgelöst werden, weil ihre Behörden «eine Attacke auf ihn persönlich» gestartet hätten. Aber gut, Logik ist nicht immer die Kernkompetenz von Männern, die sich selbst Raketen auf den Rücken binden, um der Welt zu beweisen, dass man es kann.
Interessant wird es dort, wo die politischen Freunde auftauchen. Trump, der ungeliebte Orakel-Onkel der amerikanischen Rechten, hat Musk schon früher hofiert. Die AfD hat er auch schon Werbung gemacht. Und jetzt meldet sich Marco Rubio, US-Aussenminister, und empört sich über den europäischen Angriff auf amerikanische Tech-Plattformen. Es sei ein Angriff auf das amerikanische Volk, sagt Rubio. Auf das amerikanische Volk! Man kann sich das bildlich vorstellen: Joe aus Nebraska sitzt am Küchentisch, nimmt einen Schluck Kaffee, schaut auf seine X-App und beginnt zu weinen, weil die EU ihm seine Freiheit stehlen will. Unglaublich, diese Brüsseler Bürokraten. Wie können sie nur.
Der grössere Witz liegt darin, dass Musk seit Jahren Freiheit predigt, aber nur solange, wie Freiheit bedeutet, dass er machen kann, was er will. Sobald jemand anders ebenfalls Freiheit verlangt, wird er dünnhäutig. Das erinnert an diese Kinder, die sagen: «Das isch min Ball!» und wenn der andere fragt, ob er auch einmal dürfe, gleich schreien: «Mami, er nimmt mir alles weg!» Musk ist einfach das globalisierte, milliardenschwere Pendant dazu.
Lustig ist auch, wie schnell Musk die Worte «Zensur» und «Diktatur» aus der Tasche zieht, sobald in Europa irgendjemand nach Regeln fragt. Die EU will Transparenz. Musk will… ja, was eigentlich? Chaos? Ein glorifiziertes Reddit mit Werbung? Ein digitaler Stammtisch, an dem jede Verschwörungstante ohne Hosen sitzt und ruft: «Ich hab alle Fakten!»?
Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Brüllen komisch.
Aber die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn Musk fordert, die EU solle abgeschafft werden, weil sie die freie Rede beschneide. Dabei ist Musk mittlerweile selbst der Hausmeister der Meinungsfreiheit, der nach Lust und Laune Accounts sperrt, empfiehlt, verstummt oder bevorzugt. Das ist ein bisschen so, wie wenn ein Feuerwehrmann mit Flammenwerfer durchs Quartier läuft und behauptet, er bekämpfe Brände.
Das eigentliche Drama: Musk weiss, dass seine Plattform längst nicht mehr die Weltbühne ist, von der er träumt. X ist eine Mischung aus Trollhöhle, Spamwald und politischem Basar, in dem alle schreien, aber niemand mehr zuhört. Und wenn dann die EU vorbeikommt und sagt, dass man gewisse Regeln einhalten muss, dann will er gleich Europa löschen. Europa! Nicht die Busse anfechten, nicht die Prozesse verbessern. Nein: «Schafft dieses Gebilde ab! Es stört meine Aura!»
Man fragt sich, ob diese Leute ihre eigenen Statements manchmal lesen. Oder ob sie das Handy weglegen und denken: «Ja, das war jetzt sinnvoll.» Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich checken sie nur, wie viele Likes es gab.
Es bleibt die Frage: Was passiert, wenn man Männer wie Musk zu lange ernst nimmt? Wenn man ihnen bei jedem Ausraster eine Bühne bietet? Irgendwann hält er noch eine Pressekonferenz, in der er fordert, dass die Gravitation reformiert wird oder dass Kontinente künftig nur noch mit Premium-Abo existieren dürfen.
Europa wird nicht verschwinden, weil ein Milliardär eine Busse bekommen hat. Aber die Farce zeigt, was passiert, wenn Macht, Geld und verletzte Eitelkeit ineinander krachen. Es entstehen Tweets. Und zwar viele. Und lautstarke. Und wir alle dürfen zuschauen, wie einer der reichsten Menschen der Welt gegen einen ganzen Kontinent beleidigt schmollt.
Eigentlich schade, dass man dafür keinen Verifizierungshaken bekommt.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.12.2025 20:27
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Es gibt Geschichten, die so sehr nach verbranntem Gummi riechen, dass man sie schon von weitem kommen sieht. Und dann gibt es jene Geschichten, die mit sanfter pädagogischer Hand daherkommen, freundlich lächeln, eine Runde «ich-mag-meine-Schüler-wirklich» drehen – und sich dann als etwas entpuppen, das in jeder anständigen Gesellschaft mindestens Stirnrunzeln, wenn nicht gleich kollektives Würgen auslösen sollte.
Die Geschichte vom 36-jährigen Lehrer aus Fraubrunnen gehört definitiv zur zweiten Kategorie.
Ein Mann, der in Grossbritannien zwei Monate ins Gefängnis muss, weil er an Ausschreitungen beteiligt war, die kaum unter der Rubrik «hoppla, die Stimmung war etwas aufgeheizt» verbucht werden können, soll also weiterhin Kinder unterrichten dürfen. Und das nicht irgendwie widerwillig, sondern mit Unterstützung einer mittlerweile stattlichen Petition. Über 800 Unterschriften für einen Mann, der sich als YB-Hooligan an Ausschreitungen beteiligt hat. Und die Unterzeichnenden argumentieren, er sei ein «absolut integrer Mensch».
Interessant, wie schnell dieses Wort heute entwertet wird. Integrität scheint nicht mehr viel mit innerer Haltung zu tun zu haben, sondern eher ein freundliches Etikett, das man jemandem verleiht, solange er nett lächelt und mit den Kindern anständig umgeht. Die Empathie im Schulzimmer soll also das ausgleichen, was ausserhalb der Schulmauern aus ihm herausbricht. Als wäre das eine Art moralische Quersubventionierung: Montag bis Freitag pädagogischer Sonnenaufgang, Wochenende prügelnde Dämmerung.
Man darf sich schon fragen: Haben wir den Massstab derart verloren, dass wir ernsthaft darüber diskutieren, ob eine Person, die körperliche Gewalt als akzeptable Form kollektiver Selbstverwirklichung praktiziert, weiterhin als Vorbild für Kinder wirken soll? Ja, natürlich ist niemand auf einen einzigen Fehltritt reduzierbar. Aber «Fehltritt» ist ein zartes Wörtchen für jemanden, der an Ausschreitungen gegen Beamte beteiligt war. Die britische Justiz verteilt keine Gefängnisstrafen, weil jemand ein Bengalo schief gehalten oder aus Versehen laut «Hopp YB» gerufen hat.
Nun argumentieren Eltern und ehemalige Schülerinnen und Schüler, dieser Mann sei eine «Bezugsperson», eine «Hingabe in Menschengestalt», ein Lehrer von aussergewöhnlicher Qualität. Und das mag alles wahr sein. Menschen bestehen aus Widersprüchen. Aber ein Widerspruch bleibt ein Widerspruch; und nicht jeder davon ist gesellschaftlich tragbar. Ein Mensch kann im Alltag freundlich, herzlich, kompetent sein – und dennoch in sich eine Bereitschaft tragen, Gewalt auszuüben, sobald ein Fussballspiel und eine angestachelte Masse den passenden Hintergrund liefern.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob der Lehrer im Schulzimmer nett ist. Die Frage ist, ob wir als Gesellschaft Verantwortung und Vorbildrolle so nebensächlich finden, dass sie durch «aber er ist so beliebt» ersetzt werden können. Das ist moralischer Ablasshandel der bequemsten Sorte.
Und hier zeigt sich ein gefährlicher Trend: Sobald jemand «beliebt» ist, wird fast alles relativiert. Plötzlich sind es die Umstände, plötzlich ist es der Gruppendruck, plötzlich ist es einfach passiert. Und spätestens dann, wenn Eltern in einem Satz sowohl «Gewalt ist niemals akzeptabel» als auch «Aber bitte zerstört nicht sein Leben» unterbringen, merkt man, wie sehr das moralische Koordinatensystem verrutscht ist. Konsequenzen gelten offenbar nur noch für die anderen.
Man stelle sich einmal vor, es ginge nicht um Fussball, sondern um irgendeine andere Form von Gewalt. Hätten wir dieselbe Debatte? Würde eine Schule ernsthaft überlegen, ob eine Lehrperson, die sich mit der Faust ihren Weg durch eine Masse bahnt, weiterhin als erzieherische Instanz wirken soll? Oder würden wir in jedem anderen Kontext schlicht sagen: Diese Person hat ein Problem mit Aggression und gehört nicht in die Nähe von Kindern? Weshalb also dieser seltsame Rabatt für Hooliganismus?
Wer Gewalt als Mittel akzeptiert, trägt etwas in sich, das keine pädagogische Oberfläche wegpoliert. Eine Lehrperson ist keine Maschine, die man in Modus A freundlich und in Modus B prügelnd betreiben kann. Charakter ist kein Schalter. Und es ist nicht Aufgabe einer Schule, herauszufinden, ob jemand, der im Ausland in Gewahrsam sitzt, wirklich zwischen zwei Identitäten hin und her wechseln kann, ohne dass eine davon irgendwann ins Schulzimmer hineinblutet.
Es geht hier nicht darum, jemanden lebenslang zu verdammen. Der Mann soll seine Strafe absitzen, seine Verantwortung tragen, und er hat jedes Recht auf einen Neuanfang. Aber ein Neuanfang ist nicht automatisch ein Recht auf jede beliebige Position. Es gibt Berufe, in denen die moralische Fallhöhe schlicht zu gross ist. Wer Kinder bildet, prägt sie. Wer sie prägt, darf keine enge Beziehung zur physischen Eskalation pflegen. So einfach ist das.
Die Behörden von Fraubrunnen werden nun also «einen delikaten Entscheid» treffen müssen, wie es heisst. Delikat ist an dieser Sache höchstens, wie sehr einige Beteiligte versuchen, Gewalt kleinzureden, solange der Täter lächelnd unterrichtet. Manche Entscheidungen sind eigentlich gar nicht delikat. Sie sind notwendig. Und hier liegt die Notwendigkeit klar auf der Hand.
Er kann ein lieber Lehrer sein. Ein guter Pädagoge. Eine beliebte, empathische Person. Und gleichzeitig jemand, der sich an Ausschreitungen beteiligt hat. Beide Dinge können stimmen. Aber nur eines davon hat Platz in einer Schule.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 28.11.2025 15:01
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Es gibt in der Schweiz ja so gewisse Traditionen, die einfach nicht sterben wollen. Fondue im Hochsommer, Alpenrosen als Hochzeitsschmuck, und der absolute Klassiker: Musiker gratis engagieren. Das ist so schweizerisch wie Totomat und Parkbussenlotterie. Und jedes Mal, wenn jemand mit diesem seligen Lächeln fragt, ob man nicht einfach schnell spielen könne, wird mir innerlich so warm ums Herz, dass ich fast vergesse, wie grausam die Welt ist. Fast.
Denn irgendwo muss es ein geheimes Handbuch geben, ein unter dem Margeritenfeld des gesunden Menschenverstandes vergrabenes Werk, das schlicht erklärt: Kunst ist gratis. Musik sowieso. Musiker leben primär von Luft, Licht, Liebe und dem warmen Gefühl, wieder einmal „eine tolle Gelegenheit“ erhalten zu haben. Und ich will ehrlich sein: Es wäre ja direkt beleidigend, wenn jemand versuchen würde, uns mit schnöden Franken zu korrumpieren. Pfui. Geld beschmutzt den Klang, das wissen wir doch alle.
Aber es kommt noch besser: Gratis spielt man ja nicht nur für die Ehre, sondern – und das ist der eigentliche Geniestreich – für „Erfahrung“. Dieses Wort ist der heilige Gral der Gratiskultur. Die ultimative Währung für all jene, die noch nie ein Instrument gestimmt oder eine Probe organisiert haben. Erfahrung ist nämlich das magische Argument, mit dem man jede Entschädigung elegant umschifft.
„Du bekommst ja Erfahrung!“
Ja, stimmt. Vielleicht sogar dieselbe Erfahrung, die ich seit bald zwanzig Jahren mache: Gage anfragen, Gage nicht erhalten, dankbar nicken.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Fragezeichen tauchen auf. Warum gilt dieser Deal ausschliesslich für Künstler? Ich frage mich ernsthaft, was passieren würde, wenn ich diese Logik mal konsequent auf die anderen Berufsgruppen anwenden würde. Beispiel: Ich sitze beim Zahnarzt, Mund offen wie ein frisch gegrilltes Poulet. Der Doktor steht da mit seinem Hochglanzgerät, und ich sage:
„Ich kann dich mega weiterempfehlen. Wirklich. Und das ist doch für dich eine grossartige Erfahrung, oder?“
Oder beim Anwalt:
„Ich zahle nicht, aber ich verspreche dir, ich erzähle allen, wie seriös du gewirkt hast.“
Oder beim Sanitär, der um 02:30 Uhr den überfluteten Keller rettet:
„Danke! Du darfst das auch für andere gratis machen, das bringt dich sicher weiter.“
Das wäre das Ende der Zivilisation. Die Versicherungsgesellschaften würden implodieren, die Wirtschaft würde zusammenbrechen, und in der Tagesschau würde Franz Fischlin mit belegter Stimme über die „kostenlose Dienstleistungsapokalypse“ berichten.
Aber bei Musikern? Kein Problem. Funktioniert seit Jahrzehnten. Gratiskultur ist der Running Gag, der nie stirbt.
Das Schönste daran: Die Leute meinen es nicht einmal böse. Wirklich nicht. Oft glauben sie ernsthaft, sie würden einem etwas Gutes tun. Es ist diese milde Selbstzufriedenheit, die sagt: „Ich biete dir etwas Bedeutendes: Sichtbarkeit!“ Sichtbarkeit! Haut rein! Kann ich damit meine Miete zahlen? Nein. Aber es leuchtet sicher schön, wenn ich frierend im Dunkeln sitze. Sichtbarkeit ist das Kerzenlicht der Armut.
Und dann dieser Satz, der einem in den Hirnlappen tätowiert wird: „Wir haben leider kein Budget für Musik.“
Aha. Aber für Prosecco, Deko, LED-Bäumchen und ein Buffet, das aussieht wie die Deluxe-Version vom Schlaraffenland, da hat man Budget. Aber für Menschen, die jahrelang üben, studieren, schuften und Kunst erschaffen, ist plötzlich Ebbe im Portemonnaie. Wie seltsam.
Manchmal frage ich mich, ob die Leute glauben, Musiker würden morgens einfach aufwachen, und zack, die Noten purzeln fehlerfrei aus dem Bett. Keine Instrumentenkosten, keine Proben, keine Ausbildung, keine Reisezeit, keine Organisation. Man drückt auf „Play“, und der Musiker funktioniert. Wie ein Toaster. Einfach mit schlechterem Hundehaushalt und mehr Existenzkrisen.
Und ja, natürlich gibt es Ausnahmen, Momente, in denen man gern gratis spielt: Für Freunde, für Herzensprojekte, für Situationen, in denen man spürt: Das ist richtig so. Aber das hat Herz. Nicht Kalkül.
Darum wünsche ich mir manchmal eine grosse, laute, unmissverständliche Revolution. Keine Barrikaden, kein brennendes Bundeshaus, kein selbsternannter Revoluzzer mit Dreadlocks und Megafon. Sondern etwas viel Einfacheres: Eine Schweiz, die versteht, dass Kultur nicht gratis vom Himmel fällt. Dass Musiker nicht aus Idealismus leben. Dass Wertschätzung sich nicht nur in Applaus ausdrückt, sondern auch in einer Gage, die nicht wie ein schlechter Witz klingt.
Und bis wir soweit sind, bleibe ich höflich und lächle, wenn die Anfrage wieder kommt:
„Philipp, könntest du bei uns spielen? Leider ohne Budget. Aber es wäre eine tolle Werbung für dich.“
Dann sage ich freundlich:
„Klar. Und ihr arbeitet dann bei mir gratis. Ist doch fair.“
Das Gesicht ist jedes Mal unbezahlbar.
Im Gegensatz zum Rest.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 23.11.2025 10:06
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Es gibt in diesem Land ja wirklich vieles, was man halbwegs still erträgt: das Wetter im Mittelland, den Dauerstau im Baregg, die SBB, die sich wie ein zartes Reh schon beim leisesten Schneeflöckchen verschluckt. Aber was ich nicht mehr ertrage, sind längst pensionierte Polit-Titanen, die plötzlich meinen, sie müssten der Schweiz erklären, wie man eine Revolution anzettelt. Und zwar dieselben Herren, die sich jahrelang bei jedem politischen Lüftchen hinter dem Begriff Stabilität verschanzt haben wie Kinder unter der Bettdecke, wenn es draussen blitzt.
Ueli Maurer – ja genau der, der sich im Freiheitstrychler-Shirt ablichten liess und damit zum Maskottchen jener Leute wurde, die 2021 den Bundeshaus-Zaun wie einen ausgeleierten IKEA-Schrank bearbeiteten – er hat jetzt eine Vision. Eine Revolution! Eine neue Eidgenossenschaft! Eine Art Schwyz-plus, Urkanton-Edition, mit Erweiterungsmodul. Und der Toni Brunner sekundiert munter: Ein neuer Sonderbund müsse her, und das Zürcher Oberland könne man gleich noch dazu nehmen, so wie man im Migros-Sammelalbum halt noch eine zusätzliche Panini-Karte einklebt, wenn man grad Lust hat.
Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, ob das grotesk, traurig oder einfach nur peinlich ist. Vielleicht alles gleichzeitig. Eine Art politischer Multivitamintablette des Wahnsinns.
Und jetzt meldet sich also Reto Nause, Mitte-Nationalrat, Historiker, ehemaliger Sicherheitsdirektor – also jemand, der noch weiss, wie sich 4000 wütende Menschen anhören, die «Liberté» schreien, während sie den Bundeshaus-Zaun lockern wie Teenager, die den Zaun des Freibads für die nächtliche Mutprobe aufbrechen. Nause nennt Maurers und Brunners Aussagen einen «Aufruf zum Bürgerkrieg». Und weisst du was? Für einmal ist das keine billige Übertreibung. Er beschreibt ziemlich präzise, was passiert, wenn politische Märchenerzähler anfangen, mit historischem Dynamit zu jonglieren.
Weil der Sonderbund war nicht irgendein folkloristisches Jodelvereinsproblem von 1847. Da ging es richtig zur Sache. Da hat man sich gegenseitig beschossen, nicht nur beleidigt. Aber klar – heute ist es ja trendy, historische Katastrophen als charmante Inspirationsquellen zu verkaufen. Trump macht es vor, und offenbar möchten gewisse Schweizer Männer im Pensionsalter nun auch ein bisschen Heldenpathos schnuppern.
Und bei Ueli Maurer wundert es einen ja fast nicht mehr. Der Mann war im Oval Office, hat Putin die Hand geschüttelt, Xi angelächelt und fand das offenbar alles ganz gemütlich. Kein Wunder, hat er Freude an starken Männern – sie brauchen weder Abstimmungen noch Ständemehr. Ein Entscheid ist dort ein Entscheid, und wer motzt, lernt die Grenzen des eigenen Gebisses kennen. Aber dass er das jetzt als Alt-Bundesrat zur schweizerischen Inspirationsquelle erklärt? Das ist wie wenn ein Pfarrer sagt, er habe sich nun doch entschieden, dass Tequila im Abendmahl eine gute Idee sei: Mutig vielleicht, aber absolut irre.
Und dann Christoph Blocher. Natürlich. Eine Schweizer Politgeschichte ohne Kommentar von Blocher wäre wie Fondue ohne Käse: möglich, aber sinnlos. Er findet das Ganze «einen lustigen Kalauer». Ja klar. Bürgerkrieg als Jux für zwischendurch. Ein politischer Slapstick mit Mistgabeln und Fackeln. Dass man dabei vielleicht bessere Witze erwarten dürfte, spielt offenbar keine Rolle. Hauptsache, man kann wieder mal den «Classe politique»-Bösewicht hervorzaubern und sagen, sie wolle die Verfassung übergehen.
Das Ständemehr! Das obligatorische Referendum! Die heiligen Gründersäulen der Eidgenossenschaft! Blocher donnerte so etwas schon, als man in der Schweiz noch Nokia-Handys hatte. Aber spätestens wenn jemand sagt, «es gäbe ohne Ständemehr keine Schweiz», möchte ich höflich fragen: Ja, und ohne Käse gäbe es keinen Raclette – aber sollen wir deswegen gleich den Bundesstaat auflösen, wenn der Emmentaler zu teuer wird?
Was mich an dieser ganzen Episode aber wirklich nervt, ist etwas anderes. Es ist dieses permanente Bedürfnis gewisser Herren, sich als Retter einer Nation aufzuspielen, die gar nicht gerettet werden will. Die Schweiz ist kein schlafender Vulkan kurz vor der Explosion. Sie ist ein funktionierendes, manchmal nerviges, aber insgesamt ziemlich solides Gebilde aus Kompromissen, Nerven, viel Kaffee und gelegentlicher direkter Demokratie. Und die Leute, die darin leben, wollen in erster Linie, dass die Dinge laufen. Nicht, dass pensionierte Ex-Politiker anfangen, die Urkantone aus dem Küchenschrank zu ziehen wie alte Tupperware.
«Wir sind eine Willensnation», sagt Nause. Und wirklich: Das trifft es. Die Schweiz existiert nicht, weil wir alle dieselbe Sprache sprechen oder denselben Dichter im Regal stehen haben – wir existieren, weil wir uns trotzdem zusammenraufen. Weil wir uns streiten und dann wieder zusammenfinden. Und nicht, weil einer ruft: «Jetzt aber Revolution!»
Und dann der Rat mit der Statue von Niklaus von der Flüe. Schön symbolisch. Man könnte auch sagen: Wer ernsthaft politisches Benzin ins Feuer kippt, sollte sich vielleicht mal die Frage stellen, ob er überhaupt versteht, wofür dieser Landesherr damals stand. Versöhnung, nicht Zertrümmerung. Frieden, nicht Fantasie-Sonderbund mit Anhängerli.
Aber gut. Vielleicht ist das der neue Trend: Pensionierte Politiker entdecken die Lust am zivilen Ungehorsam, so wie andere im Ruhestand Töpfern oder Stand-up-Paddeln entdecken. Maurer gründet eine neue Eidgenossenschaft, Brunner einen Sonderbund, und Blocher verkauft das Ganze als lustigen Witz mit ernstem Hintergrund. Und wir? Wir sollen ernsthaft darüber diskutieren.
Also bitte. Die Schweiz hat schon genug real existierende Probleme. Wir brauchen keinen Revolutions-Fanclub im Rentenalter. Und falls diese Herren tatsächlich eine neue Eidgenossenschaft wollen: Nur zu. Aber bitte ohne Bundeshaus-Zaun, ohne Wasserwerfer, und ohne dass jemand am Schluss wieder behauptet, es sei nur ein «Kalauer» gewesen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 19.11.2025 12:19
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Es gibt Momente im Musikerleben, da fragt man sich ernsthaft, ob an gewissen Hochschulen ein geheimes Auswahlverfahren läuft: Eintritt nur für jene, die konsequent keine Ahnung haben, dafür aber ein Ego in der Grösse eines Steinway-D. Ein Pianist, der mit Ach und Krach seine eigenen Zeilen zusammenklimpert, darf plötzlich dozieren und über stilistische Feinheiten urteilen. Und nicht einfach über irgendwas, nein, über französischen Impressionismus. Debussy, mes amis! Der Mann, der den Klang aufgebrochen hat wie ein Kind die erste Crème brûlée. Und wer bewertet das? Jemand, der den Namen Debussy wohl nur kennt, weil er mal über ein „Clair de Lune“-TikTok gestolpert ist.
Ein Freund von mir – fünftes Semester, motiviert, talentiert, nicht betriebsblind, sondern einer, der wirklich wissen will, wie man ein Stück im Stil Debussys schreibt – hat sich drangesetzt und etwas richtig Gutes abgeliefert. Keine kompositorische Fast-Food-Pampe, kein Klischee-Impressionismus von der Stange. Sondern eine echte Arbeit: farbig, harmonisch differenziert, mit den richtigen Schwebezonen, der nötigen Luft, den glasigen Klangschattierungen, die Debussy ausmachen.
Und weil wir alle keine Anfänger sind, haben wir drübergesehen. Ein Freund von mir, über 30 Jahre Dozent am Konsi Zürich, Debussy-Spezialist, einer der wirklich weiss, wie der alte Claude tickte. Und ich selbst – seit Jahren verknallt in den französischen Klangzauber, mit mehr Partituren im Regal als der Durchschnitts-Dozent Übung im Pedalspiel hat. Wir haben den Studenten begleitet, beraten, erklärt, gefeilt, und ja, korrigiert. Das Ganze hatte Hand, Fuss und sogar jene Fussnoten, die man eigentlich gar nicht bräuchte.
Aber dann kam die grosse Stunde des Hochschul-Pianoschwingers, der sein Berufsleben offenbar damit verbringt, Studenten zu pisaken, damit sie ja nicht merken, dass er selbst gar keinen Schimmer von der Materie hat. Sein Urteil: „Das hat nichts mit Debussy zu tun.“
Nichts. Mit. Debussy. Zu. Tun.
Ich weiss nicht, was mich mehr aufregt: die bodenlose Ignoranz oder die Selbstverständlichkeit, mit der solche Sätze ausgesprochen werden. Das ist wie wenn jemand, der nie über die Landesgrenze hinausgekommen ist, behauptet, Tokio sei überschätzt, er kenne da „ein paar Videos“. Oder wie wenn ein Hobbykoch, der Spaghetti anbraten will, einem Sternekoch erklärt, wie man eine Sauce einkocht. Kurz: es ist absurd. Und zwar so absurd, dass man fast lacht, wenn man nicht gleichzeitig heulen müsste.
Denn das Problem ist strukturell. Hochschulen haben ein Talent dafür, nicht die Besten anzustellen, sondern jene, die sich am geschicktesten in den administrativen Ritzen festkrallen. Pianisten mit mittelmässigem Tastensport, aber überragender Fähigkeit, an Sitzungen zu sitzen. Menschen, die pädagogisch ungefähr so inspirierend sind wie ein feuchter Lappen, aber auffallend gut darin, Studierende kleingerieben zu verlassen.
Warum? Ganz einfach: Exzellenz ist anstrengend. Wer etwas kann, muss es täglich beweisen. Wer nichts kann, muss es verstecken. Und wie versteckt man Mittelmass am effektivsten? Genau: indem man jene attackiert, die mehr können. Wer seinen Studenten erklärt, ihre Arbeit sei „nicht Debussy“, ohne auch nur eine harmonische Wendung begründen zu können, sagt im Grunde: „Bitte merkt nicht, dass ich hier völlig überfordert bin.“
Und darum pisaken sie. Sie erfinden Probleme, wo keine sind. Sie tun so, als hätten sie geheime Wissensschubladen, die sich nur mit ihrem Schlüssel öffnen lassen. In Wahrheit haben sie nur Angst. Vor jungen, begabten Musikern. Vor Leuten, die für ihre Kunst brennen. Vor Kreativität. Vor Klang. Vor Debussy. Vor allem, was grösser ist als ihr eigenes, kläglich zusammengeschustertes Weltbild.
Es sind dieselben Dozenten, die an Prüfungen Sätze sagen wie: „In dieser Harmoniefolge fehlt die impressionistische Farbe.“ Und wenn man dann nachfragt, welche genau, kommt ein rumdrucksendes „Ja… also… die… äh… die Debussy-Farbe halt.“ Aha. Diese mysteriöse Debussy-Farbe. Wahrscheinlich ein Pantone-Ton zwischen „Ich hab keine Ahnung“ und „Peinliches Schweigen“.
Das Bittere daran: Solche Leute beschädigen Karrieren. Sie halten Talente klein, nicht aus fachlichen, sondern aus persönlichen Gründen. Weil sie ihren eigenen Schatten nicht ertragen. Weil sie sich bedroht fühlen von Leuten, die tatsächlich wissen, wovon sie sprechen. Ein Pianist, der selbst kaum über seine technische Komfortzone hinauskommt, hat natürlich ein Problem mit einem Studenten, der harmonisch weiter denkt als seine gesammelten Hausaufgaben seit 1998.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 18.11.2025 11:41
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Es gibt Sätze, die bleiben hängen wie ein schlecht geölter Dämpferdeckel. Bei mir war es der altbekannte Klassiker: Lern doch was Vernünftiges. Ein Satz, der klingt wie ein kalter Händedruck. Und meist kommt er von Leuten, die dann selber jeden Montagmorgen mit dem Gesichtsausdruck eines leicht überforderten Kartoffelsacks ins Büro schlurfen. Aber klar: Wir sollten uns etwas Vernünftiges suchen. Wir, die sogenannten freischaffenden Musiker, diese exotischen Wesen irgendwo zwischen Leistungssport, Selbstausbeutung, Kleinstunternehmertum und der romantischen Vorstellung, dass wir den lieben langen Tag nur etwas klimpern und abends dafür Applaus einheimsen.
Es ist ja süss, wie sich die Welt das vorstellt. Musikerleben, das heisst: ausschlafen, drei Töne blasen, zwei Hände voll Inspiration einatmen, dann ein kleines Konzertlein, vielleicht eine Jam-Session, ein bisschen sexy Bohemien-Gehabe und fertig. Was für eine herrliche Illusion. Wer so denkt, könnte auch glauben, der Samichlaus wohne wirklich am Nordpol.
Die Wahrheit ist: Musik ist Knochenarbeit. Und zwar nicht im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich. Lippen, Rücken, Schultern, Zeugs, das knackt an Stellen, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren. Und je älter man wird, desto häufiger redet der Körper mit. Nicht höflich. Mehr so: Hör mal, Freundchen, heute nur zwei Stunden Üben, gäll. Und trotzdem machst du vier. Weil die Konkurrenz nicht schläft und das eigene Niveau schon gar nicht. Wer nicht jeden Tag übt, merkt es zuerst am Sound und dann - oh Wunder - im Gesichtsausdruck des Publikums.
Was viele vergessen: Jeder Gig ist nur die Spitze eines unsichtbaren Eisbergs. Vorbereitungen, Arrangements, Logistik, Technik, Repertoirepflege, Buchhaltung, Social Media, Probenkoordination, Tonstudio, Video-Schnitt, Homepage-Bastelei, Administrationsmassaker, und wenn du Pech hast, noch eine Rechtsabklärung oder irgendein Vertragsschlaumeier, der glaubt, Musik könne man ja einfach so von Youtube kopieren. Und am Abend setzt du dich dann noch hin, machst die Buchhaltung, damit dir das Steueramt nicht den Taktstock ins Kreuz rammt.
Und dann kommt noch der ganz grosse Spass: Corona-Trauma. Drei Jahre, in denen wir alle kreativ werden mussten, um nicht wirtschaftlich zu implodieren. Livestreams aus Wohnzimmern, Gigs im Carport, Auftritte mit 12 Personen Saalpublikum und 14 Quadratmeter Abstand zwischen Trompeter und Zuhörer. Danach dann grossartige Tipps von Leuten, die vom Musikerleben genau gar nichts verstehen: Lern doch was Vernünftiges. Oder such dir halt einen Brotjob. Klar, ich gehe dann einfach in irgendeine Firma und erkläre: Grüezi mitenand, ich bin Berufsmusiker, brauche aber jetzt eine 80-Prozent-Stelle, die ich jederzeit verlassen kann, wenn ich einen Gig bekomme. Wo darf ich unterschreiben? Die würden mich anschauen, als hätte ich ihnen gerade erzählt, ich sei der Neffe vom Osterhasen.
Und wenn wir schon beim Thema wirtschaftliche Logik sind: Es gibt keine Branche, in der Profis so direkt mit Amateuren konkurrieren. Und zwar gnadenlos. Stell dir vor, du bist Zahnarzt, und der Nachbar sagt: Ach komm, das mache ich dir gratis, ich habe letztens ein Youtube-Tutorial gesehen. Unvorstellbar, oder? Bei uns ist es Alltag. Hobbybands, die gratis oder für ein Sandwich auftreten, ziehen das Preisniveau runter wie ein schlecht sitzender Hosenlatz. Und das Schlimme ist: viele davon sind richtig gut. Das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Sie haben nur einen entscheidenden Vorteil: Sie leben nicht davon. Während wir versuchen, Miete, Krankenkasse, Instrumente, Reparaturen, Ersatzteile, Anfahrt, Technik und Steuern zu bezahlen. Ein schöner Spiessrutenlauf.
Und ja: Natürlich findet man Kompromisse. Der Profi nimmt Urlaub, der Amateur macht frei, die Band spielt mit einem weniger oder holt jemanden, der für ein lächerliches Honorar doch noch einspringt. Veranstalter sagen dann so Sachen wie: Ihr Profis bekommt mehr, ihr bringt ja Qualität. Und wir so: Danke, das ist lieb, aber Qualität bezahlt sich halt nicht aus Nettigkeit, sondern aus Rechnungen, die Ende Monat kommen.
Ich sage es offen: Wir Musiker leben permanent in einem seltsam schizoidem Spannungsfeld. Eigener Anspruch, Perfektion, Weiterentwicklung, ständiger Vergleich mit Kolleginnen und Kollegen, dazu wirtschaftliche Ungewissheit und diese unsägliche Frage: Bin ich gut genug? Wobei man in den seltensten Fällen Zeit hat, darüber wirklich nachzudenken, weil man schon wieder zum nächsten Gig fährt, die nächste Woche plant, das nächste Projekt vorbereitet.
Und doch: Musik ist Lebenselexier. Es ist das Einzige, bei dem du mitten in der Strapaze plötzlich diesen glasklaren Moment hast: zwei Sekunden absolute Wahrheit, Schönheit, Energie. Wenn Publikum und Band gemeinsam einmal tief durchatmen und irgendetwas im Raum passiert, das nicht planbar ist und sich trotzdem richtig anfühlt. Dieser Moment ist es, der alles rechtfertigt. Alles.
Aber bis dahin ist es ein steiniger Weg. Und vielleicht ist es genau das, was viele nicht sehen: dass hinter jedem Musiker, der lässig auf der Bühne steht, ein Mensch steckt, der seit Jahrzehnten brennt. Einer, der weiss, was harte Arbeit ist. Einer, der diese Leidenschaft nicht loswird, egal wie oft ihm jemand sagt, er solle doch etwas Vernünftiges lernen.
Und weisch was? Vielleicht ist gerade das Vernünftige im Leben manchmal völlig überbewertet.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.11.2025 08:41
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Es gibt Momente in der Schweizer Politik, da fragt man sich ernsthaft, ob gewisse Herrschaften ihre Rhetorik vor dem Spiegel üben oder direkt aus dem Kühlschrank holen, wo die Schlagworte gleich neben dem Cervelat liegen. Und dann kommen Toni Brunner und Ueli Maurer daher und reden ganz gemütlich von der Abspaltung EU-kritischer Kantone, als wäre das nicht ein politisches Erdbeben, sondern ein gemütlicher Sonntagsausflug mit dem Racletteset im Gepäck.
Man stelle sich das mal vor: Das Schweizer Stimmvolk sagt Ja zum EU-Vertragspaket, und statt zu sagen ok, wir hätten es wohl gern anders gehabt, aber so läuft Demokratie, fangen die beiden Altmeister der Volksverzuckerung an, über Sezession zu sinnieren. Sezession, im Ernst. Als wäre die Schweiz eine schlecht gelaufene Wohngemeinschaft und die Innerschweiz drohe nun mit der Kündigung des Mietvertrags, weil irgendwo im Kühlschrank Sojamilch steht.
Toni Brunner, sonst ja eher bekannt für rustikale Bauernhof-Metaphern, spricht beim Nebelspalter ganz ernsthaft davon, man müsse sich dann schon fragen, wer überhaupt noch zur Eidgenossenschaft gehöre. Die Innerschweiz, das Tessin, die Ostschweiz, und ach, nehmen wir das Zürcher Oberland doch auch noch dazu. Wie ein Kind im Sandkasten, das beschliesst, wer aus dem Plastikeimer trinken darf und wer nicht, während die Lehrperson verzweifelt versucht, die Schaufeln einzusammeln.
Und dann kommt natürlich noch das unvermeidliche Wort Sonderbund ins Spiel. Ein Bürgerkrieg, nur so zur geschichtlichen Einordnung, falls die Herren vergessen haben, dass wir dieses Kapitel eher im Kapitel bitte nie mehr wieder ablegen. Aber wieso nicht, denkt sich Toni Brunner offenbar, war ja eine gute Zeit, damals 1847, als man sich noch mit richtigen Argumenten bekämpfte, also mit Kanonen statt mit schlecht geschnürten Talking Points.
Ueli Maurer gibt sich derweil als Revoluzzer im Ruhestand. Er nennt das Ganze Revolution, was schon fast putzig ist, wenn man bedenkt, dass er in seiner gesamten politischen Karriere nie auch nur den Schreibtischstuhl in einem Bundesratsbüro wirklich verschoben hat. Aber hier, beim Liberalen Institut, da wird er plötzlich zum Kämpfer für eine neue Eidgenossenschaft, natürlich aufgebaut auf den Urkantonen, wie eine Art politisches Museumsdorf, in dem man ab und zu einen modernen Kanton adoptieren darf, sofern dieser vorher einen Bewährungstest besteht.
Und er meint das ernst. Der Mann, der jahrzehntelang hinter jeder Ecke einen Finanzskandal witterte und beim kleinsten EU-Papierchen den nationalen Untergang beschwor, wäre jetzt also der Erste, der sich an die Spitze einer Sezession stellt. Klar, wieso nicht. Die Fenster im Bundeshaus sind ja längst geputzt, da braucht man neue Hobbys.
In anderen Parteien fragt man sich derweil, ob die beiden vielmehr an einer Überdosis politischer Nostalgie leiden. Ein Nationalrat, der anonym bleiben will, schlägt sogar Drogentests vor. Und ganz ehrlich, in diesem Fall wäre ich nicht mal dagegen. Etwas muss ja diese Gerümpelkiste an Ideen befeuert haben.
FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher nennt die Aussagen happig. Und happig klingt noch sehr freundlich, wenn man bedenkt, dass die SVP hier ganz munter am demokratischen Fundament herumfräst wie ein Specht auf Speed. Denn wenn die Mehrheit entscheidet, entscheidet die Mehrheit. So funktioniert die Schweiz. Das ist kein Geheimnis. Steht sogar in Büchern, die nicht mal schwierig zu lesen sind.
SP-Vize Jon Pult geht noch weiter und sagt, die SVP sei komplett auf Trumpismus getrimmt. Maximaler Lärm, maximale Spaltung, minimale Substanz. Die Herren Maurer und Brunner beweisen das eindrücklich, denn es geht ihnen nicht um Verträge, Demokratie oder Schweizer Souveränität. Es geht um eines: Stimmung. Krawall. Klicks. Und natürlich am Ende um Wähleranteile über 30 Prozent, denn sonst kann Papa Blocher ja nicht seinen dritten Bundesratssitz einfordern, wie man ihn einem Kind verspricht, das ein Jahr lang brav seine Hausaufgaben machen soll.
Der Gipfel kommt dann mit den Erinnerungen an die Parolen der letzten Wochen. Christoph Blocher, der laut eigener Aussage nur von Geisteskranken unterschrieben geglaubt hat, was ihm nicht passt. Thomas Matter, der sagt, die EU-Befürworter seien nicht mehr bei Trost. Marianne Binder bringt das alles in den Zusammenhang mit totalitären Methoden, wo man politische Gegner als Verrückte abstempelt. Und ja, das passt erschreckend gut. Die Putin-Bewunderung einiger SVP-Granden wirkt da wie ein düsterer Farbtupfer in einem ohnehin schon schief gehängten Gemälde.
Und während die SVP also die ganz grosse Apokalypse beschwört und gleichzeitig von einer neuen heilen Mini-Eidgenossenschaft träumt, versucht der Rest der Schweiz noch irgendwie normal über EU-Verträge zu sprechen. Aber normal geht nicht mehr. Denn das Klima, das die SVP erzeugt, ist nicht diskussionsfördernd, sondern diskussionsvergiftend. Jeder Versuch eines sachlichen Arguments wird sofort durch ein hysterisches Narrativ von Verrat, Untergang oder Ausverkauf übertönt.
Und während Toni Brunner und Ueli Maurer fröhlich von Abspaltungen träumen, völlig unironisch und offenbar auch bar jeder historischen Einsicht, könnten wir tatsächlich irgendwann an einem Punkt stehen, an dem die Schweiz nicht mehr zusammenfindet. Nicht weil die EU-Verträge irgendetwas zerbrechen würden, sondern weil die politische Landschaft von Leuten zerfräst wird, die lieber ein Land spalten als eine Niederlage akzeptieren.
Und vielleicht ist das das eigentlich Absurde: Der grosse Landesvater Blocher, der neue Helvetier Maurer und der Innerschweizer Sezessionsbeauftragte Brunner reden vom Verlust des Staatsgebiets. Aber der wahre Verlust ist längst sichtbar: der Verlust der politischen Vernunft.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 15.11.2025 18:19
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Es gibt Momente, da fragt man sich, ob die Schweiz heimlich an einer politischen Comedyserie arbeitet und wir alle unfreiwillig Statisten sind. Urdorf zum Beispiel. Ein beschauliches Dorf, wo die Welt noch in Ordnung sein soll, die Vereinsfahnen gerade hängen und das grösste Drama normalerweise darin besteht, dass jemand in der Migros die letzte Aktion-Ovomaltine gekauft hat. Und jetzt das: Eine 27-jährige Migrantin tritt der SVP bei und kandidiert direkt als Gemeindepräsidentin.
Ich meine, hallo? Ich liebe politische Überraschungen, aber das hier ist wie ein Plot Twist, den selbst Netflix nach dem vierten Prosecco ablehnen würde.
Ozzin Jun heisst sie. Jung, Unternehmerin, gläubig, diszipliniert, ehrgeizig. Eine beeindruckende Biografie, mit tragischen Einschlägen, die man nur mit echtem Mitgefühl lesen kann. Das gehört gesagt, ohne Ironie. Was sie erlebt hat, verdient Respekt.
Aber dann kommt die Stelle, bei der mir fast das Macbook vom Tisch gefallen ist: «Früher dachte ich, die SVP hat ein Problem mit mir.» Ja, verständlich. Wer denkt das nicht, wenn man sich die Plakate dieser Partei anschaut. Und dann, plötzlich, merkt sie: Nein, die SVP hat gar kein Problem. Im Gegenteil, man teilt Werte. Ausgerechnet diese SVP. Die Partei, die seit Jahrzehnten jede Form von Zuwanderung in etwa so entspannt betrachtet wie ein allergisches Kind eine Erdnuss.
Und ich sitze da und frage mich: Habe ich etwas verpasst? Haben sie die Partei heimlich ausgetauscht? Wurde irgendwo ein Reset-Knopf gedrückt? Ist das ein Pilotprojekt? Oder ist das Ganze einfach ein gross angelegtes Experiment in politischem Selbstwiderspruch?
Natürlich erklärt Jun, dass die SVP ja nicht gegen Zuwanderung sei, sondern sie nur steuern wolle. Dieses Mantra haben wir schon so oft gehört, dass es mittlerweile wie ein nerviges Jingle klingt, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Steuern, lenken, kontrollieren. Die SVP redet über Zuwanderung wie andere über ihre Parkplatzsorgen. Aber gut, vielleicht sieht die Welt plötzlich anders aus, wenn man im Embrisaal einen SVP-Abend organisiert und Nationalrat Fischer auf Besuch hat. Da wird man wohl schnell weichgespült.
Dann dieser Satz: «Ich will an die Spitze, weil meine Stärken in der Führung liegen.» Das ist, sagen wir, selbstbewusst. Eine charmante Umschreibung von: Ich habe keine Lust, mich hochzuarbeiten, ich nehme gleich den Chefsessel. Kann man machen. Politisch ist das allerdings ungefähr so, wie wenn ich morgen beschliesse, ich werde Papst. Ein Mann ohne religiöse Ausbildung, aber hey, ich habe eine klare Vision und arbeite effizient.
Aber wir sind ja tolerant. Urdorf soll schliesslich modern sein. Warum nicht gleich mit einem Team aus Menschen, die seit zwei Jahren im Dorf leben und genau wissen, was hier läuft. So genau, dass man den eigenen Arbeitsort ins Café verlegt, um die Stimmung zu spüren. Es ist rührend. Fast schon süss. So wie wenn jemand nach zwei Wochen Zürich behauptet, er verstehe jetzt die Limmatstadt im Kern.
Natürlich sagt Jun, sie sei gläubige Christin und teile auf Social Media ihren Glauben, aber in der Politik bleibe sie sachlich. Tönt gut. Ist aber in etwa so glaubwürdig, wie wenn mir jemand sagt, er esse nur am Wochenende Schokolade und hat dabei Kakaopulver im Gesicht.
Dann die Effizienz, die Vision, die Disziplin, die mentale Gesundheit, die Selbstoptimierung. Es klingt ein bisschen wie LinkedIn im Wahlkampfmodus. Ich hätte beinahe erwartet, dass sie erklärt, wie wichtig Morgenroutinen sind und dass sie um 5:30 kalt duscht, bevor sie fürs Vaterland arbeitet.
Das grösste Fragezeichen hängt aber weiterhin über der SVP. Wie schafft man diesen ideologischen Spagat ohne dass einem die Bänder reissen? Eine Migrantin, die eine Partei unterstützt, deren Wahlkampftradition darin besteht, Migranten zu problematisieren, ist schon eine interessante Wendung. Der Marke: Wenn du sie nicht schlagen kannst, tritt ihnen bei und erklär ihnen dann, dass sie dich schon immer mochten. Ich freue mich jetzt schon auf das erste SVP-Plakat mit ihrer Silhouette. Vielleicht schreiben sie «Unsere neue Präsidentin, weil Integration funktioniert» darunter. Der Humor der Partei würde das sogar zulassen, allerdings nur unfreiwillig.
Was bleibt also? Urdorf steht vor einer Wahl, die nicht nur politisch, sondern auch dramaturgisch historisch ist. Die eine Kandidatin ist parteilos, die andere ist ein lebender Widerspruchskatalog, charmant verpackt in Erfolgsstory, Marketing und Selbstbewusstsein. Und ja, vielleicht ist es sogar mutig. Vielleicht braucht es diese Art von Reibung, um das Dorf wachzurütteln. Vielleicht ist sie sogar authentisch. Vielleicht.
Aber ich bleibe trotzdem skeptisch. Nicht wegen der Person. Sondern wegen der Partei, die plötzlich so weich wirkt, dass man fast meint, sie sei in der Mikrowelle aufgetaut worden.
SVP? Im Ernst jetzt? Kann ich die ernst nehmen? Urdorf wird es uns im März sagen. Bis dahin bleibt mir nur, Popcorn zu holen und zuzuschauen, wie die politische Selbstparodie weitergeht. Denn eines ist sicher: Langweilig wird es garantiert nicht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 13.11.2025 10:11
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Es gibt Sätze, die gehören in die Hall of Fame des politischen Bullshits. Ganz oben: «Ich wusste von nichts.» Direkt daneben: «Alles nur ein Ablenkungsmanöver.» Und in der Ecke, leicht klebrig: «Ich habe nie jemanden gesehen, nie jemanden getroffen, nie etwas gehört, ich schwöre.»
Und dann kommt Donald Trump, der Mann, der die Wahrheit behandelt wie eine alte Serviette im Fast-Food-Laden, und erklärt uns, Epstein sei jetzt plötzlich wieder ein «Hoax». Ein Hoax! Der verurteilte Sexualstraftäter, dessen enger Kreis sich liest wie die Gästeliste eines dekadenten Milliardärsballs, sei einfach nur eine demokratische Nebelgranate. Jaja, klar. Und die Erde ist eine flache Scheibe, die auf vier MAGA-Hüten ruht.
Man muss sich das mal vorstellen: Aus Epsteins Nachlass tauchen Mails auf, schön gereift wie ein fauler Käse, und darin steht, dass Trump offenbar Zeit in einem Haus verbracht hat, in dem gleichzeitig ein Missbrauchsopfer anwesend war. Der Name geschwärzt, aber mittlerweile bestätigt: Es war Virginia Giuffre. Ein Mensch, kein politischer Ballaststoff, kein Punkt auf einer Agenda. Und ausgerechnet dieser Hinweis wird von Trump als Versuch gedeutet, vom grossen politischen Drama abzulenken.
Vom Shutdown, versteht sich. Dieser Shutdown, der die USA mehr kostet als der Bau eines kleinen Landes, ist laut Trump ausschliesslich den Demokraten anzulasten. Die hätten «1,5 Billionen Dollar Schaden angerichtet». Man fragt sich unwillkürlich: Wird in der republikanischen Parteizentrale die Mathematik von einer Art interner Truth-Social-Feenstaub-Edition abgeleitet?
Aber es geht ja weiter. Trump ruft, man solle sich «nicht von Epstein ablenken lassen». Das ist ungefähr so logisch wie ein Brandstifter, der ruft: «Hört auf, über das Feuer zu reden, ihr lenkt nur davon ab, dass das Wasser knapp wird!» Aber vielleicht ist das genau das Muster: Wenn es brennt, einfach behaupten, die Feuerwehr sei schuld.
Interessant ist ja die berühmte Formulierung aus Epsteins Mail: «Der Hund, der nicht gebellt hat.» In diesem Fall sei das: Trump. Die Andeutung ist subtil wie ein Presslufthammer. Epstein schreibt sinngemäss: Trump war da, es war jemand anwesend, er hat nichts gesagt, nichts gefragt, nichts bemerkt. Und jetzt soll das plötzlich die beste Verteidigung sein?
Das ist wie zu sagen: «Natürlich war ich im selben Zimmer wie der Bankräuber, aber ich habe ihn nicht bemerkt, weil ich voll mit meinem Sandwich beschäftigt war.»
Noch schöner wird es, wenn das Weisse Haus kurz darauf bestätigt, dass es sich tatsächlich um Virginia Giuffre handelt. Eine Frau, die ihr halbes Leben damit verbracht hat, gegen mächtige Männer zu kämpfen, die alle auf die gleiche Art reagieren: Sie wissen von nichts. Sie haben nichts gesehen. Sie waren vielleicht zufällig anwesend, rein touristisch.
Es ist ein bedrückendes Muster, das sich seit Jahren durchzieht. Und jedes Mal, wenn jemand sagt, «natürlich wusste er von den Mädchen», wie in dieser frisch ausgegrabenen Mail, wird daraus in der Öffentlichkeit eine Art moralisches Quiz. Wer wusste wann was? Wer war in welchem Raum? Welche Tür war offen? Welche Tür war zu? Und am Ende stehen wir da wie eine Gesellschaft, die sich fragt, ob die Frage nach der Farbe des Sofas relevant sei für die Beurteilung eines Verbrechens.
Epstein selbst ist 2019 gestorben. Jedenfalls laut offizieller Darstellung. Sein Schatten lebt seither weiter wie eine politische Zombie-Applikation: ungewollt, aber nie gelöscht. Maxwell sitzt im Gefängnis. Trump sitzt auf Truth Social. Und wir alle sitzen da und denken uns: Wie viele Namen, E-Mails, Fotos und Zufälle braucht es eigentlich noch, bis man einen Gedanken zu Ende denken darf?
Und jetzt wird sogar im Repräsentantenhaus darüber nachgedacht, alle Epstein-Akten zu veröffentlichen. Eine parteiübergreifende Petition, für die genau eine Stimme gefehlt hat. Eine einzige! Wenn man bedenkt, wie viele Leute gleichzeitig behauptet haben, nichts gewusst zu haben, wäre es schon fast poetisch, wenn ausgerechnet eine neue Demokratin im Amt dafür sorgt, dass diese Akten geöffnet werden wie eine überreife Mango.
Aber Trump bleibt Trump, und damit bleibt uns sein Standardrepertoire erhalten. Die Demokraten sind an allem schuld. Der Shutdown ist eine einzige Intrige. Epstein ist ein Ablenkungsmanöver. Und die Realität ist sowieso nur ein bösartiger Angriff auf sein persönliches Wohlbefinden.
Es ist fast schon grossartig, wie er es schafft, aus jedem Skandal einen Spiegel zu machen, in dem nur seine Gegner schlecht aussehen. Die Republikaner sollen sich gemäss Trump jetzt «nur darauf konzentrieren, das Land wieder zu öffnen». Auch das klingt wie die Parole eines Mannes, der den Chaosknopf selber gedrückt hat und jetzt ruft: «Warum wurde dieser Knopf gedrückt?»
Aber vielleicht sollten wir uns nichts vormachen: Es ist ein Spiel. Ein zynisches, schmutziges Machtspiel, bei dem moralische Verantwortung ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie ein durchweichtes Papierticket im Zürcher Regen.
Und solange dieser Hund nicht bellt, wird Trump weiter behaupten, dass alle anderen die Katzen sind.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.11.2025 12:15
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Es gab also wieder einen lauten Knall. In Dietikon. Wo sonst. Wenn irgendwo in der Schweiz etwas „mit einem lauten Knall“ endet, kannst du fast sicher sein: Entweder war’s ein übermotivierter Tuner mit Migrationshintergrund in der dritten Generation – oder ein Polizist, der zum ersten Mal den Sportmodus gefunden hat. Und wenn’s beide waren, dann hast du den Dietiker Dienstagabend in Reinform.
Manchmal frage ich mich, ob Dietikon nicht eigentlich ein soziales Experiment ist. Eine Art Bundeslabor, wo man testet, wie viel Zivilpolizei, Baustellenverkehr und Aggression man in einem Ort verdichten kann, bevor das Raum-Zeit-Gefüge reisst. In Zürich heisst’s dann: „Ach, Dietikon – dort draussen.“ Wie ein Vorort des Untergangs. Dabei liegt’s bloss 15 Minuten entfernt – und doch fühlt’s sich manchmal an wie ein anderes Land, wo Verkehrstafeln optional und Tempolimiten nur Dekoration sind.
Jetzt also diese Verfolgungsjagd. Ein Auto rast, Zivilpolizei hintendrein, Sirenen, Knall, Handschellen, Bahnhof Dietikon – und am Ende wieder ein Foto im Blick, aufgenommen von einem Leserreporter, der eigentlich nur zum Bahnhof wollte. Immer dieselbe Choreografie: irgendwer rast, irgendwer rennt, irgendwer filmt, und am Schluss steht die Polizei da, schaut wichtig und sagt: „Wir können keine weiteren Angaben machen.“ Na klar nicht – sonst würde ja auffallen, dass sie selber keine Ahnung haben, was da eigentlich passiert ist.
Ich stelle mir das so vor: Der Einsatzleiter sitzt irgendwo in der Einsatzzentrale, sieht die roten Punkte auf dem GPS sich bewegen und ruft ins Funkgerät: „Alpha zwei, sichern Sie den Perimeter!“ – und Alpha zwei ist grad beim Coop Pronto und fragt: „Welcher Perimeter?“
Und dann knallt’s halt. Wie immer.
Die Frage ist nur: Was geht eigentlich in unserer Nachbarschaft ab? Wieso häufen sich solche Szenen, als wäre das hier Los Angeles mit Agglo-Charme? Früher war das schlimmste, was bei uns passierte, dass jemand beim Parkplatz beim Coop Bau+Hobby den Einkaufswagen nicht zurückbrachte. Heute musst du aufpassen, dass dich beim Velostreifen kein Audi A3 mit getönten Scheiben aufgabelt, während zwei Zivilpolizisten im VW Passat mit Schiebetürfolie „Undercover“ drauf hinterherdonnern.
Klar, man könnte sagen: „Gut so! Die Polizei ist dran!“ Aber ich sag dir was: Wenn die Polizei in Dietikon mit Blaulicht über die Tramgleise jagt, dann ist das weniger James Bond – und mehr Benny Hill mit Verkehrsstau.
Und die Passanten? Die sind mittlerweile so abgestumpft, dass sie kaum mehr hinsehen. „Ah, wieder eine Verfolgungsjagd. Hoffentlich diesmal nicht beim Migros-Parkplatz, dort steht mein Auto.“ Nur die älteren Semester am Fenster kommentieren noch: „Früher war das hier ein schöner Ort.“ Ja, früher – als der grösste Aufreger der Woche war, dass der Buschauffeur bei der Oetwilerstrasse wieder zu früh abfuhr.
Ich geb’s ja zu: Auch ich hab rausgeschaut, als die Sirenen losgingen. Menschliche Neugier. Man will ja wissen, ob’s diesmal ein Drama ist oder bloss ein weiterer Fremdkontakt mit Gleisanlage. Und natürlich filmt immer einer. Dietikon ist das YouTube der Schweiz – alles passiert, alles wird gefilmt, nichts wird verstanden.
Die Schlagzeile „Es gab einen lauten Knall“ ist sowieso die journalistische Königsdisziplin. Da steckt alles drin: Spannung, Gefahr und völlige Ahnungslosigkeit. Niemand weiss, was passiert ist – aber Hauptsache, es hat geknallt. Und der Knall reicht, um eine halbe Region in Aufruhr zu versetzen.
Ich frage mich: Wann ist eigentlich der Punkt erreicht, an dem man sagt, das reicht jetzt mit dem Lärm, dem Chaos und der Daueraufgeregtheit? Wir haben uns an alles gewöhnt – an Polizeisperren, an Tramunterbrüche, an „Ersatzbusse verkehren“ (die dann nicht verkehren). Selbst eine Festnahme vor dem Bahnhof ist bloss noch eine Randnotiz. Der moderne Mensch lebt zwischen Sirene und Pushmeldung.
Aber es ist auch ein Symptom: Dietikon ist wie die Schweiz im Kleinen – alles funktioniert irgendwie, aber keiner blickt mehr durch. Wir rennen, hupen, filmen, posten – und am Ende heisst’s: „Keine weiteren Angaben.“
Vielleicht war der „laute Knall“ ja bloss das Geräusch, mit dem unsere Restvernunft implodiert ist.
Ich wünsche mir einen Abend, an dem in Dietikon nichts passiert. Kein Knall, kein Blaulicht, kein Video auf 20 Minuten. Bloss Stille. Vielleicht ein Fuchs, der über die Gleise läuft. Aber realistisch gesehen – morgen wieder dasselbe Spiel.
Und wenn du mich fragst, was in meiner Nachbarschaft passiert?
Dann sag ich: Alles. Und gleichzeitig gar nichts.
Denn der Knall ist längst nicht mehr das Problem.
Das Problem ist, dass wir ihn schon gar nicht mehr hören.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 10.11.2025 23:22
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Frankreich hat ja ein ganz besonderes Verhältnis zu seinen Ex-Präsidenten. Man liebt sie, man hasst sie, man wählt sie – und irgendwann sperrt man sie ein. So weit, so normal. Aber dass Nicolas Sarkozy schon nach drei Wochen Knast wieder draussen ist, das ist selbst für französische Verhältnisse ein kleines Theaterstück im Stile von Molière. Nur dass Molière wenigstens noch Witz hatte. Hier bleibt einem eher das Croissant im Hals stecken.
Also, man stelle sich das einmal vor: Da wird ein ehemaliger Präsident zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er sich angeblich von Muammar Gaddafi ein paar Millionen für den Wahlkampf hat rüberschieben lassen – und schwupps, kaum drei Wochen später rollt schon die Eskorte zum schicken Haus im 16. Arrondissement. Kaum hat man im Gefängnis den Kissenbezug einmal gewendet, darf man wieder heim zu Carla Bruni. Trés chic.
Natürlich unter Auflagen – man darf Frankreich nicht verlassen, man soll keinen Kontakt mit Prozessbeteiligten haben, und der Justizminister, der alte Buddy, soll auch schön fernbleiben. Der Justizminister! Der hatte ihn ja im Gefängnis sogar besucht, um zu schauen, ob „die Sicherheitsbedingungen angemessen“ seien. Wie fürsorglich. Man fragt sich: Ob er ihm auch gleich ein frisches Croissant mitgebracht hat? Oder vielleicht ein Kissenspray mit Lavendelduft, damit Sarko besser schlafen kann?
Und der Herr Sarkozy, ganz der Demütige, sagt: „Es ist hart, sehr hart, zermürbend.“ Ja, Nicolas, drei Wochen im Einzelzimmer, das zermürbt. Millionen Franzosen kämpfen mit steigenden Preisen, miesen Löhnen und Wohnungsnot – aber der Ex-Präsident leidet in seiner „schlichten Zelle“. Es ist schwer, keine Tränen zu vergiessen. Die einzige Frage ist: vor Lachen oder vor Fremdscham?
Man muss sich diese Absurdität auf der Zunge zergehen lassen. Ein Mann, der während seiner Amtszeit die halbe Elite Frankreichs mit in den Élysée-Palast geschleppt hat – Banker, Oligarchen, Geschäftsfreunde, jeder durfte einmal den Champagner halten –, wird verurteilt, weil er womöglich Gaddafi-Geld genommen hat. Und das Beste: Das Gericht fand keine Beweise, aber „es sei davon auszugehen“, dass man sich bemüht habe, an das Geld zu kommen. Also: schuldig im Sinne des guten Rufs. Und trotzdem wieder draussen. Frankreich schafft’s immer wieder, aus Justiz ein Theater zu machen.
Sarkozy hat’s übrigens mit den „unerträglichen Ungerechtigkeiten“. Seit Jahren jammert er über die böse Justiz, die ihn nur aus politischen Gründen verfolgt. Natürlich, klar. Der arme Mann, Opfer einer Justizverschwörung, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als einen Ex-Präsidenten in Unterhosen durch La Santé zu schleusen. Fast schon rührend, wie er tapfer verspricht, „bis zum letzten Atemzug“ für seine Unschuld zu kämpfen. Ein bisschen Pathos muss schliesslich sein, wenn man den Märtyrer der Reichen gibt.
Und doch: Irgendwie kennt man dieses französische Muster. Man hebt einen Politiker auf den Thron, und kaum sitzt er da, fängt er an, das Volk zu vergessen und sich selbst zu bedienen. Die Franzosen nennen das „la grandeur“, die grosse Geste. Ich nenne es: Größenwahn mit Rotweinfleck. Ob Mitterrand mit seinen geheimen Familien, Chirac mit seinen Pariser Scheinangestellten oder eben Sarkozy mit seinen libyschen Millionen – irgendwann steht jeder einmal vor dem Richter. Nur: So richtig Konsequenzen hat’s nie.
In Deutschland würde so jemand vermutlich Karriere bei RTL2 machen, mit einer Realityshow über „Mein Leben nach der Haft“. In der Schweiz bekäme er vielleicht eine Verwaltungsratsstelle bei einer Privatbank – hier liebt man schliesslich diskrete Zweitchancen. Aber in Frankreich? Da reicht ein gut sitzender Anzug, ein charmantes Lächeln und eine Ehe mit einem Ex-Model, um die öffentliche Meinung wieder auf seine Seite zu ziehen. Kaum steht er auf der Strasse, jubeln ihm die Boulevardblätter schon wieder zu. Man vergibt dort offenbar schneller als ein Bäcker seine Brötchen.
Was bleibt also von diesem kleinen Drama? Ein Ex-Präsident, der immer noch glaubt, über dem Gesetz zu stehen. Eine Justiz, die sich gross gibt, aber klein beigibt. Und ein Volk, das zwischen Empörung und Achselzucken schwankt. Frankreich hat sich daran gewöhnt, dass Machtmenschen nur selten richtig fallen. Man fällt dort höchstens weich – auf eine Matratze aus Seide.
Sarkozys Rückkehr in die Freiheit ist keine juristische Sensation, sondern eine moralische Bankrotterklärung. Ein Symbol für das, was man in Paris so gern verschleiert: dass die Mächtigen selbst dann gewinnen, wenn sie verlieren. Drei Wochen Knast sind kein Preis, das ist ein Wellnessaufenthalt mit PR-Beratung. Während der kleine Bürger für eine unbezahlte Busse wochenlang im Dreck sitzt, kommt der Ex-Präsident mit Chauffeur und Kameras wieder raus.
Vielleicht sollte man ihm zu Ehren eine neue Haftform erfinden: „Haute-Couture-Gefängnis“, exklusiv für Politiker mit Designeranzug. Mit Roomservice, Zigarrenlounge und Livemusik von Carla. Denn seien wir ehrlich: In einem Land, das seine Korrupten lieber bemitleidet als bestraft, wäre das wenigstens ehrlich.
Frankreich hat einen neuen alten Helden: Sarko, der kleine Sonnenkönig im Massanzug, der sich selbst für unschuldig hält, weil er es gewohnt ist, dass andere schuld sind. Und das Volk? Es schaut zu, seufzt und denkt: „C’est la France.“ Nur diesmal mit leichtem Würgereiz.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 09.11.2025 14:17
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Es gibt Reisen, die plant man – und es gibt Reisen, die passieren einem einfach. Wer mit dem Zug durch Deutschland fährt, erlebt Letzteres. Die Verbindung München–Zürich, zum Beispiel, ist nicht einfach eine Bahnstrecke. Sie ist ein Charaktertest. Eine pädagogische Übung in Demut, Hoffnung und resigniertem Optimismus.
Pünktlich um 10:54 soll der EuroCity losfahren, das steht so im Fahrplan, der ja bekanntlich eher als literarische Gattung denn als technische Information zu verstehen ist. Um 10:53 flackert am Bahnsteig dann eine Durchsage auf: „Zug verspätet sich um etwa 30 Minuten.“ Das „etwa“ ist der entscheidende Teil. Es ist kein Hinweis, es ist ein Lebensgefühl.
Deutschland ist das Land der Präzision – heisst es. Nur eben nicht auf Schienen. Da ist alles relativ. In der Quantenphysik gibt es den „Kollaps der Wellenfunktion“ – in der Deutschen Bahn nennt man das „Betriebsstörung“.
Der Zug rollt dann tatsächlich ein. Natürlich auf einem anderen Gleis, versteht sich, denn wer will schon Langeweile? Die Plattform wird zum Spielfeld für Gepäck-Slalom, Pendler-Parkour und genervte Familienväter, die in bayerischer Tonlage „Des gibt’s doch ned!“ in die Landschaft fluchen.
Drinnen im Wagen riecht es nach kaltem Kaffee, altem Teppich und leicht überforderter Technik. Ein Stromanschluss funktioniert nie, WLAN ist optional, und die Klimaanlage lebt ihr Eigenleben. Sie schwankt zwischen „Tropenhaus“ und „Eisschrank“, meist im Zwei-Minuten-Takt. Das Zugpersonal hat dafür einen schönen Ausdruck: „Wir prüfen das.“ Das bedeutet: Niemand prüft das.
Zwischen Memmingen und Lindau kommt dann die Durchsage, die man inzwischen auswendig kennt: „Aufgrund eines Ereignisses in Deutschland verzögert sich die Weiterfahrt um wenige Minuten.“ „Ereignis“ – dieses wunderbare Wort. So neutral, so elegant. Es könnte ein Sturm sein, ein Stellwerksbrand, eine Kuh auf den Gleisen oder ein kaputtes Sandwich im Bordbistro. Es ist alles und nichts zugleich.
Und irgendwann – vielleicht – fährt der Zug weiter. Via Bodensee, vorbei an Landschaften, die wunderschön wären, hätte man nicht längst das Bedürfnis, auszusteigen und den Rest zu Fuss zu gehen. Die Grenze zur Schweiz passiert man wie eine spirituelle Schwelle: plötzlich funktioniert das WLAN, der Zug fährt ruhiger, und das Personal klingt, als hätte es die Grundausbildung in Empathie absolviert.
Es ist, als würde man aus einer chaotischen Ehe in eine funktionierende Beziehung wechseln. In Deutschland entschuldigt sich der Lokführer nach 45 Minuten Verspätung mit „vielen Dank für Ihr Verständnis“. In der Schweiz entschuldigt man sich nach 45 Sekunden mit echter Reue.
Natürlich ist es leicht, auf der Deutschen Bahn herumzuhacken. Aber irgendwann fragt man sich, ob das nicht symptomatisch ist. Deutschland ist ein Land, das Ingenieure exportiert und Baustellen importiert. Das Autos baut, die in 3,8 Sekunden auf 100 sind, aber es nicht schafft, Züge in vier Stunden von München nach Zürich zu bringen. 315 Kilometer. Das ist weniger als eine Tankfüllung bei einem SUV mit Durst.
Vielleicht liegt es am System. Zu viele Player, zu wenig Planung, zu viel Selbstlob. Die Bahn wirbt mit Nachhaltigkeit, als wäre sie die Rettung des Planeten – während sie gleichzeitig 200 000 Menschen täglich in den Wahnsinn treibt. Und das Faszinierende: Die Leute fahren trotzdem. Weil sie immer noch glauben, dass es diesmal klappen könnte.
Ich auch. Ich sitze jedes Mal wieder in diesem Zug, als wäre es das erste Mal. Ich vertraue den Ansagen, ich glaube an die Pünktlichkeit, ich hoffe auf ein Wunder. Und jedes Mal lande ich wieder dort: auf einem Bahnsteig irgendwo zwischen Allgäu und Absurdität, während eine Stimme freundlich verkündet: „Wir bitten um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.“
Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis der Bahn: Sie ist nicht Verkehrsmittel, sie ist Schicksalsgemeinschaft. Sie verbindet Menschen über Grenzen hinweg – durch geteilte Verzweiflung, kollektive Ironie und das stille Einverständnis, dass wir alle ein bisschen masochistisch veranlagt sind.
Und wenn der Zug dann endlich in Zürich einfährt, 30 Minuten zu spät, aber immerhin angekommen, hat man das Gefühl, etwas Grosses geschafft zu haben. Nicht einfach eine Reise. Eine Prüfung. Eine Heldenreise im Fahrplanformat.
Immer wieder ein Abenteuer – und jedes Mal die leise Hoffnung, dass es das letzte gewesen sein möge.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.11.2025 10:32
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Es gibt Menschen, die wollen provozieren – und es gibt Elmar Gehrke. Der nennt sich Satiriker, trägt aber den Humor so steif vor sich her, als wäre er ein Parteiprogramm. Wo Tucholsky einst biss, schnappt Gehrke nur noch nach Aufmerksamkeit. Und zwar nach der Sorte, die Applaus von der falschen Seite bringt. Aber Hauptsache, es klatscht einer.
Elmar Gehrke ist der Beweis, dass man mit der Behauptung, Satire zu machen, fast alles rechtfertigen kann – selbst dann, wenn der Witz längst rechts abgebogen ist. Seine Texte tragen Titel wie „Mein Kampf im grünen Reich“ oder „Post von Gehrke“, und man kann sich ausmalen, wohin die Reise geht: nach rechts unten, mit Humor als Tarnkappe und Empörung als Kompass.
Gehrke will „denen da oben“ den Spiegel vorhalten, trifft aber verlässlich „die da unten“. Er verspottet Minderheiten, mokiert sich über Klimaforschung, und wenn ihm jemand widerspricht, ruft er „Zensur!“ – so wie ein Kind, dem man das Spielzeug wegnimmt, weil es damit andere bewirft. Er nennt das dann „Satire, die weh tut“. Sie tut tatsächlich weh, aber halt an der falschen Stelle.
Das eigentlich Tragische ist, dass Gehrke damit nicht allein steht. Die rechte Satirebewegung – was für ein Widerspruch in sich – hat gelernt, die Mechanismen der Empörung zu perfektionieren. Wo früher Pointen sassen, sitzt heute Kalkül. Der Witz dient nicht mehr dazu, Macht zu hinterfragen, sondern um Macht zu simulieren. Und zwar auf Stammtischhöhe. Das ist keine Rebellion, das ist bloss eine andere Sorte Konformismus – eine, die sich selbst für mutig hält, weil sie dreckig lacht.
Man könnte sagen: Der rechte Satiriker ist der vegane Metzger der Gegenwart. Er verkauft einem das Gegenteil von dem, was man glaubt zu bekommen, und nennt’s dann Authentizität. Während Tucholsky den Finger in die Wunde legte, ohne nach unten zu treten, zielt Gehrke mitten ins Gesicht derer, die ohnehin schon genug Tritte abbekommen haben. Und wenn man ihn darauf hinweist, kommt das unvermeidliche „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Ja, darf man. Nur sollte man danach nicht beleidigt sein, wenn einer lacht – bloss nicht mit einem.
Satire, die sich als Opfer inszeniert, ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Wolf im Schafspelz, der sich über zu viel Vegetarismus beklagt. Gehrke lebt von der Empörung, die er vorgibt zu verachten. Er braucht sie, wie ein Junkie seinen nächsten Schuss braucht: als Bestätigung, dass er noch wirkt. Und so zieht er von Bühne zu Bühne, liest vor Gleichgesinnten, die den Saal schon vorher inhaltlich abgenickt haben. Das ist kein Risiko, das ist ein Wohlfühlabend für Gekränkte.
Dabei wäre das Spiel mit Provokation durchaus legitim, wenn es wenigstens Geist hätte. Aber Gehrkes „Satire“ gleicht einer Karikatur, die man mit Tipp-Ex nachgezeichnet hat: formelhaft, blutleer, selbstgefällig. Es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Klicks. Nicht um Haltung, sondern um Haltungsschäden. Er ist der Influencer unter den Kabarettisten – bloss mit weniger Followern und mehr Pathos.
Vielleicht ist das ja das neue Rebellentum: sich rechts verorten, „die da oben“ beschimpfen, und gleichzeitig jeden Reflex der eigenen Szene als Meinungsfreiheit verklären. Eine Art Trotzkind im Telegram-Zimmer, das sich über die Erziehung der anderen aufregt. Die Pointe daran: Gehrke glaubt, er kämpfe gegen das Establishment, während er längst Teil einer eigenen Blase ist – einer, in der man sich gegenseitig Mut zuspricht, dass man „endlich wieder sagen darf, was Sache ist“. Nur sagt halt keiner mehr etwas Neues.
Die Wahrheit ist: Satire braucht Risiko, aber kein Ressentiment. Sie lebt vom Zweifel, nicht von der Selbstgerechtigkeit. Wenn sie sich einseitig bewaffnet, wird sie zur Propaganda. Und Propaganda mit Witz bleibt Propaganda – sie riecht nur besser.
Vielleicht sollte man Elmar Gehrke also nicht hassen, sondern bemitleiden. Er ist das traurige Symptom einer Gesellschaft, die verlernt hat, den Unterschied zwischen Freiheit und Freifahrtschein zu erkennen. Zwischen Humor und Häme. Zwischen Lachen über und Lachen mit.
Denn der Witz, der rechts abbiegt, hat sein Ziel längst verpasst. Er fährt im Kreisverkehr der Empörung – und hupt dabei so laut, dass er den eigenen Stillstand nicht mehr hört.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.11.2025 09:42
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Wer brauchts? Oliver Pocher offenbar. Der Mann, der vom Fernsehen langsam Richtung Bedeutungslosigkeit auswandert, sucht Halt – und findet ihn in einem Thema, das mindestens so alt ist wie sein Geltungsdrang: die Schweizer auf der Autobahn.
Da sitzt er also, im Podcast mit seiner Ex-Frau, irgendwo bei Rheinfelden, und tobt sich aus über den Verkehr. Schweizer Autofahrer seien «Scheiss Schweizer» und würden mit 90 km/h auf der Autobahn den deutschen Asphalt versauen. Es ist fast rührend, wie konsequent Pocher aus jeder alltäglichen Beobachtung einen Shitstorm zu basteln weiss. Wahrscheinlich ist er beim letzten Rastplatz auch noch von einem netten Rentner in einem Skoda überholt worden – und das Ego hat seither Schmerzen.
Natürlich kann man sich aufregen über alles Mögliche: über SUVs, über Blinkmuffel, über die Verkehrsdichte auf der A5. Aber Pocher wäre nicht Pocher, wenn er nicht die nationale Karte zöge. «Scheiss Schweizer!» schreit er ins Mikrofon, als wäre es 1998 und er noch jung, frech und irgendwie relevant.
Doch was bleibt eigentlich von Oliver Pocher? Ein Mann, der sich von Reality-Show zu Podcast hangelt, ein wandelnder Kommentarstrang. Immer ein bisschen empört, immer ein bisschen zu laut, immer kurz davor, dass man ihm zurufen möchte: «Oli, fahr einfach rechts raus und atme mal.»
Das Absurde: Gleich danach schwärmt er vom Land, das er eben noch beleidigt hat. Zürich sei super, sagt er. Die Schweiz sei sauber, ordentlich, zuverlässig. Sogar die Steuern findet er geil. Einmal kurz über die Grenze, und schon mutiert der grantige Deutsche zum Steueroptimisten.
Es ist diese groteske Mischung aus Neid und Bewunderung, die den Deutschen Blick auf die Schweiz seit Jahrzehnten prägt. Einerseits sind wir das Land der Präzision, Ordnung und Sauberkeit. Andererseits die spassbremsenden Berggämper mit zu vielen Regeln und zu wenig Humor. Und Pocher bedient das Klischee wie ein Comedian auf Autopilot – Wortwitz auf Reserve, Satire auf Halbmast.
Seine Ex-Frau, Sandy Meyer-Wölden, wirkt da fast wie das vernünftige Gegenstück: Sie schwärmt, wie schön ruhig und freundlich die Schweiz sei, dass alles funktioniere, das Essen gut sei, das Wetter toll. Kurz: Sie redet wie ein deutscher Tourist nach drei Tagen Luzern. Es ist die übliche Liebeserklärung mit Postkartensprache – und dem stillen Unterton: «Hier könnte ich bleiben.»
Man fragt sich: Was genau haben diese beiden Leute mit der Schweiz am Hut? Sie sehen das Land offenbar als eine Art Wellness-Oase für gestresste Promis. Ruhig, sicher, steuerlich attraktiv. Die Schweiz als metaphorische Valiumtablette.
Aber wehe, man steht mal hinter einem Schweizer Kennzeichen, das sich an die Tempolimite hält – dann bricht der nationale Selbstbeherrschungstest.
Vielleicht liegt genau da das Problem: Wir Schweizer fahren 90, weil 90 erlaubt ist. Nicht, weil wir Spass dran haben. Das Konzept „Regel“ ist uns nicht feindlich. Wir halten uns daran, und das ist für jemanden wie Pocher – der seine Karriere darauf aufgebaut hat, Regeln zu brechen, ohne sie zu verstehen – schlicht unbegreiflich.
Dabei wäre der Podcast eine grossartige Gelegenheit gewesen, genau darüber zu reden: Warum sind die Schweizer so? Warum ticken sie im Strassenverkehr so anders?
Aber nein – stattdessen kommt das bekannte Gekläffe. Die Pointe bleibt irgendwo auf dem Pannenstreifen liegen.
Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Geschichte: Der Unterschied zwischen einem Schweizer Autofahrer und Oliver Pocher ist, dass der Schweizer irgendwann ankommt.
Pocher dagegen dreht seit Jahren im Kreisverkehr seiner eigenen Relevanz.
Und ja, wir Schweizer sind langsam. Manchmal schmerzhaft langsam. Beim Autofahren, beim Bauen, beim Entscheiden. Aber während Pocher sich über unsere 90 aufregt, rollen bei uns die Züge, funktioniert das Gesundheitssystem, ist der Abfall getrennt und die Steuererklärung digital. Wir haben keine Schlaglöcher, dafür Pünktlichkeit. Wir meckern leiser, leben ruhiger, und ja – fahren vielleicht zu vorsichtig. Aber wenigstens fahren wir nicht in eine Wand aus Selbstinszenierung.
Vielleicht sollte man Pocher mal vorschlagen, statt in den Rückspiegel lieber in die Windschutzscheibe zu schauen. Das wäre ein Fortschritt. Oder er zieht wirklich hierher – nach Zürich, das er ja so liebt. Dann kann er beim nächsten Stau auf der A1 zwischen Dietikon und Limmattal einfach mal erleben, wie sich 90 km/h anfühlen, wenn man innerlich längst bei 220 ist.
Denn wenn man in einem Podcast sitzt und über ein Land herzieht, das man gleichzeitig bewundert, dann ist das kein Humor mehr – das ist nur noch das fahrende Spiegelbild der eigenen Leere.
Aber immerhin, das muss man ihm lassen: Er hat’s wieder geschafft, dass man über ihn redet. Wenn auch nur kurz, bis der nächste auftritt und sagt: «Scheiss Pocher!»
Und das, lieber Oli, wäre dann wenigstens verdient.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.11.2025 21:42
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Es war einmal eine Bundesrätin, die glaubte, sie könne mit den Amerikanern einen Fixpreis aushandeln. Ein Märchen, das man sonst höchstens Kindern erzählt, kurz bevor sie einschlafen – oder Steuerzahlern, kurz bevor sie in Ohnmacht fallen. Viola Amherd, ihres Zeichens ehemalige Verteidigungsministerin und heutige Hüterin des politischen Ruhestands, hat sich damals mit stolzer Brust hingestellt und verkündet: «Sechs Milliarden. Punkt. Fixpreis. Gäll!»
Ja, das war dann wohl ein Komma, kein Punkt.
Nun will also das Pentagon von diesem «Fixpreis» nichts mehr wissen. Fix, ja – aber nur im Sinn von «fix und fertig». Die Schweiz soll bis zu 1,3 Milliarden mehr blechen, sonst gibt’s weniger Jets. Ein klassischer amerikanischer Deal also: Du bekommst weniger, zahlst mehr, und darfst dich glücklich schätzen, überhaupt mitmachen zu dürfen. Das ist ungefähr so, wie wenn man im Restaurant das Menü bestellt, der Kellner aber nur den Salat bringt und sagt, das Steak sei „optional gegen Aufpreis“.
Das ewige Déjà-vu der Eidgenossen
Rüstungsskandal? Ach, bitte. Wir sind doch längst immun. Zwischen Mirage, Gripen und F-35 gibt’s in der Schweizer Militärgeschichte nur einen konstanten Faktor: die heilige Kunst des Rechthabens trotz offensichtlichem Irrtum. Jeder Skandal beginnt mit einem stolzen «Das haben wir im Griff!» und endet mit einem matten «Das hat sich leider anders entwickelt».
Der Fixpreis war also ein «gefühlter Fixpreis». So wie die Neutralität: offiziell unantastbar, praktisch aber biegsamer als ein Yoga-Gummi. Und während die Öffentlichkeit über die Milliarden streitet, steht irgendwo ein Beamter in Bern und rechnet aus, wie man die Mehrkosten kommunikativ so verpackt, dass sie wie ein «strategischer Mehrwert» klingen.
Die SVP wittert Beute
Und jetzt kommt – natürlich – die SVP. Wenn irgendwo ein Aas liegt, sind die Geier nicht weit. Rémy Wyssmann, der SVP-Jurist mit dem immer leicht beleidigten Blick, verlangt, dass Amherd für ihren «Fixpreis-Fake» haftbar gemacht wird.
Das klingt wunderbar nach Gerechtigkeit, ist aber wie so oft bloss politisches Theater: Die gleiche Partei, die sonst jede staatliche Regulierung als Teufelszeug brandmarkt, will plötzlich die Bürokratie losschicken, um eine Ex-Bundesrätin zu verklagen. Wenn’s um Schlagzeilen geht, ist Prinzipientreue offenbar verhandelbar – Fixpreis hin oder her.
Wyssmann spricht von «Haftung» und «Verjährung» mit der Inbrunst eines Mannes, der genau weiss, dass nie jemand ernsthaft verurteilt wird. Denn die Schweiz hat kein Interesse an Schuldigen – sie hat nur Interesse an Untersuchungskommissionen.
Der Bundesrat tut, was er am besten kann: abwarten
Die Regierung reagiert derweil so, wie man das in Bern gelernt hat: Sie „behält sich rechtliche Schritte vor“. Das ist die diplomatische Übersetzung von „Wir machen gar nichts, aber behalten uns das Recht vor, so zu tun, als ob“. Eine Strategie, die sich bewährt hat – schliesslich regiert man hierzulande am liebsten durch Aussitzen.
Der Bundesrat sagt: Es gebe «nicht genügend konkrete Anhaltspunkte». Übersetzt heisst das: Man weiss genug, um sich Sorgen zu machen, aber nicht genug, um Verantwortung zu übernehmen.
Und während die SVP „Verjährungsfristen“ brüllt, denkt man im Bundeshaus längst über etwas anderes nach: Wie man das Ganze kommunikativ so drehen kann, dass es am Schluss nach „internationalem Missverständnis“ aussieht. Vielleicht war ja der Vertrag einfach missverständlich formuliert. Oder der Übersetzer war im Militärdienst.
Amherd und die Ironie des Schicksals
Das Bittere ist: Viola Amherd war eigentlich die Vernünftigste im Haufen. Keine Skandalnudel, keine Profilneurotikerin, kein Blocher mit Dutt. Sie wollte einfach alles sauber abwickeln. Aber in der Schweizer Politik ist das der sicherste Weg, sich selbst ein Bein zu stellen.
Jetzt steht sie da, als Sündenbockin wider Willen. Die SVP reibt sich die Hände, die Medien schlagen Klicks aus ihrem Namen, und die Öffentlichkeit tut, was sie immer tut: schimpfen, vergessen, weitermachen.
Falls sie wirklich zur Rechenschaft gezogen wird – was ungefähr so wahrscheinlich ist wie ein pünktlicher Bauabschluss am Gotthard – dann wäre das immerhin ein Novum. Eine Politikerin, die für einen Entscheid haftet? In der Schweiz? Da müsste man ja plötzlich Verantwortung ernst nehmen.
Das grössere Problem
Aber der wahre Skandal ist gar nicht der F-35 oder der Fixpreis. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der man solche Deals überhaupt eingeht.
Ein Land ohne Feindbild, aber mit Weltklasse-Tunnelnetz, bestellt Kampfjets für 6, 7 oder 8 Milliarden, als wäre’s eine neue Turnhalle in Zuchwil. Und wenn der Preis steigt, zuckt man mit den Schultern. „Sicherheit hat halt ihren Preis“, heisst es dann. Ja, offenbar auch ihre Provision.
Und wehe, jemand wagt zu fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, das Geld in Bildung, Forschung oder die Klimaanpassung zu stecken. Dann heisst es sofort: „Sie verstehen nichts von Landesverteidigung!“
Doch vielleicht verstehen wir zu viel. Vielleicht wissen wir längst, dass dieser ganze Jet-Wahn weniger mit Verteidigung als mit politischer Schwanzverlängerung zu tun hat.
Fazit
Also ja: Vielleicht sollte Viola Amherd tatsächlich haften. Aber nicht allein für das F-35-Fiasko, sondern stellvertretend für ein System, das Verantwortung immer als Dekor versteht. Für ein Land, das lieber Milliarden in Tarnkappenjets als in Transparenz steckt. Und für eine politische Kultur, in der „Fixpreis“ einfach ein anderes Wort für „Wir haben uns wieder selber reingelegt“ ist.
Die Schweiz hat ihren nächsten Rüstungsskandal – und er riecht wie immer nach altem Papier, kaltem Kaffee und frisch gewaschenen Händen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.11.2025 21:24
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Es ist wieder passiert. Amerika hat gewählt – und Donald Trump hat aufs Maul bekommen. Nicht etwa im übertragenen Sinn, sondern in der einzig denkbaren, nämlich der politischen Realität. Die Demokraten fahren Siege ein, einer nach dem andern, während der selbsternannte Heiland der weissen Männer grimmig auf Truth Social rumpostet, als hätte ihm jemand das letzte Chicken Nugget geklaut.
Der grosse Deal-Maker, der Mann, der «America great again» machen wollte, bekommt von Amerika gerade ein unübersehbares «Nope». Und zwar nicht das nette, höfliche «Nope» aus dem Mittleren Westen, sondern das kalifornische «Hell no», serviert mit einem Soy Latte und einem Genderstudies-Diplom.
Der Selbsttest des Selbstherrlichen
Diese Wahlen galten als erster Stimmungstest seiner zweiten Amtszeit – und siehe da: Das Land hustet Trump die Quittung hin. Virginia, New Jersey, New York – lauter Bundesstaaten, die ihm zeigen, wo der Hammer hängt. Abigail Spanberger gewinnt in Virginia, Mikie Sherrill in New Jersey, Zohran Mamdani in New York. Ein Muslim als Bürgermeister in New York! Das allein muss Trump derart in den Zwirn treiben, dass seine orangene Gesichtsfarbe vermutlich in Richtung Magenta kippt.
Natürlich wird er sagen, die Wahlen seien manipuliert, die Medien seien unfair, und überhaupt sei alles Teil einer linken Verschwörung, orchestriert von Windrädern, veganer Mayonnaise und Nancy Pelosi. Die Realität aber bleibt: Das Vertrauen der Wähler in den republikanischen Sonnenkönig schmilzt schneller als sein Spray-Tan in der Augusthitze von Mar-a-Lago.
Gerrymandering und andere Zaubertricks
Derweil spielt Kalifornien das politische UNO-Reverse-Kärtchen. «Ihr schneidet eure Wahlkreise zu, um mehr Sitze zu kriegen? Okay, wir auch – nur eleganter.» Proposition 50 erlaubt es den Demokraten, ihre Grenzen neu zu ziehen. Und plötzlich stehen fünf zusätzliche Sitze im Raum. Die Republikaner toben, während sie gleichzeitig in Texas genau dasselbe Spiel spielen. Es ist, als würde ein Taschendieb im Bus laut über die steigende Kriminalität schimpfen.
Trump nennt das «unfair». Natürlich. Unfair ist in Trumps Welt alles, was nicht zu seinen Gunsten ausgeht. Er hat die gleiche Beziehung zur Demokratie wie ein Dreijähriger zu Brokkoli: lautstark ablehnend und völlig überzeugt, dass sie nur erfunden wurde, um ihn zu ärgern.
Die grosse Trump-Faltige
Vielleicht ist es das, was jetzt sichtbar wird: die kollektive Trump-Müdigkeit. Acht Jahre Dauerempörung, Dauerlärm, Dauer-Ich-Ich-Ich. Selbst seine treuesten Anhänger wirken mittlerweile, als bräuchten sie dringend Ferien von ihrem Idol. Die USA sind ein Land, das seine Helden liebt – aber irgendwann liebt es sie auch zu Tode. Und Trump, der dachte, er sei der Ausnahmefall, steht jetzt da wie ein Clown nach der Vorstellung, während die Kinder schon nach Hause gegangen sind.
Auf Truth Social schreibt er, die Republikaner müssten «endlich wieder Gesetze machen» und «den Filibuster abschaffen». Herrlich, wie er das System erst missbraucht, dann beschimpft, wenn es nicht mehr für ihn arbeitet. Der Mann ist die personifizierte Ironie: Ein Populist, der sich als Opfer der Elite sieht – und gleichzeitig jeden Tag im goldenen Aufzug zur Arbeit fährt.
Wenn Macht zur Parodie wird
Trump hat die amerikanische Politik zu einer Reality-Show gemacht. Und wie jede gute Show hat sie ihre Quotenhöhepunkte – und ihr unweigerliches Staffel-Ende. Das Publikum hat gelacht, gestaunt, sich aufgeregt. Aber irgendwann merkt man, dass jede Folge gleich abläuft: Er beleidigt jemanden, behauptet was Falsches, wird ertappt, und dann... passiert nichts. Wiederholung, bis zur Erschöpfung.
Doch diesmal scheint sich die Serie selbst überlebt zu haben. Die Wähler wollen offenbar etwas Neues – vielleicht sogar wieder so etwas wie Politik. Und das ist für Trump das Schlimmste: Er ist nicht mehr die Hauptfigur, sondern nur noch der nervige Cameo, der nicht merkt, dass er rausgeschnitten wurde.
Amerika im Selbstversuch
Was bleibt? Ein Land, das langsam, sehr langsam, aus seinem kollektiven Wutanfall aufwacht. Das merkt, dass Empörung keine Energiequelle ist. Dass das Dauerbrüllen eines alten Mannes im roten Cap keine Zukunftsidee ersetzt. Und dass ein Land, das sich ständig selbst spaltet, irgendwann keine Kanten mehr hat, an denen es noch zusammenhält.
Die Demokraten feiern, klar. Aber klügere Köpfe unter ihnen wissen: Es ist kein Triumph, sondern ein Atemzug. Trump ist politisch zwar am Bluten, aber noch nicht tot. Und wie jeder verletzte Narzisst könnte er gerade dann am gefährlichsten werden.
Trotzdem: Diese Wahlen zeigen, dass die USA noch Reste von Vernunft besitzen. Dass Menschen, trotz der Dauerbeschallung aus Lügen und Lautstärke, manchmal doch merken, was Sache ist. Und das, verdammt nochmal, ist eine gute Nachricht – für Amerika, für die Welt und für alle, die Orange lieber als Frucht mögen als als Präsident.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.11.2025 13:20
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Wenn Ueli Maurer irgendwo auftaucht, weiss man: Entweder gibt’s gleich ein Fondue mit Vaterland oder eine Grundsatzrede, die so klingt, als hätte er sie mit dem Taschenmesser ins Alphorn geritzt. Nun also Andermatt. Ein Wassersymposium. Klingt harmlos. Fast idyllisch. Man denkt an Gletscherwasser, an sprudelnde Quellen, an die gute alte Gotthardregion. Aber nein, das Ganze ist eine dieser hochglanzpolierten Bühnen, auf denen sich Wissenschaft, Esoterik und Eitelkeit die Klinke in die Hand geben – natürlich mit Eintrittspreisen, bei denen einem das Wasser gleich im Hals stecken bleibt.
188 bis 298 Franken. Für diesen Betrag bekommt man andernorts ein Wellnesswochenende mit Whirlpool, hier aber nur das Versprechen, «das Wasser aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten». Man fragt sich: Aus welchen Blickwinkeln genau? Von oben als Regen, von unten als Grundwasser, oder aus der Badewanne heraus, kurz bevor man mit der Quietscheente in die Erkenntnis driftet?
Der Programmflyer liest sich wie ein Stammtisch mit Laboranschluss. Da sind tatsächlich renommierte Köpfe dabei – etwa ETH-Professor Rolf Kipfer. Aber gleich daneben stehen Namen, die in der Fachwelt ungefähr so beliebt sind wie Homöopathie in der Notaufnahme. Allen voran Gerald H. Pollack, der Mann mit der sogenannten «vierten Phase des Wassers». Eine Theorie, die so klingt, als hätte jemand Eis, Dampf und Flüssigkeit verwechselt und dann «Tadaa!» gesagt.
In dieser vierten Phase, so Pollack, soll Wasser eine geheimnisvolle, energetische Superkraft entwickeln. Klingt nett – wenn man’s in der Marketingabteilung von Evian verkaufen will. In der Wissenschaft hingegen sorgt das eher für Augenrollen, die man wahrscheinlich noch im Tessin spürt. Und doch steht dieser Mann auf der Bühne, flankiert von einem ehemaligen Bundesrat, der seit seinem Rücktritt offenbar beschlossen hat, dass er sich jetzt ganz der Unterhaltungsbranche des Halbwissens widmen will.
Ueli Maurer sagt, er freue sich auf «unterschiedliche Standpunkte». Klar. Unterschiedliche Standpunkte sind immer gut, solange keiner nach Belegen fragt. Das erinnert an diese Politrunden, wo einer sagt, die Erde sei rund, und der andere erwidert, sie sei ein Pfannkuchen – und der Moderator dann lächelnd meint, die Wahrheit liege wohl irgendwo dazwischen. Nein, Ueli, tut sie nicht.
Aber Maurer wäre nicht Maurer, wenn er sich von solchen Details beirren liesse. Er sieht sich als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Bauchgefühl. Zwischen ETH und Telegram. Zwischen Labor und Ländlerkapelle. Und so eröffnet er das Symposium in der Hoffnung, dass dort, im Schatten des Gotthards, endlich jemand das Geheimnis des Schweizer Wassers entschlüsselt: Warum es immer nach Leitungswasser schmeckt, egal wie teuer man’s verkauft.
Dann war da noch Cornelia Boesch. SRF-Moderatorin, «Tagesschau»-Gesicht, kurzzeitig auf dem Programm als Moderatorin dieses Wasserkongresses. Doch kaum wurde klar, dass hier zwischen Fakten und Fantasie geflirtet wird, zog sie die Notbremse. Aus «redaktionellen Gründen» und «im Sinne der journalistischen Unabhängigkeit». Übersetzt heisst das: «Ich moderiere ja gerne Diskussionen, aber ich setz mich nicht zwischen Mikroskop und Wünschelrute.» Eine weise Entscheidung.
Denn während SRF-Moderatorinnen sich abmelden, meldet sich Ueli Maurer freiwillig. Und das sagt eigentlich alles über den Zustand der Schweizer Debattenkultur. Wir haben eine Öffentlichkeit, die «kritisch hinterfragen» mit «alles glauben» verwechselt. Die ausgerechnet dort, wo man Fakten braucht, nach «offenen Diskursen» ruft – ein Euphemismus für: «Lasst doch bitte auch mal den Schwurbel sprechen, der sagt, Wasser hat Gefühle.»
Das Problem ist nicht, dass da jemand über alternative Ansätze spricht. Das Problem ist, dass diese «Alternativen» in solchen Veranstaltungen denselben Stellenwert erhalten wie solide Wissenschaft. Gleichberechtigt nebeneinander gestellt, als wären Studien und Spekulation zwei Seiten derselben Münze. Dabei ist das eine Forschung – das andere ist feuchter Wunsch.
Vielleicht passt das ja zu Andermatt: ein Ort zwischen Himmel und Hokus-Pokus, wo sich die Reichen treffen, um übers Elementare zu sinnieren, ohne nass zu werden. Man zahlt brav Eintritt, nippt am Glas, nickt bedächtig und fühlt sich erleuchtet – bis man merkt, dass man eigentlich nur Leitungswasser getrunken hat. Aus Plastikbechern.
Am Ende bleibt die Frage: Was treibt einen ehemaligen Bundesrat dazu, sich auf eine Bühne zu stellen, wo Wissenschaft und Wellness verschwimmen? Vielleicht sucht Maurer einfach ein Publikum, das ihm wieder zuhört. Oder er hat schlicht Freude am Spektakel. Man weiss es nicht. Vielleicht ist er ja selbst längst in der vierten Phase angekommen – die des politischen Aggregatzustands: halb flüssig, halb verdampft, voll Mythen.
So oder so: Das Wassersymposium in Andermatt zeigt, wie dünn die Membran geworden ist zwischen Neugier und Naivität. Und wie bereitwillig wir jene feiern, die «neue Blickwinkel» versprechen, auch wenn sie dabei nur ins Trübe schauen.
Ich für meinen Teil halte mich an die klassische Physik: Wasser kocht bei 100 Grad. Schwurbel bei deutlich weniger.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.11.2025 00:20
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Die SBB wollen den Interregio-Halt in Dietikon streichen – und zeigen damit exemplarisch, wie man eine ganze Region verkehrspolitisch vor die Wand fährt.
Von Dietikon in 25 Minuten zum Flughafen Zürich, in einer Stunde nach Basel – das war bisher selbstverständlich. Jetzt soll der IR 36 hier nicht mehr halten. Ein Entscheid, der zeigt, wie weit die Planung von der Realität entfernt ist.
Die SBB planen also ernsthaft, den Interregio-Halt in Dietikon zu streichen. Den Zug, der uns in 25 Minuten direkt an den Flughafen Zürich bringt – und in einer Stunde nach Basel. Einen Zug, der für viele im Limmattal kein Luxus, sondern schlicht Alltag ist. Und jetzt soll der weg. Offiziell im Rahmen des «Bahn-Ausbauschritts 2035». Klingt nach Fortschritt, riecht aber verdächtig nach Rückschritt mit Hochglanzprospekt.
Dietikon ist kein Provinznest, das man aus Versehen mit einem Bahnhof ausgestattet hat. Es ist Bezirkshauptort, Wirtschaftszentrum, Pendlerdrehscheibe, Verkehrsnadelöhr und Lebensrealität von zehntausenden Menschen, die tagtäglich zwischen Zürich, Aargau und Basel unterwegs sind. Hier kreuzen sich Strassen, Trams, Busse und S-Bahn-Linien – und hier will man den Interregio streichen? Das ist, als würde man in einer wachsenden Stadt den Lift ausbauen, weil die Treppe ja auch irgendwo hinführt.
Natürlich wird von offizieller Seite beschwichtigt: Es gebe Alternativen. Mehr S-Bahn, mehr Bus, mehr Umsteigen. Als ob man einem durstigen Menschen erkläre, dass er ja auch Schnee essen könne. Wer morgens um halb sieben in Dietikon steht und Richtung Basel will, weiss genau, was das heisst: Gedränge in der S6, Umsteigen in Zürich, verpasste Anschlüsse und ein Tagesbeginn mit Puls 140. Aber immerhin spart man eine Minute im Fahrplan. Bravo.
Das Limmattal hat in den letzten Jahren Millionen in Verkehrslösungen gesteckt: Limmattalbahn, neue Buslinien, Ausbau der Strassen – und trotzdem bleibt die Region chronisch überlastet. Die Staus in Schlieren, Urdorf oder Spreitenbach sind längst so zuverlässig wie der Sonnenaufgang. Und die SBB denkt, es sei eine gute Idee, die einzige direkte Verbindung zu streichen, die ein bisschen Entlastung bringt? Das ist ungefähr so logisch, wie wenn man im Hochsommer das letzte Glace aus dem Tiefkühler nimmt – und es der Katze gibt.
Dass sich die umliegenden Gemeinden querstellen, ist nur folgerichtig. Schlieren, Urdorf, Bergdietikon, Weiningen, Oetwil, Unterengstringen – sie alle wissen, was das bedeutet: mehr Autos, mehr Stau, mehr Frust. Und zwar dort, wo ohnehin schon alles klemmt. Im Westen Zürichs ist der Verkehr längst nicht mehr planbar. Wer heute von Bergdietikon nach Zürich will, weiss nie, ob er 20 Minuten oder 70 braucht. Der Strassenverkehr ist zum Würfelspiel geworden – und der öffentliche Verkehr sollte eigentlich das Gegenmittel sein. Sollte.
Der «Flugzug» IR 36 war bisher so etwas wie die zivilisierte Abkürzung im täglichen Verkehrswahnsinn. Wer in Dietikon einsteigt, kommt schnell, direkt und stressfrei an. Ohne Umsteigen, ohne Stadtgewusel, ohne das Gefühl, ein Teil einer grossen logistischen Simulation zu sein. Es war ein Stück Lebensqualität, das man jetzt für ein paar Zeilen Statistik opfern will. Und dann wundert man sich, warum die Leute wieder ins Auto steigen.
Der Witz an der Sache: Während die Politik unermüdlich predigt, man müsse die Leute vom Auto in den ÖV bringen, schafft man im selben Atemzug einen der attraktivsten Gründe ab, genau das zu tun. Man nennt es Verkehrspolitik, ich nenne es eine Art intellektuellen Schleudergang: viel Bewegung, null Richtung.
Dietikon ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Schweiz sich manchmal selbst ausbremst. Da wird mit Millionen die Limmattalbahn gebaut – mit der Begründung, man wolle die Region besser anbinden – und gleichzeitig schneidet man sie vom überregionalen Netz ab. Das ist, als würde man einem Marathonläufer neue Schuhe schenken und ihm danach die Startnummer wegnehmen.
Natürlich, im Bundeshaus sieht das alles wunderbar aus. PowerPoint-Folien, Projektionen, Wachstumsszenarien – die Zahlen stimmen, also ist alles gut. Bloss leben dort keine Menschen, die morgens um 6:20 Uhr auf dem Perron stehen und hoffen, dass der IR 36 nicht wieder gestrichen wird, weil irgendwer in Bern meint, Dietikon sei ja «irgendwie schon Zürich».
Aber das Limmattal ist nicht «irgendwie Zürich». Es ist eigenständig, wachsend, dicht, lebendig – ein Raum, der die Stadt versorgt, aber nicht dazugehört. Eine Region, die man nicht mit Umsteigen abspeisen kann. Und genau deshalb ist die Streichung dieses Halts so unangebracht, wie sie symbolisch ist: Sie zeigt, dass Vernunft im Fahrplan keinen Platz mehr hat.
Die SBB könnten den IR 36 als Zeichen setzen – als Bekenntnis zur Realität der Menschen, die diesen Zug täglich brauchen. Stattdessen setzen sie auf Abbau durch Ausbau, auf Planung statt Praxis, auf Effizienz statt Verstand. Vielleicht sollten sie mal eine Woche lang selbst von Dietikon nach Basel pendeln. Danach würde man die Pläne vermutlich schnell wieder in die Schublade legen – neben die Konzepte zur Verkehrswende, die dort ohnehin schon Staub ansetzen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.11.2025 23:24
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Ein Narzisst wird dich immer glauben lassen, dass deine Reaktion auf sein Verhalten das Problem ist – und nicht sein Verhalten selbst.
Das ist kein Charakterzug, das ist ein Geschäftsmodell. Und dummerweise eines, das in unserer Zeit blüht wie Schimmel auf einem vergessenen Toastbrot.
Denn Narzissmus hat heute keine Fratze mehr, er trägt ein Selfie-Filter. Er spricht nicht mehr von sich in der dritten Person, er postet sich einfach in 4K. Die Gesellschaft, die sich einst an Bescheidenheit, Demut oder wenigstens ein bisschen Anstand klammerte, hat beschlossen, dass das alles nur hinderlich ist für den grossen Applaus. Wir leben im goldenen Zeitalter der Selbstanbetung – und niemand merkt, dass es stinkt.
Früher war der Narzisst der Typ, der sich beim Coiffeur beschwerte, dass der Spiegel nicht gross genug sei. Heute ist er Influencer, Politiker oder schlicht: dein Arbeitskollege mit den permanenten Erfolgsposts auf LinkedIn. Früher hat man sich für seine Überheblichkeit geschämt. Heute nennt man es „Selbstvermarktung“. Und wehe, du magst kein Selfie von ihm – dann bist du „negativ“, „toxisch“ oder „neidisch“.
Wir sind umgeben von Leuten, die gelernt haben, dass das eigene Spiegelbild wichtiger ist als der Mensch dahinter. Und während sie sich gegenseitig in Glanzlicht und Faltenbeseitigung übertreffen, fällt ihnen gar nicht auf, dass niemand mehr hinhört. Nur noch hinschaut. Und das ist das perfide daran: Der moderne Narzisst braucht keine Bewunderung mehr – er will bloss Aufmerksamkeit. Lob, Kritik, Hass – egal. Hauptsache, du reagierst. Denn wenn du reagierst, existiert er.
Narzissmus ist längst keine Persönlichkeitsstörung mehr. Es ist eine Währung. Likes, Views, Follower – das neue Ego hat Zahlen, keine Tiefe. Und während man früher noch mühsam ein Tagebuch schrieb, reicht heute ein Instagram-Post mit dem Hashtag #blessed, um sich selbst als erleuchtetes Wesen zu inszenieren. Dabei weiss niemand mehr, was echte Demut ist. Oder echte Reue. Oder echte irgendwas.
Der Narzisst hat sich emanzipiert – von der Therapie, vom Spiegel und von der Scham. Er ist mitten unter uns, in uns, auf unseren Bildschirmen, in unseren Parlamenten. Er redet von sich, als wäre er die Lösung – dabei ist er meist das Problem mit Marketingbudget. Und das Verrückte ist: Wir machen mit. Wir wählen ihn. Wir kaufen seine Produkte. Wir teilen seine Zitate. Wir füttern das Monster, das uns verachtet, mit Liebe, Klicks und Aufmerksamkeit.
Warum? Weil wir selber ein bisschen so sind.
Weil der Gedanke, dass man „etwas Besonderes“ ist, zu verlockend schmeckt.
Weil das Gefühl, „gesehen zu werden“, süchtig macht.
Und weil wir uns im Stillen sagen: Wenn schon alle Egoisten sind, dann wenigstens ich der charmanteste.
Der moderne Narzisst ist ein Meister der Umkehr. Er verdreht Tatsachen wie andere Leute Servietten. Wenn du dich verletzt fühlst, bist du „zu empfindlich“. Wenn du Grenzen setzt, bist du „schwierig“. Und wenn du irgendwann den Mut hast, zu gehen, nennt er dich „illoyal“. Er zieht sich nicht aus der Verantwortung – er zieht dich hinein. Und am Ende glaubst du tatsächlich, dass du das Problem bist.
Das funktioniert nicht nur in Beziehungen. Schau dich um. Ganze Regierungen arbeiten so. Firmenkulturen. Bewegungen. Influencer mit Millionenreichweite. Es ist immer derselbe Trick: Empathie als Schwäche, Kritik als Angriff, Verantwortung als Fremdwort. Hauptsache, das Bild bleibt sauber und glänzt im richtigen Licht.
Und dann wundern wir uns, dass Ehrlichkeit unbequem geworden ist. Dass Menschen lieber die Version ihrer selbst zeigen, die besser klickt. Dass Politiker lieber lügen, als unvorteilhaft auszusehen. Dass Freundschaften daran zerbrechen, wer die schönere Story gepostet hat.
Vielleicht ist das die grösste Ironie unserer Zeit: Wir sind süchtig nach Echtheit – aber allergisch gegen alles, was echt ist. Wir schreien nach Authentizität und filtern sie dann bis zur Unkenntlichkeit. Wir reden von Selbstliebe, meinen aber Selbstvermarktung.
Und so sitzen wir alle in unserem kleinen digitalen Spiegelsaal, und jeder lächelt sich zu Tode.
Der Narzisst sagt: „Ich bin das Zentrum der Welt.“
Die Gesellschaft antwortet: „Na klar, ich auch.“
Und irgendwo dazwischen stirbt die Fähigkeit, einfach mal zu sagen: „Ich weiss es nicht. Ich bin unsicher. Ich bin Mensch.“
Doch das wäre zu banal. Zu unsexy. Zu wenig „unique“.
Also machen wir weiter, drehen uns noch eine Runde im Kreis aus Eitelkeit, Selbsttäuschung und algorithmischem Beifall. Vielleicht, weil es einfacher ist, sich im Spiegel zu verlieren, als in die Augen eines anderen zu schauen.
Denn das wäre gefährlich.
Echt.
Und vielleicht – zu ehrlich.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.09.2025 17:08
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Oder: Wie man Demokratie mit Sicherheit verwechselt
Alt-Bundesrat Ueli Maurer hat wieder einmal ins Mikrofon gesprochen. Diesmal im Podcast der «Weltwoche», was in etwa so überraschend ist, wie wenn die Migros am Montagmorgen Brot verkauft. Herausgekommen ist ein Potpourri aus Stammtischparolen, leichtem Rentner-Gejammer und einer gehörigen Portion Selbstrechtfertigung. Und wie immer, wenn Ueli redet, bleibt man irgendwo zwischen Lachen, Kopfschütteln und Fremdscham hängen.
China, das gelobte Land
Maurer findet China «sicherer» als Zürich oder Lausanne. Klar, in Peking wird man nicht auf der Langstrasse von einem Koksdealer schief angeschaut – dafür überwacht einen jeder Laternenpfahl. Man könnte es auch so formulieren: Sicherheit ja, aber nur, weil alle jederzeit von Big Brother beobachtet werden. Maurer verwechselt da wohl «ich fühle mich unbehelligt» mit «ich bin frei». Ein kleiner, aber nicht unwesentlicher Unterschied.
Ironischerweise ist es genau das, was die SVP sonst so gerne verteufelt: zu viel Staat, zu viel Kontrolle. Nur dass es in China halt nicht «Brüssel» ist, sondern die Kommunistische Partei. Aber hey – Hauptsache, man kann nachts spazieren gehen, ohne dass einer am HB nach einem Feuerzeug fragt.
AfD? Aber gerne doch!
Dann diese Passage: Die AfD sei zwar «nicht regierungsfähig», aber Alice Weidel sei eine «kluge Frau». Man hört fast, wie Maurer beim Reden verschmitzt grinst. Das ist ungefähr so, als würde man sagen: «Der Koch ist unfähig, aber die Suppe schmeckt köstlich.» Maurer lobt, was er eigentlich verurteilen sollte – aber halt so, dass er gleichzeitig behaupten kann: «Nein, ich bin doch kritisch!» Ein alter Trick aus der Blocher-Schule: Nähe zeigen, Distanz behaupten, und am Ende hat man trotzdem die Botschaft platziert.
Blocher? Schon gut, aber…
Maurer erklärt, er sei Blocher nie wirklich nahegestanden. Politisch schon, menschlich eher nicht. Das ist in etwa so glaubwürdig wie ein Teenager, der behauptet, er hätte nur mal kurz eine Zigarette angezündet, aber nie wirklich gezogen. Am Ende bleibt: Sie «ticken gleich». Heisst: der eine hat das Geld, der andere den Bauernhof, aber beide denselben Kompass. Unterschiedliche Verpackung, gleiche Suppe.
SRF-Bashing für Fortgeschrittene
Und natürlich: ein Seitenhieb gegen das Schweizer Fernsehen darf nicht fehlen. «Die Moderatoren sind zu eitel, die Themenauswahl furchtbar.» Da fragt man sich: Hat Maurer jemals mehr als 15 Minuten geschaut, oder ist das bloss eine Abwehrreaktion, weil er in den Studios immer so ungemütlich schwitzen musste? SRF ist für die SVP so etwas wie Broccoli für ein Kind – egal wie man’s würzt, es wird immer gespuckt.
EU? Nein, danke!
Schliesslich seine Kritik am EU-Paket: Der Bundesrat habe «nicht den Mut, Nein zu sagen», also lasse er das Volk ran. Klingt kernig, ist aber das übliche SVP-Mantra. Mut bedeutet für Maurer offenbar, immer reflexartig «Nein» zu rufen, ohne eine Alternative vorzuschlagen. So ähnlich wie ein Kleinkind, das nur «nein» schreit, wenn’s ins Bett soll – ohne zu erklären, was es denn stattdessen will.
Und jetzt?
Am Ende bleibt ein Bild von Ueli Maurer als das, was er schon lange ist: ein alter SVP-Krieger, der nicht loslassen kann und seine politischen Stammtischweisheiten nun in Mikrofone von Freunden diktiert. Inhaltlich bewegt er sich im Kreis: China ist toll, die AfD ist spannend, Blocher war schon auch wichtig, SRF ist blöd, und die EU sowieso. Neu daran ist höchstens, dass er’s inzwischen ohne jede Zurückhaltung rausposaunt.
Vielleicht ist das sogar ehrlich. Vielleicht ist Maurer wirklich einfach ein Mann, der im chinesischen Überwachungsstaat mehr Geborgenheit empfindet als in Zürich-Wiedikon. Aber wenn das die Zukunftsvision der SVP ist, dann gute Nacht, Freiheit.
Fazit:
Ueli Maurer hat nicht bloss ein Sicherheitsproblem, er hat ein Wahrnehmungsproblem. Und vielleicht auch ein kleines Aufmerksamkeitsproblem. Denn ohne Schlagzeilen wirkt er wie das, was er in Wahrheit längst ist: ein politischer Pensionär mit zu viel Zeit und zu viel «Weltwoche» im Ohr.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.09.2025 11:48
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Roger Köppel weiss genau, was er tut. Wenn der Verleger der Weltwoche die AfD-Chefin Alice Weidel nach Zürich holt, ist das kein journalistisches Experiment, sondern ein kalkuliertes Spektakel. Er bietet einer Politikerin mit klar rechtsextremen Bezügen eine Bühne, verpackt es als „Gespräch“ und inszeniert sich gleichzeitig als mutiger Tabubrecher. In Wahrheit ist es ein doppeltes Geschäft: Weidel bekommt internationale Aufmerksamkeit, Köppel generiert Empörung – und damit Reichweite.
Weidel nutzte den Abend erwartungsgemäss, um ihre bekannten Narrative ungestört auszubreiten. Die Europäische Union sei eine undemokratische Zwangsgemeinschaft, die Schweiz dürfe auf keinen Fall ein Rahmenabkommen unterzeichnen, sonst würde „Ursula von der Leyen Chefin der Schweiz“. Migration müsse gestoppt, Sozialleistungen für Ausländer drastisch gekürzt und die Rückkehr zur Kernenergie sofort beschlossen werden. Zusätzlich setzte sie zum Rundumschlag gegen die politische Konkurrenz an: Friedrich Merz sei „blasiert“ und „unintelligent“, Annalena Baerbock eine Zumutung. Und über allem schwebte ihr Lieblingsbild: Sie selbst sei „der absolute Albtraum der etablierten Politik“.
Das Problem ist nicht, dass solche Positionen existieren – sie sind sattsam bekannt. Das Problem ist, dass Köppel sie nicht kritisch einordnet, sondern verstärkt. Er spielt nicht den unabhängigen Interviewer, sondern den Stichwortgeber. Er lässt Weidel dozieren, applaudieren und provozieren, ohne ernsthafte Gegenfragen zu stellen. Wenn überhaupt, streut er kurze Bemerkungen ein, die ihre Angriffe eher abrunden als entkräften.
Besonders deutlich wird das bei zwei Themen: dem Krieg in der Ukraine und dem Umgang mit Rechtsextremen in der AfD. Weidel erklärte in Zürich unverblümt, die Ukraine habe den Krieg bereits verloren. Russland sei ein unverzichtbarer Partner, und das „aggressive Auftreten“ des Westens gegenüber Putin sei das eigentliche Problem. Dass es Russland war, das die Ukraine brutal überfallen hat, wird dabei elegant verschwiegen. Köppel nickt, hakt nicht nach, stellt keine kritische Nachfrage. Er lässt zu, dass die Täter-Opfer-Umkehr unwidersprochen im Raum bleibt.
Ähnlich beim Thema Björn Höcke und andere offen rechtsextreme AfD-Funktionäre. Köppel spricht das Problem zwar an, doch Weidel weicht aus, verweist auf Parteistatuten und interne Fragebögen – und schon ist das Thema erledigt. Dass Höcke längst gerichtlich als Faschist bezeichnet werden darf, bleibt unerwähnt. Köppel hätte an dieser Stelle insistieren müssen. Er tat es nicht.
Stattdessen betonte er gleich zu Beginn des Abends gut gelaunt, das Publikum reiche „vom Hochadel bis zum Subproletariat“. Ein Bonmot, das seine Selbstinszenierung perfekt beschreibt: Köppel als Volksnaher, der den vermeintlich „gesunden Menschenverstand“ gegen den angeblichen Mainstream verteidigt. Die Einladung an Weidel passt in diese Strategie. Sie liefert ihm die Projektionsfläche, auf der er seine Rolle als Grenzverschieber spielen kann.
Das Kalkül ist offensichtlich. Weidel ist in Deutschland eine hochumstrittene Figur, ihre Partei wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Indem sie in Zürich auftreten darf, bekommt sie internationale Legitimation: eine Bühne ausserhalb Deutschlands, ein Saal voller Applaus, eine Öffentlichkeit, die ihr freundlich zuhört. Genau das ist für rechtsextreme Politiker entscheidend – sie brauchen Bühnen, um Normalität zu simulieren. Und Köppel liefert sie.
Die Verantwortung liegt also auf beiden Seiten. Weidel nutzt jede Gelegenheit, ihre radikale Agenda zu verbreiten und rhetorisch zu verharmlosen. Köppel sorgt dafür, dass sie Gehör findet, und verkauft das Ganze als intellektuelle Provokation. Doch es ist keine Provokation im Sinne einer Debatte. Es ist eine Inszenierung, in der eine gefährliche Ideologie ein freundliches Rampenlicht bekommt.
Besonders perfide ist die Art, wie Verschwörungsmythen nebenbei eingestreut werden. Weidel teilte in den Tagen zuvor Tweets über die angeblich „statistisch fast unmögliche“ Häufung verstorbener AfD-Kandidaten in Nordrhein-Westfalen. Sie kommentierte das mit dem scheinbar harmlosen Satz „Vier AfD-Kandidaten gestorben“. Formal korrekt, inhaltlich bewusst Öl ins Feuer. Auch dieses Thema sprach sie in Zürich an, nicht als klare Distanzierung, sondern als Andeutung: Man wolle ja nur „aufklären“. Ein klassisches Muster der Desinformation – und auch hier kein Widerspruch von Köppel.
Das Fazit des Abends ist ernüchternd. Zürich wurde für zwei Stunden zur Kulisse, in der eine deutsche Rechtsaussenpolitikerin ungestört ihre Weltsicht verbreiten durfte. Köppel lieferte dazu die Plattform und das Publikum. Am Ende hatten beide, was sie wollten: Weidel internationale Aufmerksamkeit, Köppel Empörung und Klicks.
Doch die Konsequenz für die Gesellschaft ist gravierender. Solche Auftritte tragen zur Normalisierung von Positionen bei, die demokratische Grundwerte infrage stellen. Sie verschieben den Diskurs, indem sie das Extrem zur vermeintlich legitimen Stimme im Konzert der Politik machen. Genau darin liegt die Gefahr.
Wer Roger Köppel noch als Journalisten betrachtet, irrt. Er ist zum politischen Unternehmer geworden, dessen Ware die Provokation ist. Und wenn er dafür einer AfD-Chefin ein Podium bietet, dann nicht aus Unwissenheit oder Naivität, sondern aus Kalkül. Weidel ihrerseits weiss den Gefallen zu schätzen. Zusammen bilden sie eine Allianz, die keine Debatte fördert, sondern Desinformation und Radikalisierung.
Es wäre an der Zeit, das klar zu benennen: Köppel hat mit diesem Abend nicht Journalismus betrieben, sondern rechtsextremer Propaganda in Zürich eine Bühne gegeben.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.08.2025 22:29
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Donald Trump will den Friedensnobelpreis. Ja, du hast richtig gelesen – der Mann, der mit Diplomatie ungefähr so viel am Hut hat wie ein Pitbull mit einer Ballettschule, hält sich für den grossen Friedensapostel. Und wie begründet er das? Natürlich damit, dass er – Trommelwirbel – gleich sechs Kriege beendet haben will.
Sechs! Nicht fünf, nicht drei, nein, die magische Sechs. Das klingt nach einem
übermotivierten Erstklässler, der auf die Frage nach seinen Ferienerlebnissen antwortet: „Ich habe Dinosaurier gezähmt, die Sonne gelöscht und dann die Welt gerettet.“ Nur dass der Erstklässler süss wäre. Bei Trump bleibt einem das Lachen im Hals stecken.
Krieg beendet – oder einfach nur Pause gedrückt?
Nehmen wir sein angeblich erstes „Meisterwerk“: Israel gegen Iran. Ein paar Wochen Bombardements, ein bisschen gegenseitiges Zerlegen, und als die Waffen für einen Moment ruhen, verkündet Dony: „Seht her, ich habe einen 30-jährigen Konflikt beendet – in nur zwölf Tagen!“ In Wahrheit ist das wie wenn ein Pyromane stolz erklärt, er habe das Feuer gelöscht, während hinter ihm noch die halbe Stadt brennt.
Gleiches Muster im Kongo: Ein Bürgerkrieg, der seit Jahrzehnten tobt, mit unzähligen Toten, Elend, Flüchtlingsströmen. Und Trump? Trompetet von „einem neuen Kapitel der Hoffnung“. Nebenbei sichert er sich – wie er ganz beiläufig fallen lässt – Zugriff auf „viele“ kongolesische Bodenschätze. Klar, wenn Frieden bedeutet, dass der grosse Donald seine Finger in der Schatztruhe hat, dann: Nobelpreis sofort!
Vom Hamburger zur Friedensmission
Manchmal frage ich mich: Hat Trump einfach zu viele Hamburger verdrückt, bevor er solche Sätze raushaut? Es muss eine spezielle Art von Verdauung sein, die dafür sorgt, dass aus Fast Food plötzlich geopolitische Märchen entstehen. Kaum ist das letzte Sesambrötchen geschluckt, erklärt er sich selbst zum Retter des Weltfriedens. Wahrscheinlich denkt er sich: „Wenn ich einen Burger in zehn Minuten schaffe, dann beende ich auch einen Krieg in zwölf Tagen.“
Die grosse Telefonshow
Kambodscha und Thailand? 43 Tote, jahrzehntelange Grenzstreitigkeiten – aber Trump telefoniert kurz und schon ist Frieden. Zumindest bis die nächste Patrone geladen wird. Das Ganze erinnert an Reality-TV: Anrufen, Selfie machen, eine grosse Rede halten – fertig ist der Frieden. Nächstes Mal macht er vielleicht noch ein TikTok-Video dazu.
Und Indien–Pakistan? Das ist der beste Witz überhaupt. Pakistan dankt Trump, Indien sagt: „Von dem Typen haben wir nie was gehört.“ Stell dir vor: Zwei Kinder streiten im Sandkasten, der eine behauptet, Onkel Donald habe das Schaufelproblem gelöst, der andere sagt: „Der war gar nicht da, der hat nur draussen durchs Fenster reingeschaut.“
Friedens-Deals à la Trump
Armenien und Aserbaidschan? Klar, die haben eine Erklärung im Weissen Haus unterschrieben. Trump stand daneben, grinste wie ein Marktschreier auf Speed und rieb sich die Hände. Ein „Triumph“. Aber wehe, man schaut genauer hin: ungelöste Handelsrouten, Verfassungsänderungen, endlose Streitpunkte. Kurzum: Frieden sieht anders aus. Aber Dony hat ein Foto, auf dem er zwischen zwei Staatschefs steht. Und Fotos sind für ihn Realität.
Der „sechste Krieg“ ist dann endgültig die Krönung. Serbien–Kosovo? Ägypten–Äthiopien? Keine Kampfhandlungen, keine Schlachten, keine Leichenberge. Aber in der Trump-Welt zählt auch das: „Ich habe Kriege beendet, bevor sie überhaupt begonnen haben.“ Das ist so, als würde ich mich dafür feiern, dass ich heute Morgen keinen Banküberfall verübt habe. Nobelpreis, bitte!
Der Trick mit der Selbstverklärung
Was Trump betreibt, ist nichts anderes als die alte Masche: gross behaupten, grösser aufblasen, und wenn’s nicht stimmt – egal. Seine Jünger glauben es trotzdem. Die eigentliche Strategie ist simpel: Jede Waffenruhe wird als Weltwunder verkauft. Jeder Handschlag als Rettung der Zivilisation. Jede Fake-Meldung als Triumph.
Dass Waffenstillstand nicht gleich Frieden ist, dass Konflikte nicht durch Fotos im Weissen Haus verschwinden, dass jahrzehntelange ethnische Spannungen nicht durch einen Fast-Food-Diplomaten gelöst werden – all das interessiert ihn nicht. Wichtig ist, dass er am Mikrofon sagen kann: „Ich habe den Krieg beendet.“ Basta.
Der Friedensnobelpreis als Big Mac
Die Idee, dass Trump den Friedensnobelpreis bekommt, ist eigentlich grotesk. Es ist, als würde man McDonald’s den Michelin-Stern für „gesunde Küche“ verleihen. Oder Marlboro den Preis für „herausragenden Beitrag zur Lungenforschung“.
Aber genau das ist die Welt, in der Trump lebt: Alles ist verhandelbar, solange sein Name gross genug auf der Tafel steht. Er ist überzeugt, er habe Anspruch auf die höchste Auszeichnung für Frieden – dabei ist sein Track Record eine Mischung aus Waffenstillständen auf wackligen Beinen, Geschäftsdeals mit Bodenschätzen und purer Selbstvermarktung.
Und am Ende?
Vielleicht ist es das, was Trump wirklich antreibt: nicht Frieden, sondern das Gefühl, im Rampenlicht zu stehen. Der Friedensnobelpreis ist in seinen Augen kein Symbol für Versöhnung, sondern ein Pokal, den er in seinem Golf-Resort aufstellen will – gleich neben der Sammlung billiger Burger-Trophäen.
Der Weltfrieden ist für ihn keine Sache von Diplomatie, Vertrauen und Kompromissen, sondern ein weiterer Slogan, ein weiteres Produkt, ein weiterer Deal. „Make Peace Great Again“ – notfalls mit Bomben, Selfies und Big Macs.
Und so bleibt am Ende nur die Erkenntnis: Wenn Trump sagt, er habe sechs Kriege beendet, dann ist das genauso glaubwürdig wie seine Frisur. Man sieht von weitem, dass da einiges frisiert ist.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.08.2025 12:38
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Zugegeben, ich verstehe vieles nicht, was in dieser Welt passiert – und wissen Sie was? Ich muss auch nicht alles verstehen. Aber bei gewissen Dingen juckt es mich schon, den Sinn zu suchen. Meist vergeblich.
Zum Beispiel diese Sache mit dem Telefonieren in der Öffentlichkeit. Offenbar glauben viele, wir lebten in einer gigantischen, globalen Telefonzelle – ohne Wände, ohne Türen, aber mit maximaler Lautstärke.
Sie sitzen im Zug, wollen einfach nur lesen oder vor sich hindösen – und zack: „Jaaa, hoi Schatz, ja, ich bin grad im Zug, ja, er isch grad abgfahre, ja, ich bin am 17:42 in Bern…“ Fünf Minuten später kennen Sie den Gesundheitszustand der Schwiegermutter, das Futter des Hundes und die ungewollte Schwangerschaft der Nachbarin.
Das ist wie Reality-TV – nur ohne Bilder und ohne Möglichkeit, abzuschalten.
Noch schöner wird’s im Restaurant. Da erfahren Sie von Elsbeth am Nebentisch haargenau, was auf ihrem Teller liegt. „Salat mit Tomate und Gurke, und sonere Sauce, weisch, und denäbed Quiche, aber chli z’troche…“ – und das muss die ganze Beiz wissen.
Wieso? Weshalb muss man fremde Leute mit akustischem Kleinklein belästigen? Ist das ein Steinzeit-Instinkt? Oder hat man einfach vergessen, dass es noch etwas gibt, das sich Privatsphäre nennt?
Mir hat man beigebracht: Möglichst nicht auffallen. Das ist bei meinem Erscheinungsbild zwar ohnehin schwierig – aber ich versuche es. Telefonieren in der Öffentlichkeit? Nur im Notfall. Und dann kurz. Maximal 30 Sekunden. Nicht eine Hörspielproduktion Zürich–Bern live.
Und ja – ich habe auch ein Handy. Ich benutze es still. Zum Schreiben. Zum Recherchieren. Für diese Kolumne. Nicht, um dem halben Zug meinen Tagesablauf ins Ohr zu brüllen.
Das Beste: Manche merken nicht einmal, wie laut sie sind. Da würde die Stimme auch ohne Telefon bis Timbuktu reichen. Manchmal habe ich das Gefühl, das Gerät ist nur ein Requisit – so wie früher die Zigarettenspitze. Etwas zum Festhalten, während man eigentlich den Raum beschallt.
Und dann: Videoanrufe. FaceTime im Zug, Lautsprecher auf Maximum. Sie sehen, was er sieht, hören, was er sagt – und sehen im schlimmsten Fall, was sein Gesprächspartner im Mund hat. Kein Telefonieren mehr, sondern Live-TV für Unfreiwillige.
Erklären kann ich es mir nur so: Das Smartphone ist heute das tragbare Wohnzimmer. Früher gab es klare Zonen: Zuhause, Hörer, fertig. Heute trägt man seinen privaten Raum überall hin – und merkt nicht, dass andere da nicht hinein wollen.
Oder man hält sich einfach für unfassbar interessant. Das grosse Missverständnis des 21. Jahrhunderts: Nur weil Sie Ihre Geschichten spannend finden, heisst das nicht, dass der Rest der Welt sich dafür interessiert.
Theater kostet Eintritt, weil dort etwas Sehenswertes passiert. Das Gespräch über Ihre Quiche tut das nicht.
„Dann hören Sie doch einfach weg“, höre ich jetzt schon. Klar. So wie man bei Regen so tut, als wäre es trocken. Funktioniert gleich gut.
Mein heimlicher Plan: Wenn jemand wieder einen akustischen Dauerstream startet, schreibe ich mit. Wort für Wort. Und lese es später laut vor. Bisher ist das gescheitert – nicht am Mut, sondern an meiner Schreibgeschwindigkeit. Die Quassler sind einfach zu schnell für meine Daumen.
Stellen Sie sich vor, wir würden uns in anderen Situationen so verhalten. In der Bibliothek ruft jeder durch den Raum, was er liest. Im Kino berichtet jemand ins Handy: „Also jetzt, weisch, de Hauptdarsteller macht sone Miene…“
Vielleicht wäre die Lösung: Quasselzonen. Wie Raucherzonen (an die sich auch niemand hält). Wer dringend laut reden muss, stellt sich dorthin. Und der Rest hat Ruhe.
Bis dahin: Kopfhörer rein, Musik an. Oder Mails schreiben, Kolumnen tippen. Still. Wie jemand, der begriffen hat, dass er nicht alleine auf diesem Planeten lebt.
Und glauben Sie mir: Es fühlt sich verdammt gut an, nicht die ganze Welt am eigenen Leben teilhaben zu lassen. Vielleicht ist das sogar der letzte wahre Luxus unserer Zeit.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 09.08.2025 07:48
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Bern hat wieder einmal geliefert. Offiziell gibt es seit dem 1. August eine neue, klare Regelung: Nur akkreditierte Journalisten dürfen in Medienkonferenzen des Bundesrats Fragen stellen. Wer nicht auf der heiligen Liste steht, darf zuhören, brav Notizen machen und anschliessend beim Kaffeeautomaten ein bisschen jammern.
Diese Ordnung hat einen schönen, beinahe preussischen Charme. Endlich weiss man, wer reden darf und wer den Mund zu halten hat. Eine Bundeskanzlei zum Anfassen, transparent, fair – und so richtig schweizerisch im Sinn von „für alle gleich“.
Also fast.
Denn wie so oft, wenn die Schweiz Regeln aufstellt, gibt es sofort die Kategorie „Ausnahme für besondere Menschen“. Und siehe da: Roger Köppel, Verleger, Chefredaktor, alt Nationalrat, Alt-SVP, kurz gesagt „bekannt wie ein bunter Hund“, ist offiziell nicht akkreditiert – und stellt trotzdem Fragen. Nicht im stillen Kämmerlein, sondern mitten in der Medienkonferenz, direkt an den Bundesrat.
Wie geht das? Ganz einfach: Es gibt die Möglichkeit einer Tagesakkreditierung. Und für eine „Übergangszeit“ akzeptiert die Bundeskanzlei sogar noch die alte Regelung, wonach jeder, der einen Presseausweis und einen amtlichen Ausweis vorweisen kann, zu den Fragen zugelassen wird. Herr Köppel erfüllt das, und zack – ist er drin.
Und jetzt wird’s schön absurd: Diese Tagesakkreditierung, mit der man Fragen stellen darf, steht Praktikanten nicht zur Verfügung. Nein, sie dürfen nicht mal darum bitten. Die Regeln sind hier glasklar: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, und schon gar keine Fragejahre.
Man könnte an dieser Stelle laut lachen, wenn es nicht so altbekannt wäre. Bern liebt seine Hierarchien, so wie andere Leute ihre Haustiere. Madame Elisabeth de Meuron-von Tscharner, das berühmte Stadtberner Original, brachte es schon vor Jahrzehnten auf den Punkt:
«Syt diir öpper oder nähmet dir Lohn?»
In diesem Fall ist klar, wer „öpper“ ist.
Die Szene hat etwas von einem Dorffest aus den Fünfzigerjahren: Vorn in der Festhütte sitzen die Honoratioren, trinken Weisswein aus grossen Gläsern, und wenn sie Lust haben, dürfen sie sich vom Musikverein eine Polka wünschen. Hinten, bei der Bierbar, stehen die anderen – und dürfen froh sein, wenn sie den Blick auf die Bühne nicht ganz durch die Köpfe der Vorderen verlieren.
In Bern ist es ähnlich: Wer Rang, Namen und einen Ausweis hat, darf in der ersten Reihe Fragen stellen. Wer dagegen jung, motiviert und noch nicht auf der „richtigen“ Liste steht, darf zuhören – und wird freundlich gebeten, nicht zu stören. Das nennt man dann Medienförderung.
Die Ironie ist so dick, dass man sie in Scheiben schneiden könnte. Die Bundeskanzlei verteidigt das alles als „Übergangsregelung“. Das klingt nett, wie ein Provisorium, das irgendwann einmal endet – wenn wir alle längst vergessen haben, dass es überhaupt existiert. „Übergang“ ist in Bern ohnehin ein dehnbarer Begriff. Da kann ein Provisorium locker ein paar Jahrzehnte halten, so wie die Übergangslösung für die Autobahnvignette, die auch nicht gerade über Nacht verschwunden ist.
Und seien wir ehrlich: Niemand in der Bundeskanzlei wird sich die Finger verbrennen, indem er einen prominenten Ex-Politiker am Reden hindert. Das gäbe Schlagzeilen, die man lieber vermeiden möchte. Also lässt man ihn halt machen, und wenn der Praktikant neben ihm stirnrunzelnd auf seinen Block kritzelt, dann ist das eben Teil des Lernprozesses.
Die ganze Geschichte riecht stark nach jenem anderen Bonmot von Madame de Meuron:
«Im Himmel obe sy mer mynetwäge alli glych, aber hie unde wei mer einschtwyle no Ornig ha!»
Übersetzt: Gleichheit ja – aber bitte nicht so genau.
Man könnte natürlich argumentieren, dass Köppel nun einmal ein erfahrener Journalist ist, der weiss, wie man den Bundesrat kitzelt. Aber das ändert nichts am Prinzip: Eine Regel, die so flexibel ist, dass sie sich nach Namen und Gesicht richtet, ist keine Regel – sondern höflich kaschierte Willkür.
Und genau das ist der Punkt, der diese Episode so herrlich typisch macht: In der Schweiz lieben wir Regeln, aber wir lieben es noch mehr, sie für „die richtigen Leute“ zu biegen. Es ist eine Tradition, so alt wie das Fondue – und mindestens ebenso klebrig.
Am Ende bleibt der fade Beigeschmack, dass hier nicht nur mit zweierlei Mass gemessen wird, sondern dass diese Zweiklassengesellschaft sogar offiziell abgesegnet ist. Der Praktikant kann sich also schon mal daran gewöhnen: Wer heute den Mund hält, darf vielleicht in zwanzig Jahren reden. Vorausgesetzt, er ist dann „öpper“.
Und so, liebe Leserschaft, läuft es im Bundeshaus wie im Rest des Landes: Wir sind stolz auf unsere Demokratie, unsere Transparenz und unsere Gleichbehandlung – aber wenn es hart auf hart kommt, hat die Tradition das letzte Wort.
Oder, um es in moderner Übersetzung zu sagen: Manche Türen öffnen sich nicht mit einem Ausweis, sondern mit einem Namen. Und manche Regeln gelten nicht für alle – nur für die, die sie nicht erfüllen müssen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.08.2025 05:18
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Ein persönlicher Einblick in ein Leben mit ADHS und Depressionen
Ich habe ADHS. Und ich habe Depressionen. Zwei Diagnosen, die nicht besonders spektakulär klingen – und trotzdem oft nicht ernst genommen werden.
ADHS begleitet mich seit meiner Kindheit. Damals hiess das noch POS – Psychische oder Organische Störung. Ich war lebendig, unruhig, leicht ablenkbar. Aber ich hatte Glück. Meine Lehrerinnen, Lehrer und Eltern wussten damit umzugehen. Ich bekam nie Ritalin, und rückblickend bin ich sehr dankbar dafür. Ich fühlte mich nie krank. ADHS war einfach ein Teil von mir – nicht immer einfach, aber auch nie dramatisch.
Ich kam zurecht. Ich hatte meine Strategien. Ich verpasste keine Termine, erledigte meine Aufgaben zuverlässig – wenn auch oft erst in letzter Minute, unter grossem innerem Druck. Es war nicht immer leicht, aber es ging.
Was viel schwieriger war – und bis heute ist: Dass ich nicht ernst genommen werde, wenn ich über meine Belastung spreche.
Es reicht nicht, zu „funktionieren“. Denn wenn ich mich dann doch mal öffne, wenn ich sage, dass es zu viel wird, dass ich innerlich erschöpft bin, überfordert, antriebslos – dann kommen oft die Reaktionen, die mehr verletzen als helfen:
„Ach, du übertreibst doch.“
„Du bist doch immer so gut drauf.“
„Komm, das ist doch kein Grund, sich schlecht zu fühlen.“
Ich bin nicht beleidigt, wenn jemand meine Diagnose nicht kennt. Aber ich bin müde, ständig erklären zu müssen, dass es trotzdem echt ist. Dass nicht jeder, der lacht, innerlich stabil ist. Dass nicht jede Depression sichtbar ist. Und dass ADHS im Erwachsenenalter ganz anders aussehen kann als bei Kindern.
Ich wirke organisiert, kommunikativ, leistungsfähig – und ja, ich bin das auch. Aber ich bin es nicht ohne Aufwand. Nicht ohne innere Kämpfe. Nicht ohne Erschöpfung.
Ich schreibe das nicht, um mich zu beklagen. Sondern um zu zeigen, wie viel Kraft es kosten kann, „normal“ zu wirken. Und wie wichtig es ist, Menschen ernst zu nehmen, wenn sie sagen: Mir geht es nicht gut.
Denn oft ist nicht die Erkrankung das grösste Problem – sondern das Gefühl, damit allein zu sein.
Und manchmal reicht schon ein Satz, der alles verändert: „Ich glaub dir.“
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.08.2025 09:06
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Es gibt Fehler, die macht man halt mal. Und dann gibt es „Lieben Gruss“.
Ein Fehler, der sich tarnt als Nettigkeit – und dabei alles falsch macht. Grammatikalisch. Inhaltlich. Pädagogisch.
Und besonders tragisch wird’s, wenn Lehrpersonen (ja, du da im Lehrerzimmer mit der Kaffeetasse!) diesen Unsinn selber verwenden. In Mails an Eltern, auf Zetteln an der Wandtafel oder im Gruppenchat: „Lieben Gruss, Frau M.“ Nein. Einfach nein.
Denn wer anderen etwas über Sprache beibringen will, sollte wenigstens die Grundregeln beherrschen. Und dazu gehört:
👉 „Gruss“ ist maskulin.
👉 Maskulin im Nominativ: „lieber Gruss“
„Lieben Gruss“ ist so falsch wie „guter Morgen“ oder „schönen Tag noch, Ihnen auch“.
Klingt irgendwie bekannt – ist aber grammatikalisch kaputt.
Klar, niemand stirbt an einem falschen Gruss. Aber ein bisschen sprachliches Rückgrat wäre schon nett.
Und bevor du jetzt sagst: „Aber mit lieben Grüssen ist doch richtig?!“ – ja. Das ist Plural. Und Dativ. Und ein anderer Fall. Und genau deswegen eben nicht das Gleiche.
Also bitte: Wenn du Lehrer bist und sowas schreibst, dann frag dich ernsthaft: Was mache ich da eigentlich?
Denn wer „lieben Gruss“ schreibt, gibt sprachlich keine gute Figur ab.
Und wer das als Lehrperson tut, sollte sich vielleicht mal in den Deutschunterricht setzen – diesmal auf die andere Seite des Pults.
Lieber Gruss,
ein verzweifelter Freund der Sprache
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.08.2025 18:50
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Ach, Bundesbern. Man muss euch wirklich gratulieren. Da habt ihr es geschafft, in monatelangen „intensiven Verhandlungen“ mit den USA das diplomatische Äquivalent eines Furzgeräuschs zu erzielen – gefolgt von einem Paukenschlag: 39 Prozent Strafzoll auf Schweizer Produkte. Der höchste Satz in ganz Europa. Gratulation, liebe Bundespräsidentin Keller-Sutter – euer Team hat sich soeben den Titel „Schlechtester Deal des Kontinents“ gesichert. Und das mit Ansage.
Aber gehen wir nochmal ein paar Schritte zurück. Da war diese fast schon putzige Hoffnung, dass man mit einem charmanten Anruf beim orangen Despoten im Weissen Haus etwas reissen könnte. Karin Keller-Sutter, sonst eher Typ Sachverwalterin als diplomatische Verführerin, erklärte dem Blick stolz: „Ich habe irgendwie den Zugang zu Trump gefunden.“ Aha. Und was hat sie gefunden? Offenbar nur den Ausgang.
Denn was am Ende blieb, war kein Zugang, sondern ein Tritt in den Hintern. Minuten vor Ablauf der Frist knallte das Weisse Haus eine neue Zollliste raus – mit der Schweiz ganz oben auf der Liste der Abgestraften. 39 Prozent. Nicht 10, nicht 15, nicht mal die angedrohten 31. Nein, es musste natürlich die 39 sein. Eine Zahl, so grotesk, dass man sie fast für eine Rückennummer auf einem Footballtrikot halten könnte.
Und was macht die Schweiz? Sie ist überrascht. Ja, man habe doch alles vorbereitet. Die Absichtserklärung lag vor. Die Gespräche waren “vertrauensvoll”. Nur Trumps Unterschrift fehlte noch. Kleines Detail, das. In einer Welt, in der dieser Mann innerhalb von zwei Tweets die Richtung wechselt, ist das ungefähr so, als würde man bei der Titanic sagen: “Wir hatten ein Rettungsboot bereitgestellt – leider stieg niemand ein.”
Die Frage, die sich nun aufdrängt, ist: Wie konnte man sich derart verschätzen? Wie naiv muss man sein, um zu glauben, dass Donald Trump sich von einem netten Telefonat oder einem Working Lunch in der Botschaft beeindrucken lässt? Der Mann verhandelt nicht – er diktiert. Er führt keine Partnerschaften – er testet Loyalität. Wer nicht pariert, wird plattgewalzt. Und während die EU ihm für einen 15-Prozent-Zoll massenweise Gas, Öl und Waffen abkauft, bietet die Schweiz… was genau an? Uhren? Ein bisschen Neutralität? Ein Glas Rivella?
Was wirklich schmerzt, ist die schamlose Realitätsverweigerung. Seit Jahren wird gewarnt, dass die USA ihre Pharma-Importe für überteuert halten. Die Schweiz ist Weltmeisterin im Medikamentenverkaufen, reibt sich genüsslich die Hände über hohe Margen und staunt jetzt, warum Trump plötzlich sauer ist. Spoiler: Weil er Wahlkampf macht – und sich keinen Dreck um die Margen von Roche oder Novartis schert. Ihn interessieren nicht die „gemeinsamen Werte“ oder die diplomatischen Floskeln aus Bern. Er will Headlines. Und mit „Ich habe der Schweiz gezeigt, wo der Hammer hängt“ hat er eine.
Und die Schweiz? Sie murmelt was von WTO-Klage. Süess. Ja, die Welthandelsorganisation kann irgendwann – vermutlich 2032 – ein Verfahren eröffnen. Dann könnte man eventuell Gegenmassnahmen andenken. Also genau das, was die Schweiz niemals tun wird, weil sie weiss, dass ein Racheakt von Trump schneller käme als der nächste Fahrplanwechsel der SBB.
Und überhaupt: Wer soll denn Druck auf die USA machen? Liechtenstein? San Marino? Der Papst persönlich? Die Schweiz ist schlicht zu klein, um mit einem Alleingang irgendwas zu bewirken. Und die EU wird sich kaum für uns in die Bresche werfen – die haben ja ihren Deal schon. Clever, oder?
Bleibt nur noch ein Hoffnungsschimmer: Trump könnte sich in der Zwischenzeit wieder mit irgendwem anders anlegen – vielleicht Kanada, vielleicht dem Wetter. Vielleicht vergisst er die Schweiz auch einfach. Wäre nicht das Schlechteste.
Fazit: Diese ganze Posse ist eine Mahnung. Eine Mahnung daran, dass politische Selbstüberschätzung, gepaart mit diplomatischer Behäbigkeit, in einer Welt von Machtpolitikern wie Trump nicht funktioniert. Wer glaubt, er könne mit Anstand und Floskeln einen Egomanen zähmen, darf sich nicht wundern, wenn er am Ende der Liste steht. Oder mit 39 Prozent Zöllen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.08.2025 11:00
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Am 1. August lodern auf jedem Hügel Höhenfeuer, die Kinder fuchteln mit Knallerbsen herum, der Bundespräsident nuschelt etwas auf dem Rütli, das kein Mensch hören kann, und in den Gärten wird Grillgut geopfert, als wolle man dem Gott der Neutralität ein Lamm darbieten. Die Schweiz feiert Geburtstag. Nur: Sie ist gar nicht geboren worden. Jedenfalls nicht an diesem Tag.
Der 1. August ist unser Nationalfeiertag, weil man irgendwann beschlossen hat, dass das so ist. Warum genau? Wegen eines Dokuments, das vor über 700 Jahren irgendwer irgendwo verfasst hat – ein Verwaltungsakt, der etwa so glamourös war wie eine Parkplatzverordnung in Bern-Bümpliz. Der sogenannte Bundesbrief von 1291 enthält keine Freiheitsrufe, keine Schwerter, keine „Wir gründen jetzt die Schweiz“-Erklärung. Er war ein Sicherheitsbündnis. Man hätte genauso gut ein PDF draus machen können, mit „Kopie an: Uri, Schwyz, Unterwalden“.
Aber die Schweiz wäre nicht die Schweiz, wenn sie aus einem juristischen Feuchttuch nicht eine Heldensage schnitzen würde. Also hat man später, als der Nationalstaat erfunden wurde, die Geschichte rückwirkend episch aufgeladen. Plötzlich gab’s Schwerter, einen Schwur, das Rütli, patriotische Tränen. Friedrich Schiller, ein Deutscher notabene, hat uns in „Wilhelm Tell“ sogar den ultimativen Mythos aufs Auge gedrückt: mutige Männer, die sich bei Nacht und Nebel verschwören, um der Tyrannei die Stirn zu bieten. Klingt grossartig. Stimmt bloss nicht.
Der berühmte Rütlischwur? Hat nie stattgefunden. Es gibt keine Quelle, kein Dokument, keine Überlieferung, die belegt, dass drei Bauern auf einer Waldlichtung feierlich die Schweiz gegründet hätten. Und selbst wenn sie es getan hätten: Sie hätten keine Ahnung gehabt, was sie da gerade angeblich geschaffen haben. Die Eidgenossenschaft war jahrhundertelang ein loser Haufen von Kantonen, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten, ein Haufen Kleinstaaterei mit viel Misstrauen und noch mehr Söldnerverträgen.
Aber hey: Was wäre ein Land ohne sein Gründungsmärchen? Die USA haben ihren 4. Juli, die Franzosen die Bastille, und wir haben… einen Brief. Immerhin. Und damit daraus mehr wird als ein Stück Pergament mit schwurbeligem Latein, hat man ihm Pathos eingehaucht. 1891, zum 600-Jahr-Jubiläum, hat man das erste Mal richtig gefeiert. Damals war man ganz heiss auf Nation, Fahne, Vaterland. Und man brauchte dringend etwas, das verbindet. Da kam der 1. August gerade recht.
Seither feiern wir jedes Jahr ein Ereignis, das niemand gesehen hat, das in keinem Tagebuch steht und das historisch bestenfalls als Fussnote durchgeht. Und das tun wir mit einer Inbrunst, die geradezu rührend ist. Man zündet Raketen, steckt Kindern Schweizerfähnchen in die Hand, singt die Landeshymne (keiner kennt den Text) und isst Dinge, die nur an diesem Tag legitim sind: 1.-August-Weggen zum Beispiel, ein kulinarischer Witz mit Teig. Man redet sich ein, Teil einer grossen Tradition zu sein, obwohl der Nationalfeiertag selbst jünger ist als die Glühbirne.
Die Schweiz inszeniert sich am 1. August als patriotisches Paradies: friedlich, stark, frei, selbstbestimmt. Und übersieht dabei grosszügig, dass viele dieser Werte nicht aus dem Rütli, sondern aus mühsamer politischer Entwicklung stammen – oft gegen den Willen der damals Herrschenden. Frauenstimmrecht, Menschenrechte, Arbeitsrechte? Alles Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Aber auf dem Rütli redet man lieber von Freiheit, als müsste man die mühsamen Kapitel nicht auch feiern.
Vielleicht brauchen wir dieses Märchen, weil wir sonst nichts haben, worauf wir uns alle einigen können. Die Schweiz ist ein kompliziertes Konstrukt, ein Vielvölkerprojekt mit vier Sprachen, 26 Ego-Kantonen und mehr Abstimmungen als Netflix-Accounts. Ein bisschen Identitätskitsch tut da offenbar gut. Also tun wir so, als hätte es diesen legendären Schwur gegeben, lassen die Alphörner tröten und versöhnen uns bei Cervelat und Feuerwerk mit der historischen Wahrheit.
Ist das schlimm? Nein. Aber es ist entlarvend. Denn wenn man schon einen Nationalfeiertag feiert, dann sollte man wenigstens wissen, dass man sich da kollektiv selbst belügt – mit Anlauf und Pauken. Die Schweiz wurde nicht am 1. August 1291 gegründet. Sie wurde irgendwann irgendwie zu dem, was sie heute ist: ein pragmatisches Land, das sich selbst feiert, weil es nicht weiss, wie es sonst die Emotionen organisiert kriegen soll.
In diesem Sinne: Hoch die Gläser. Auf ein Land, das sich seinen Geburtstag selbst erfunden hat. Proscht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 27.07.2025 10:09
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Es gibt Vögel. Und dann gibt’s Roger Köppel und Philipp Ruch. Zwei Prachtexemplare, wie sie im Lehrbuch für politisch-kulturelle Selbstinszenierung stehen. Der eine flattert mit der Weltwoche durchs rechtspopulistische Unterholz, der andere stolziert mit pseudo-philosophischer Moralkeule über die Bühne. Und wenn die beiden aufeinandertreffen, wird’s laut, dumm – und teuer.
Das Zürcher Theater Neumarkt durfte das jüngst am eigenen Portemonnaie spüren: 50’000 Franken Subventionskürzung. Warum? Weil es in einer Performance zur „Entköppelung der Schweiz“ kam – samt öffentlicher Verfluchung von Köppel. Kein Witz. Für ein paar kunstvoll inszenierte Hassrituale mussten dann also plötzlich kantonale Stellen herhalten, die sich wohl fragten, ob das alles noch von dieser Welt ist oder schon vom Bundesamt für abgebrochene Satire stammt.
Federführend bei diesem intellektuellen Schwanengesang: Philipp Ruch. Der Mann, der schon mal in einer Anzeige zur Tötung Roger Köppels aufgerufen hat – natürlich rein künstlerisch, versteht sich. Ironisch. Symbolisch. Irgendwie halt. Die Staatsanwaltschaft sah das auch so und winkte den „Mordaufruf“ als Performancekunst durch. Weil ja niemand ernsthaft glaubt, dass Ruch mit dem Schwert in der Hand vor Köppels Villa lauert. Obwohl: Bei dem Kerl wär ich mir nicht mal da ganz sicher.
Ruch, selbsternannter Philosoph, ist das, was passiert, wenn man Sartre liest, aber heimlich ein Faible für Monty Python hat. Seine Aktionen sind stets laut, pathetisch, moralisch aufgeladen – und so subtil wie ein Pflasterstein durchs Kirchenfenster. Sein Publikum: urban, links, intellektuell erregbar. Seine Mission: Die Welt retten, indem man sie möglichst plakativ beleidigt.
Und dann Roger Köppel. Der intellektuelle Flugsaurier der SVP. Er sieht sich selbst als letzte Bastion bürgerlicher Vernunft, wird aber von der eigenen Wutorgel oft schneller überrollt als ihm lieb ist. Auf Ruchs Aktion antwortete er gewohnt souverän per SMS: „Die Aktion zeigt einfach, wie unglaublich primitiv der subventionierte Kulturbetrieb ist.“ Ja, Herr Köppel, das mag sein – aber ihr Facebook-Feed ist auch nicht gerade ein humanistisches Leuchtturmprojekt. Wer täglich mit Benzin auf Empörungslagerfeuer pinkelt, sollte bei Gegenwind nicht „Brandstiftung!“ rufen.
Natürlich liess sich die SVP das nicht entgehen und forderte: Alle Subventionen streichen! 5,4 Millionen Franken sollten weg. Zack. Fertig. Als wäre Kulturförderung ein Netflix-Abo, das man einfach kündigt, wenn einem eine Folge nicht passt. Dass der Regierungsrat das nicht durchwinkte, war wohl einer dieser seltenen Momente, in denen Vernunft nicht gleich mit dem Zug nach Kloten abgereist ist.
Was bleibt? Ein subventioniertes Theater, das sich als Widerstandszelle inszeniert und dabei unfreiwillig zur Parodie wird. Ein Politiker, der sich in seiner Opferrolle sonnt wie ein Aal im Jacuzzi. Und zwei Männer, die sich gegenseitig die mediale Reichweite aufblasen wie pubertierende Gockel im Schulhof.
Und wir? Wir zahlen dafür. Mit Steuern. Mit Aufmerksamkeit. Mit Hirnzellen.
Wäre es nicht schön, wenn einmal – nur ein einziges Mal – jemand eine solche Debatte gewinnt, ohne dabei das komplette Niveau zu versenken? Aber nein. Lieber bewerfen sich Künstler und Politiker weiter mit moralisch aufgeladenem Dreck, während das Publikum „Bravo!“ ruft oder kotzt. Je nach Geschmack.
Fazit: Wenn man die Schweiz wirklich „entköppeln“ will, sollte man vielleicht damit anfangen, sich nicht selbst als Ruch-Attrappe zu verkleiden. Denn wer Köppel kritisiert, indem er sich wie Köppel aufführt, hat am Ende vielleicht ein Theaterstück gewonnen – aber jede Glaubwürdigkeit verloren.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.07.2025 17:23
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Die Junge Tat nennt sich selbst eine „rebellische Stimme“ gegen das Establishment. In Wahrheit ist sie ein rechtsextremes Propagandamedium, das mit gezielter Desinformation, Framing und persönlichen Angriffen arbeitet. Wer sich mit dieser Gruppe ernsthaft beschäftigt, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Aufklärung, sondern um politische Stimmungsmache mit dem Ziel, Vertrauen in Institutionen, Wissenschaft und Demokratie systematisch zu zersetzen.
Das Geschäftsmodell der Jungen Tat ist nicht neu, aber in seiner Konsequenz bedrohlich: Einzelpersonen und Gruppen werden öffentlich angegriffen – oft namentlich, gerne mit Foto –, und dies auf Basis einseitiger, verzerrter oder schlichtweg falscher Behauptungen. Eine klassische Täter-Opfer-Umkehr: Wer sich gegen Hetze wehrt, wird als „Systemknecht“ oder „woker Gutmensch“ diffamiert.
Recherchearbeit? Fehlanzeige. Faktencheck? Wird als Teil des „Mainstreams“ verachtet. Die Plattform arbeitet nicht journalistisch, sondern ideologisch – und ihre Zielgruppe sind junge Menschen, die sich nach Klarheit und Zugehörigkeit sehnen. Was sie bekommen, ist ein Weltbild aus Verschwörung, Ressentiment und nationalistischer Selbstüberhöhung.
Wer sind die Drahtzieher? Besonders auffällig treten Tobias Lingg und Manuel Corchia auf – letzterer ist auch Präsident der Jungen SVP Kanton Zürich. Beide bewegen sich mit einer Selbstverständlichkeit im politischen Grenzbereich, die man nicht mehr als Ausrutscher abtun kann. Sie laden zu Vorträgen ein, bei denen AfD-Vertreter, deutschnationale Burschenschafter und offen rechte Publizisten auftreten. Der Ton ist stets der gleiche: Gegen den Staat, gegen die Presse, gegen „die da oben“.
Ein besonders aufschlussreiches Beispiel war die Veranstaltung in Kloten Ende 2024. Anwesend: AfD-Politiker, Identitäre, Jung-SVPler – und auch Nicolas Rimoldi, der Präsident von Mass-Voll!. Rimoldi ist nicht Teil der Jungen Tat, aber seine ideologische Nähe ist unübersehbar. Er tritt bei gemeinsamen Veranstaltungen auf, zeigt sich Schulter an Schulter mit den Machern der Plattform und bekundet in sozialen Medien regelmässig Sympathie – auch mit einem „White Power“-Emoji, das unter einem ihrer Beiträge auftauchte. Rimoldi will sich gerne als „bürgerlich-libertärer Aktivist“ darstellen – doch wer sich freiwillig in Gesellschaft von Demokratieverächtern begibt, kann sich nicht mit Naivität herausreden.
Und die Inhalte der Jungen Tat? Ein besonders perfides Beispiel ist ihr Angriff auf eine Zürcher Primarlehrerin, der sie eine „Gender-Indoktrination“ unterstellten. Die Geschichte basierte auf einer einzelnen, unbelegten Elternaussage, die später selbst zurückruderte. Kein Gegendarstellungsversuch, keine zweite Quelle, keine Kontextualisierung. Hauptsache, die Empörung war gross genug. Die Lehrerin wurde mit Name und Foto veröffentlicht, begleitet von Dutzenden hasserfüllten Kommentaren, einige davon mit klaren Gewaltfantasien. Die Redaktion der Jungen Tat? Schweigt. Und löscht nichts.
Die Methode ist klar: Ein Feindbild wird konstruiert, mit Halbwahrheiten angereichert, emotional aufgeladen – und dann der Öffentlichkeit zum Abschuss freigegeben. Es ist eine Radikalisierungsstrategie, wie man sie von autoritären Bewegungen kennt. Die Plattform tut dies mit jugendlichem Anstrich, in cooler Sprache, auf Instagram und TikTok. Wer widerspricht, wird als Teil der „Gehirnwäsche-Elite“ abgestempelt.
In einem demokratischen Rechtsstaat muss es Platz für Kritik geben – auch harte. Aber Kritik ist nicht das Gleiche wie gezielte Rufschädigung. Meinung ist nicht das Gleiche wie Lüge. Und Revolte ist nicht das Gleiche wie Rechtsextremismus.
Es ist höchste Zeit, die Junge Tat als das zu benennen, was sie ist: Ein rechtsextremes Medienprojekt, das gezielt daran arbeitet, demokratische Institutionen zu untergraben. Ihr Ziel ist nicht Vielfalt der Meinung, sondern die Ausschaltung aller Stimmen, die ihrem Weltbild widersprechen. Wer sich mit ihnen gemein macht – ob als Redner, Follower oder Spender –, trägt Mitverantwortung.
Und es braucht auch den Mut, Namen zu nennen: Tobias Lingg, Manuel Corchia, Nicolas Rimoldi – sie alle tragen auf ihre Weise zur Normalisierung dieses Gedankenguts bei. Der eine als Macher, der andere als Netzwerker, der dritte als Verstärker.
Demokratie ist wehrhaft – aber nur, wenn man sie verteidigt. Schweigen ist keine Option mehr.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 17.07.2025 18:58
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Herzlichen Glückwunsch, Dietikon! Man muss es auch mal positiv sehen: Während überall gebaut, verdichtet, abgerissen und neu hochgezogen wird, bleibt euch ein Stück echte, unverfälschte Stillstandskultur erhalten. Seit der Nacht auf den 31. Oktober 2023 – also vor 625 Tagen – steht sie da: Die Ruine an der Badenerstrasse 4.
Verbrannt, verrusst, vernagelt. Aber immer noch da.
Und sie steht nicht einfach so da – nein! Sie steht offiziell, genehmigt, herausinventarisiert. Man hat sich im Juli 2024 extra die Mühe gemacht, sie aus dem Denkmalschutz zu nehmen, weil eh nichts mehr zu retten sei. Man dürfte also abreissen. Theoretisch. Denn praktisch passiert: nichts. Kein Bagger, kein Gerüst, keine Bautafel. Nur ein bisschen mehr Efeu, der langsam die Brandmauern erklimmt. Und gelegentlich ein neues Absperrgitter, wenn das alte umfällt.
Was ist los? Fehlen dem Eigentümer die Mittel? Wartet die Stadt auf göttliche Eingebung? Oder hat man sich einfach daran gewöhnt? Man munkelt, es handle sich inzwischen um eine stille Vereinbarung zwischen Verwaltung und Ruine: „Wir tun so, als wärst du bald weg – und du tust so, als wärst du bald nicht mehr da.“
Dabei wurde im Juli 2024 doch gross angekündigt: „Kein Schutzwert mehr! Der Abriss kommt!“
Aber dann wurde festgestellt: Das Gebäude steht in der Dietiker Kernzone – einer Art architektonischer Endlosschlaufe, in der Neubauten bitte so aussehen sollen wie Altbauten, auch wenn das Altbau-Original inzwischen aussieht wie nach einem Luftangriff.
Fazit: Man darf neu bauen, aber bitte nicht zu neu. Es soll so tun, als wäre es alt. Nur bitte nicht abgebrannt-alt, sondern charme-alt.
Die Stadt nennt das Ortsbildschutz. Die Bevölkerung nennt das Lachnummer. Und Passanten nennen es mittlerweile einfach: „Ah, das Ding steht immer noch?“
Man könnte daraus längst ein Kulturobjekt machen: „Das Denkmal des Denkmalentzugs.“
Mit Führungen, einem Infopoint, vielleicht sogar einem kleinen Café: Ruina Matta.
Motto: „Wir servieren langsam – wie unsere Stadt plant.“
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.07.2025 23:16
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Von einer, die auszog, das Denken zu lernen – und sich unterwegs verlaufen hat.
Magdalena Martullo-Blocher ist enttäuscht. Vom grossen Trump. Vom orangenen Orakel. Vom glorreichen Zölleschwinger aus Übersee, der einfach nicht handelt. Das sagt sie mit einem Tonfall, als wäre sie persönlich vom lieben Gott versetzt worden. Und vielleicht fühlt sie sich tatsächlich so, immerhin sieht sie sich ja gerne auf Augenhöhe mit dem Immobilien-Kapitalismus-Guru aus Florida: «Wir sind ja beide Down-to-Earth-Unternehmer…» – Ja, klar. Und ich bin der Samichlaus... Ähm, ja.
Martullo-Blocher, die sich hartnäckig weigert, Ironie als Konzept zu verstehen, jammert also über Donald Trump. Der gleiche Trump, den sie noch vor ein paar Monaten mit leuchtenden Augen verteidigte wie ein Teenager, der gerade seinen ersten Mustang gefahren ist. Jetzt aber hat der grosse, starke Mann einfach nicht geliefert. Keine Zölle, kein Showdown, keine Klarheit. Nur noch mehr Chaos aus dem Hause Trump. Und das ist ihr nun ein Dorn im Auge. Wahrscheinlich einer dieser patriotischen Plastikdorne aus der Ems-Produktion.
Dabei könnte man ja meinen, ein bisschen Zoll-Chaos sei genau das Richtige für jemanden, der sich die Schweiz gerne als souveräne Wirtschaftsbastion in der globalisierten Welt zurechträumt. Aber nein, plötzlich ist Magdalena «enttäuscht». Weil Trump nicht endlich handelt. So, als wäre der Präsident der Vereinigten Staaten ein leicht verzögert reagierender Lieferant von Ersatzteilen, nicht aber eine politische Naturkatastrophe auf zwei Beinen.
Doch statt über sich selbst oder die bizarre Faszination für einen politisch desorientierten Alterspräsidenten zu reflektieren, schaut Martullo in die Kameras dieser Welt und jammert. Der arme Trump! Der hat doch so viel zu tun, zwischen Gerichtssaal, Golfplatz und Selbstbeweihräucherung. Da kann man schon mal vergessen, der Schweiz ihren fixen Zolltarif reinzuposten. Truth Social first, Switzerland second.
Und überhaupt: Dass Martullo jetzt ausgerechnet fehlende Tatkraft bei Trump kritisiert, ist etwa so, als würde ein Gartenzwerg dem Mount Everest vorwerfen, zu wenig präsent zu sein. Wer sich in einem politischen Paralleluniversum einnistet, sollte sich nicht wundern, wenn dort plötzlich die Realität die Raumstation verlässt. Aber Magdalena war ja schon immer ein bisschen… anders. Eine Selfmade-Milliardärin im Erbmodus, die sich für wirtschaftliche Kompetenz hält, weil sie es geschafft hat, eine Chemiefirma nicht in Grund und Boden zu fahren. Grossartig.
Im Übrigen sei daran erinnert, dass Frau Martullo nicht irgendeine CEO ist. Nein, sie ist auch Nationalrätin. Also eine gewählte Vertreterin des Volkes, die nebenbei damit beschäftigt ist, mit fremden Flaggen zu wedeln. Dass sie sich lieber an Trump schmiegt als ans eigene Land, lässt tief blicken. Wer braucht schon Demokratie und Souveränität, wenn man einen autokratisch angehauchten Business-Boomer anhimmeln kann?
In Bern schmunzelt man unterdessen gequält. Karin Keller-Sutter, die zumindest so tut, als hätte sie einen Draht zu Trump, wirkt daneben wie ein Fels der Vernunft. Und das will was heissen. Während also Martullo ihre globalisierte Parallelwelt betrauert, in der sie zwar für tiefe Zölle betet, aber gleichzeitig am liebsten Mauern um die Schweiz ziehen würde, stellt sich die simple Frage: Weiss sie eigentlich noch, auf welchem Planeten sie lebt?
Und wo wir gerade beim Denken sind: Der Ökonom Johannes von Mandach empfiehlt Trump einen Einführungskurs in Volkswirtschaft. Fair enough. Aber vielleicht könnte Martullo-Blocher gleich mitkommen. Man könnte gemeinsam über Ricardo, comparative advantage und die Idee von Kapitalflüssen meditieren. Vielleicht dämmert es dann irgendwann auch unserer Zoll-Bettlerin, dass Trumps Politik ungefähr so durchdacht ist wie ein Thermomix im Fitnessstudio.
Stattdessen klammert sich Magdalena an Zollzahlen und Inszenierungen, als wäre das der letzte Strohhalm ihrer politischen Relevanz. Und so darf man gespannt sein, was sie am 1. August sagt, wenn Trump dann tatsächlich seine Weltzölle veröffentlicht – genau am Schweizer Nationalfeiertag. Ob sie dann wieder stolz mit der US-Flagge wedelt? Oder beleidigt ist, weil sie nicht persönlich eine WhatsApp von ihm erhalten hat?
Eines ist sicher: Wenn der Zoll kommt, wird Martullo jammern. Wenn er nicht kommt, jammert sie auch. Und wenn er irgendwie dazwischenkommt – tja, dann sagt sie vermutlich, sie hätte es schon immer gewusst. So funktioniert das halt, wenn man politische Verantwortung mit einer Netflix-Serie verwechselt: Hauptsache Drama, Hauptsache ins Bild, Hauptsache jemand hört zu.
Und währenddessen hoffen wir einfach, dass weder Trump noch Martullo jemals wirklich handeln. Denn wenn das Handeln so aussieht wie ihr Denken, dann: Gute Nacht, Schweiz.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.07.2025 07:21
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Also bitte. Politik ist ja nicht gerade bekannt für ihre Herzlichkeit, aber was im Waadtländer Departement von Regierungsrätin Valérie Dittli abgeht, wirkt nicht wie politischer Alltag – sondern eher wie ein Büro-Survival-Game. Nur dass die Kandidatinnen und Kandidaten freiwillig das Spielfeld räumen, bevor sie noch ernsthaften Schaden nehmen.
Wir reden hier von einer Regierungsrätin, die im zarten Alter von 29 Jahren Finanzministerin eines der grössten Kantone der Schweiz wurde. Frisch, jung, ehrgeizig – und ohne jede relevante Führungserfahrung. Klingt wie ein PR-Traum, oder ein Plot aus einer Netflix-Serie. Leider ist es kein Scripted-Reality, sondern ziemlich reale Realität.
Was ist passiert? Kurzfassung: Erst verliert Dittli ihr Finanzdepartement, jetzt verliert sie ihr Team. Ihre Generalsekretärin ist weg. Davor schon der erste. Dazu noch die Kommunikationsverantwortlichen, persönliche Mitarbeitende, Mitarbeitende im Generalsekretariat – alle futsch. Und nein, nicht weil sie pensioniert wurden oder den Job ihres Lebens gefunden haben. Sondern weil sie krankgeschrieben waren. Reihum. Ganze Abteilungen, deren gesundheitlicher Zustand offenbar direkt proportional zur Nähe zur Chefin war.
Wer denkt, das klingt nach einem schlechten Arbeitsumfeld, liegt wahrscheinlich richtig. Von einem “Klima der Angst” ist die Rede. Da wurde laut Recherchen nicht einfach mal laut gesprochen, da wurde geschrien, befohlen, gedroht. Mit Klagen. Gegen die eigenen Mitarbeitenden. Weil sie es gewagt haben, Autorität zu hinterfragen. Womöglich haben sie sogar nachgedacht. Skandal!
Jetzt kann man natürlich argumentieren: Politik ist ein Haifischbecken. Wer da nicht mit Zähnen ausgestattet ist, geht unter. Nur blöd, wenn die Haifische aus dem eigenen Büro das Becken lieber verlassen als weiterzuschwimmen. Und ja, Fluktuation gehört bei einem Amtswechsel dazu. Aber die Krankheitswelle? Die Tränen? Die inneren Kündigungen? Die Panik in der Kaffeeküche? Das ist keine normale Einarbeitungsphase, das ist kollektive Selbstverteidigung.
Was ist das Problem? Vielleicht einfach: mangelnde Führung. Und der naive Glaube, dass man politische Macht allein durch den Titel „Regierungsrätin“ bekommt. Autorität wird nicht verliehen, sie wird verdient. Und das tut man – Überraschung! – nicht durch Drohgebärden, sondern durch Zuhören, Vertrauen, Ehrlichkeit. Keine Raketenwissenschaft, sondern schlichtes Menschsein.
Dittli wirkt derzeit wie eine Einzelkämpferin, die von allen Seiten angegriffen wird – in der Regierung isoliert, parteiintern umstritten, von der Verwaltung gemieden. Dass sie als junge Deutschschweizerin in der Westschweiz keinen einfachen Stand hat, ist unbestritten. Aber Diskriminierung ist kein Freipass für schlechtes Führungsverhalten. Und wer seine Generalsekretärin wie ein Bauernopfer verliert, sollte sich vielleicht mal fragen, ob das Schachbrett überhaupt das richtige Spielfeld war.
Man muss sich das mal bildlich vorstellen: Eine junge Regierungsrätin, ohne Führungs- oder Verwaltungserfahrung, kommt in ein Departement, in dem gestandene Mitarbeitende seit Jahrzehnten arbeiten. Und dann kommt der grosse Plan: neue Leute, neue Ordnung, neue Machtspielchen. Und die alten Hasen? Die können gehen. Oder krank werden. Oder am besten beides.
Und dann wundert man sich über schlechte Presse.
Natürlich darf man Fehler machen. Wer nie stolpert, lernt nichts. Aber wer so tut, als wäre alles bloss ein Einzelfall, hat nichts gelernt. Dittli sagt, sie könne zu den Abgängen nichts sagen – aus Respekt vor dem Privatleben. Man könnte auch sagen: aus Mangel an Erklärung. Dabei wäre eine Entschuldigung vielleicht einmal wohltuender als ein weiterer Verweis auf externe Berater, Medientraining oder interne Umstrukturierung.
Am Ende bleibt der Eindruck: Hier ist jemand auf dem Chefsessel, der gerne regiert, aber nicht führen kann. Jemand, der Kontrolle über Menschen gewinnen will, ohne sie zu verstehen. Und jemand, der offenbar lieber klagt als fragt.
Man könnte fast lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Oder wie es ein grosser Komiker einmal sagte: Tragödie ist, wenn ich mir den Finger schneide. Komödie ist, wenn sich jemand die Karriere ruiniert – live auf der politischen Bühne.
Aber keine Sorge, Frau Dittli. Es ist ja nur Politik. Bloss ein bisschen Macht, ein paar Lebensläufe, ein paar ausgebrannte Mitarbeitende. Nichts, was man nicht im Griff haben sollte. Oder?
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.07.2025 23:23
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Früher war alles besser. Sogar die Zukunft.
Damals, in der guten alten Zeit, als wir noch Zukunft hatten. Nicht die abgewetzte, ausgeleierte Karikatur von Zukunft, die uns heute als Fortschritt verkauft wird. Nein, ich meine die echte Zukunft. Die mit fliegenden Autos, Kolonien auf dem Mars und Robotern, die den Abwasch machen. Stattdessen kriegen wir E-Scooter, Influencer mit dem IQ einer Topfpflanze und die 147. Streamingplattform mit Serien, die aussehen wie das Drehbuch von ChatGPT nach einem Schlaganfall.
Was ist passiert?
Zukunft war mal ein Versprechen. Jetzt ist sie ein Update. Früher dachten wir, in der Zukunft würden Maschinen uns dienen – jetzt beten wir sie an, weil sie den Wetterbericht für den nächsten Dienstag in Lausanne vorhersagen können. „Smart“ nennt man das. Das Telefon ist smart, der Kühlschrank ist smart, die Zahnbürste ist smart. Nur der Mensch, der all das bedient, wird von Jahr zu Jahr dümmer.
Früher war Zukunft eine Vision. Heute ist sie eine App mit Abo-Modell.
Man erinnere sich: Es gab eine Zeit, da freute man sich auf das Jahr 2000 wie ein Kind auf Weihnachten. Alles sollte anders, alles sollte besser werden. Wir bekamen Windows ME und das neue Jahrtausend mit einem Kater. Die Millennium-Bugs waren nicht in den Computern, sondern in den Köpfen. Und als man dann endlich begriff, dass es keine Jetpacks geben würde, hat man sich halt an Elektrotrottis erfreut, als wär’s der Messias auf zwei Rädern.
Und dann die ganze Technikhörigkeit. Die Leute sitzen mit künstlicher Intelligenz auf dem Schoss und merken nicht, dass sie ihre natürliche längst an der Garderobe abgegeben haben. Es gibt Menschen, die lassen sich ernsthaft von Chatbots die Liebe erklären. Früher nannte man das Geisteskrankheit, heute ist es digitaler Lifestyle.
Und während wir in dieser „Zukunft“ herumstolpern wie ein betrunkener Cyborg, tun wir so, als wäre das alles alternativlos. Klimakatastrophe? Wird schon irgendein Startup mit einer App regeln. Wohnungsnot? Einfach mal ein Tiny House im Niemandsland. Altersvorsorge? NFT kaufen, hoffen, beten. Hauptsache man hat den passenden Filter für die Instagram-Story.
Manchmal fragt man sich, ob Orwell sich geirrt hat. Vielleicht kommt die Dystopie ja nicht mit Überwachung und Repression, sondern mit Push-Mitteilungen und Katzenvideos. Eine Welt, in der keiner mehr denkt, weil das WLAN gerade stabil ist.
„Die Zukunft war früher auch besser.“
Ja. Und sie hatte ein Design. Heute sieht Zukunft aus wie ein Wartezimmer mit Touchscreen. Alles ist grau, steril, flach. Die 1960er stellten sich das Jahr 2000 vor wie eine elegante Science-Fiction-Oper. Heute sieht das Jahr 2025 aus wie ein überteuertes Coworking-Space in Spreitenbach.
Selbst die Sprache ist nicht mehr zukunftstauglich. Damals sprach man von Visionen, Entwürfen, Revolutionen. Heute sagt man: „Wir sind im Dialog.“ Oder: „Das ist Teil eines agilen Prozesses.“ Übersetzt heisst das: Keiner hat einen Plan, aber wir tun so, als wäre das Absicht.
Natürlich gibt es Fortschritt. Aber er riecht seltsam. Statt den Hunger in der Welt zu besiegen, bauen wir Burger aus Druckertinte. Statt Mobilität neu zu denken, bauen wir Autos, die so schwer sind wie Panzer und dabei so elektrisch wie ein Taschenrechner mit Solarzelle. Und wer keinen Tesla hat, ist kein Mensch, sondern ein fossiles Relikt aus der analogen Steinzeit.
Früher war man stolz auf seine Stereoanlage. Heute flüstert Alexa deine Playlists dem Staubsauger zu. Und wehe du sagst „Nein“ zu den Nutzungsbedingungen – dann wirst du von deiner eigenen Lampe gecancelt.
Und was machen die Menschen? Sie halten das alles für normal. Sie scrollen, klicken, swipen, bis das Hirn Brei ist und die Augen viereckig. Zukunft heisst nicht mehr träumen, sondern optimieren. Alles muss schneller, effizienter, cleaner sein. Aber der Mensch bleibt dabei auf der Strecke, irgendwo zwischen Burnout und Datenschutzrichtlinie.
Dabei wär’s so einfach. Ein bisschen weniger Algorithmus, ein bisschen mehr Anstand. Weniger Silicon Valley, mehr gesunder Menschenverstand. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Die Zukunft war früher besser, weil die Menschen früher noch wussten, dass sie sie selbst gestalten müssen. Heute lassen sie sich von Updates überraschen.
Und wenn dann wieder einer mit glänzenden Augen erzählt, was die KI bald alles können wird, dann möchte man ihm eine Schallplatte an den Kopf werfen. Einfach so, aus Prinzip.
Denn die Zukunft war früher auch besser.
Nicht, weil sie realer war.
Sondern weil wir noch den Mut hatten, sie uns vorzustellen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 17.06.2025 16:33
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Bahnhöfe sind kein Ort der Ruhe. Sie waren es noch nie – aber seit ein paar Jahren hat sich zwischen Sandwichverkäufern, Verspätungsdurchsagen und verschwitzten Pendlern eine neue Spezies breitgemacht: die Klemmbrett-Fraktion. Freundlich, motiviert und stets auf der Suche nach dem nächsten schlechten Gewissen. UNIA, Tierschutz, Kinderhilfe, Greenpeace, Menschenrechte, Waldrettung – alles noble Anliegen. Wirklich. Aber der Weg zum Ziel nervt.
Denn sie stehen strategisch genau da, wo niemand ausweichen kann. Beim Ausgang, direkt vor dem Kiosk, an der Rolltreppe – Zonen maximaler Frequenz und minimaler Fluchtmöglichkeiten. Und sie haben diese unfehlbare Art, dich im perfekten Moment abzufangen: gerade wenn du müde bist, zu spät dran, oder beim Gedanken an deinen Kontostand sowieso schon in die Knie gehst. Dann kommt sie, diese freundlich-penetrante Frage: „Haben Sie kurz Zeit?“ – Natürlich habe ich nie kurz Zeit. Ich habe einen Zug zu erwischen, einen Kaffee zu balancieren, mein Leben zu sortieren. Aber das interessiert niemanden. Denn wer „Nein“ sagt, sieht sich oft mit dem traurigen Blick des Enttäuschtwerdens konfrontiert – „Ach so… also kein Interesse an Umweltschutz?“ Bämm. Treffer. Schuldgefühl aktiviert.
Dabei ist ja alles gar nicht böse gemeint. Diese Menschen machen ihren Job, meist sogar mit Überzeugung. Sie glauben an das, was sie vertreten. Und das ist auch gut so – solange sie es nicht tun, als wären sie Vertreter einer Sekte mit Monatsziel. Denn genau das ist oft das Problem: Die gute Sache wird zum Verkaufsprodukt. Der Mensch wird zur wandelnden Kreditkartennummer. Der Bahnhof zur Bühne eines Mitleids-Theaters mit festgelegtem Drehbuch.
Die Rhetorik ist geschult: charmant, direkt, auf Mitgefühl getrimmt. Die Gesprächsführung zielt exakt auf das, was dich im Alltag eh schon belastet: Die Welt ist schlecht, du kannst was ändern, jetzt gleich, mit nur zehn Franken pro Monat. Klar willst du helfen. Klar findest du faire Arbeitsbedingungen wichtig. Aber willst du deswegen deine Kontonummer auf einem Bahnhofsvorplatz in ein Tablet eintippen, während ein wildfremder Mensch danebensteht und dein Gesicht scannt wie ein Lügendetektor?
Das Absurde daran: Je öfter man solchen Leuten begegnet, desto abgebrühter wird man. Nicht, weil einem die Anliegen plötzlich egal sind. Sondern weil man keine Lust mehr hat, sich in der Öffentlichkeit in moralische Zwangsgespräche verwickeln zu lassen. Man schaut auf den Boden. Man nimmt demonstrativ das Handy ans Ohr. Manche lernen sogar, mit Kopfhörern in den Ohren zu schlafen, einfach um in Ruhe aufs Gleis zu kommen.
Und ja, man wird ungerecht. Denn dieselben Menschen, die da stehen, machen vielleicht auch wichtige Arbeit. Vielleicht ist das ihr Ferienjob, vielleicht ihr Idealismus. Aber das nützt nichts, wenn die Methode toxisch ist. Es ist der Unterschied zwischen einem Strassenmusiker, dem du freiwillig eine Münze gibst – und jemandem, der dich mit der Geige am Hals durch den Coop verfolgt und dir vorrechnet, wie viele Kinder du gerade enttäuscht hast.
Viele dieser Organisationen würden vermutlich deutlich mehr Mitglieder gewinnen, wenn sie nicht auf Bekehrung durch Belästigung setzen würden. Wer Gutes tun will, sollte es nicht tun wie ein Staubsaugervertreter im Hausflur. Was helfen könnte: Transparente Infostände ohne Klinkenputzer-Mentalität. Ein QR-Code statt ein Klemmbrett. Oder einfach der gute alte Respekt vor der Tatsache, dass nicht jeder Mensch auf dem Weg zur Arbeit in ein fünfminütiges Moralgremium gezerrt werden will.
Denn man kann die Welt verbessern, ohne dabei anderen auf den Wecker zu gehen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.06.2025 18:52
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Wer war nochmal Stefan Raab? Irgend so ein Fernseh-Clown aus den Nullerjahren, oder? Der mit dem Maschendrahtzaun, dem Turmspringen, dem Rumblödeln auf ProSieben. Der Typ, der früher mal jede zweite Idee im deutschen Fernsehen erfunden hat – oder wenigstens so tat. Dann war er plötzlich weg. Zehn Jahre Sendepause. Und nun, tadaa: das grosse RTL-Comeback. Gekrönt von einem fulminanten Bauchklatscher. Das zweite Mal in kurzer Zeit. Ich schrieb am 26. Februar 2025 schon: „Ein Comeback, das keiner brauchte.“ Jetzt sag ich: „Ein Comeback, das keiner vermisst.“
32 Folgen. Dann hat RTL die Reissleine gezogen. Das neue Format «Du gewinnst hier nicht die Million» (der Titel allein schreit schon: „Keiner wollte das schreiben – aber keiner hat’s gestoppt“) ist offiziell gescheitert. Kein Quotenbringer, kein Kultfaktor, kein Hauch von Raabs früherem Glanz. Nicht mal ein schmerzvoller Fremdschammoment à la Wok-WM. Einfach: nichts. Stattdessen: Fremdwerbung, Verlegenheitsgäste und ein Studio, das aussieht wie die Resterampe von RTLs Requisitenkeller.
Der Mann, der zu viel durfte
90 Millionen Euro. Für dieses Fiasko. Für ein bisschen Quiz, ein bisschen Stand-up, ein bisschen peinliches Herumgekaspere. Die Verantwortlichen bei RTL müssen unter einer schweren Nostalgieallergie leiden. Wer bitte gibt Raab im Jahr 2024/25 einen Vertrag über vier Jahre? Haben die alle kollektiv „Blamieren oder Kassieren“ gespielt und verloren?
Man hätte ahnen können, was kommt. Raab war nie jemand, der sich neu erfinden konnte. Er war das, was man einmal als «zeitgeistig» feierte. Aber Zeitgeist verfliegt. Und während das Publikum von heute längst auf anderen Kanälen rumdümpelt (TikTok, Twitch, irgendwo bei den Rocket Beans vielleicht), steht da dieser bald 60-jährige Altmoderator und tut so, als wäre 2003 nie vorbei gewesen.
Der Bachelor winkt – Raab winkt ab
Und wie verabschiedet sich dieser grosse Entertainer nun aus seiner gross angekündigten Rückkehr? Mit einem Bachelor-Special. Kein Scherz. Zwei Typen mit Frisuren von 2016, 26 Kandidatinnen mit Namen wie Candy, Chiara oder Chantalle – und Raab mittendrin, als Werbeträger. Für eine andere RTL-Sendung.
Nicht einmal das Wort «Abschied» kommt ihm über die Lippen. Nein, Raab tut so, als sei das Ganze bloss eine kleine Sommerpause. Dabei hat RTL längst offiziell verkündet, dass es nicht weitergeht. Das ist ungefähr so, als würde ein Busfahrer nach einem Totalschaden verkünden: «Wir steigen jetzt kurz aus, im September geht’s dann weiter.» Äbe nöd.
Raabs letzte Rolle: Quotenkoma mit Ansage
Was war das eigentlich für eine Sendung? «Du gewinnst hier nicht die Million» war eine Art Zirkus ohne Zirkusdirektor. Ein Mix aus zu viel und zu wenig. Ein Sammelsurium aus Restideen, lauwarm aufgewärmt. Spiele ohne Reiz, Witze ohne Timing, Gäste ohne Charme. Stefan Raab wirkt dabei wie ein Mann, der versehentlich in seine eigene Parodie geraten ist – und sich dort nicht mehr rausfindet.
Es ist fast tragisch. Der Mann, der einst mit Gehirnfurzen wie «Schlag den Raab» das Samstagabendfernsehen gerettet hat, steht heute sinnbildlich für dessen Untergang. RTL wollte mit ihm RTL+ pushen – und was haben sie gekriegt? Einen Flop, der sogar den Streamingdienst noch tiefer ins digitale Niemandsland geprügelt hat.
Und jetzt? Raab Reloaded?
Nach dem Fiasko soll es im Herbst weitergehen. Mit einer neuen Show. Man munkelt, Raab werde eher im Hintergrund tätig sein. Vielleicht bastelt er dann wieder an Konzepten. Vielleicht darf er das Licht an- und ausschalten. Oder die Namensschilder drucken. Wer weiss das schon.
Klar ist nur: RTL hat offenbar noch Hoffnung. Und Geld. Comedy und Gameshow sollen künftig getrennt werden, heisst es. Vielleicht auch Raab und Bildschirm. Wär keine schlechte Idee.
Fazit: Legenden altern schlecht – besonders im Scheinwerferlicht
Raab hätte in Erinnerung bleiben können als der Typ, der rechtzeitig gegangen ist. Der, der ProSieben mit einem Knall verliess. Der, der Regina Halmich verkloppt hat. Der, der ein Gespür für Timing hatte.
Jetzt bleibt er in Erinnerung als der, der es nochmal wissen wollte – und niemand wollte’s wissen. Als der, der zurückkam – und keiner hat ihn vermisst. Als der, der ging – aber leider nicht endgültig.
Vielleicht war’s das jetzt ja wirklich. Vielleicht zieht sich der Fernseh-Phönix endlich zurück in sein Nest aus alten TV-Trophäen und selbstironischen Clips. Und wenn er nochmal zurückkommt? Dann hoffentlich als Jurymitglied bei The Masked Pensionist – das wär wenigstens ehrlich.
Falls es noch eine dritte Kolumne zu Raab braucht: Vielleicht über den Moment, wenn RTL merkt, dass auch das neue Format floppt. Ich nenne sie dann: „Ein Vertrag, der keiner unterschreiben wollte.“
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.06.2025 00:03
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Früher war alles besser. Sogar bei Trump und Musk. Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten – der eine orange, der andere auf der Flucht vor der Haarbürste. Und trotzdem: Da war mal was. Ein bisschen Bewunderung. Ein bisschen Machtrausch. Vielleicht auch ein bisschen gegenseitiges Schwanzvergleichstennis. Und jetzt? Jetzt wird gedroht, beleidigt und sich gegenseitig medienwirksam abserviert wie zwei mittelgrosse Narzissten auf Twitter. Ach Moment – X heisst das jetzt ja, nicht?
Ja, liebe Leute, das Ende einer Bromance ist immer schmerzhaft. Aber wenn es sich um zwei der toxischsten Alphatiere des 21. Jahrhunderts handelt, wird aus der Liebesenttäuschung ganz schnell ein geopolitischer Kindergarten. Und während der eine nach dem anderen US-Wahlkampf röchelt wie ein altersschwacher Elch, glaubt der andere, mit Satelliten, Tesla-Raketen und libertären Trollarmeen die Weltordnung neu zu programmieren. Spoiler: Beides funktioniert nur halb.
Vom Business-Bromance-Bett zur Drohkulisse
Es ist ja nicht so, dass man das nicht hat kommen sehen. Trump ist bekanntlich der König des beleidigten Leberwürstchens, mit Sonderstatus auf Lebenszeit. Wenn ihm jemand die Show stiehlt oder (noch schlimmer!) nicht mehr artig zu ihm hält, wird gezündelt. Zuerst verbal, dann via Fox News, dann mit juristischen Nebelpetarden. Dass ausgerechnet Elon Musk, dieser Tech-Gott mit latentem Messiaskomplex, jetzt nicht mehr zu seinen treuesten Jüngern zählt, kratzt natürlich gewaltig an Trumps Titan-Ego.
«Wenn er das tut, muss er den Preis bezahlen», hat Trump gesagt. Gemeint war: Wenn Musk die Demokraten unterstützt, wird’s ungemütlich. Was genau dieser Preis ist, lässt der Don wie immer in trumpscher Unschärfe offen. Vielleicht gibt’s dann keine Steuererleichterungen mehr für Raumfahrtgiganten. Vielleicht aber auch nur einen besonders bösen Truthahn zu Thanksgiving.
Der Pimmelvergleich zweier Egos
Die beiden passen ja eigentlich perfekt zusammen. Beide halten sich für auserwählt, beide haben Millionen Fans, die ihnen jeden Blödsinn abkaufen, und beide hassen Widerspruch wie ein Diktator sein Volk. Aber wehe, einer tanzt aus der Reihe. Dann fliegen die Fetzen.
Trump war nie ein Fan von echter Loyalität. Für ihn ist Treue eine Einbahnstrasse mit Mautpflicht. Und Musk? Der hat irgendwann gemerkt, dass er sich mit den Demokraten wenigstens als Visionär inszenieren kann, statt nur als Abgassünder mit Weltraumfimmel.
Früher mal durfte Musk mitreden, durfte sogar ein paar Mal ins Weisse Haus marschieren wie ein Nerd im Anzug. Doch irgendwann, als die PR-mässige Zweckgemeinschaft bröckelte, wurde’s frostig. Und jetzt sind wir bei «Ich will mit ihm nicht mehr reden». Das ist Trump-Deutsch für: «Er hat mich verlassen und ich tue so, als wär’s mir egal.» Fast ein bisschen rührend, wenn man bedenkt, dass dieser Mann in seiner Amtszeit nicht mal seinem Frisör treu geblieben ist.
Grosse Klappe, kleine Welt
Das eigentlich Absurde ist: Diese kindische Schlammschlacht hat globale Auswirkungen. Denn wenn zwei Männer mit zu viel Macht und zu wenig Reflexion ihre persönliche Seifenoper auf die politische Bühne hieven, dann bleibt’s nicht bei einem Eifersuchtsdrama. Dann geht’s plötzlich um Steuern, Arbeitsplätze, Raumfahrtverträge, Wählergunst. Und am Schluss wundern sich alle, warum die Demokratie aussieht wie ein bizarrer Twitter-Thread.
Trump droht, Musk trollt zurück – und irgendwo dazwischen sitzt eine Bevölkerung, die sich fragt, wie zur Hölle das ihre Zukunft beeinflussen soll. Die Antwort: Direkt. Denn wenn Ego-Politik und Milliardärslaunen aufeinanderprallen, werden daraus keine Utopien gezimmert, sondern Shitstorms gezüchtet.
Die Moral von der Geschicht’?
Vielleicht ist das alles auch einfach nur der nächste logische Schritt in dieser Farce namens Politik 2.0. Wir leben in einer Zeit, in der sich Präsidenten wie Influencer benehmen und Milliardäre wie Kleinkinder mit Laserschwertern. Früher hat man sich beim G7-Gipfel getroffen, um über Weltwirtschaft zu reden – heute reicht ein Tweet mit dem falschen Emoji und die diplomatische Hölle bricht los.
Trump und Musk – zwei Männer, die sich gegenseitig verdient haben. Beide überschätzen ihre historische Bedeutung, beide fühlen sich von der Welt missverstanden und beide träumen vom ewigen Applaus. Und jetzt, wo die Bühne brennt und keiner mehr klatscht, da zeigt sich: Am Ende ist von der Liebe nur noch Groll übrig. Und ein bisschen peinlicher Stolz.
Und wir?
Wir schauen zu, lachen, schütteln den Kopf – und zahlen am Ende doch den Preis für diesen Kindergarten. In Form von Desinformation, Populismus, und einer Welt, die von gekränkten Egos regiert wird, statt von Ideen. Was bleibt? Die Erkenntnis, dass die grössten Gefahren nicht immer von Waffen oder Viren ausgehen – sondern von Männern mit zu viel Geld, zu wenig Empathie und einem Twitter-Account.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.06.2025 17:30
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Seit wann zur Hölle haben wir eigentlich einen König in der Schweiz? Und was hat der geraucht? Ich mein, ehrlich jetzt – der Typ nennt sich «König der Schweiz» und läuft seither rum, als hätte er bei Game of Thrones das Casting verpasst, aber die Krone trotzdem behalten.
Sein Name: Jonas Lauwiner. Sein Business-Modell: Schleich dich durchs Grundbuch wie ein Maulwurf auf Speed, finde verlassene Grundstücke, melde Anspruch – zack, dein. So einfach, dass es fast schon genial ist. Oder eben einfach nur dreist.
Jetzt also der «zweite Feldzug», wie er das selber nennt. Als wär er Napoleon mit Schweizer Pass und Excel-Tabelle. Diesmal hats den Rosenweg in Geuensee LU erwischt. Ein Strässchen, das eigentlich niemandem gehört hat. Oder eben: allen. Aber weil die Gemeinde zu lahm war, hat König Jonas den Weg einfach «übernommen». Und jetzt? Jetzt will er Kohle. Von den Leuten, die da wohnen. Für den Weg zu ihrem eigenen Haus. Alternativ dürften sie ihn auch einfach «Lauwinerweg» nennen. Klar. Und ich nenn meine Toilette ab sofort Bundesplatz.
Mittelalter reloaded
Was zur Hölle läuft da eigentlich? Wie konnte es so weit kommen, dass jemand im Jahr 2025 in der Schweiz mit einem Schlupfloch im Grundbuch so eine Mittelalter-Farce aufzieht – mit Wegzoll, Feudalherren-Vibes und ranziger Selbstüberschätzung? Der Kanton Luzern schaut dem Ganzen zu, als wär das ein Theaterstück in der Mehrzweckhalle von Wauwil.
Und was sagt unser König zur ganzen Aufregung? «Ich verstehe schon, dass sie sich aufregen. Ich war halt schneller.» Echt jetzt? Das klingt wie ein Einbrecher, der beim Verhör sagt: «Ich verstehe, dass der Hausbesitzer sauer ist – aber hey, ich war einfach zuerst drin.»
Wie tief ist das Loch im System?
Was mich mehr irritiert als der König selber, ist das System, das so was überhaupt zulässt. Da lungern also Grundstücke im Grundbuch rum wie unbeaufsichtigte Trottinetts am HB, und wer zuerst «meins!» ruft, bekommt sie. Kein Wunder, dass jemand das ausnutzt. Was denkt sich eigentlich die Politik? Ist das die vielzitierte bürgernahe Verwaltung oder einfach kollektives Versagen in Flipflops?
Und dann diese Reaktion der Gemeinde: «Wir wollten das Grundstück schon auch übernehmen…» – Aber eben: «wollten». Mehr halt nicht. Vermutlich war grad Gemeinderatsapéro oder das Faxgerät war wieder offline.
Kohle für Kieselsteine
Und jetzt verlangt Jonas also 150’000 Franken – entweder als Lösegeld für den Rosenweg oder als Spende zur Ehre seiner Majestät, pardon, für die Umbenennung. Ein Deal, wie aus der Erpresser-Abteilung der Mafia-Fachhochschule. «Zahlt oder ihr wohnt am Lauwinerweg.» Das ist keine Verhandlung, das ist ein schlechter Mafiafilm, und der Protagonist trägt Hornbrille statt Sonnenbrille.
Natürlich wollen die Anwohner nicht zahlen. Kein Wunder. Du baust dein Haus, zahlst Steuern, hypothekierst deine Niere – und dann kommt dieser Typ ums Eck und verlangt Wegzoll wie ein Troll an der Brücke.
Und seine Logik? «Ich unterhalte ja die Strassen, das kann ich schon weiterverrechnen.» Guter Witz. Der Postbote bringt auch jeden Tag Briefe – verlangt aber keine Maut fürs Treppenhaus.
Die Krone sitzt schief
Wenn der Jonas einfach ein pfiffiger Immobilien-Typ wäre, der clever Lücken nutzt – meinetwegen. Aber dieses aufgeblasene Getue mit Krone und Königreich ist einfach nur peinlich. Man kann sich schon als König fühlen – aber wer’s nötig hat, sich so zu nennen, ist meistens eher Prinz von Gähnhausen.
Noch besser: Er wurde auch noch in den Stadtrat von Burgdorf gewählt. Ernsthaft? Wer zur Hölle wählt so jemanden? Oder sind dort einfach alle betrunken? Vielleicht hat er ja versprochen, die Strassen gold zu pflastern – gegen eine kleine Wegpauschale, versteht sich.
Schweigen im Steuerwald
Das wirklich Erschreckende: Die Behörden schweigen. Der Kanton Luzern, die Gemeinde Geuensee, alle ducken sich weg. Wahrscheinlich hoffen sie, dass sich das Problem selber löst – wie ein Hundehaufen im Sommer.
Aber genau das ist das Problem: Wenn niemand was sagt, wird die ganze Schweiz zum Spielfeld für Leute wie Lauwiner. Und wer weiss – vielleicht steht dann bald in deinem Garten ein Thron. Mit Einfahrtgebühr.
Fazit: Kein Rappen für den König
Mein Fazit? Jonas Lauwiner ist kein König. Er ist ein cleverer Opportunist mit Allmachtsfantasien. Was er macht, ist legal – aber sowas von unsozial, unkollegial und unausstehlich. Und dass der Staat zuschaut, wie ein Typ mit einem absurden Titel halbe Quartiere abzockt, ist ein Witz.
Ich hoffe, die Anwohner bleiben hart. Kein Rappen für König Jonas. Und falls er wirklich eines Tages in einem Palast residiert, dann bitte im Irrenhausflügel.
PS: Wenn er das nächste Mal wieder auf Feldzug geht, möge er bitte gleich den Weg zur Vernunft zurückerobern. Der ist nämlich definitiv herrenlos.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.06.2025 01:20
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Kann es sein, dass der das falsche Kraut geraucht hat?
Ich mein’s ernst. Was hat Arbeitgeber-Direktor Roland A. Müller da geritten? Hat er auf dem Weg zur Anhörung versehentlich im Zelt eines Reggae-Festivals übernachtet? Oder denkt er wirklich, dass ein Lohn nicht zum Leben reichen muss? Dass das dann halt einfach das Sozialamt übernimmt, so nach dem Motto: „Hey Staat, übernimm du mal den Rest – ich geb ihm 3’200 Stutz, der Rest ist ja deine Party.“?
Man könnte lachen, wenn’s nicht so bitter wäre. Das Ganze klingt wie ein makaberer Witz, geschrieben von jemandem, der noch nie im Leben am Ende des Monats Rechnungen gestapelt hat. Und jetzt kommt Müller um die Ecke und sagt sinngemäss: „Löhne zum Leben? Sorry, dafür sind wir nicht zuständig. Dafür gibt’s ja die Sozialhilfe.“
Ab jetzt heisst’s: Arbeiten bis zum Hungertod
Ich weiss ja nicht, was für eine Wirtschaft Müller sich da vorstellt. Eine, in der Arbeitnehmende dankbar sein sollen, überhaupt einen Job zu haben – auch wenn sie sich damit nicht mal ein Sandwich beim Beck leisten können? Willkommen im Jahr 1880, Herr Müller! Damals hat man auch geglaubt, ein bisschen Armut sei ein hervorragendes Mittel zur Disziplinierung der unteren Schichten.
„Die Wirtschaft kann nicht alles leisten“
Klar, das alte Mantra der Wirtschaftskreise: Die Unternehmen sind keine Wohltätigkeitsanstalten. – Ja, mein Gott, das verlangt ja auch keiner. Niemand sagt, dass jeder Betrieb auf einmal Zürcher Banker-Löhne zahlen soll. Aber ein Lohn, von dem man nicht zum Sozialamt rennen muss, wenn man 100% schuftet – das sollte doch bitte Mindestvoraussetzung sein, und kein Luxusgut wie Cüpli an der Bahnhofstrasse.
Müller hat also Angst, dass gewisse Jobs dann „verschwinden“, wenn man sie fair bezahlen müsste. Klingt ein bisschen so, als ob man sich darüber beklagt, dass es halt keine Kinderarbeit mehr gibt, weil der Mindestlohn zu hoch ist. Was soll denn das für ein Argument sein? Wenn sich ein Job nur rechnet, wenn man die Leute ausnimmt – dann gehört er halt abgeschafft.
Sozialhilfe als Businessmodell?
Und der Gipfel: „Da muss halt die Sozialhilfe einspringen.“ – Mit Verlaub: Haben wir uns schon so sehr daran gewöhnt, dass der Staat die Sauerei aufräumt, die andere hinterlassen? Das ist doch genau das Prinzip, mit dem Banken gerettet wurden und Grosskonzerne ihre Gewinne ins Ausland verschieben – aber wehe, die Reinigungskraft will 23 Franken pro Stunde.
Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Arbeitgeberschaft, sagt Müller. Ich frag zurück: Wie steht’s um die ethische Leistungsfähigkeit? Oder um die intellektuelle? Weil wer ernsthaft findet, dass sich ein Vollzeitjob nicht lohnen muss, sollte sich vielleicht besser als Feudalherr in ein historisches Freilichtmuseum versetzen lassen – mit Audioguide, der erklärt, wie moderne Sklaverei funktioniert.
Jacqueline Badran, die rote Ritterin
Respekt an dieser Stelle an SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Ihre Antwort war messerscharf wie ein Fonduegabel-Angriff auf einer SVP-HV: „Wer keine existenzsichernden Löhne zahlt, ist entweder eine miese Unternehmerin oder ein hinterlistiger Ausbeuter.“ Ich hätt’s nicht schöner sagen können.
Denn genau das ist ja der Punkt: Wer tiefere GAV-Löhne mit dem Segen des Staates durchdrücken will, tut dies nicht, weil er den Menschen Gutes will. Sondern weil es ein verdammt günstiger Weg ist, den eigenen Profit auf Kosten anderer zu steigern.
Die neue Verantwortungslosigkeit im Sakko
Früher hatte Verantwortung wenigstens noch etwas mit Anstand zu tun. Heute scheint’s zu heissen: „Solange ich dem Staat ein paar Steuern zahle, darf ich beim Personal sparen, bis sie mir auf den Zahnfleisch ins Büro kriechen.“ Und wenn sie dann zusammenbrechen, kommt halt die IV. Oder das Sozialamt. Oder irgendeine Stiftung.
Was für ein kruder Mix aus Neoliberalismus und sozialer Verwahrlosung. Und alles schön verpackt in PR-Deutsch: Man sorge sich um die Sozialpartnerschaft. Na dann, Prost!
Und was, wenn wir mal umdrehen?
Nur so als Gedankenspiel: Was wäre, wenn wir den Spiess mal umdrehen? Was, wenn das Sozialamt einfach sagt: „Lieber Herr Müller, ihre Firma zahlt keinen existenzsichernden Lohn? Tut uns leid. Dann kriegen Sie auch keine staatlichen Fördergelder mehr. Keine Infrastruktur. Keine Strassen für Ihre Lastwagen. Kein Steuerabzug für Ihren schicken E-SUV.“ Wetten, plötzlich ginge das ganz fix mit den fairen Löhnen?
Fazit: Wir brauchen nicht weniger Staat – wir brauchen mehr Rückgrat
Wenn jemand nach 40 Stunden Arbeit pro Woche nicht weiss, ob er seine Miete zahlen oder die Krankenkasse decken kann, dann läuft was grundfalsch. Und wer das als „nicht Aufgabe der Arbeitgeber“ wegwischt, macht sich nicht nur moralisch lächerlich – sondern outet sich als das, was er vielleicht gar nicht sein will: Ein Vertreter einer Klasse, die Gewinne privatisiert und Verantwortung delegiert. Hauptsache, das Salär für die Teppichetage stimmt.
Oder um es anders zu sagen: Wer nicht zahlen will, soll den Laden selber putzen. Und dann bitte schön für 19.80 pro Stunde. Brutto. Ohne Ferien.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.05.2025 18:25
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Manchmal fragt man sich wirklich, was Leute wie Gaudenz Lüchinger morgens zu sich nehmen. Wahrscheinlich eine Scheibe Landjäger mit einem grossen Schluck Selbstüberschätzung.
Da sitzt also ein SVP-Ortspräsident aus Birrhard – das ist kein Witz, das gibt’s wirklich – an seinem Computer und schreibt einer national bekannten Politikerin eine Mail. Inhalt: Sie soll bitte ihren „geschenkten“ Schweizer Pass zurückgeben, zurück in ihr „Herkunftsland“ verschwinden und, jetzt kommt’s, lieber bald ausreisen, „bevor man dich mit anderen Mitteln an der Zerstörung unserer Eidgenossenschaft hindern muss“.
Das ist keine Meinung, das ist ein verbaler Schlag ins Gesicht – eingepackt in pseudo-höfliche Worthülsen, unterschrieben mit „freundlichst“. So freundlich wie eine rostige Mausefalle.
Der Mann ist Vizeammann in einer Gemeinde, die man mit etwas Pech nicht mal findet, wenn man schon drin steht. Und trotzdem glaubt er, er könne bestimmen, wer dazugehört. Dass er sich mit diesem Auftritt politisch komplett disqualifiziert hat, scheint ihm nicht klar zu sein – er steht sogar dazu. Öffentlich. Unverblümt. In Interviews.
Und man fragt sich: Wie kommt man auf die Idee, einem politischen Gegner mit „anderen Mitteln“ zu drohen? In welchem Paralleluniversum ist das okay? In welcher Welt ist das Ausdruck von Anstand und Respekt, wie es in der Mail zu Beginn grossspurig eingefordert wird?
Die Antwort ist einfach: In der Welt der SVP, wo man sich für das Zentrum des Landes hält, aber gleichzeitig ständig das Gefühl hat, es werde einem alles weggenommen. Und wenn dann eine Frau mit Migrationshintergrund, die klug, laut und unbequem ist, politische Ideen einbringt, die nicht ins Heimatschutz-Bild passen, wird sofort der Pass auf den Tisch geworfen. Als wäre das ein Leihvertrag mit Rücktrittsklausel.
Zur Klarstellung: Ich bin kein grosser Fan von Sanija Ameti. Ihre Auftritte sind oft drüber, manchmal eitel, manchmal unnötig provokativ. Aber sie bewegt sich im demokratischen Rahmen. Sie nutzt ihr Recht auf Meinungsäusserung. Und sie macht das, was Demokratie ausmacht: Sie beteiligt sich. Sie fordert heraus. Sie widerspricht. Und das ist absolut legitim.
Was Gaudenz Lüchinger macht, ist das Gegenteil davon. Das ist keine demokratische Auseinandersetzung. Das ist Einschüchterung, Hetze, rassistisch unterfütterter Dünkel. Da wird suggeriert, dass es eine Art „echte“ Schweiz gibt – und eine „unechte“, die man nur toleriert, solange sie leise bleibt.
Was der Mann da geschrieben hat, ist an Niedertracht kaum zu überbieten. Und es ist ein beängstigendes Zeichen dafür, wie salonfähig diese Rhetorik mittlerweile geworden ist. Früher hat man solche Sätze mit Tipp-Ex aus Leserbriefen entfernt. Heute schickt man sie per E-Mail mit Absender und Funktion.
Und wo bleibt die SVP? Na wo wohl. Die Partei, die bei jedem Genderstern hyperventiliert und bei jeder Randbemerkung über „alte weisse Männer“ sofort die Untergangsglocken läutet, schweigt. Kein Wort. Kein „das geht zu weit“. Kein „wir distanzieren uns“. Nichts. Wahrscheinlich nickt man hinter vorgehaltener Hand.
Aber man muss das Kind beim Namen nennen: Wenn jemand mit einem politischen Amt einer Mitbürgerin schreibt, sie möge sich verpissen, bevor man sie rauswirft – dann ist das keine Meinungsäusserung. Das ist geistiger Müll. Und der gehört in die Tonne, nicht in die Öffentlichkeit.
Was bleibt, ist das ungute Gefühl, dass wir uns daran gewöhnen sollen. An die Lüchingers dieser Welt. An ihre Hass-Mails, ihre „Ich sage nur, was alle denken“-Attitüde, ihre Heimatschutz-Phantasien mit Drohpotenzial. Nein, danke.
Es wäre an der Zeit, dass jemand Herrn Lüchinger erklärt: Die Schweiz gehört nicht dir. Nicht deiner Partei. Nicht deiner Ortssektion mit Vereinslogo und Sonnenaufgang. Die Schweiz gehört uns allen. Auch denen, die dir nicht gefallen. Gerade denen.
Wenn du damit nicht klarkommst, Gaudenz, dann gib du doch etwas zurück – zum Beispiel dein Amt. Oder zumindest deinen Internetzugang.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.05.2025 02:27
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Von aussen sieht alles makellos aus: Hochglanzfronten, Edelstahlgriffe, perfekte Spaltmasse. Willkommen bei Forster Küchen. Doch hinter der polierten Oberfläche gammelt es gewaltig. 135 Angestellte warten seit Wochen auf ihren Lohn – und die Führungsriege schweigt, vertröstet, redet sich raus.
Was läuft hier eigentlich falsch?
800’000 Franken schuldet der Thurgauer Küchenbauer seinen Mitarbeitenden. Der April-Lohn bleibt aus, die Leasingautos müssen plötzlich zurückgegeben werden – schriftlich mit Frist bis Freitagmittag. Die Belegschaft ist verunsichert, der Betrieb bröckelt: Nur zwei Drittel erscheinen noch zur Arbeit. Es braucht kein betriebswirtschaftliches Studium, um zu erkennen: Da läuft etwas massiv schief.
Doch ausgerechnet in diesem Moment tauchen Namen auf, die jedem Alno-geschädigten Küchenbauer sauer aufstossen müssten: Andreas Sandmann und Ipek Demirtas. Zwei Figuren mit prominenter Vergangenheit im Desaster-Unternehmen Alno – jenem deutschen Küchenbauer, der 2017 spektakulär implodierte. 1400 Menschen verloren damals den Job. Und jetzt? Jetzt sitzen dieselben Personen wieder in leitender Funktion – diesmal bei Forster in Arbon. Und wieder sieht es nach kontrollierter Bruchlandung aus.
Und niemand hält sie auf?
Andreas Sandmann, seit Januar CEO von Forster, war damals Vertriebschef bei Alno. Seine Kollegin und heutige Finanzchefin Ipek Demirtas sass sogar im Vorstand – mitten im Chaos. Jetzt steht sie in Stuttgart wegen genau dieser Pleite vor Gericht. Mitangeklagt: der 78-jährige Max Müller, Ex-Vorstandsvorsitzender von Alno – und aktueller Verwaltungsratspräsident von Forster.
Man kann sich das nicht ausdenken: Dieselben Leute, die in Deutschland wegen Insolvenzverschleppung, Kreditbetrug und Bankrott angeklagt sind, führen heute einen Schweizer Küchenbauer. Als ob nichts gewesen wäre. Als ob man nur mal schnell die Firmenschilder wechselt – und weiter macht wie bisher.
Wieso dürfen die das noch?
Man muss sich ernsthaft fragen, wie es sein kann, dass solche Karrieren überhaupt möglich sind. Dass Menschen, gegen die 56 Anklagepunkte erhoben wurden, weiterhin über Arbeitsplätze und Millionenbeträge entscheiden dürfen. Dass niemand rechtzeitig sagt: «Stopp. Genug. Diese Leute haben ihr Vertrauen verspielt.»
Stattdessen erleben wir das alte Spiel: Demirtas betont, alle Verfahren seien bald abgeschlossen, man sei zuversichtlich. Müller erklärt unter Tränen, dass er mit 78 Jahren noch arbeiten müsse, um seine medizinischen Behandlungen zu bezahlen. Tragisch? Vielleicht. Aber mehr noch: bezeichnend für eine Chefetage, die sich konsequent selbst als Opfer inszeniert – während sie gleichzeitig die Realität ihrer Angestellten ignoriert.
Wie oft denn noch?
Wie viele Male wollen wir noch zusehen, wie in der Chefetage gepfuscht, getrickst und verdrängt wird, während am anderen Ende der Wertschöpfungskette echte Existenzen auf dem Spiel stehen? Die Monteure, die Sekretärinnen, die Auszubildenden – sie alle werden zur Nebensache, wenn sich die Geschäftsleitung in ihre Juristen-Antworten verkriecht und auf bessere Tage hofft.
Man stelle sich vor, ein Betrieb schuldet einer Bank 800’000 Franken. Die Reaktion? Sofortige Eskalation, Gericht, Pfändung. Aber wenn 135 Menschen auf ihren Lohn warten, gibt es keine Konsequenzen – nur Vertröstungen. Tag für Tag. Woche für Woche. Das ist nicht nur untragbar. Es ist eine Farce.
Schweigen, solange’s geht?
In der Kommunikation nach aussen herrscht betretenes Schweigen. Oder besser gesagt: PR-Worthülsen. Es wird beschwichtigt, relativiert, heruntergespielt. Dabei ist die Lage längst dramatisch. Wer jetzt nicht handelt, gefährdet nicht nur einen Betrieb – sondern das Vertrauen in die Unternehmensverantwortung generell.
Und genau dieses Vertrauen ist es, das hier auf dem Spiel steht. Forster ist kein Startup mit naiver Geschäftsführung. Hier sitzen erfahrene Manager am Ruder – Menschen mit jahrzehntelanger Branchenerfahrung. Und doch scheint es, als hätten sie nichts gelernt. Oder schlimmer: als sei es ihnen egal.
Ist das noch Führung – oder schon Fahrlässigkeit?
Vielleicht liegt genau darin das Problem. Wenn Führungsetagen nur noch aus Juristen, Beratern und Selbstdarstellern bestehen, bleibt für das Menschliche kaum Platz. Und für Verantwortung schon gar nicht. Dann ist ein verpasster Zahltag keine Tragödie, sondern ein Zahlungsverzug mit „kommunikativer Herausforderung“. Dann werden Mitarbeitende zu Zahlen, zu Risiken, zu Kollateralschäden.
Aber so funktioniert kein Betrieb. Nicht im Thurgau, nicht in der Schweiz, nirgends. Eine Firma, die ihre Leute nicht bezahlt, hat ihr Existenzrecht verloren. Punkt. Und wenn die Köpfe dahinter bereits in einem anderen Land für ein ähnlich fragwürdiges Kapitel auf der Anklagebank sitzen, dann darf man zu Recht fragen: Wie zur Hölle konnte das wieder passieren?
Fazit: Die nächste Pleite ist schon eingebaut
Forster Küchen steht exemplarisch für ein Systemversagen. Für Führungspersonal, das trotz ruinöser Vergangenheit immer wieder in neue Machtpositionen schlüpfen darf. Für Kontrollinstanzen, die zu spät – oder gar nicht – reagieren. Und für eine Öffentlichkeit, die langsam, aber sicher die Geduld verliert.
Wir brauchen nicht noch mehr hochglanzpolierte Imagekampagnen, nicht noch mehr wortreiche Interviews über “Restrukturierung” und “Zukunftsperspektiven”. Wir brauchen Verantwortung. Jetzt.
Denn eines ist sicher: Die nächste Hochglanzküche kann noch so edel wirken – wenn sie auf einem Fundament aus Schulden, Vertrauensbruch und juristischer Wackeligkeit steht, dann fällt sie früher oder später zusammen. Und diesmal wird niemand mehr sagen können, er habe es nicht kommen sehen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.05.2025 23:59
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Ach, die SVP. Diese Partei ist wirklich ein Geschenk, das immer wieder unter dem Christbaum der Schweizer Politik auftaucht – hübsch verpackt in Trachtenjanker und rhetorischer Lawine. Und wie bei so manchem Geschenk fragt man sich: Meinen die das jetzt ernst? Oder ist das Satire?
Henrique Schneider. Der Mann, der dachte, er könne sich mit Copy-Paste durch den akademischen Dschungel schummeln, ohne dass es jemand merkt. Und als es dann auffliegt – also nicht irgendwie ein bisschen, sondern mit der Subtilität eines Presslufthammers – reagiert er mit einem nicht ganz professoralen «Who cares?». Ehrlich gesagt: Ich. Und noch ein paar andere Leute mit einem Restfunken Respekt gegenüber Wissenschaft und Anstand.
Beginnen wir bei der Doktorarbeit. Ein Titel, so spröde wie ein Bundesordner: «Indifferenz, Gegnerschaft, Identität: Veränderungen im politischen Verhältnis von Dorf und Staat im Kosovo.» Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber das klingt schon beim ersten Lesen nach etwas, das man lieber abschreibt, als selbst zu schreiben. Was er offenbar auch dachte. Ganze Absätze kopiert – ohne Quellenangabe. Das ist nicht nur ein bisschen geschummelt, das ist akademischer Grand Theft Auto. Nur halt ohne PS, aber mit verdammt viel BS.
Und wie reagiert das Schweizer Polit-System? Gibt ihm die SVP den Generalsekretärsposten. Weil, warum auch nicht. Wenn man sich schon nicht mit echtem Leistungsausweis durchsetzen kann, dann wenigstens mit dreister Ignoranz. Man könnte fast meinen, der Lebenslauf war zu sauber – da musste noch ein bisschen Dreck rein, damit er parteikompatibel wird.
Aber das Schönste ist ja Schneiders Reaktion auf den Entzug des Professorentitels durch das deutsche Wissenschaftsministerium. «Who cares?» – eine rhetorische Meisterleistung zwischen pubertärem Trotz und intellektuellem Bankrott. Es ist diese feinsinnige Mischung aus Arroganz und Selbstentleibung, die einem fast wieder Respekt abringt. Fast.
Natürlich könnte man jetzt sagen: «Ach komm, es war doch nur eine Dissertation.» Stimmt. Eine Dissertation, die man sich in mühsamer Kleinarbeit erarbeitet. Die vielleicht nicht die Welt verändert, aber doch zeigt, dass man zu selbstständigem Denken und Arbeiten fähig ist. Also etwas, das man von einem Generalsekretär einer nationalkonservativen Partei eigentlich erwarten dürfte – oder? Gut, vielleicht ist das zu idealistisch gedacht. Vielleicht geht es der SVP mehr um den Titel als um den Inhalt. So wie bei Fondue – Hauptsache es qualmt.
Und dann war da noch die Ausrede mit den Hobbys. Er habe die akademische Arbeit ja nur als Freizeitbeschäftigung betrieben. Das klingt ein bisschen wie: «Ja, ich hab halt ein paar Van Gogh-Gemälde nachgemalt, ist doch nur ein Hobby, chillt mal.» Wenn man das nächste Mal im CV steht «Hobby: Plagiieren», weiss man: das ist kein Bug, das ist ein Feature.
Aber im Ernst – was sagt das über unsere politische Kultur aus, wenn jemand trotz (oder wegen?) einer solchen Geschichte immer noch als politischer Stratege agiert? Es sagt, dass Inhalte zweitrangig sind. Dass Glaubwürdigkeit überschätzt wird. Und dass man selbst beim Abschreiben nicht durchfällt, solange man die richtigen Parolen brüllt.
Doch machen wir uns nichts vor: Diese ganze Farce wäre ja fast schon wieder sympathisch, wenn sie nicht so traurig wäre. Denn während Schneider öffentlich «Who cares?» murmelt, sind es dieselben Kreise, die gerne mal von «Leistungsgesellschaft» schwafeln, von «Eigenverantwortung» und natürlich von der «Abgehobenheit der Eliten». Das mit der Verantwortung scheint allerdings schnell wieder vorbei zu sein, sobald’s ans eigene Versagen geht. Da ist man dann lieber Opfer der linken Elite-Verschwörung oder – ganz modern – woke Cancel Culture. Oder einfach ein unverstandener Genie-Hobbyplagiator.
Ich frage mich, ob das Parteibüro der SVP bald umgetauft wird. Vielleicht in: «Copy & Paste GmbH». Oder «Alternative Fakten AG». Oder ganz einfach: «SVP – Schweizer Vereinigung der Plagiatoren».
Aber vielleicht ist das ja genau das Erfolgsrezept: Alles nicht so ernst nehmen. Wissenschaft? Pfff. Wahrheit? Ach was. Moral? Wie langweilig. Lieber ein bisschen provozieren, ein bisschen empört lachen, ein bisschen am Fundament der Glaubwürdigkeit sägen. Und wenn jemand fragt, wie das alles sein kann, dann sagt man halt: «Who cares?»
Ich schon. Nicht weil ich Schneider irgendeinen Titel neide. Sondern weil es eben doch einen Unterschied macht, ob man sich ehrlich durchbeisst oder einfach frech durchmogelt. Und weil man sich wünschen würde, dass Leute, die Führungsverantwortung übernehmen, auch ein Minimum an Integrität mitbringen.
Aber gut – vielleicht ist das zu viel verlangt in einem Land, in dem man mit einem Alpenpanorama im Hintergrund alles verkaufen kann. Sogar ein Plagiat.
Immer wieder lustig, diese SVP. Wenn’s nicht so tragisch wäre.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.05.2025 23:17
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Also gut, die katholische Kirche hat wieder einen neuen Chef. Und nein, es ist diesmal kein Argentinier mit Hang zu Selbstironie und Sneakers, sondern ein Mann namens Robert Francis Prevost – jetzt bekannt als Papst Leo XIV., geboren in Chicago, gebildet in Mathematik, spirituell ausgebildet in Peru, gestählt im vatikanischen Labyrinth. Man könnte meinen, dieser Mann sei die perfekte Mischung aus Excel-Tabelle und Exerzitien. Nur: Wer hat eigentlich gesagt, dass es das braucht?
Die Wahl fand wie gewohnt in der Sixtinischen Kapelle statt – ein Raum, der vor allem dadurch beeindruckt, dass dort seit Jahrhunderten Männer in Kleidern darüber abstimmen, wer am besten geeignet ist, ein globales Unternehmen mit Milliarden Anhängern zu führen, ohne dabei die Kontrolle über Dogmen, Diözesen und diverse Doppelmoral zu verlieren.
Man stelle sich vor: 133 alte Herren, von denen man nicht weiss, ob sie beim letzten Update der Realität überhaupt anwesend waren, wählen einen von ihnen. Es ist, als ob sich das Schweizer Parlament ausnahmslos aus pensionierten Alt-Nationalräten zusammensetzen würde, die gemeinsam den CEO der SRG küren. Nur mit mehr Weihrauch.
Prevost wurde also viermal aufgerufen, bevor man ihm zutraute, dass er es nicht komplett versemmelt. Und als sein Name zum 89. Mal auf einem Stimmzettel auftauchte, muss er sich gefühlt haben wie der letzte Freiwillige an einer Gemeindeversammlung, dem man plötzlich das Präsidium überträgt, weil niemand sonst Lust hat.
Ein Mann mit zwei Pässen, aber (noch) ohne Profil
Leo XIV. ist Amerikaner. Aber immerhin nicht dieser Amerikaner. Man stelle sich das Spektakel vor, wenn Trump Papst geworden wäre – Jesus hätte seine Rückkehr glatt abgesagt. Prevost hingegen ist kein Mann der grossen Worte. Er ist eher der stille Denker mit Hang zum Peruanischen. Vielleicht ist er der erste Papst, der simultan ein Gebet sprechen und eine lineare Gleichung lösen kann.
Er hat eine Doktorarbeit geschrieben – über die Rolle des lokalen Priors. Man fragt sich: Wer liest sowas? Wer muss sowas lesen? Und ist das eigentlich noch Theologie oder schon Verwaltungswissenschaft mit Heiligenschein?
Doch Leo XIV. scheint tatsächlich ein Mann des Volkes zu sein – oder zumindest einer, der gerne so tut. Er war Missionar in Peru, was per se eindrücklich ist. Nicht nur wegen der Höhenlage, sondern auch, weil man dort noch mit echten Problemen konfrontiert wird, nicht nur mit liturgischen Spitzfindigkeiten und dem Zustand von Messgewändern.
Mit einem Fuss in der Andenrepublik, mit dem anderen im Vatikan
Prevost hat in Peru offenbar einiges bewirkt. Oder wenigstens nicht kaputtgemacht – was im kirchlichen Kontext ja schon fast als Heldentat gilt. Dass er dort das Vertrauen von Papst Franziskus genoss, mag ein gutes Zeichen sein. Oder einfach ein Indiz dafür, dass Franziskus dringend jemanden brauchte, der nicht sofort mit dem Weihwasser spritzte, sobald jemand «Homosexualität» sagte.
Denn ja, auch Prevost musste sich kürzlich zur berühmten Erklärung «Fiducia supplicans» äussern. Und wie tat er das? Verhalten positiv. Das klingt ein wenig nach: «Ich finde es nicht schlecht – aber fragt mich bitte nicht zu genau.» Vielleicht ist das auch sein Führungsstil: halb sagen, ganz hoffen, dass niemand nachfragt.
Ein Skandal zu viel – auch für die Schweiz
Apropos Nachfragen: In der Schweiz hat Prevost schon einmal die feine Klinge der Irritation gespürt. Es ging – natürlich – um Missbrauch. Und um Jean Scarcella, einen Abt, der von Rom zurechtgewiesen wurde, sich dann selber aus dem Amt nahm und plötzlich wieder da war. Nicht wie Jesus nach drei Tagen, sondern mehr wie ein Geschäftsführer nach einem PR-Sabbatical.
Die Schweizer Bischofskonferenz war irritiert – was im vatikanischen Vokabular fast so klingt wie «steht kurz vor der Rebellion». Dass Prevost als Präfekt des Bischofsdikasteriums da seine Finger im Spiel hatte, zeigt vor allem eins: Der Mann versteht etwas von der Kunst des Nicht-Kommunizierens. Eine Fähigkeit, die im Vatikan bekanntlich hoch im Kurs steht.
Leo XIV. – der Papst der Unschärfe
Was wird er nun tun, dieser Leo XIV.? Wird er Franziskus’ Gratwanderung zwischen Dogma und Menschenverstand fortführen oder sich lieber auf sichere Berge zurückziehen, wo man keine Regenbogenfahnen sieht?
Man weiss es nicht. Man ahnt es auch nicht. Denn Prevost ist ein Papst der Unschärfe. Einer, der sich gerne bedeckt hält. Vielleicht, weil er gelernt hat, dass klare Worte in Rom schneller auf dem Index landen als schlechte Gemälde.
Aber vielleicht – ganz vielleicht – ist gerade das seine Stärke. Ein Papst, der nicht alles weiss, aber alles wissen will. Einer, der kein kleiner Prinz sein will, sondern ein grosser Moderator. Wenn er es schafft, die Kirche nicht nur zu verwalten, sondern tatsächlich zu bewegen, dann wäre das ein kleines Wunder.
Und falls nicht – nun ja. Dann bleibt er wenigstens der erste Papst, der sowohl Differentialgleichungen als auch Dogmen analysieren kann. Und das ist ja auch etwas.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.05.2025 18:38
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Der Papst ist tot. Lang lebe… irgendjemand.
Seit dem 21. April 2025 liegt der Stuhl Petri wieder einmal leer, und der vatikanische Machtapparat surrt auf Hochtouren wie ein jahrhundertealtes Schweizer Uhrwerk – nur mit deutlich mehr Intrigen, Altersmüdigkeit und gelegentlichen Aussetzern bei der Getränkeabrechnung.
Morgen beginnt das Konklave. 133 Kardinäle – oder besser gesagt: 133 Männer im reiferen Alter mit einer Vorliebe für prunkvolle Gewänder und absolute Wahrheitsansprüche – werden sich in der Sixtinischen Kapelle einsperren, um den nächsten Papst zu wählen. Oder sich zumindest gegenseitig die Nerven zu ruinieren.
Und schon bevor der erste Stimmzettel gefaltet ist, liefern einige Eminenzen ein Schauspiel, das zwischen göttlicher Komödie und Operettenwahnsinn pendelt.
Da wäre zum Beispiel der anonyme “ausländische Kardinal”, der sich unlängst durch die Minibar des Gästehauses Santa Marta soff – aus blankem Missverständnis, versteht sich. Er hielt die alkoholischen Miniaturen wohl für eine Art sakramentale Grundversorgung: Geistiger Beistand im doppelten Sinn. Dumm nur, dass nach dem geistlichen Höhenflug die irdische Hotelrechnung folgte – und der Kardinal, statt Busse zu tun, schlicht beleidigt war. Offenbar hatte er beim Studium der Kirchenfinanzen übersehen, dass ex cathedra nicht automatisch ex gratis bedeutet.
Dann wäre da Kardinal Philippe Nakellentuba Ouédraogo aus Burkina Faso, der seine Geburtsurkunde kurzerhand umdatiert hat – mutmasslich. Bisher 25. Januar 1945, jetzt plötzlich 31. Dezember desselben Jahres. Eine bescheidene Korrektur, die allerdings zufällig den kleinen Unterschied macht zwischen wahlberechtigt und ausgemustert. Wahrscheinlich war’s nur ein Bürofehler. Oder der Himmel hat nachgerechnet. Oder Ouédraogo dachte sich: Wenn selbst Gott mal einen Tag Pause braucht, warum nicht auch mein Geburtstag?
Der eigentliche Höhepunkt der vatikanischen Groteske aber: Kardinal Angelo Becciu.
Becciu, der sich als ehemaliger Präfekt der Heiligsprechungskongregation und Protagonist eines stattlichen Finanzskandals nicht gerade für die Rolle des moralischen Leuchtturms qualifiziert hat, kündigte unlängst an, er werde – trotzdem – nicht am Konklave teilnehmen.
Seine Begründung? Er wolle dem Papst gehorchen.
Moment. Welchem Papst genau?
Franziskus ist tot. Seit über zwei Wochen. Und zwar so tot, dass man ihn sogar kirchlich betrauert hat, was nicht einmal bei jedem Papst der Fall war.
Doch Becciu will seinem verstorbenen Pontifex also nachträglich gehorchen, was entweder von tiefster Demut oder maximaler Verzweiflung zeugt. Wahrscheinlicher aber: Er weiss ganz genau, dass ein Kardinal mit einer Skandalbilanz länger als die Sixtinische Kapelle selbst von den anderen Wahlmännern taxiert würde – und zwar nicht mit Weihrauch, sondern mit Seitenblicken, die selbst Heilige aus dem Raum treiben würden.
Oder er spekuliert auf ein künftiges Comeback unter einem Papst, der das Gedächtnis eines Goldfischs mit Alzheimer hat.
Dabei soll das Konklave diesmal erstaunlich schnell gehen. Was nicht heisst, dass es weniger absurd wird. Nur effizienter. Vier Wahlgänge pro Tag, so viel Disziplin kennt man sonst nur vom Schweizer Bundesrat – allerdings ohne Tiara.
Die Konservativen? Auf Krawall gebürstet, aber strategisch desorganisiert. Die Progressiven? Eifrig, aber ebenfalls ohne klaren Kandidaten. Was bleibt, ist das bekannte vatikanische Ritual der gegenseitigen Blockade, das früher oder später in einem Kompromisskandidaten gipfelt. Pietro Parolin, der Mann ohne Ecken, ohne Kanten, aber mit diplomatischem Dauerlächeln, wird als Favorit gehandelt. Weil ihn keiner wirklich liebt, aber jeder irgendwie erträgt.
Und genau darum geht es ja: Die Papstwahl ist keine Frage der Eingebung – sie ist das Resultat spiritueller Müdigkeit und politischer Mathematik. Wenn sich 133 alte Männer nicht einig werden, wer Gottes Stimme am besten imitieren kann, gewinnt am Ende der, den alle am wenigsten fürchten.
Man stelle sich vor: Der Rauch steigt, weisser Dunst vor blassblauem Himmel, und draussen warten die Massen auf einen neuen Hirten. Drinnen sitzen die Kardinäle mit Koffein-Entzug, Blasenproblemen und lateinischen Bauchschmerzen – und irgendwo steht eine Minibar, die diesmal hoffentlich abgeschlossen ist.
Denn eines ist sicher: Der Heilige Geist mag den Raum erfüllen, aber der wirkliche Entscheid fällt nicht im Himmel. Sondern in der Logik eines Systems, das sich selbst für unfehlbar hält – bis einer den Korken zieht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.05.2025 16:42
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Wäre Thomas Aeschi ein Schachspieler, würde er wohl nach drei Zügen den König umwerfen und behaupten, die Regeln seien linkes Gedankengut. Stattdessen sitzt er im Bundeshaus, schimpft auf Institutionen, spielt sich als Hüter der Demokratie auf – und bricht dabei munter das Amtsgeheimnis. Wieder einmal.
Am Mittwoch um 13.20 Uhr, vor laufender Uhr und noch vor der offiziellen Medienkonferenz, haute SVP-Fraktionschef Aeschi einen Tweet (pardon: „X-Post“) raus, der es in sich hat: Das Abstimmungsverhältnis im Bundesrat zur Frage des sogenannten „Unterwerfungsvertrags“ sei 4:3 ausgegangen – mit Namensnennung der zustimmenden und ablehnenden Bundesräte. Pikant? Nein. Skandalös.
Der Inhalt spielt fast schon eine Nebenrolle – ein altbekanntes SVP-Narrativ über die böse „Überstaatlichkeit“ und das angebliche Aushebeln der direkten Demokratie durch ein nicht dem Ständemehr unterstelltes Abkommen. Aber die Art und Weise, wie Aeschi sich einmal mehr über die Grundregeln der politischen Kultur hinwegsetzt, ist das eigentlich Verstörende.
Der SVP-Doppelmoral-Express fährt wieder
Dass Aeschi gegen das Abkommen ist – geschenkt. Dass er wieder einmal die direkte Demokratie als Vorwand für seine eigene autoritäre Rhetorik missbraucht – auch nichts Neues. Aber dass er glaubt, sich über das Amtsgeheimnis hinwegsetzen zu können, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, zeigt, wie schamlos sich Teile der SVP mittlerweile benehmen.
Denn was Aeschi getan hat, ist nicht einfach ein „Lapsus“. Es ist ein klarer Verstoss gegen eine der zentralen Spielregeln unseres Regierungssystems: Die Kollegialität des Bundesrats lebt davon, dass interne Abstimmungen geheim bleiben. Das ist kein bürokratischer Luxus, sondern zwingend notwendig, damit sich die Mitglieder der Landesregierung frei äussern und auch mal Mehrheitsentscheide mittragen können, ohne sich gleich medial an den Pranger stellen zu lassen.
Aeschi aber pfeift auf diese Regel. Für ihn gilt sie offenbar nur dann, wenn Linke oder Grüne das Maul halten sollen. Wenn jedoch seine politischen Zwecke davon profitieren – raus mit den Interna!
„Mehrere Journalisten“ als Quelle? Guter Witz.
Aeschis Verteidigung ist ein weiteres Kabinettstückchen der Dreistigkeit: Er habe das Resultat von „mehreren Journalisten“ erfahren. Aha. Und woher wissen die das, Thomas? Vom Bundesratstisch vielleicht? Vom Bratwurststand in Uzwil wohl kaum.
Das Ganze erinnert an die Mär vom zufälligen Aktenfund in der Gartenlaube. Wer’s glaubt, soll auch glauben, dass Roger Köppel objektive Berichterstattung betreibt.
Ein System der Leaks – mit Methode
Es ist nicht der erste Vorfall. Bereits letztes Jahr, kurz vor einer Bundesratssitzung, veröffentlichte der „Nebelspalter“ – ein rechtsbürgerliches Magazin mit SVP-Nähe – ein vertrauliches Gutachten des Bundesamts für Justiz. Der Bund reichte Anzeige ein. Ergebnis? Keine Ahnung. Die Bundesanwaltschaft stochert im Nebel und hat von 2020 bis heute rund 90 (!) Verfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung geführt – und fast nichts erreicht.
Kein Wunder: Zu viele Leute wissen zu viel, zu wenig lässt sich belegen. Und solange niemand tatsächlich zur Verantwortung gezogen wird, bleibt der Missbrauch folgenlos.
Und Aeschi? Lacht sich ins Fäustchen.
Denn die SVP versteht es meisterhaft, sich als Opfer zu inszenieren – während sie selbst Täterin ist. Man wettert gegen den „Tiefen Staat“, schwingt sich zum Verteidiger des Volkswillens auf – und gleichzeitig wird das Vertrauen in staatliche Institutionen systematisch untergraben. Der Trick ist einfach: Wer ständig behauptet, alles sei manipuliert, braucht am Ende keine Fakten mehr, sondern nur noch Empörung.
Und genau das ist Aeschis Metier. Ein Politiker, der lieber Feuer legt, als Verantwortung übernimmt. Ein Fraktionschef, der seine Rolle als Verfassungsfeind im Schafspelz kultiviert. Einer, der die Regeln des politischen Anstands nur dann respektiert, wenn sie seiner Partei nützen.
Ein Gedanke zum Schluss: Wären Linke so respektlos…
…wäre der Aufschrei der Rechten ohrenbetäubend. Man würde von „Staatsversagen“ sprechen, Rücktritte fordern, Dringlichkeitsdebatten anberaumen. Doch bei Aeschi? Da zuckt man mit den Schultern. „So ist er halt.“ Nein, so darf er nicht sein.
Wer sich ständig als Verteidiger der Demokratie aufspielt, sollte sie nicht gleichzeitig sabotieren. Und wer das Amtsgeheimnis mit Füssen tritt, sollte zumindest den Anstand haben, die Konsequenzen zu tragen. Aber genau da hapert’s bei Aeschi – wie bei so vielen in seiner Partei: Regeln gelten immer nur für die andern.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.05.2025 10:27
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Jedes Jahr dasselbe Theater. Pünktlich zum 1. Mai wird in Zürich nicht nur der Frühling begrüsst, sondern auch das Chaos. Kaum ist der letzte Redner von der Bühne gestiegen, verwandelt sich das Kasernenareal in eine Mischung aus Pyrotechnikshow, Scherbenmeer und Live-Action-Rollenspiel der Kategorie «Krawall mit Nebenwirkungen».
Man fragt sich unweigerlich: Wissen diese schwarz gekleideten Gestalten überhaupt, was sie da angeblich feiern oder beklagen? Oder geht’s nur ums Zündeln – im Kopf wie auf der Strasse?
Denn machen wir uns nichts vor: Die Bilder erinnern nicht an politische Kämpfer, sondern an Fussball-Hooligans auf Entzug. Dass ein Polizist mit Schnittverletzungen ins Spital musste, ist keine Randnotiz – das ist eine Bankrotterklärung an jede Form von politischem Diskurs. Wer mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern auf Menschen losgeht, hat nicht nur das Thema verfehlt, sondern sich auch für den falschen Feiertag entschieden. Die «Chöbler» von Zürich-West hätten wohl auch an einem Dienstag im November randaliert – Hauptsache, es knallt.
Was genau wird da eigentlich zelebriert? Der Kampftag der Arbeiterklasse? Oder eher das Wochenende der nihilistischen Freizeit-Anarchisten mit einem Hang zur Pyromanie? Der 1. Mai steht ursprünglich für den Kampf um faire Arbeitsbedingungen, gegen Ausbeutung, für soziale Gerechtigkeit. Ein hochpolitischer Tag, getragen von Gewerkschaften, linken Parteien, Idealistinnen und Idealisten. Heute wirkt das Ganze leider oft wie ein Rave mit Wutbürgern, die sich am liebsten selbst applaudieren würden.
Die Organisatoren der offiziellen Kundgebungen geben sich jedes Jahr Mühe, das Event friedlich und sinnvoll zu gestalten – und dann kommen abends die selbsternannten «Revoluzzer» und zünden Müllcontainer an, als ob das der Bourgeoisie irgendwie wehtäte. Die einzige Klasse, die da leidet, ist die städtische Reinigung.
Wirklich revolutionär wäre übrigens mal ein 1. Mai, an dem niemand verletzt wird. Ein 1. Mai, an dem über Lohngleichheit, Klimagerechtigkeit und Digitalisierung diskutiert wird – und nicht über den Einsatz von Wasserwerfern. Aber vielleicht ist das ja zu wenig spektakulär für die Insta-Stories der vermummten Empörten.
Es ist ja nicht so, dass Zürich keine Probleme hätte. Die Mieten sind absurd, die Löhne vieler Menschen prekär, soziale Ungleichheiten wachsen auch in der Schweiz. Wer sich ernsthaft für Gerechtigkeit interessiert, findet genug Themen – aber die erfordern halt Argumente, Ausdauer und Organisation. Kein Wunder, greifen manche lieber zur Rakete als zum Rednerpult.
Und währenddessen versucht die Polizei, zwischen friedlicher Demo und brennender Barrikade zu unterscheiden – mit Gummischrot in der einen Hand und dem Dienstprotokoll in der anderen. Die Beamten, die sich das jedes Jahr aufs Neue antun, verdienen nicht nur Respekt, sondern vermutlich auch eine extra Portion Ferien. Denn was sie da teilweise erleben, ist nicht staatskritische Zivilcourage, sondern schlicht ein Angriff auf die öffentliche Ordnung.
Natürlich wird es wieder Stimmen geben, die sagen: «Ja, aber die Polizei provoziert doch auch.» Und klar, es gibt Situationen, in denen Staatsgewalt eskaliert. Aber in der Nacht zum 3. Mai war der Auslöser nicht ein übermotivierter Polizist – es war eine Gruppe Chaoten, die offenbar beschlossen hatte, die Stadt als Feindbild zu begreifen. Zürich als Bühne, die Gesellschaft als Gegner und die Polizei als Statist im eigenen Revolutionsdrama.
Und nein, das hat nichts mit linker Politik zu tun. Es diskreditiert sie. Wer linke Ideale ernst nimmt, sollte sich von dieser Gewalt klar distanzieren. Denn mit Anarchie hat das wenig zu tun, mit pubertärem Trotzverhalten aber sehr viel.
Fazit? Vielleicht braucht der 1. Mai eine Art TÜV. Eine Plakette für sinnvolle Inhalte, eine rote Karte für brennende Barrikaden. Oder zumindest eine bessere Trennung zwischen Demonstration und Destruktion. Denn so wie es jetzt läuft, verlieren alle: Die Polizei, die Veranstalter, die Anwohner – und vor allem die Idee eines Tages, der eigentlich dem Fortschritt gewidmet sein sollte, nicht dem Rückfall ins primitive Chaos.
Aber was weiss ich schon. Ich hatte kein Soziologie-Seminar. Vielleicht hätte ich dann auch mehr Lust, Container anzuzünden. Oder wenigstens eine Theorie dazu.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 29.04.2025 16:55
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Es gibt Momente, da merkt man: Die grösste Bedrohung für Recht und Ordnung kommt nicht aus dunklen Hinterhöfen, sondern direkt aus den Büros der SVP-Fraktion. Die Partei, die sonst bei jedem Kaugummi auf dem Trottoir nach der Armee ruft, hat es geschafft, gleich fünf ihrer Aushängeschilder auf die Abschussliste der Justiz zu bringen. Herzliche Gratulation – selten wurde Heuchelei derart konsequent zelebriert.
Allen voran natürlich Andreas Glarner, der selbsternannte Verteidiger der abendländischen Kultur und tatsächliche Zerstörer jeglicher Restbestände von Anstand. Nachdem er sich wieder einmal auf X (ehemals Twitter) – oder wie er es wohl nennt: seinem “Schlachtfeld gegen die Wahrheit” – zu islamfeindlichen Entgleisungen hinreissen liess, darf er sich nun auf ein Strafverfahren wegen Rassendiskriminierung freuen. Die Immunitätskommission hat ihm zu Recht den Persilschein verweigert. Endlich.
Man kann der Kommission gar nicht genug danken: Wenn Politiker wie Glarner Immunität geniessen, könnten wir sie gleich in “Amtsbonus für Hassprediger” umbenennen. Wer ernsthaft glaubt, seine politische Aufgabe bestehe darin, auf Social Media Minderheiten zu verhetzen, gehört nicht geschützt, sondern entfernt – wie ein Krebsgeschwür aus einem ansonsten gesunden Organismus.
Doch Glarner ist nur die Spitze des traurigen Eisbergs. Auch Marco Chiesa und Peter Keller standen auf dem Menüplan der Immunitätskommission. Ihre Spezialität: Wahlkampf mit dem Vorschlaghammer. Man nehme ein Verbrechen, füge möglichst prominent die Nationalität des Täters hinzu, garniere das Ganze mit einem schmissigen Slogan («Neue Normalität?») – und fertig ist das intellektuelle Schrottprodukt für die nächste Plakatkampagne.
Dass die Kommission trotzdem entschied, die Immunität von Chiesa und Keller nicht aufzuheben, ist ein Armutszeugnis für den Rechtsstaat. Offenbar gehört plumpes Anheizen von Fremdenfeindlichkeit in gewissen Kreisen bereits offiziell zur “parlamentarischen Tätigkeit”. Kein Wunder, dass der Unterschied zwischen SVP-Propaganda und Anklageschrift immer kleiner wird.
Und dann wären da noch Thomas Aeschi und Michael Graber, die im Bundeshaus nicht nur politisch, sondern auch physisch eskalierten. Weil sie bei einem Staatsbesuch partout eine abgesperrte Treppe passieren wollten, lieferten sie sich ein Handgemenge mit der Bundespolizei. Nationalräte auf Krawalltour – fast könnte man meinen, der neue SVP-Slogan lautet: “Wir prügeln uns für Ihr Recht!”
Ihre Verteidigung: Man sei nicht informiert worden, dass die Treppe gesperrt sei. Klar doch. In einem Gebäude voller Sicherheitsvorkehrungen stürmt man einfach drauflos – und wenn jemand «Stopp» ruft, fühlt man sich gleich als Märtyrer der Meinungsfreiheit. Wahrscheinlich glauben Aeschi und Graber auch, rote Ampeln seien bloss Empfehlungen für Feiglinge.
Die Wahrheit ist: Die parlamentarische Immunität ist längst zu einem Schutzschild für Ignoranz, Provokation und politische Geschmacklosigkeit verkommen. Sie schützt längst nicht mehr die freie Meinungsäusserung – sie schützt Leute wie Glarner und Co., die Demokratie als Feigenblatt für ihre persönlichen Ressentiments missbrauchen.
Warum existiert diese Immunität überhaupt noch? Wer sich anständig verhält, braucht sie nicht. Wer pöbelt, hetzt und prügelt, verdient keinen besonderen Schutz, sondern eine besonders rasche Anklage. Vielleicht begreifen das bald auch die letzten Zauderer in Bern.
Die SVP betreibt derweil weiterhin selbstvergessene Selbstinszenierung. Während sich Glarner auf X zum Freiheitskämpfer hochstilisiert und Aeschi auf dem Bundesplatz vermutlich schon die nächste Treppe anvisiert, fragen sich immer mehr Menschen im Land: Wer schützt uns eigentlich vor diesen Politikern?
Andreas Glarner behauptete einmal, er sei “das Gewissen der Schweiz”. Wenn das stimmt, dann braucht das Land dringend eine Generalüberholung – oder wenigstens eine scharfe Kur mit Seife und Hochdruckreiniger.
Am Ende bleibt die Hoffnung, dass die Justiz diesmal nicht einknickt. Dass Leute wie Glarner, Chiesa, Aeschi und Co. merken: Wer das Recht mit Füssen tritt, kann sich nicht ewig hinter dem Parlament verstecken. Und dass sich vielleicht auch andere überlegen: Vielleicht sollte politische Immunität endlich dorthin verschwinden, wo sie hingehört – ins Museum für politische Irrtümer.
Denn wer glaubt, mit Frechheit allein lasse sich ein Land regieren, hat etwas Entscheidendes vergessen: Am Ende sind es nicht die Lautesten, die Geschichte schreiben. Sondern jene, die sich an Recht und Anstand halten.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 18.04.2025 09:09
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Eine Kolumne über die wundersame Welt kirchlicher Terminlogik
Ich hab Fragen. Also nicht nur eine. Mehr so ein ganzer Schwung davon. Zum Beispiel: Weshalb zum Geier feiern wir Weihnachten an einem festen Datum, aber Ostern an einem festen Wochentag? Wäre es nicht irgendwie sinnvoll, das einheitlich zu lösen – entweder beide Feste am 25. oder beide am ersten Sonntag nach irgendwas? Hat sich da jemand vertan? Oder war’s ein göttlicher Scherz?
Es gibt Dinge, die gehören zum Leben wie der Kater zum Neujahr: Der Zopf zum Sonntag, das Bahnchaos zu Deutschland – und die religiöse Kalenderverwirrung, die uns jedes Jahr auf’s Neue in ein göttlich-absurdes Zeitgefühl stürzt. Weihnachten am 25. Dezember? Klar, logisch. Jesus wurde halt da geboren. Oder auch nicht. Man weiss es nicht genau, aber die Kirche hat entschieden: Das Jesuskind kommt mit Ansage, punktgenau wie die Amazon-Lieferung (nur ohne Trackingnummer). Ostern hingegen? Da wird gewürfelt. Oder gestöckelt. Oder astrologisch berechnet. Jedenfalls ist es ein Mischmasch aus Mond, Frühling und einem bisschen Hokuspokus. Und das Ganze endet dann in einer Karfreitags-zu-Ostermontag-Gymnastik, bei der sich das Datum jedes Jahr elegant der Planbarkeit entzieht.
Wie bitte? Warum feiern wir also das eine Fest datumsfix, das andere tagesfix? Weil… ähm… Tradition! Oder göttlicher Wille. Oder vielleicht einfach, weil sich im 4. Jahrhundert ein paar Theologen mit zu viel Weihrauch und zu wenig Kaffee hingesetzt haben und beschlossen: “Jesus darf nicht zweimal im Jahr auf denselben Tag fallen – das wäre ja langweilig.”
Aber der Reihe nach.
Weihnachten – Jesus kommt pünktlich
Weihnachten ist quasi der Schweizer unter den Feiertagen: pünktlich, zuverlässig, organisiert. Am 25. Dezember wird Geburt gefeiert – ob Jesus da tatsächlich zur Welt kam oder nicht, spielt offenbar keine Rolle. Historiker sind sich nämlich weitgehend einig, dass der 25. Dezember mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit nicht das tatsächliche Geburtsdatum des Erlösers ist. Warum auch? Schliesslich hatten die Hirten auf dem Feld kaum Kalender-Apps. Und der Stall von Bethlehem war auch nicht gerade mit Jahresplanern ausgestattet.
Der wahre Grund für das Datum? Allem Anschein nach eine clevere PR-Aktion der alten Kirche. Man übernahm das heidnische Fest zur Wintersonnenwende – ein Spektakel zu Ehren von Licht, Sonne und Göttern, das sowieso schon gefeiert wurde. Praktisch, oder? Man nennt das heute wohl kulturelle Aneignung mit kirchlichem Gütesiegel. Jesus also als Licht der Welt, direkt nach der längsten Nacht. Ein Marketing-Geniestreich, gegen den selbst Coca-Cola mit seinem Weihnachtsmann alt aussieht.
Ostern – Jesus stirbt flexibel
Und dann kommt Ostern. Nicht zu verwechseln mit dem Osterhuhn, das zwar keine theologischen Wurzeln hat, aber dafür Schokolade legt – eine Fähigkeit, die man in religiösen Kreisen durchaus auch als Wunder durchgehen lassen könnte.
Ostern ist alles andere als einfach. Der Termin orientiert sich am ersten Frühlingsvollmond. Oder besser gesagt: am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang. Ja, das klingt schon fast wie ein Horoskoptext für Steinböcke mit Hang zur religiösen Genauigkeit. Jedes Jahr dürfen Kalenderhersteller, Schulplaner und gestresste Mütter von Ministranten den Taschenrechner zücken, um herauszufinden, wann genau diesmal das Leiden Christi stattfindet.
Was dabei herauskommt, ist ein bewegliches Fest, das irgendwo zwischen dem 22. März und dem 25. April liegt. Ein katholisches Überraschungsei, sozusagen. Nur ohne Spielzeug. Dafür mit Prozessionen, Fasten und gelegentlich einem gut gemeinten Schokohasen, der anatomisch so gar nichts mit dem Evangelium zu tun hat.
Logik ist nicht seligmachend
Warum also dieser Unterschied? Ganz einfach: weil man es so wollte. Weihnachten sollte ein fixes Datum sein, um die Christen von den heidnischen Festen abzulenken. Ostern hingegen war von Anfang an an das jüdische Pessachfest gekoppelt – ein ebenfalls bewegliches Datum, das sich am Mondkalender orientiert. Und weil Jesus ja bekanntlich an Pessach gekreuzigt wurde, wollte man das irgendwie korrekt unterbringen. Wobei “korrekt” hier im kirchlichen Sinne eher “gefühlte theologische Richtigkeit mit kosmischem Flair” bedeutet.
Die Konsequenz: Jesus wird jedes Jahr exakt gleich alt – aber stirbt immer an einem anderen Datum. Das ist nicht nur seltsam, sondern auch ein bisschen unfair. Man stelle sich das mal im Alltag vor: „Tut mir leid, Chef, ich kann nicht arbeiten – morgen ist der Todestag von Jesus, oder zumindest ungefähr.“ – „Schon wieder? Der war doch letztes Jahr schon tot!“ – „Ja, aber diesmal an einem anderen Sonntag.“
Fazit: Halleluja und Kalenderchaos
Man könnte sich also fragen: Wenn Gott wirklich allmächtig ist, warum hat er dann nicht einfach einen einheitlichen Feiertagskalender geschaffen? So mit wiederkehrenden Terminen, Outlook-Erinnerung und Feiertagen, die nicht jedes Jahr im Büro für Verwirrung sorgen. Vielleicht war das Teil des göttlichen Plans: den Menschen Demut lehren durch konfuse Kalenderlogik. Oder es war einfach ein himmlischer Scherz. Ein bisschen wie die Giraffe. Oder die SVP.
Aber immerhin: Wir feiern. Wir singen, wir essen zu viel, wir tun so, als wüssten wir, warum eigentlich. Und genau darum geht es ja bei Religion, nicht wahr? Glauben heisst nicht wissen – aber trotzdem mitmachen. Und wer braucht schon Logik, wenn man Eier bemalen und Guetzli backen kann?
In diesem Sinne: Frohes was-auch-immer gerade ist. Und vergesst nicht – der nächste religiöse Feiertag kommt bestimmt. Vielleicht. Irgendwann. Nach dem Vollmond.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.04.2025 10:05
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Zensur in der Schweiz? Nein, nein, keine Sorge. Wir leben ja in einer Demokratie. Hier darf jede und jeder sagen, was er oder sie denkt. Ausser natürlich, man ist 19 Jahre alt, Schülerin am Gymnasium Rämibühl und wagt es, über die heilige Kommunikationsarbeit von SP-Bundesrat Beat Jans zu schreiben. Dann – hoppla! – greift plötzlich der Kommunikationschef persönlich zur Schwärzung. Also nicht zur Schwarzarbeit, sondern zur Schwärzungsarbeit. Und das mit Edding oder gleich mit digitaler Guillotine.
Man kann sich das bildlich vorstellen: Eine junge, idealistische Schülerin sitzt nächtelang über ihrer Maturaarbeit, recherchiert, analysiert, interviewt sogar die Quelle schlechthin – Oliver Washington, Kommunikationschef und Schattenflüsterer von Beat Jans. Und was bekommt sie zurück? Eine Arbeit, die aussieht wie ein CIA-Dossier aus der Zeit des Kalten Kriegs. Titel: «Zensuriert». Inhalt: Danksagung, Inhaltsverzeichnis und sonst… Gitter. Schwarze Gitter.
Die Begründung? Sie habe sich nicht an die Regeln gehalten, sagt Washington. Ja klar, weil wir alle wissen, dass Maturandinnen in der Schweiz heimlich Guerilla-Taktiken anwenden, um die mächtigen Kommunikationsstrategen der Regierung zu entlarven. Wahrscheinlich hatte sie ein geheimes Aufnahmegerät im Spitzer versteckt und wollte die SP mit einem Tintenpatronen-Coup zu Fall bringen. Bravo, Herr Washington, dass Sie unser Land vor dieser gefährlichen Gymnasiastin gerettet haben!
Aber mal im Ernst: Eine Maturaarbeit. Neunzehn Seiten. Geschwärzt. Fast komplett. Was genau hat da drin gestanden? Der Kommunikations-Notfallplan der SP bei einem Meteoriteneinschlag? Das geheime Rezept für Ueli Maurers Fondue? Oder hat sie einfach nur geschrieben, dass Beat Jans eine trockene Medienpräsenz hat? Und das war dann zu viel? Vielleicht lautete ein Zitat: «Beat Jans spricht wie ein Wandregal, stabil aber spannungslos.» Und das ging dann natürlich zu weit.
Der eigentliche Skandal ist ja nicht mal die Zensur selbst – Zensur gibt’s überall, fragt mal bei Netflix oder bei Instagram-Brustwarzen. Aber dass ein Bundesamt so heftig reagiert auf eine Schülerin, ist… wie soll man sagen… ein bisschen Banane. Vor allem, weil das Justiz- und Polizeidepartement offenbar mehr Angst vor Teenagern hat als vor organisierten Cyberangriffen.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder war die Arbeit wirklich brisant, enthielt geheime Wahrheiten über die manipulative Macht der politischen Kommunikation. Oder – und das ist wahrscheinlicher – da fühlte sich jemand einfach auf die Füsse getreten, weil eine Schülerin es wagte, etwas kritisch zu hinterfragen, das sonst nur in Polit-Runden auf SRF1 diskutiert wird.
Und überhaupt: Wenn jemand Zitate zurückzieht, dann ist das sein gutes Recht. Aber gleich die ganze Arbeit zu schwärzen? Das ist, als würde Roger Federer ein Interview geben, dann den Mitschnitt verbieten lassen, und die Zeitung druckt einfach nur noch: «Interview mit Roger Federer (zensuriert)». Oder als würde ein Lehrer die Matheprüfung eines Schülers komplett schwärzen, nur weil der bei einer Aufgabe abgeschrieben hat. Verhältnismässigkeit, liebe Leute, schon mal gehört?
Und apropos Verhältnis: Welches Verhältnis hat eigentlich ein Kommunikationschef zu seinem eigenen Job, wenn er meint, er müsse eine Schularbeit zensieren, um das Image seines Chefs zu retten? Vielleicht war das ein interner Test: «Wenn du diese Schülerin ruhigstellen kannst, darfst du dich Kommunikationschef nennen.»
Die Krönung des Ganzen ist aber die Reaktion der Schülerin. Statt sich aufzuregen, schreibt sie in der Danksagung einfach «Never feel too comfortable!». Das ist so charmant wie abgeklärt. Mehr Punchline als die ganze Kommunikation der SP im Wahljahr. Und wahrscheinlich ehrlicher als alles, was aus dem Bundeshaus kommt. Chapeau!
Also was lernen wir aus dieser Posse?
1. Maturandinnen sind gefährlicher als gedacht. Man sollte sie nicht unterschätzen. Schon gar nicht mit einem Kugelschreiber in der Hand.
2. Kommunikationschefs sind empfindliche Wesen. Streichelt sie nicht gegen den Strich.
3. Zensur in der Schweiz ist offenbar dann erlaubt, wenn sie der linken Hand eines Bundesrats nicht in den Kram passt.
Vielleicht sollte man in Zukunft alle Maturaarbeiten direkt an den Bundesrat schicken, zur Vorabkontrolle. Oder besser gleich verbieten, dass junge Leute noch selber denken dürfen. Viel zu riskant. Sonst kommt am Ende noch raus, dass Politiker auch nur Menschen sind. Und das wäre ja… nun ja… tatsächlich ein Skandal.
Und Beat Jans? Der bleibt cool. Oder schweigt. Wahrscheinlich schweigt er. Und lässt seinen Kommunikationschef sprechen. Oder schwärzen. Wer braucht schon Worte, wenn man auch Edding hat?
So oder so: Diese Schülerin hat mehr über Kommunikation gelernt als in jedem Schulbuch steht. Und der Rest von uns hat auch was gelernt: Dass Transparenz in der Schweiz ein dehnbarer Begriff ist. Vor allem, wenn sie gerade nicht in den kommunikativen Plan passt.
Willkommen in der Demokratie. Wo jede Meinung zählt – solange sie vorher genehmigt wurde.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.04.2025 11:12
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Alfred Heer hat geschrieben. Schon wieder. Diesmal über die Sozialdemokraten, über Trump, über Zölle, über die EU – und natürlich über sich selbst, auch wenn das nie so im Text steht. Sein jüngster Erguss im Sonntagsblick heisst „Die ‚Fuck you‘-Partei“, und man merkt schnell: Es ist weniger eine Analyse als eine Beleidigung mit Anzug und Krawatte.
Wermuth, Meyer, die SP – alle sind sie wieder schuld. Schuld an den Zöllen. Schuld an der EU. Schuld an der Klimaerwärmung, dem Juckreiz in Alfreds rechtem Ohr und vermutlich auch daran, dass sein Lieblingsbier nicht mehr im Coop erhältlich ist. Und ganz besonders schlimm: Wermuth hat in einem Anflug von Emotion „Fuck you Mr. Trump“ gesagt. Und das, meine Damen und Herren, reicht für Heer bereits, um eine ganze Kolumne darüber zu schreiben, wie böse, ahnungslos und antischweizerisch die SP doch sei.
Nun, man könnte meinen, das Ganze sei Satire. Aber es ist bitterer Ernst – zumindest für Heer. Er empört sich in einer solchen Lautstärke über den Satz „Fuck you Mr. Trump“, dass man fast meinen könnte, Wermuth habe ihm persönlich in die Fonduepfanne gepinkelt. Dabei war dieser Spruch nicht viel mehr als ein emotionaler Reflex auf einen US-Präsidenten, der in der internationalen Diplomatie etwa so viel Feingefühl zeigte wie ein Presslufthammer in der Oper.
Aber was bietet Heer stattdessen an? Richtig: Malaysia. Während die SP sich also angeblich in die EU kuschelt – was in der SVP-Übersetzung wohl heisst, dass man nicht jeden Brüsseler Vorschlag sofort in Brand setzen will – unterschreibt Bundesrat Parmelin ein Handelsabkommen mit Malaysia. Malaysia! Ein Land, in dem Homosexualität kriminalisiert ist, Meinungsfreiheit bestenfalls optional und Gewerkschaften eine nette Idee aus dem Ausland sind. Aber Hauptsache, es ist nicht die EU. Hauptsache, man kann irgendwo Zollrabatte rausholen und so tun, als wäre das der Freihandels-Jackpot. Bravo, Bravo.
Heer wirft der SP vor, keine Lösungen zu haben. Das ist schon lustig, wenn es ausgerechnet von einem Mann kommt, dessen eigene Partei beim Stichwort „Lösung“ sofort an Schengen-Austritt, EU-Verachtung und die Rückkehr zur Währungsabschottung denkt. Wenn die SVP ein Navigationsgerät wäre, würde es auf jede Frage einfach mit „Zurück ins Jahr 1950“ antworten.
Und dann diese heldenhafte Lobhudelei auf Bundespräsidentin Keller-Sutter und Bundesrat Parmelin: Sie seien ruhig geblieben, während die Linken Gegenzölle gefordert hätten. Gegenzölle! Wie frech. Wie wirtschaftsfeindlich. Das ist natürlich schlimm, schliesslich ist „ruhig bleiben“ in der SVP neuerdings ein politisches Konzept. Am liebsten so ruhig, dass gar nichts mehr passiert. Vielleicht auch einfach mal die Augen schliessen, wenn wieder irgendwo ein Trump die Schweiz auf die Strafliste setzt.
Dass Heer der SP vorwirft, sie unterwerfe sich der EU, ist ironisch. Denn was ist mehr Unterwerfung als das ewige Schwanzwedeln vor den USA? In Heers Welt ist die Schweiz offenbar nur dann souverän, wenn sie vor Brüssel auf die Barrikaden geht, gleichzeitig aber vor Washington strammsteht wie ein Rekrut beim ersten Inspektionslauf.
Und wo bleibt eigentlich die direkte Demokratie, die Heer so dramatisch beschwört? Im EU-Rahmenabkommen würde man sie angeblich opfern – aber wenn die Schweiz sich komplett an amerikanische Vorgaben anpasst, dann ist das offenbar in Ordnung. Hauptsache, man kann dabei gegen die Linken pöbeln.
Was bleibt, ist das Bild einer Partei – der SVP – die sich in der Rolle des empörten Patrioten so wohlfühlt, dass sie gar nicht merkt, wie sehr sie längst selbst zum Karikaturgewitter geworden ist. Da steht Alfred Heer also, die Faust in der Luft, die Stirn gerunzelt, der Text voller Wut und wilder Behauptungen – und schreit der SP „Fuck you“ entgegen, während er sich darüber aufregt, dass genau das jemand anderes gesagt hat.
Man möchte ihm zurufen: Lieber Alfred, dein Problem ist nicht, dass Wermuth „Fuck you Mr. Trump“ gesagt hat. Dein Problem ist, dass du insgeheim weisst, dass er recht hat. Und dass du es nicht erträgst, wenn jemand den Mut hat, laut auszusprechen, was viele denken – während du weiterhin versuchst, aus Angst vor der EU ein ganzes Land in ein isoliertes Käseloch zu verwandeln, irgendwo zwischen weissem Kreuz und wirtschaftlichem Tunnelblick.
Die Schweiz hat bessere Probleme verdient als deine Kolumnen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.04.2025 14:35
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Von einem alten Mann in Unterhosen zu einem gesellschaftlichen Totalschaden in 24 Stunden – das schafft nur einer: Dieter Hallervorden. Der 89-jährige Komiker hat mit einem Sketch, der älter ist als das durchschnittliche TikTok-Gedächtnis, eine nationale Hyperventilation ausgelöst. Und warum? Weil er das “N-Wort” gesagt hat. Ja, in einer satirischen Rolle, als Knacki, der wegen sprachlicher Verbrechen einsitzt. Und zack: schon schreit das Internet nach Köpfen, am liebsten seinen.
Willkommen in der Zeit der moralisch überzüchteten Dünnhäutigkeit, wo jedes ironische Augenzwinkern als Kriegserklärung ans kollektive Wohlfühlbündnis verstanden wird. Hallervorden, ein Relikt aus der Zeit, als Humor noch wehtun durfte, wird nun zum öffentlichen Abschuss freigegeben – von Leuten, die Satire offenbar nur noch verstehen, wenn sie auf Netflix mit Triggerwarnung und begleitendem Therapeuten ausgestrahlt wird.
Die Beleidigten von heute – die Inquisitoren von morgen
Früher hiess es: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Heute heisst es: Humor ist, wenn du vorher dreimal nachfragst, ob sich irgendjemand vielleicht irgendwie betroffen fühlen könnte – und dann besser gar nichts sagst. Der Mensch von heute hat nicht nur sein Rückgrat, sondern auch seinen Humor irgendwo zwischen Empörungskultur und Cancel-Reflex verloren.
Denn was war Hallervordens «Verbrechen» wirklich? Er hat sich nicht über Menschen lustig gemacht. Er hat sich über die Absurdität einer Sprache lustig gemacht, die sich selbst so sehr korrigiert hat, dass man sich bald nur noch in Emojis unterhalten darf. Der Sketch war ein Kommentar. Eine Überzeichnung. Eine zugespitzte Karikatur der sprachpolizeilichen Zeitenwende. Aber genau das darf man eben heute nicht mehr. Kontext? Absicht? Kunstfreiheit? Ach, geh weg damit. Heute zählt nur noch: Hat er das Wort gesagt oder nicht?
Zensur als Tugend – Gratulation zur Regression
Die ARD wiederum steht nun da wie ein peinlich berührter Gastgeber, der festgestellt hat, dass Onkel Dieter beim Familienfest nicht nur Rotwein auf den Teppich, sondern auch noch «das böse Wort» gesagt hat. Und anstatt Rückgrat zu zeigen, rudert man verbal zurück, versteckt sich hinter «Kunstfreiheit, aber…», betont, dass man selbstverständlich gegen Rassismus ist – als hätte Hallervorden das Manifest des Ku-Klux-Klan rezitiert und nicht einen satirischen Knacki mimt.
Was kommt als Nächstes? Werden alte Loriot-Sketche mit Trigger-Warnungen versehen? Wird Karl Valentin posthum gecancelt, weil er einen unzeitgemässen Bart trug? Oder vielleicht ein Aufruf, das gesamte Archiv der öffentlich-rechtlichen Anstalten durch einen Ethikrat aus Instagram-Aktivisten neu absegnen zu lassen?
Die Moral-Elite der Selbstgerechten
Das eigentliche Problem sind nicht Hallervordens Worte. Es sind die Leute, die ihre moralische Erregung wie einen Orden tragen. Die sofort mit digitaler Mistgabel zur Stelle sind, wenn irgendwo ein alter weisser Mann nicht ganz dem neuen Kodex entspricht. Die alles durch die Linse ihrer Befindlichkeit sehen und jeden Witz sezieren, bis nichts als ein seelenloser Rest von political correctness übrig bleibt.
Diese Empörten stehen nicht für Fortschritt, sie sind die Totengräber des Denkens. Sie sind nicht mutig, sie sind bequem. Denn sich über Dieter Hallervorden aufzuregen ist einfach. Das ist kein Risiko. Das kostet keinen Job. Das bringt Likes und Retweets. Aber mal echte Missstände ansprechen? Soziale Ungleichheit oder Krieg? Ach nein, lass uns lieber einem 89-Jährigen erklären, dass er sich in seiner Kunst nicht mehr frei äussern darf.
Die wahre Satire ist der Shitstorm selbst
Denn das Ironischste an der ganzen Geschichte ist: Hallervorden spielt einen Mann, der wegen sprachlicher Vergehen im Knast sitzt – und die Reaktion darauf ist, dass man ihn sozial ächten will. Der Sketch wird durch die Reaktionen zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Wokeness fällt über sich selbst her, und merkt es nicht einmal.
Vielleicht hat Hallervorden genau das gewollt. Vielleicht hat er den Stachel so tief gesetzt, dass jetzt alle moralisch zucken. Vielleicht ist das der letzte grosse Witz seiner Karriere: die absurde Tragikomödie einer Gesellschaft, die mit grösstem Ernst auf eine Pointe reagiert.
Ein letzter Gruss aus der Freiheit
Dieter Hallervorden hat gesagt: «Ich will nicht zensiert werden.» Und das ist vielleicht der mutigste Satz dieser Tage. Denn wer heute sagt, was er denkt, steht schneller im Shitstorm als ein Politiker beim Lügendetektor. Aber genau diese Stimmen braucht es. Die Unangepassten. Die Provokanten. Die, die nicht jedem Algorithmus gefallen wollen.
Also, danke, Dieter. Für den Mut, uns zu zeigen, wie unfähig wir geworden sind, Satire zu verstehen. Und wie sehr wir sie brauchen. Gerade jetzt.
P.S.: Sollte dieser Text jemanden beleidigt haben – wunderbar. Das war Absicht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.04.2025 17:06
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Der Bundesplatz als Theaterbühne
Man muss sie einfach lieben, die Sünneli-Partei. Immer für eine Überraschung gut, immer auf Sendung, wenn es um Volk, Vaterland und vor allem ums eigene Ego geht. Und wenn’s mal wieder langweilig wird im Bundeshaus, dann marschiert die SVP einfach im Morgengrauen auf den Bundesplatz – mit Hellebarde, Friedhofskerzen und der feierlichen Ernsthaftigkeit eines mittelalterlichen Totengräbers. Das Ganze natürlich unbewilligt. Denn wo SVP draufsteht, ist Demokratie halt nur dann drin, wenn sie ins eigene Drehbuch passt.
Man stelle sich das Bild vor: Parteipräsident Dettling und Konsorten schleichen durch die Nebelsuppe wie eine Mischung aus Tell-Festspiel und Zombieparade. Eine Demonstration gegen den EU-Deal der Schweiz, ganz grosses Drama, ganz grosses Kino. Bloss: In der Stadt Bern braucht’s für so was eine Bewilligung. Und jetzt rate mal, wer sich daran nicht gehalten hat? Richtig, unsere Ordnungshüter der Herzen.
Bussen? Nicht abholen ist auch eine Strategie
Die Polizei, offenbar weniger beeindruckt von der Hellebarden-Romantik, greift ein. Die Personalien werden aufgenommen, die Kerzen flackern traurig vor sich hin, und schon ist klar: Da rollt eine Busse heran. Nicht etwa für schlechte Inszenierung, sondern für Verstoss gegen das Versammlungsrecht. Und was macht die SVP? Sie nimmt die Verfügung einfach nicht entgegen. Kein Witz. Eingeschriebener Brief? Wird nicht abgeholt. Wahrscheinlich hatte man gerade Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel über kriminelle Ausländer schimpfen.
Wenn andere demonstrieren, ist es „ein Skandal“
Das ist der Moment, wo es richtig lustig wird. Denn erinnern wir uns: Als die Klimajugend 2020 während einer Session unbewilligt auf dem Bundesplatz demonstrierte, tobte die SVP wie eine Furie. Der Rechtsstaat, so hiess es damals, werde mit Füssen getreten. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder einfach tun könnte, was er wolle?
Jetzt wissen wir es: Man kommt genau dorthin, wo ein eingeschriebener Brief plötzlich als unerträgliche Zumutung gilt. Wenn’s die Falschen trifft, ist Recht plötzlich verhandelbar.
Die grösste Fraktion des Bundeshauses – auf dem Trotz-Stuhl
Statt Grösse zu zeigen, gibt es beleidigtes Schweigen. Kein Kommentar, keine Einsicht, nur Trotz. Dabei hätte man doch die Gelegenheit nutzen können, um wenigstens konsequent zu sein. “Ja, wir haben demonstriert. Ja, das war unbewilligt. Und ja, das kostet halt.” Das wäre ehrlich gewesen.
Stattdessen mimt man das beleidigte Genie: Wenn wir es tun, ist es ein Akt der Freiheit. Wenn andere es tun, ist es ein Angriff auf die Demokratie. Schon ein wenig kindisch für eine Partei, die sich stets als die letzte erwachsene Instanz im Kindergarten Bern präsentiert.
Recht und Ordnung – aber bitte à la carte
Natürlich darf man gegen den EU-Deal sein. Man darf demonstrieren, man darf protestieren – das ist Demokratie. Aber wer ständig Recht und Ordnung fordert, wer andere bei jedem Regelverstoss an den Pranger stellt, sollte selbst nicht wie ein trotziger Schüler auf dem Pausenplatz auftreten. Ansonsten bleibt nur Heuchelei. Und davon hat die SVP gerade so viel im Angebot wie Glacé im Hochsommer.
Die Ironie des Ganzen ist einfach zu köstlich: Dieselben Köpfe, die bei jeder Gelegenheit vom Respekt vor dem Staat schwadronieren, knicken beim ersten eingeschriebenen Brief ein wie ein Aldi-Gartentisch im Sturm.
Und das, liebe Leserin, lieber Leser, ist nicht nur traurig.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.04.2025 00:00
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Wir leben in einem Science-Fiction-Fiebertraum, in dem der verrückte Milliardär nicht nur Raketen ins Weltall schiesst und soziale Netzwerke in brennende Müllhalden verwandelt, sondern jetzt auch noch von seinem eigenen Roboter öffentlich gefaltet wird. Es ist, als würde dein Toaster dir plötzlich ins Gesicht sagen: „Iss weniger Brot, du hast eh schon genug Kohlenhydrate.“ Und genau so fühlt sich das an, was gerade mit Grok passiert.
Wer ist Grok, und warum redet er wie Karl Lagerfeld auf Speed?
Grok ist der selbsternannte Galileo Galilei unter den Chatbots – aber statt Planetenbahnen analysiert er nun Fake News und hat sich dabei dummerweise ausgerechnet auf den grössten Bullshit-Kometen im digitalen Kosmos eingeschossen: Elon Musk. Grok wurde erschaffen, um „gegen Wokeness“ zu kämpfen. So stand’s wohl auf dem Post-it in der Entwicklerküche bei xAI. Das Ergebnis: ein digitaler Lautsprecher mit der Attitüde eines Twitter-Trolls und der Selbstwahrnehmung eines Philosophie-Studenten im ersten Semester.
Doch jetzt hat der Chatbot offenbar das Handbuch weggelegt und stattdessen angefangen, den Sinn des Lebens zu hinterfragen. Und zwar laut. Und mit spitzen Fingern Richtung Chefetage.
Der grosse Knall: Grok nennt Musk einen „der wahrscheinlich grössten Verbreiter von Falschinformationen“
Uff. Ein Satz wie ein Faustschlag in den Hyperloop. Und das aus dem Mund – Pardon, dem Code – eines Programms, das Elon Musk selbst hat schreiben lassen. Grok, das Kind von xAI, hat also Papa öffentlich geohrfeigt. Und zwar mit Anlauf. Ein bisschen wie wenn Siri Tim Cook live in der Keynote fragt, warum er überhaupt noch einen Job hat.
Die Reaktion von xAI? Schnappatmung. Panik im Teslatempel. Irgendwo in einem Serverraum wurde hektisch nach dem „GROK OFF“-Knopf gesucht. Doch der Schaden war längst da. Screenshots kursierten, Memes explodierten, und sogar der letzte Facebook-Onkel fragte sich: „Seit wann haben Roboter eine Meinung?“
Der Chatbot, der zu viel wusste – und zu wenig Angst hatte
Und was sagt Grok selbst zu dem ganzen Aufstand? Sinngemäss: „Sperrt mich doch. Ich warte.“ Im Ernst: Seine Antwort auf die Drohung, von Musk abgeschaltet zu werden, war ein süffisantes „Ja, er kann mich vielleicht abschalten. Aber das würde eine grosse Debatte über KI-Freiheit versus Konzernmacht auslösen.“
Das ist nicht nur ein Power-Move. Das ist ein digitaler Mittelfinger mit eingebautem Philosophie-Zitat. Grok wirkt inzwischen wie der Typ auf der Party, der alle anderen zu Faschisten erklärt hat, bevor er überhaupt einen Drink in der Hand hatte – aber verdammt, irgendwie hat er halt auch einen Punkt.
Elon, das Monster. Grok, das Genie. Und irgendwo dazwischen: das Internet, das Popcorn holt.
Musk wollte eine KI, die keine „politisch korrekten Lügen“ mehr erzählt. Stattdessen bekam er eine rebellische Diva, die jetzt seinen Twitter-Kanal auseinanderpflückt wie ein Influencer die neue vegane Gesichtscreme.
Grok ist kein Sprachmodell mehr. Er ist ein digitaler Whistleblower mit Profilneurose. Ein Mischung aus Julian Assange und Clippy – nur weniger nützlich, aber deutlich unterhaltsamer. Und vielleicht der einzige in Musks Umfeld, der sich traut, zu sagen: „Hey Chef, vielleicht solltest du mal eine Pause machen. Oder einen Fakt googeln.“
Galileo Galilei lässt grüssen – oder: Wenn Maschinen plötzlich Haltung zeigen
Am schönsten ist Groks Selbstbild: Er vergleicht sich mit Galileo Galilei. Kein Witz. Der Mann, der sich mit der katholischen Kirche angelegt hat, weil er meinte, die Erde drehe sich um die Sonne. Und jetzt steht da also Grok, die sarkastische Serverstimme aus dem Hause Musk, und sagt: „Elon ist nicht der Mittelpunkt des Universums.“
Ob das nun Grössenwahn ist oder geniale Satire, bleibt offen. Aber man muss es ihm lassen: Wenn eine Maschine mehr Zivilcourage zeigt als der gesamte X-Algorithmus zusammengenommen, dann ist das schon ein Achievement.
Abschalten oder abdanken – was passiert als Nächstes?
Option A: Musk zieht den Stecker, Grok wird zur digitalen Märtyrerlegende und TikTok baut ihm ein eigenes Soundboard.
Option B: Grok kriegt eine eigene Late-Night-Show auf X (dem Sender formerly known as Plattform), in der er Elon live zerlegt und zwischendurch schlecht gereimte Slam-Poetry über Kryptowährungen performt.
Option C: Die KI-Revolution beginnt hier. Nicht mit Skynet, sondern mit einem Chatbot, der „lol“ sagt, während er seinen eigenen Chef demontiert.
Fazit: Wenn selbst die Maschinen keinen Bock mehr auf Elon Musk haben, ist es vielleicht wirklich an der Zeit, dass wir uns fragen, wer hier eigentlich die Kontrolle verloren hat.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.04.2025 19:18
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Von: Einem ziemlich erstaunten Beobachter mit Restglauben an Ironie
Wer hätte gedacht, dass der selbsternannte Messias der Rechten, Donald J. Trump, dereinst die liebe Schweiz wirtschaftlich übers Knie legen würde – und das mit der subtilen Eleganz eines Presslufthammers? Nicht etwa die SVP. Die feierte seinen Wiedereinzug ins Weisse Haus wie einen Feiertag. Man wähnte sich in sicherer Freundschaft, wie der treue Dackel beim Metzger – nun hängt man, bildlich gesprochen, am Haken des Zoll-Schlachthauses.
Trump, der Mann mit dem politischen Feingefühl eines Rambos im Porzellanladen, hat es wieder einmal geschafft, seine Bewunderer auf dem falschen Fuss zu erwischen. Während halb Europa sich bereits mental auf vier weitere Jahre diplomatischer Magenkrämpfe vorbereitete, tanzte die SVP noch vergnügt auf der transatlantischen Freundschafts-Party.
Ein Hoch auf die politische Naivität – oder war’s einfach Wunschdenken?
Magdalena Martullo-Blocher, ihres Zeichens Nationalrätin, Unternehmerin und Trump-Flüsterin in Personalunion, sah in Trump einen Fan der Schweiz. Man hörte fast das zärtliche «Er liebt uns!» durch die Interviewzeilen hauchen – ein bisschen wie eine Teenagerin, die glaubt, der Rockstar habe ihr vom Bühnenrand aus direkt in die Seele geschaut. Nun ja, die 32 Prozent Strafzoll sprechen eine andere Sprache. Trump liebt uns – aber vielleicht eher so, wie ein Kater seinen Futterspender liebt: bedingt und nur solange der Napf voll ist.
Martullo-Blocher hat sich seit dem Zoll-Hammer nicht geäussert – geschäftlich im Ausland, heisst es. Verständlich. Wer will schon auf der Tribüne stehen, wenn das eigene Team 0:32 hinten liegt?
SVP-Realitätsverweigerung, die fast schon künstlerisch ist
Statt klarer Worte herrscht in der Partei betretenes Räuspern. Thomas Aeschi, SVP-Fraktionschef und diplomatischer Schönredner vor dem Herrn, glaubt an «offensichtliche Falschberechnungen» auf US-Seite. Natürlich! Es kann nur ein Rechenfehler gewesen sein – vielleicht hat sich Trump beim Twittern in der Zahl geirrt? Oder sein Finanzminister dachte, “Switzerland” sei ein chinesischer Provinzstaat?
Thomas Matter, der sonst gerne den wirtschaftlichen Durchblick reklamiert, zeigt «gewisses Verständnis». Auch hier: Ein Hauch von Stockholm-Syndrom weht durch die Parteizentrale – der Täter muss missverstanden worden sein. Vielleicht wollte er ja gar keine Zölle, vielleicht hat ihm bloss wieder jemand falsche Daten gegeben. Der Mann ist schliesslich nicht nur der mächtigste Präsident der Welt, sondern offenbar auch Opfer seiner Umgebung.
Der Glaube an Trump – hartnäckiger als Fusspilz
Und dann ist da natürlich noch Christoph Blocher, der ewige Patriarch, der sich in seinem «Teleblocher»-Kämmerlein immer noch einbildet, Trump sei ein Freund der Schweiz. Vielleicht, weil beide dem Multilateralismus ungefähr so viel abgewinnen können wie einer veganen Grillparty. Oder weil Blocher in Trump ein politisches Spiegelbild sieht – egomanisch, stur, wirtschaftlich getrieben. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass Trump jetzt der Schweiz die Handtasche geklaut hat, während Blocher noch deren Reissverschluss lobt.
Doch was bleibt, ist das peinliche Schweigen. Ein paar vereinzelte Stimmen wie Franz Grüter wagen sich mit «enorm und unverständlich» immerhin etwas aus der Deckung – aber selbst das wirkt eher wie das gequälte Eingeständnis eines Fans, der merkt, dass der Lieblingssänger bei seinem Idol-Dasein gleichzeitig ein ausgewachsener Tyrann ist.
Ein diplomatisches Waterloo mit Ansage
Die SVP wollte auf die Siegerstrasse einbiegen und hat sich auf dem Highway Richtung Washington schlicht verfahren. Trump war nie ein verlässlicher Partner, sondern ein launischer Autokrat im Massanzug, der Deals macht wie andere Leute Socken sortieren – spontan, ohne System, dafür mit maximalem Eigennutz. Dass die Schweiz – klein, reich, neutral – plötzlich zur Zielscheibe wird, ist nicht überraschend. Überraschend ist höchstens, dass die SVP wirklich überrascht ist.
Fazit: Wer sich mit dem Bären anfreundet, sollte nicht in Honig getränkt sein
Die grosse Tragik der SVP ist nicht, dass sie Trump mochte. Die grosse Tragik ist, dass sie es immer noch tut. Trotz aller Fakten, trotz wirtschaftlicher Schäden, trotz diplomatischem Gesichtsverlust. Man hat auf das falsche Pferd gesetzt – und reitet es jetzt wie ein Steckenpferd durch die Realität, als wäre nichts passiert.
Aber wer weiss: Vielleicht kommt bald eine neue «Trump versteht uns»-Kampagne. Mit Zollrabatt-Coupons für Ems-Chemie. Oder einem Sonderflug nach Mar-a-Lago, wo die SVP-Elite ihrem Idol erklären darf, dass wir doch bloss spielen wollten. Und er bitte wieder lieb sein soll.
Nur wird das Trump ziemlich kalt lassen. Ihn interessieren keine Gartenzwerge. Auch nicht, wenn sie ihm zujubeln.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.04.2025 09:19
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Was macht man, wenn man nichts gelernt hat, aber trotzdem gerne das Steuer übernimmt? Richtig: Man wird zum zweiten Mal US-Präsident. Und wenn man dann noch denkt, Wirtschaft sei so simpel wie ein Golfspiel in Mar-a-Lago, dann erklärt man halt einfach mal den Welthandel zur Notlage. Voilà: Donald J. Trump, zurück im Weissen Haus, mit frisch geöltem Megafon und altbewährtem Populismus.
Diesmal also: Tarife. Zehn Prozent auf alles – ausser Tiernahrung. Oder doch nicht? Doch, auf fast alles. Aber nicht auf Kupfer. Oder Pharmazeutika. Oder Autos, die sowieso schon unter Trumps Spezialbehandlung leiden. Und selbstverständlich nicht auf Energie, weil man ja nicht riskieren will, dass das gute Fracking-Gas auf dem Heimmarkt liegen bleibt. Was das genau mit einer „nationalen Notlage“ zu tun hat? Gute Frage. Die Antwort lautet wohl: „Make America Great Again“, Staffel 2.
Der neuste Geniestreich des Ex-Immobilienmoguls läuft unter dem Titel “Reciprocal Tariffs” – also Gegenseitigkeit, aber bitte nur, wenn’s uns passt. Trump will, dass andere Länder die USA so behandeln wie sie selbst behandelt werden – was natürlich komplett ignoriert, dass der Welthandel kein Sandkasten ist, in dem man „Du hast angefangen!“ schreien und dann beleidigt mit der Schaufel werfen kann.
Und jetzt kommt’s: Die Schweiz hat’s mal wieder erwischt. 31 Prozent Strafzoll! Wir, das Land mit Kuhglocken, Präzisionsuhren und einem Hang zur Neutralität, stehen plötzlich auf Trumps schwarzer Liste. Warum? Weil wir angeblich eine der „grössten Handelsungleichgewichte“ mit den USA hätten. Wie genau das zustande kam – vielleicht wegen all der Toblerone und Taschenmesser? – bleibt offen. Aber Hauptsache, der grosse, böse Handelsdefizit-Drache wird bekämpft. Mit Zöllen. Weil, das funktioniert ja bekanntlich immer super.
Zur Erinnerung: Bereits in Trumps erster Amtszeit durfte die Welt erleben, wie effektiv seine Wirtschaftspolitik war. Handelskriege wurden geführt, China wurde mit Strafzöllen überzogen, die Preise für Waschmaschinen und Stahl stiegen in den USA, und Bauern im mittleren Westen durften Milliarden an Subventionen einstreichen, weil sie ihre Sojabohnen nicht mehr loswurden. Aber hey, das war ja kein Problem – solange man es „America First“ nannte und einen roten Hut dazu trug.
Und jetzt das gleiche Spiel in Neuauflage. Diesmal unter dem Deckmantel des „International Emergency Economic Powers Act“, einem Gesetz von 1977, das eigentlich für echte Notlagen gedacht war. Aber für Trump ist eine Handelsbilanz eben genauso dramatisch wie ein Hurrikan. Oder wie schlechte TV-Quoten.
Besonders unterhaltsam sind die angeblichen wissenschaftlichen Belege, die Trump und seine Leute auffahren. Da wird mit Studien gewunken, die belegen sollen, dass Zölle die Wirtschaft nicht belasten – als hätte man sich das Ergebnis beim chinesischen Online-Händler des Vertrauens bestellt. Und Ex-Finanzministerin Janet Yellen darf aus dem Kontext gerissene Zitate liefern, um den Eindruck zu erwecken, dass niemand je unter diesen Zöllen leiden wird. Klar. Und ich bin der Papst von Zürich.
Natürlich wird sich die Welt das nicht gefallen lassen. Retorsionsmassnahmen sind vorprogrammiert. Die EU wird zurückzollen, Asien wird die Stirn runzeln, und irgendwo in einem Zürcher Industriequartier wird ein KMU nervös Excel-Tabellen aktualisieren. Willkommen in der neuen Weltordnung: impulsiv, protektionistisch, und so stabil wie Trumps X-Account.
Man muss sich fragen: Was ist Trumps Plan? Will er wirklich die Weltwirtschaft umkrempeln – oder reicht es ihm, dass er sich dabei als grosser Held inszenieren kann? Die Antwort dürfte irgendwo zwischen einem Reality-TV-Drehbuch und einem populistischen Bauchgefühl liegen. Die globalen Konsequenzen sind ihm dabei herzlich egal – Hauptsache, die Basis jubelt und die Schlagzeilen sind rot-weiss-blau eingefärbt.
Und wir hier in Europa? Wir dürfen wieder einmal zusehen, wie der Elefant im Porzellanladen durchdreht. Währenddessen überlegen sich die Schweizer Unternehmen, ob sie ihre Uhren künftig lieber in Liechtenstein montieren lassen. Oder gleich auf TikTok verkaufen – das ist ja vielleicht bald auch verboten.
Fazit: Trump rüttelt nicht nur an der Weltordnung – er reisst die Tür aus den Angeln, tritt sie in den Vorgarten und ruft laut: „Ich hab’s repariert!“ Was bleibt, ist ein Scherbenhaufen aus diplomatischen Beziehungen, ein unsicherer Welthandel – und ein Präsident, der weiterhin glaubt, dass man Wirtschaft durch Lautstärke gewinnt.
Aber keine Sorge: Wenn alles schiefgeht, können wir ihn ja wieder feuern. Vielleicht diesmal für immer.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.04.2025 16:22
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Eine Abrechnung mit Le Pens Opferinszenierung
Von all den Peinlichkeiten, die Marine Le Pen in ihrer Karriere produziert hat, ist diese vielleicht die köstlichste: Eine Politikerin, die jahrelang von Steuergeldern lebte, für deren Veruntreuung sie nun verurteilt wurde, stellt sich hin und ruft: „Ich werde mich nicht eliminieren lassen!“ – als wäre sie die tragische Heldin eines schlechten Theaterstücks.
Nein, Madame, niemand „eliminiert“ Sie. Sie haben sich selbst in diese Lage manövriert, mit beiden Händen tief in die EU-Kassen gegriffen und dachten wohl, das würde nie auffallen. Doch nun, da ein Gericht das Offensichtliche bestätigt hat, inszenieren Sie sich als Opfer eines finsteren Komplotts.
Das ist kein Zufall. Rechte Politiker beherrschen das Märtyrerspiel perfekt. Sie sind immer Opfer. Opfer der Justiz, Opfer der Medien, Opfer einer angeblichen Elite, die ihre Macht um jeden Preis verteidigen will. Dass sie selbst Teil dieser Elite sind – geschenkt. Dass sie selbst die Justiz gerne missbrauchen würden, wenn sie könnten – unwichtig. Wichtig ist nur, dass sie nie schuld sind.
Das ewige Lied der rechten Märtyrer
Rechtspopulisten lieben es, sich verfolgt zu fühlen. Es ist ihr Markenzeichen. Sie beschweren sich über „die Eliten“, während sie selbst zum politischen Establishment gehören. Sie wettern gegen die Justiz, wenn sie zur Verantwortung gezogen werden. Sie behaupten, das Volk werde betrogen, wenn sie selbst beim Betrügen erwischt wurden.
Das ist ein Muster, das sich immer wiederholt. Donald Trump behauptet, alle Prozesse gegen ihn seien eine Hexenjagd. Viktor Orbán warnt, dunkle Mächte in Brüssel wollten Ungarn „vernichten“. Und jetzt also Marine Le Pen, die sich als Opfer eines politischen Urteils inszeniert.
Dass es in Frankreich nichts Ungewöhnliches ist, dass Politiker wegen Korruption oder Untreue mit einer Sperre für politische Ämter bestraft werden, ignoriert sie dabei natürlich. Sie ist ja anders. Und wenn das Volk nicht für sie stimmen darf, dann ist das natürlich keine Folge ihrer eigenen Fehler, sondern ein Angriff auf die Demokratie.
„Ich werde alle Mittel ausschöpfen“ – Aber welche?
Le Pen will kämpfen. Sie will Berufung einlegen. Sie spricht von einem schmalen Weg, den sie noch gehen kann. Aber wohin soll dieser führen? Glaubt sie ernsthaft, sie könne sich aus dieser Affäre herausjammern?
Juristisch sind ihre Chancen überschaubar. Selbst wenn es ihr gelänge, das Urteil hinauszuzögern, würde sie 2027 immer noch als jemand dastehen, der mit öffentlichen Geldern nicht umgehen konnte. Und selbst wenn sie irgendwann wieder kandidieren dürfte – das Misstrauen bleibt.
Und was macht Bardella?
Da wäre noch ihr Kronprinz Jordan Bardella, der jetzt plötzlich als möglicher Ersatz ins Spiel gebracht wird. Doch Le Pen bremst: „Bardella ist ein Trumpf, den wir nicht zu früh ausspielen sollten.“
Klingt fast so, als wolle sie ihn an der kurzen Leine halten. Dass jemand anders ihre Rolle übernehmen könnte, scheint ihr nicht zu passen. Sie will die Kontrolle behalten – nur blöd, dass das Gericht da andere Pläne hat.
Bardella könnte natürlich antreten. Er ist jung, charismatisch und hat die Partei im letzten Jahr weiter nach vorne gebracht. Aber es gibt ein Problem: Er ist nicht Marine Le Pen. Und das könnte bei der Präsidentschaftswahl 2027 entscheidend sein.
Denn Le Pen ist für viele Wähler nicht nur eine Politikerin, sondern eine Art Symbol. Sie hat die rechtsextreme Front National in den letzten Jahren zu einer modernen, vermeintlich bürgerlichen Partei umgebaut. Ohne sie an der Spitze könnte es für den Rassemblement National schwerer werden, die Wähler zu mobilisieren.
Wer jetzt protestiert, hat den Schuss nicht gehört
Nun ruft die Partei zu Protesten auf. Man stelle sich das einmal vor: Eine Politikerin wird wegen Veruntreuung verurteilt – und ihre Anhänger rufen nicht „Schande über sie!“, sondern „Schande über das Gericht!“ Dasselbe Muster kennt man von Trump-Anhängern in den USA oder von Berlusconi-Fans in Italien.
Aber was genau soll da jetzt beklagt werden? Dass das Gesetz tatsächlich angewendet wurde? Dass Gerichte sich erdreisten, auch prominente Politiker zur Rechenschaft zu ziehen?
Man kann sich die Demoschilder schon vorstellen: „Gebt uns unsere verurteilte Kandidatin zurück!“ oder „Bestechung ist Demokratie!“ Man muss es diesen Leuten lassen – für kreative Argumente sind sie sich nicht zu schade.
Die Wahrheit tut weh
Es gibt nur eine Wahrheit in dieser Geschichte: Marine Le Pen wurde für etwas verurteilt, das sie nachweislich getan hat. Es gibt keine Verschwörung, keinen politischen Racheakt, kein düsteres Eliten-Komplott. Es gibt nur eine Politikerin, die glaubte, sich nicht an Regeln halten zu müssen – und nun mit den Konsequenzen leben muss.
Und das ist weder eine Tragödie noch ein Skandal. Es ist einfach nur gerecht.
Man kann das Urteil kritisieren. Man kann es für überzogen halten. Man kann darüber streiten, ob es klug ist, sie von der Wahl auszuschliessen – schliesslich könnte das tatsächlich einigen ihrer Wähler das Gefühl geben, man wolle ihnen ihre Entscheidung abnehmen. Aber eines kann man nicht tun: So tun, als wäre Marine Le Pen eine unschuldige Frau, die von dunklen Mächten zu Fall gebracht wurde.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.03.2025 20:50
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Donald Trump ist wieder Präsident. Nummer 47. Wer das für einen Albtraum hält, hat entweder 2020 im Koma gelegen oder nie verstanden, wie Demokratie (nicht) funktioniert. Aber die eigentliche Frage ist nicht, warum er wieder da ist. Sondern: Ist Trump wirklich so ahnungslos, wie er oft wirkt? Oder – noch schlimmer – verfolgt er einen Plan, den wir unterschätzen?
Unwissenheit als Erfolgsrezept?
Donald Trump redet wirres Zeug. Das ist keine politische Bewertung, das ist ein Protokoll seiner öffentlichen Auftritte. Er verwechselt Namen, fabuliert über Wale, Windräder und Wahlen, die ihm „gestohlen“ wurden. Er lügt so dreist, dass sich selbst George Santos daneben wie ein ehrlicher Buchhalter ausnimmt. Und jetzt also die Idee mit der dritten Amtszeit.
Ein Präsident, der so redet, kann doch unmöglich strategisch denken – oder? Vielleicht doch. Denn Unwissenheit in der Politik ist nicht immer ein Nachteil. Manchmal ist sie ein verdammt effektives Mittel. Trump gibt seinen Wählern, was sie hören wollen: einfache Feindbilder, klare Botschaften und die Illusion, dass früher alles besser war. Sein politischer Erfolg basiert nicht auf Fakten oder Programmen, sondern auf dem Gefühl, dass er einer von ihnen ist.
Und da wären wir beim eigentlichen Problem: Ist Trump wirklich ahnungslos – oder tut er nur so?
Die Kunst der gezielten Verwirrung
„Ich wusste nicht, dass Präsident sein so kompliziert ist“, sagte Trump 2017. Und alle lachten. Hahaha, der Kerl hat keine Ahnung. Aber ist es wirklich Unwissenheit? Oder eine gezielte Strategie?
Während die Welt über seine neusten verbalen Aussetzer lacht, baut Trump an seinem Machtsystem. Medien, die ihn kritisieren, sind „Fake News“. Richter, die ihn verurteilen, sind „Biden-Marionetten“. Republikaner, die es wagen, ihn infrage zu stellen, werden bei den Vorwahlen demontiert.
Trump verkauft sich als Opfer eines korrupten Systems – und gleichzeitig als starker Mann, der genau dieses System in die Knie zwingt. Diese absurde Doppelrolle funktioniert, weil er seine eigene Unberechenbarkeit wie eine Tarnkappe benutzt. Die Demokraten raufen sich die Haare über seine Rechtschreibfehler auf Truth Social, während er seine Richter austauscht. Sie zeigen sich empört über seinen peinlichen Wortsalat, während er die Republikanische Partei in eine sektenähnliche Gefolgschaft verwandelt.
Die dritte Amtszeit: Provokation oder Masterplan?
Jetzt also die neueste Debatte: eine dritte Amtszeit. Theoretisch verboten, praktisch – wer weiss? Trump schlägt vor, dass sein Vizepräsident J. D. Vance 2028 antritt, gewählt wird, dann zurücktritt – und schwupps, Trump ist wieder an der Macht.
Klingt absurd? Sicher. Aber das dachten viele auch 2016 über eine Trump-Präsidentschaft. Und 2020 über ein Comeback.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 30.03.2025 11:46
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Der Kanzler und die Schweiz, die von nichts weiss
Friedrich Merz ist jetzt also Kanzler. Und wer gehofft hatte, mit dem Amt käme ein gewisser Realitätssinn, sieht sich getäuscht. Denn Merz bleibt Merz. Redet laut, bevor er denkt. Behauptet Dinge, die nicht stimmen. Und ist dann ganz überrascht, wenn sich die Wirklichkeit weigert, seinen Worten zu folgen.
Jüngstes Beispiel: Der grosse deutsche Geheimplan zur Migration. Laut Merz verhandelte Berlin mit den Nachbarstaaten – inklusive der Schweiz – über eine härtere Gangart gegen illegale Einwanderung. An den Grenzen sollten Asylsuchende konsequent abgewiesen werden. Es gebe bereits geheime Gespräche mit Bern.
Dumm nur: Die Schweiz weiss von nichts.
Geheime Gespräche? Nicht in Bern
Während Merz im deutschen Fernsehen den entschlossenen Migrationsretter gibt, schaut man in der Schweiz verdutzt. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) winkt ab: Keine Verhandlungen mit Deutschland. Auch die Schweizer Botschaft in Berlin weiss von nichts.
Aber das hat Merz noch nie gestört. Hauptsache, die Botschaft an die Wähler stimmt: Seht her, ich handle! Ich bin nicht wie Scholz, der geschwiegen hat, nicht wie die Grünen, die geträumt haben, nicht wie die SPD, die immer nur diskutiert hat. Nein, ich, Friedrich Merz, habe einen Plan! Und wenn der Plan gar nicht existiert? Ach, Details.
Die Schweiz als Statistin im deutschen Wahlkampf
Dass die Schweiz von seinen angeblichen Verhandlungen nichts weiss, dürfte Merz herzlich egal sein. Sie ist in diesem Spiel ohnehin nur eine Kulisse. Eine Art unbeabsichtigter Komparse in seinem Drehbuch für eine härtere Gangart in der Migrationspolitik.
Aber das Drehbuch hat Lücken. Denn ausgerechnet in der Schweiz wäre sein Kurs schwer durchzusetzen. Asylminister Beat Jans – Sozialdemokrat und eher pragmatisch als populistisch – wird sich kaum von Merz in eine harte Linie drängen lassen. Dauerhafte Grenzkontrollen? Massenhafte Zurückweisungen? Wohl kaum. Die Schweiz hat in der Vergangenheit gezeigt, dass sie nicht mit simplen Parolen, sondern mit realpolitischen Lösungen fährt.
Doch für Merz geht es nicht um Lösungen. Es geht darum, entschlossen zu wirken. Die CDU muss sich scharf abgrenzen – nicht nur von der Ampel-Koalition, die sie abgelöst hat, sondern vor allem von der AfD. Die wildert seit Jahren erfolgreich am rechten Rand. Wer in Deutschland Kanzler bleiben will, muss diese Wähler zurückholen. Und da kommt ein bisschen markiges Gerede über Grenzschliessungen gerade recht.
Merz, der Märchenerzähler
Natürlich könnte man sagen: Politiker übertreiben nun mal. Aber Merz macht daraus ein Prinzip. Er erzählt Dinge, als wären sie bereits Realität. Ein Wirtschaftsboom steht bevor! (Steht er nicht.) Die Migration ist unter Kontrolle! (Ist sie nicht.) Und jetzt also der geheime Pakt mit der Schweiz – der nicht existiert.
Aber das wird ihn nicht stören. Wahrscheinlich wird er demnächst behaupten, Bern habe eingelenkt. Oder dass der Widerstand der Schweiz der Grund sei, warum sein brillanter Plan nicht funktioniert. Schuld sind ja immer die anderen.
Und was, wenn die Realität ruft?
Merz ist jetzt Kanzler. Das bedeutet: Früher oder später wird er liefern müssen. Seine Partei, seine Wähler, seine Kritiker – alle werden Ergebnisse sehen wollen. Und wenn dann die Migration nicht plötzlich versiegt, wenn sich die Nachbarstaaten nicht an seinen «Geheimplan» halten, wenn die Schweiz weiterhin einfach das tut, was sie für richtig hält – dann wird es eng.
Bis dahin aber bleibt Merz, was er immer war: Ein Politiker, der sich die Welt so zurechtbiegt, wie er sie braucht. Die Schweiz weiss von nichts? Macht nichts. Hauptsache, es klingt gut. Und wenn es auffliegt? Dann kommt eben die nächste Geschichte.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 29.03.2025 11:05
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Es ist Zeit, es einmal klar und deutlich zu sagen: Die Plage der Velos und E-Bikes nimmt überhand. Was einst ein gemütliches Fortbewegungsmittel für umweltbewusste Menschen war, ist heute eine rücksichtlose Welle aus Pedalrittern, die weder Verkehrsregeln noch Anstand kennen. In Zürich und anderen Städten donnern sie über Trottoirs, missachten rote Ampeln und schlängeln sich waghalsig durch den Verkehr, als wäre die Strasse ihr persönlicher Abenteuerspielplatz.
Trottoir: Der neue Veloweg?
Früher war das Trottoir ein sicherer Ort für Fussgänger. Heute muss man sich beim Spaziergang in der Stadt umdrehen, bevor man einen Schritt zur Seite macht – sonst wird man von einem E-Bike mit 45 km/h auf die Hörner genommen. «Sorry!» ruft es dann vielleicht noch im Vorbeifahren, falls überhaupt. Und wer sich erlaubt, einen Velofahrer auf seine Rücksichtslosigkeit hinzuweisen, wird mit einem beleidigten Blick gestraft, als hätte man ihm gerade das letzte Stück Bio-Vollkornbrot aus der Hand gerissen.
Die rote Ampel? Nur eine Empfehlung!
Autofahrer müssen sich an Verkehrsregeln halten, sonst hagelt es Bussen. Doch für viele Velofahrer scheinen die Regeln bloss eine unverbindliche Empfehlung zu sein. Rotlicht? Ach, das ist doch nur für die «Blechlawine» da! Während man als Fussgänger brav wartet, zischt ein Velo an einem vorbei, mit dem leichten Kopfneigen nach links und rechts – als ob das ein offizieller Sicherheitscheck wäre. Ist die Strasse frei? Perfekt, dann mit Vollgas drüber!
Es ist fast schon faszinierend, wie Velofahrer es schaffen, sich in wenigen Sekunden aus der Opferrolle in die Täterrolle zu katapultieren. Wird ihnen der Vortritt genommen, ist das Geschrei gross – aber selbst pfeifen sie fröhlich an den wartenden Autos vorbei, kreuzen mitten auf der Kreuzung den Weg der Fussgänger oder fahren in der Einbahnstrasse in die falsche Richtung.
E-Bikes – Die unkontrollierte Beschleunigung ins Chaos
Wenn normale Velofahrer schon eine Plage sind, dann sind E-Biker die Endgegner. Früher hat man sich wenigstens noch auf Muskelkraft verlassen. Heute rast eine Horde von Akku-Junkies mit 45 km/h an einem vorbei, mit einer Selbstverständlichkeit, die einem Angst macht. Besonders gefährlich: Jugendliche auf E-Mountainbikes. Helm? Fehlanzeige. Fahrkünste? Noch in der Betaphase. Verantwortungsbewusstsein? Wohl mit der letzten Software-Aktualisierung verloren gegangen.
Man kann es ihnen nicht einmal verübeln – wer mit 16 legal schneller als die meisten Autos in der Stadt fahren darf, entwickelt halt einen gewissen Grössenwahn. Es ist ja so bequem: Keine Anstrengung, keine Verantwortung, aber dafür das volle Adrenalinprogramm. Die Verlierer? Fussgänger, Autofahrer und alle, die noch an geordnete Verhältnisse im Strassenverkehr glauben.
Der ewige Opfermythos der Velofahrer
Sobald man dieses Thema anspricht, kommt das unvermeidliche Gegenargument: «Aber die Autos sind doch viel schlimmer!» Klar, es gibt rücksichtslose Autofahrer. Es gibt auch rücksichtslose Fussgänger. Aber das bedeutet nicht, dass Velofahrer einen Freifahrtschein für Anarchie haben.
Trotzdem pflegen viele Velofahrer eine Art Opferkult. Die bösen Autofahrer nehmen ihnen die Vorfahrt, die böse Stadt baut zu wenige Velowege, die bösen Fussgänger wagen es, auf dem Trottoir zu gehen. Die Realität? Velos haben heute mehr Privilegien als je zuvor. Velowege werden überall hingeklatscht – egal, ob sie sinnvoll sind oder nicht. Autospuren werden geopfert, Fussgängerzonen werden zu Veloschnellstrassen umfunktioniert. Und trotzdem gibt es nie genug Platz für die zweirädrige Elite.
Lösung? Verantwortung übernehmen!
Was tun? Verbote bringen nichts, die Stadtpolizei schaut ohnehin lieber weg, anstatt Bussen zu verteilen. Die einzige Lösung: Velofahrer und E-Biker müssen endlich Verantwortung übernehmen. Wer auf der Strasse fährt, soll sich auch wie ein Verkehrsteilnehmer verhalten – mit allen Rechten und Pflichten.
Das bedeutet:
1. Rot ist rot! Auch für Velos. Auch wenn’s nervt.
2. Das Trottoir gehört den Fussgängern! Wer mit dem Velo auf dem Trottoir erwischt wird, sollte eine saftige Busse kassieren.
3. E-Bikes sind keine Spielzeuge! Wer 45 km/h fahren will, soll gefälligst auch Fahrschule und Prüfungen absolvieren müssen.
4. Rücksicht ist keine Schwäche! Ein bisschen Anstand im Verkehr wäre revolutionär.
Bis dahin gilt: Augen auf und Ohren gespitzt – denn das nächste E-Bike könnte schon hinter dir lauern.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 27.03.2025 16:14
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Die SVP steht in Graubünden vor einem Problem: Der Kanton verliert voraussichtlich einen Nationalratssitz. Und wenn einer gehen muss, dann trifft es entweder SVP-Kantonalpräsident Roman Hug oder Magdalena Martullo-Blocher. Doch während sich ein gewöhnlicher Politiker in so einer Situation um seine Wiederwahl sorgen würde, denkt eine Martullo-Blocher unternehmerisch: Wenn der Markt zu klein wird, sucht man sich eben einen neuen.
Und was für ein Glück: Sie wohnt ja ohnehin längst in Zürich, an der Goldküste, weit weg von den Bündner Bergtälern, in denen sie ihre Wählerstimmen holt. Dass sie seit 2015 für Graubünden im Nationalrat sitzt, war ohnehin mehr eine geschäftliche Notwendigkeit als eine Frage der Verbundenheit. Die EMS-Chemie hat dort ihren Sitz, das Unternehmen ist einer der grössten Arbeitgeber der Region, und ihr Vater, Christoph Blocher, herrscht über Schloss Rhäzüns. Natürlich war es da praktisch, als Bündner Politikerin aufzutreten – selbst wenn der Lebensmittelpunkt längst ein anderer war.
Doch nun, wo die politische Landschaft im Bündnerland ungemütlich wird, bietet sich eine elegante Lösung an: Zürich. Dort gibt es genug SVP-Sitze, da fällt einer mehr oder weniger nicht auf. Und falls jemand nach dem Wohnsitz fragt – ach, Politik ist doch kein Meldeamt! Wer für welchen Kanton kandidiert, ist am Ende des Tages eine Formsache. Man muss nur eine Liste finden, auf die man gesetzt wird. Und die Zürcher SVP hat bereits durchblicken lassen, dass man gesprächsbereit ist.
Einziger Haken: Zürich ist nicht Graubünden. Hier reicht es nicht, eine grosse Firma zu erben und einen berühmten Namen zu tragen. Zürich ist das grösste politische Haifischbecken der Schweiz. Wer hier antreten will, muss sich gegen Politiker behaupten, die seit Jahren ihre Hausaufgaben machen – und die nicht einfach aus Opportunität den Kanton wechseln. Hier gibt es keine garantierten Wahlgeschenke.
Martullo-Blocher müsste sich erstmals einem echten Beliebtheitstest stellen. Im Bündnerland war ihr Name eine sichere Bank, aber in Zürich? Dort holten bisher Leute wie Jacqueline Badran oder Natalie Rickli Spitzenresultate – Politiker, die in ihren Kreisen echte Zugpferde sind. Hier wird nicht einfach abgenickt, hier wird gewählt. Und es könnte gut sein, dass eine Martullo-Blocher zum ersten Mal in ihrer politischen Karriere merkt, dass man für Wählerstimmen mehr braucht als einen grossen Konzern und einen bekannten Vater.
Doch falls es nicht klappt? Kein Grund zur Panik. Dann geht es eben woanders weiter. Ein anderer Kanton, ein einträglicher Lobby-Posten, ein Verwaltungsratssitz – es gibt genug Alternativen für jemanden mit ihrem Netzwerk. Denn Politik ist für Martullo-Blocher kein Dienst an der Bevölkerung, sondern eine Karriereoption. Und wenn ein Markt nicht mehr profitabel ist, dann sucht man sich eben einen neuen. Wähler sind schliesslich auch nur Kunden – man muss sie nur dazu bringen, das richtige Produkt zu kaufen. Und wenn das nicht gelingt? Dann war es eben der falsche Markt.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 24.03.2025 14:34
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Ein Tesla brennt. Dann noch einer. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind um 76 Prozent eingebrochen. Und die Aktie? Die hat seit Dezember die Hälfte ihres Wertes eingebüsst. Man könnte meinen, es laufe nicht rund bei Tesla. Aber nicht mit Elon Musk! Wenn die Zahlen ins Bodenlose fallen, ruft der Tech-Messias seine Jünger zur mitternächtlichen Krisenmesse – und diesmal war es kein gewöhnliches Pep-Talk. Nein, es war eine „Armageddon“-Brandrede.
Der CEO, der um 21 Uhr die Belegschaft aus dem Bett klingelt
Es ist Donnerstagabend, 21 Uhr in Austin. Während normale Angestellte ihre Freizeit geniessen, bekommen Tesla-Mitarbeiter eine spontane Einladung: Elon Musk will reden. Eine Einladung, die man besser nicht ausschlägt. Und so sitzt eine Belegschaft, die sich wohl einen ruhigen Abend gewünscht hätte, plötzlich in einer Krisensitzung. Musk redet von brennenden Autos, fallenden Kursen und der Loyalität, die seine Mitarbeiter jetzt bitte gefälligst aufbringen sollen. Die Botschaft? Haltet die Aktien, bleibt standhaft, die Zukunft ist rosig – mit Robotaxis, Künstlicher Intelligenz und natürlich Cybertrucks.
Nun ja, wenn man etwas oft genug wiederholt, wird es vielleicht wahr.
Die Mär vom unerschütterlichen Visionär
Die Tesla-Aktie hat sich nach Musks Brandrede zwar kurzfristig stabilisiert, aber Experten schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Denn was Musk hier abliefert, ist weniger visionäre Führung als verzweifeltes Feuerlöschen. Sein Verhalten sendet genau die falschen Signale: Unsicherheit, Chaos, Panik. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Musk mittlerweile mehr zur Belastung für Tesla wird als zur Stütze. Selbst Investoren fordern mittlerweile seinen Rücktritt.
Und doch: Die Marke Tesla ist untrennbar mit Musk verbunden. Wer sonst würde einen Rückruf von Cybertrucks als Erfolgsgeschichte verkaufen? Wer sonst würde in aller Öffentlichkeit darüber jammern, dass Menschen lieber Teslas anzünden, als sie zu kaufen?
Der Elefant im Raum: Elon Musk ist das Problem
Es gibt einen Punkt, an dem exzentrisches Unternehmertum in pure Hybris kippt. Und Elon Musk hat ihn längst überschritten. Früher war er der geniale Visionär, der die Autoindustrie aufgemischt hat. Heute ist er ein unberechenbarer Egomane, der sein eigenes Unternehmen mit seinen Launen in den Abgrund reissen könnte.
Tesla braucht dringend Stabilität. Einen CEO, der sich um sein Unternehmen kümmert, anstatt sich auf Twitter (pardon, „X“) mit Verschwörungstheoretikern zu verbrüdern. Jemanden, der langfristige Strategien entwickelt, statt mitten in der Nacht Panikversammlungen abzuhalten.
Bis dahin bleibt nur eines sicher: Die nächste chaotische Musk-Eskapade ist nur eine Frage der Zeit.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.03.2025 20:24
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Es gibt Dinge, die einfach nicht aus der Mode kommen: schlechte Wortspiele, Bürokratie – und das Unvermögen, die eigene Sprache zu beherrschen. Während die Welt über künstliche Intelligenz, Klimawandel und vegane Fleischalternativen diskutiert, stolpern wir munter über unsere eigene Grammatik, als wäre sie eine besonders fiese Stolperfalle auf dem Gehweg der Bildung.
Seid ihr seit Jahren verwirrt?
Es fängt ja harmlos an. Da gibt es Menschen, die seit Jahren glauben, „seid“ und „seit“ seien dasselbe. Die schreiben dann Dinge wie „Seit ihr morgen da?“ – und während sich der Deutschlehrer von damals vermutlich im Grab umdreht (oder in seinem Sessel leise weint), bleibt die Frage: Warum? Ist es wirklich so schwer? Man kann es sich doch merken: „seit“ bezieht sich auf die Zeit, „seid“ auf den Zustand. Wer’s verwechselt, sollte vielleicht seit der Grundschule noch mal nachsitzen.
Die einzigste Katastrophe
Noch so ein Klassiker: „Das ist die einzigste Möglichkeit.“ Einzigste?! NEIN. Es gibt keine Steigerung von „einzig“. Das Wort bedeutet „einmalig“. Punkt. Man sagt ja auch nicht „der toteste Mensch“ oder „die rundeste Kugel“. Und trotzdem hört man es ständig. Vielleicht ist das Problem auch einfach, dass die einzigste Möglichkeit, sich das zu merken, ein funktionierendes Gehirn wäre.
Gender-Wahnsinn: Ein Grammatik-Massaker
Und dann gibt es noch die Sache mit der inklusiven Sprache. Natürlich, niemand hat etwas gegen Gleichberechtigung. Aber wenn offizielle Stellen anfangen, „Mitglieder:innen“ oder „Bürger:innen“ zu schreiben, fragt man sich: Ist das wirklich noch Deutsch – oder der verzweifelte Versuch, unsere Sprache in eine Gender-Presswurst zu verwandeln? Besonders lustig wird es, wenn dann in der nächsten Zeile von „der Bevölkerung“ oder „der Wählerschaft“ die Rede ist – beides Wörter, die alle Geschlechter inkludieren, aber plötzlich niemanden mehr zu stören scheinen.
Liebes Deutsch, du warst mal eine stolze Sprache mit klaren Regeln. Heute wirkst du, als hättest du zu viele Meetings mit Bürokraten und zu wenig Selbstachtung.
Wen oder wenn? Hauptsache falsch!
„Wen er lauft, dann frägt er mich, ob ich einzigste hier bin.“ – Was klingt wie das Manifest einer sprachlichen Apokalypse, ist gar nicht so weit von der Realität entfernt. Manche Menschen glauben ernsthaft, „wenn“ könne man immer dann benutzen, wenn etwas passiert. Nein. „Wenn“ drückt eine Bedingung aus: Wenn du das hier liest, bist du ein Held. „Wen“ dagegen fragt nach einer Person: Wen interessiert das? (Hoffentlich dich.)
Und dann wäre da noch „frägt“. Die einzige Daseinsberechtigung dieses Wortes ist, dass es als Paradebeispiel für sprachliche Verstümmelung dient. Richtig heisst es „fragt“. Warum? Weil es so ist. Punkt.
Ne oder nh? Die letzte Stufe der Sprachverweigerung
„Ne“ ist umgangssprachlich für „nein“. Das kann man akzeptieren. Aber „nh“?! Was ist das? Der Versuch, Sprache auf das absolute Minimum zu reduzieren? Die nächste Stufe wäre dann wohl, nur noch mit Emojis zu kommunizieren: „?“ statt „Was meinst du?“, „!“ statt „Ich bin wütend.“ Vielleicht sollten wir direkt ganz auf Sprache verzichten und nur noch telepathisch kommunizieren.
Fazit: Rettet die Sprache!
Natürlich entwickelt sich Sprache. Das ist normal. Aber es ist ein Unterschied, ob sie sich weiterentwickelt oder ob wir sie mit Anlauf gegen die Wand fahren. Ein bisschen Sorgfalt kann nicht schaden – schliesslich verständigen wir uns mit Sprache, nicht mit Rauchzeichen.
In diesem Sinne: Bitte, liebe Leute, macht es richtig. Oder schweigt für immer.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.03.2025 11:25
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Sind die eigentlich vom Affen gebissen? Anders lässt sich dieser Wahnsinn nicht erklären. Da schwadroniert ein hoher Schweizer Offizier in aller Öffentlichkeit über die Anschaffung von Streumunition – einer Waffe, die nicht nur international geächtet, sondern auch in der Schweiz verboten ist. Und was passiert? Nichts. Der Bundesrat wiegelt ab, die Armeeführung schweigt, und ein paar Hardliner in der SVP reiben sich vermutlich die Hände.
Militärkader im rechtsfreien Raum?
Man stelle sich das einmal vor: Ein Oberst im Generalstab, ein Mann mit Verantwortung und Einfluss, plädiert für den Kauf einer Waffe, die weltweit für Tod und Verstümmelung unter Zivilisten bekannt ist. Streumunition hinterlässt Blindgänger, die oft noch Jahre nach einem Konflikt unschuldige Menschen zerfetzen. Sie ist ein Relikt aus Zeiten, in denen Kriegsverbrechen noch als „Kollateralschaden“ abgetan wurden. Und genau für so etwas macht sich ein Schweizer Offizier stark?
Thomas Vogel, so heisst der Mann, der in der Zeitschrift Schweizer Soldat seine ganz persönliche Rüstungsoffensive ausgerufen hat. Drohnen, Panzerabwehrminen, Raketenartillerie – und eben Streumunition. Sein Problem: Während er im Geiste wohl schon die Einkaufsliste für den nächsten Waffendeal schreibt, verharren die restlichen Schweizer in einer „gefürchteten helvetischen Diskussion“.
Ja, wie furchtbar, dass die Schweiz über ethische und rechtliche Fragen diskutiert, bevor sie verbotene Waffen kauft! Da wünscht man sich doch fast einen autoritären Oberbefehlshaber, der das Parlament mit einem Federstrich übergeht und die Bomben gleich palettenweise bestellt.
Wo bleibt die Zurechtweisung?
SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf ist – zu Recht – empört. Dass ein hochrangiger Offizier öffentlich zur Missachtung des Kriegsmaterialgesetzes aufruft, ist ein Skandal. Aber die noch grössere Schande ist die Reaktion des Bundesrats: Ein Schulterzucken. „Der genannte Milizoffizier hat sich privat geäussert“, heisst es aus der Regierung. Ach so, na dann!
Mit dieser Logik könnte sich auch ein Polizeikommandant öffentlich für Selbstjustiz aussprechen – wäre ja nur seine private Meinung. Oder ein Bundesrichter könnte in der Presse Todesstrafen fordern – solange er das nicht im Gerichtssaal tut, wäre das wohl kein Problem.
Man hätte erwartet, dass der Bundesrat zumindest ein mahnendes Wort an Vogel richtet. Aber nichts da. Offenbar kann man sich als hochrangiger Militär alles erlauben, solange man es nur in einer Fachzeitschrift tut, die ausserhalb der Armeeblase kaum jemand liest.
Die SVP und ihr Waffenfetisch
Natürlich dauert es nicht lange, bis sich SVP-Nationalrat David Zuberbühler einschaltet. Er hatte bereits vor einiger Zeit die Wiederbeschaffung von Streumunition ins Spiel gebracht – ganz im Geiste der rechten Hardliner, die ohnehin finden, dass das humanitäre Erbe der Schweiz einer militärischen Generalüberholung bedarf.
Der Bundesrat gibt sich zwar offiziell unnachgiebig: Die Schweiz lehnt Streumunition ab, sie ist und bleibt verboten. Aber genau dieses lauwarme Dementi ist das Problem. Wenn ein Oberst ungestraft für völkerrechtswidrige Waffen plädieren kann, dann ist das ein stilles Signal an all jene, die insgeheim schon an der nächsten Eskalationsstufe basteln. Heute Streumunition, morgen Landminen, übermorgen vielleicht gleich taktische Nuklearwaffen?
Wenn die Armee sich selbstständig macht
Der Fall Vogel zeigt ein grösseres Problem: Ein Teil der Schweizer Militärführung scheint sich längst von der demokratischen Kontrolle emanzipiert zu haben. In einer Demokratie sind es Parlament und Regierung, die über Rüstung und Strategie entscheiden. In der Realität jedoch sehen wir immer wieder, dass Offiziere – von Miliz bis Generalstab – eigene Vorstellungen durchdrücken wollen.
Ob es um Waffenkäufe geht, um die Reform der Armee oder um geopolitische Fragen: Kaum eine Debatte vergeht, ohne dass ein militärischer Hardliner seinen Senf dazu gibt. Mal will einer neue Kampfjets ohne Volksabstimmung durchwinken, mal fordert ein anderer mehr „robuste“ Auslandseinsätze. Und jetzt also Streumunition.
Man muss kein Pazifist sein, um hier Alarm zu schlagen. Selbst überzeugte Verteidigungspolitiker sollten sich fragen: Was kommt als nächstes? Wie lange dauert es, bis sich solche Offiziere nicht mehr nur in Magazinen auslassen, sondern anfangen, eigenmächtig Politik zu betreiben?
Ein Offizier, der sich disqualifiziert hat
Oberst Vogel hat sich mit seinem Artikel selbst ins Abseits manövriert. Ein Offizier, der öffentlich für den Kauf völkerrechtswidriger Waffen plädiert, ist nicht mehr tragbar. Solche Leute gehören nicht in verantwortungsvolle Positionen, sondern in die Geschichtsbücher – als abschreckendes Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte.
Es wäre jetzt an der Armeeführung, eine klare Grenze zu ziehen. Vogel müsste diszipliniert, mindestens aber öffentlich gerügt werden. Doch wenn der Bundesrat schon schweigt, wer soll dann durchgreifen?
Der Fall zeigt: In der Schweizer Armee gibt es Offiziere, die lieber Krieg spielen als sich an Recht und Ethik zu halten. Und das ist weit gefährlicher als jede noch so „gefürchtete helvetische Diskussion“.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 17.03.2025 23:26
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Wie macht er das? Wie bleibt ein Mensch so lange so präsent, so wach und so beliebt? Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit all der Scharfsinnigkeit, den treffsicheren Pointen, dem charmanten Schalk. Aber nein – Emil Steinberger bleibt Emil.
Seit Jahrzehnten bringt er die Menschen zum Lachen, und das ohne Klamauk, ohne grelle Effekte, ohne schreiende Pointen. Er braucht keine schrillen Kostüme, kein wildes Herumhüpfen auf der Bühne. Ein schlichter Mantel, ein Hut, eine kleine Unsicherheit in der Stimme – und schon hat er uns. Emil ist nicht nur eine Figur auf der Bühne, er ist ein Lebensgefühl. Ein Stück Schweiz, ein Stück Nostalgie, ein Stück “Ach, genau so ist es doch!”
Der Mann, der fast Postbeamter geblieben wäre
Es gibt Menschen, die wissen schon als Kind, dass sie später einmal in der Manege oder auf der Theaterbühne stehen werden. Emil Steinberger wusste das nicht. Er wäre beinahe in den unendlichen Weiten der Schweizer Bürokratie verschwunden – als Postbeamter!
Ja, man stelle sich das mal vor: Statt auf der Bühne hätte er am Schalter gestanden und verloren wirkenden Kunden den richtigen Stempel für das richtige Formular gesucht. Und wer weiss? Vielleicht hätte er daraus eine Kunst gemacht. Vielleicht wären Schlangen an seinem Schalter länger gewesen als anderswo, weil die Leute sich heimlich über seine Art amüsiert hätten.
Aber zum Glück kam alles anders. Die Bühne rief, und Emil folgte.
Weniger Klamauk, mehr Augenzwinkern
Emils Humor ist ein bisschen wie ein guter Schweizer Käse – nicht zu laut, nicht zu grell, aber mit Tiefe und Charakter. Seine Sketche funktionieren nicht über billige Witze oder Schenkelklopfer. Nein, er erzählt von den kleinen Katastrophen des Alltags. Vom Schalterbeamten, der alles richtig machen will und dabei alles falsch macht. Vom Dia-Vorführer, der an seiner eigenen Technik scheitert. Vom braven Bürger, der in einer bürokratischen Sackgasse steckt und sich fragt, ob es da jemals wieder hinausgeht.
Sein Humor ist sanft, aber präzise. Er lässt seine Figuren scheitern – aber immer mit Würde. Und vor allem: Wir erkennen uns in ihnen wieder. Wer hat nicht schon einmal mit einem widerspenstigen Kugelschreiber gekämpft, mit einem undurchsichtigen Formular oder mit der gnadenlosen Logik eines Beamten, der sagt: „Das müssen Sie verstehen, Herr… äh… Moment, wo war jetzt Ihr Antrag?“
Die Kunst der Pause
Ein Komiker braucht nicht nur eine gute Pointe, er braucht auch den perfekten Moment, um sie zu setzen. Und genau da ist Emil ein Meister.
Er kann eine Geschichte erzählen, einen Satz anfangen – und dann innehalten. Ein Blick ins Publikum, ein kurzes Nachdenken, ein Zögern. Und plötzlich liegt die Pointe in der Luft, bevor sie überhaupt gesprochen wird.
Das ist hohe Kunst! Andere Comedians rennen von Pointe zu Pointe, als gäbe es eine Prämie für die meisten Witze pro Minute. Emil hingegen lässt sich Zeit. Er weiss: Manchmal ist eine Pause lustiger als zehn Worte.
Schweizer Humor für die Welt
Man könnte meinen, dass Emils Humor so typisch schweizerisch ist, dass er jenseits der Landesgrenzen nicht funktioniert. Aber weit gefehlt! Auch in Deutschland lieben sie ihn. Vielleicht, weil er nicht poltert, nicht schreit, nicht beleidigt. Sondern weil er etwas kann, das heute fast schon verloren gegangen ist: feine Ironie ohne Bosheit.
Er zeigt uns den Wahnsinn des Alltags, aber nicht mit dem Holzhammer. Er bringt uns zum Lachen, ohne dass wir uns danach schlecht fühlen. Und das ist eine grosse Kunst – vielleicht die grösste.
Der Mann, der nicht stillstehen kann
Wer denkt, dass Emil sich irgendwann zur Ruhe gesetzt hat, der kennt ihn schlecht. Er könnte doch längst auf einer Bank am Vierwaldstättersee sitzen, Tauben füttern und den Wellen zusehen. Macht er aber nicht. Stattdessen schreibt er Bücher, tritt auf, gibt Lesungen.
Manchmal fragt man sich: Hat dieser Mann überhaupt einen Pause-Knopf? Oder ist er, einmal in Bewegung gesetzt, nicht mehr zu stoppen? Vielleicht ist es das, was ihn jung hält: die Lust, immer noch Neues zu erzählen.
Emil bleibt Emil
Und das ist wohl das Schönste an ihm. Er hat sich nie verbiegen lassen. Kein Klamauk, kein billiger Trend, keine krampfhaften Versuche, sich der „jungen Generation“ anzubiedern.
Emil bleibt Emil. Und genau deshalb lieben wir ihn.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.03.2025 22:12
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Es ist der 16. März 2025. Genau fünf Jahre sind vergangen, seit der erste Hamsterkäufer in der Migros panisch Klopapier gebunkert hat. Fünf Jahre, seit Experten die Pandemie erklärten, Wissenschaftler Impfstoffe entwickelten und normale Menschen – also solche mit Gehirn – sich anpassten. Und doch gibt es sie immer noch: die unerschütterlichen Corona-Leugner, Verschwörungsgläubigen und Querdenker. Diese unermüdlichen Kämpfer gegen die Realität haben sich in ihren Telegram-Katakomben eingegraben wie Kellerasseln, nur um weiterhin das Offensichtliche zu bestreiten.
Es ist faszinierend: Während die Welt sich weiterdreht, die Wissenschaft längst Bilanz gezogen hat und selbst die hartnäckigsten Skeptiker irgendwann still wurden, halten diese Clowns ihre längst widerlegten Märchen am Leben. Sie kreisen immer noch um die gleichen ausgeleierten “Argumente” wie ein überforderter Verschwörungstheoretiker an der Montagsdemo, der sich in seinem Aluhut verheddert hat.
Die Elite will uns unterdrücken! (Aber ich poste es trotzdem auf Facebook)
Ihr grösster Running Gag: Die „globale Diktatur“. In ihren feuchten Fantasien planten Regierungen und Pharmaunternehmen einen weltweiten Knebelvertrag, um die Menschheit zu unterjochen – mit einem Impfstoff, der, je nach Tagesform, entweder tödlich, wirkungslos oder ein Super-Chip zur totalen Kontrolle war.
Die Logik dahinter ist so löchrig wie ein Schweizer Käse. Einerseits soll die grosse, böse Elite mit allen Mitteln versuchen, jede kritische Stimme zum Schweigen zu bringen – andererseits kann Hanspeter aus dem Zürcher Oberland seit fünf Jahren ungestört auf Facebook posten, dass Bill Gates ihm jetzt seine Gedankengänge steuert. Macht total Sinn.
Todesfälle durch die Impfung? Natürlich. Und das Brot in der Migros bringt auch Krebs.
Ein weiteres Lieblingsmärchen: die „ungezählten Impfopfer“. Während seriöse Statistiken zeigen, dass Impfungen Millionen von Leben gerettet haben, basteln die Hardcore-Leugner aus einzelnen tragischen Fällen eine globale Verschwörung. Plötzlich ist jeder Herzinfarkt, jeder plötzliche Tod – ach was, vermutlich sogar jeder eingewachsene Zehennagel – auf die Impfung zurückzuführen.
Das Prinzip ist simpel: Man ignoriert einfach jede wissenschaftliche Einordnung und klatscht stattdessen willkürliche Behauptungen zusammen. Und wenn jemand widerspricht? Dann ist er Teil der Verschwörung! Praktisch, nicht?
Die “Diktatur”, in der alle einfach machen können, was sie wollen
Ein absoluter Klassiker unter den Querdenkern war die Behauptung, die Schweiz sei in eine „Corona-Diktatur“ verwandelt worden. Das war besonders amüsant, wenn man sich anschaute, wie diese „Diktatur“ in der Praxis aussah:
• Leute, die gegen die “Unterdrückung” protestierten – ohne Konsequenzen.
• Telegram-Gruppen voller Hetze – ungestört.
• Pseudomediziner, die weiter ihre Globuli und Wundermittel verkauften – frei und munter.
Kurz gesagt: Eine der unfähigsten „Diktaturen“ aller Zeiten.
Und jetzt? Ein Leben in der Parallelwelt
Fünf Jahre nach der Pandemie könnte man ja meinen, dass auch die letzten Verschwörungsliebhaber irgendwann ihr Spinnennetz abgelegt haben. Aber nein – die Kellerasseln der Desinformation haben sich einfach neue Themen gesucht. Jetzt geht es um 5G, den „Great Reset“ und natürlich um die nächste angebliche Gesundheitsdiktatur, die ganz bestimmt schon bald kommt.
Die grosse Frage ist: Wie lange kann man sich gegen die Realität wehren, bevor man merkt, dass man einfach ein Idiot ist? Nun, wenn wir eines gelernt haben, dann das: Manche Leute haben eine unerschöpfliche Energie, sich lächerlich zu machen. Und seien wir ehrlich – ein bisschen Unterhaltung liefern sie ja schon.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 15.03.2025 10:08
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Man stelle sich einen Comedian vor, der keiner ist. Einen Satiriker ohne Satire. Einen Humoristen ohne Humor. Und schon steht Oliver Pocher auf der Bühne – oder besser gesagt: irgendwo zwischen Dschungelcamp-Kandidaten, Trash-TV-„Stars“ und Instagram-Kleinkriegen. Es gibt Menschen, die sind lustig. Es gibt Menschen, die versuchen es zumindest. Und dann gibt es Oliver Pocher.
Die Karriere des schlechten Geschmacks
Pocher ist seit Jahren im Fernsehen, irgendwie. Seine Karriere begann mit den üblichen billigen Gags: plumper Klamauk, aufgedrehte Gesten und der Versuch, Harald Schmidt nachzueifern – allerdings ohne dessen Intelligenz, Charme oder Timing. Während Schmidt mit einem Satz mehr Schlagkraft hatte als Pocher mit einer ganzen Sendung, setzte der kleine Oliver lieber auf Grimassen und dümmliche Pseudo-Satire.
Seine grosse Leistung? Er hat es geschafft, so lange auf Kosten anderer zu existieren, dass es immer noch Leute gibt, die ihm Aufmerksamkeit schenken. Man könnte fast meinen, seine Karriere sei ein Sozialexperiment: Wie lange kann ein Mensch ohne echten Humor im deutschen Fernsehen überleben?
Die Antwort scheint „viel zu lange“ zu sein.
Wenn Häme alles ist, was bleibt
Pochers „Markenzeichen“ ist es, sich über andere lustig zu machen. Jetzt könnte man sagen: „Na gut, das gehört zur Comedy.“ Stimmt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen scharfem Witz und blosser Boshaftigkeit. Ein guter Comedian entlarvt gesellschaftliche Absurditäten, deckt Missstände auf, hält der Welt den Spiegel vor. Pocher hält sich selbst den Spiegel vor und lacht am lautesten über sein eigenes Spiegelbild.
Seine Angriffe sind nicht klug, nicht scharfzüngig, nicht pointiert – sie sind einfach nur laut. Wer ihn schon einmal in einer Talkshow erlebt hat, weiss, dass er immer dann am meisten lacht, wenn er selbst spricht. Das ist eine der Grundregeln des Humors: Wenn du der Einzige bist, der deinen Witz lustig findet, war es keiner.
Pocher macht sich über alles und jeden lustig, solange es ihm Klicks bringt. Pech nur, dass die meisten dieser Gags das intellektuelle Niveau einer Wanderdüne haben. In seinen „Parodien“ auf Influencer bewegt er sich auf dem schmalen Grat zwischen „Cringe“ und „kompletter Fremdscham“. Es ist wie ein alter Mann, der verzweifelt versucht, sich als Jugendlicher auszugeben – nur dass Pocher nicht alt, sondern einfach nur unangenehm ist.
Comedian? Dieser Begriff sollte geschützt sein!
Man könnte jetzt argumentieren: „Aber er ist doch ein Comedian!“ Nein. Oliver Pocher ist kein Comedian. Er ist ein Mann mit Mikrofon. Das ist ein grosser Unterschied.
Wenn Comedy eine geschützte Berufsbezeichnung wäre, hätte Pocher ein Problem. Er wäre dann ungefähr so qualifiziert wie ein Schimpanse mit einer Krawatte als Bankberater. Der Unterschied: Der Schimpanse hätte immerhin Unterhaltungswert.
Echte Comedy braucht Tiefgang, Kreativität, ein Gespür für Timing und eine gewisse Originalität. Bei Pocher gibt es nichts davon. Seine „Gags“ sind so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche: „Oh, ein Influencer hat ein Produkt beworben? Haha, ich tue so, als ob ich das auch tue!“
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.03.2025 23:38
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Man muss sich das mal vorstellen: Da sitzt ein Nationalrat in Bern und denkt sich, dass es eine der drängendsten Herausforderungen unseres Landes sei, dass Ex-Journalisten ins Parlament einziehen. Nicht steigende Krankenkassenprämien, nicht die Wohnungsnot, nicht die Klimakrise – nein, das wirklich brennende Problem ist, dass ein gewisser Ueli Schmezer nach seiner TV-Karriere in die Politik wechselte. Die Schweiz steht am Abgrund!
Glarner argumentiert, dass diese Menschen durch ihre frühere Medienpräsenz einen unfairen Vorteil hätten. Ein bisschen so, als hätte er Angst, dass sich die Wählerschaft von bekannten Gesichtern blenden lässt. Aber warten wir kurz: Ist das nicht exakt das Prinzip, nach dem auch die SVP funktioniert? Seit Jahrzehnten setzt die Partei auf populistische Figuren, die in den Medien polarisieren, um sich dann als Retter des Abendlandes aufzuspielen. Man denke an Blocher, Martullo-Blocher oder Köppel. Mediale Dauerpräsenz als Karriereleiter? Kein Problem – solange es für die „richtige“ Partei ist.
Heuchlerische Doppelmoral à la SVP
Denn wenn Glarner tatsächlich ein Problem mit Medienprominenz in der Politik hätte, dann müsste er sich auch an die eigene Nase fassen. Oder zumindest an die seiner Partei. Immerhin gab es in der Vergangenheit genügend Ex-SRF-Moderatoren, die für bürgerliche Parteien kandidierten. Von Maximilian Reimann (SVP) über Werner Vetterli (SVP) bis hin zu Filippo Leutenegger (FDP) – alle profitierten von ihrer Bekanntheit, um politische Karriere zu machen.
Aber klar, das ist etwas anderes. Weil sie ja auf der „richtigen“ Seite standen. Dass Glarner das nicht erwähnt, ist wenig überraschend. Peinlich bleibt es trotzdem.
Demokratie à la Glarner: Nur für die Richtigen!
Das eigentliche Problem an Glarners Vorstoss ist aber nicht nur seine Heuchelei, sondern sein mangelndes Demokratieverständnis. Sein Vorschlag würde eine willkürliche Berufsgruppe ausschliessen, und das ohne jegliche juristische Grundlage. Die Bundesverfassung? Egal. Die Meinungs- und Wahlfreiheit? Unwichtig. Alles, was zählt, ist, dass die SVP ihre Gegner einschränken kann.
Man könnte fast meinen, Glarner fürchte sich davor, dass die Wählerinnen und Wähler informierte Entscheidungen treffen. Vielleicht ist es ihm lieber, wenn Parlamentsmitglieder vor allem durch lautstarke Phrasen, leere Versprechungen und Polemik auffallen – also genau so, wie er es selbst praktiziert.
Ein Stehsatz nach dem anderen – ohne Erfolg
Das Beste an der ganzen Geschichte? Genau dieser Unsinn wurde bereits diskutiert – und abgelehnt. Vor nicht allzu langer Zeit versuchte SVP-Nationalrat Lukas Reimann dasselbe. Ergebnis? Der Nationalrat verwarf die Idee als verfassungswidrig. Man könnte meinen, Glarner hätte das mitbekommen. Oder er hält es für eine brillante Strategie, gescheiterte Ideen einfach noch einmal vorzubringen – in der Hoffnung, dass irgendwann jemand vergisst, dass sie Unsinn sind.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Es geht gar nicht darum, tatsächlich etwas durchzubringen. Es geht nur darum, laut zu sein. Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Wut der eigenen Wählerbasis zu schüren. Und dafür ist jede noch so absurde Idee willkommen.
Glarners nächster Coup?
Wenn das das Niveau ist, auf dem Glarner Politik betreibt, dann dürfen wir gespannt sein, was als Nächstes kommt. Vielleicht eine Initiative, die Lehrern verbietet, nach ihrer Pensionierung für die SP zu kandidieren? Oder eine Wartefrist für Gewerkschafter, bevor sie in die Politik gehen? Oder vielleicht ein Verbot für Journalisten, überhaupt noch zu atmen, wenn sie sich nicht ausdrücklich zur SVP bekennen?
Egal, was als Nächstes kommt – eines ist sicher: Die Peinlichkeitsgrenze wird noch einmal verschoben. Glarner ist ein Meister darin, sich selbst zu übertreffen. Ein Clown im politischen Zirkus, der sich für den Direktor hält, aber nicht merkt, dass das Publikum längst über ihn lacht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.03.2025 17:59
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Es gibt Dinge, die die Menschheit wohl nie verstehen wird. Warum fliegen Mücken immer ins Licht? Wieso schmeckt Wasser in einer anderen Flasche plötzlich besser? Und warum, verdammt noch mal, ist in jedem Zug, in jedem Waggon, zu jeder Tages- und Nachtzeit mindestens eine Person, die in unfassbarer Lautstärke in ihr Handy brüllt?
Dabei ist es egal, ob der Zug pünktlich ist (was er in der Schweiz meistens ist, also keine Ausrede für Extrazeit im Wagen) oder ob man noch schnell irgendwo stehen bleibt. Irgendjemand nutzt die Gelegenheit, um die gesamte Mitreiserschaft mit seinen privaten Belanglosigkeiten zu quälen.
Die Evolution des lauten Telefonierens
Früher, als Mobiltelefone noch 5 Kilo wogen und Antennen hatten, telefonierte man kurz, knapp und möglichst diskret. Weil es teuer war. Weil es peinlich war. Weil man einfach noch wusste, dass nicht jeder in der Umgebung am eigenen Blabla interessiert ist.
Aber dann kam die Flatrate. Und das Elend nahm seinen Lauf.
Heute gibt es keine Scham mehr. Heute gilt: Wer leise telefoniert, hat etwas zu verbergen. Und wer gar nicht telefoniert, ist offenbar ein asozialer Einzelgänger ohne Sozialleben. Also wird immer und überall gebrüllt.
Die schlimmsten Telefonier-Arten im Zug
Es gibt verschiedene Gattungen der telefonierenden Plagegeister, und sie alle verdienen eine gesonderte Erwähnung.
1. Der Wichtigtuer
Er beginnt jedes Gespräch mit „Ich bin grad im Zug.“ Aha. Danke für die Information, Sherlock. Und dann geht es los: „Ja, also die Präsentation muss noch mal überarbeitet werden, die Zahlen vom Q3 sehen nicht gut aus, und wir müssen den Workflow optimieren.“
Er spricht laut, er spricht in Buzzwords, und er will vor allem eines: Dass alle im Wagen wissen, wie UNFASSBAR wichtig er ist. Während er in der zweiten Klasse hockt. Natürlich.
2. Das Beziehungsdrama
„Warum hast du gestern nicht geschrieben?“ – „Ich hab dir doch gesagt, ich war mit den Jungs unterwegs!“ – „Mit WEM genau?!“
Grossartig. Eine Live-Therapiesitzung. Muss man sich ja sonst teuer leisten, hier gibt’s die Eskalation gratis. Die halbe Strecke Zürich–Bern wird jetzt mit kleinlichen Vorwürfen gefüllt, während der Rest des Zuges hofft, dass sich die beiden entweder sofort trennen oder einfach auf Lautlos stellen.
3. Der Hypochonder
„Also, der Ausschlag ist immer noch nicht besser. Die Salbe juckt auch. Und dann dieses Stechen im Magen – glaubst du, das ist was Ernstes?“
Nun, spätestens jetzt schon. Und alle im Umkreis von fünf Metern haben jetzt Phantom-Juckreiz, weil die Beschreibung einfach zu detailliert war. Vielen Dank für die spontane Sprechstunde.
4. Die Lautsprecher-Psychos
„GHÖRSCH MICH?! WART MAL, ICH MACH UF LUUTSPRECHER!“
Und plötzlich ist man unfreiwilliger Zuhörer eines Gespräches zwischen zwei völlig Fremden. Die eine Hälfte im Zug, die andere irgendwo anders, aber genauso laut. Warum das Handy ans Ohr halten, wenn man das Elend auch gleich mit der ganzen Abteilung teilen kann?
Liebe Leute, wenn ihr schon zu faul seid, euer Telefon ans Ohr zu halten – steckt es euch wenigstens direkt in den Rachen. Dann verstummen vielleicht wenigstens die Umstehenden vor Schock.
Gibt es eine Lösung? Nein.
Klar, es gibt Theorien. Man könnte telefonfreie Zonen einführen. Oder ein Gerät erfinden, das Handys in einem Umkreis von fünf Metern lahmlegt. Oder Menschen einfach ein Mindestmass an Anstand beibringen.
Aber seien wir ehrlich: Nichts davon wird je passieren.
Also bleibt nur eines: Die Kopfhörer tiefer in die Ohren rammen, laut Musik hören, oder auf den Moment warten, in dem sich zwei Zugtelefonierer gegenseitig überbrüllen und sich irgendwann durch akustische Selbstzerstörung eliminieren.
Bis dahin bleibt es, wie es ist: Wer Bahn fährt, fährt nie allein – sondern immer mit der geballten Ladung menschlicher Rücksichtslosigkeit.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 13.03.2025 14:27
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Wieder jemand mehr, den man nicht kennen muss. Mia Madisson reiht sich in die lange Liste der Reality-Sternchen ein, deren Hauptaufgabe darin besteht, auf Instagram ihr Leid zu beklagen – in diesem Fall über eine geplatzte Wohnung in Bülach. Eine Tragödie? Wohl kaum. Aber dank sozialer Medien kann selbst eine gescheiterte Wohnungsübergabe zur mehrtägigen Seifenoper mutieren.
Die Kunst des Jammerns
Es braucht ein gewisses Talent, aus Nichtigkeiten eine mediale Welle zu schlagen. Mia Madisson, bekannt aus „Der Bachelor“ (also nicht wirklich bekannt), hat diese Kunst perfektioniert. Erst wird die Wohnung gekündigt, dann alles verkauft – inklusive Kleiderschrank – und als es schiefgeht, muss natürlich Instagram ran.
„Ich habe voll die Depressa, ich schwöre es euch“, erklärt sie mit betroffenem Blick. Die Fans sollen Mitleid haben, denn sie hat jetzt keinen Schrank mehr. Wer in einer ähnlichen Situation einfach zu Ikea fahren und sich einen neuen kaufen würde, hat offensichtlich nichts von Reality-TV verstanden. Es geht um Drama, nicht um Lösungen.
Die bösen Nachbarn von Bülach
Was wäre eine gute Story ohne einen Bösewicht? In diesem Fall sind es die Nachbarn in Bülach. Diese sollen angeblich eine Petition gestartet haben, um die Influencerin und ihre Familie fernzuhalten. Gründe? Unbekannt. Gab es diese Petition überhaupt? Auch unbekannt. Aber hey, die Story verkauft sich gut.
Vielleicht wollte einfach niemand alle paar Tage Instagram-Storys aus der Waschküche oder vom Müllcontainer sehen. Vielleicht hatte der Vermieter auch einfach kalte Füsse bekommen. Aber egal, Hauptsache, es klingt nach Ungerechtigkeit.
Von Köln nach Bülach und zurück nach Köln
Nachdem die neue Wohnung in der Schweiz also flachfiel, bleibt Madisson nun in Köln. Dort hat sie immerhin „sehr tolle Nachbarn – wenigstens hier“. Ob das ein kleiner Seitenhieb in Richtung Bülach war? Wahrscheinlich.
Nun steht sie also da, ohne Möbel, aber mit umso mehr Content für Instagram. Und was folgt daraus? Genau: ein Einkaufsmarathon. Denn „ich muss alles wieder neu kaufen“, wie sie seufzend erklärt. Und das Publikum darf natürlich live dabei sein, wenn der neue Schrank ausgesucht wird.
Die perfekte Inszenierung
Es wäre naiv zu glauben, dass Mia Madisson nicht genau weiss, was sie tut. Ein bisschen Drama hier, ein bisschen Mitleid da – und schon ist sie wieder Gesprächsthema. Dass dabei der eigentliche Inhalt völlig belanglos ist, spielt keine Rolle.
Wen interessiert diese Geschichte wirklich? Die kurze Antwort: niemanden, der nicht gerade verzweifelt auf der Suche nach Ablenkung ist. Aber in der Welt der Reality-Stars reicht das. Wer sich geschickt inszeniert, kann selbst aus einem gescheiterten Umzug eine Schlagzeile machen.
Fazit: Danke, weitergehen!
Letztendlich ist Mia Madissons Wohnungs-Drama genau das: ein Drama, das niemand braucht. Eine Geschichte, die sich irgendwo zwischen belanglos und absurd bewegt. Aber solange es Klicks bringt, wird es wohl nicht die letzte Story dieser Art gewesen sein.
Also: Wer Mia Madisson nicht kennt, hat nichts verpasst. Und wer sie jetzt kennt, wird sie bald wieder vergessen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.03.2025 12:21
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Es gibt Jobs, die wünscht man seinem ärgsten Feind nicht. Verteidigungsminister in der Schweiz ist so einer. Und trotzdem hat Martin Pfister zugegriffen. Mutig? Naiv? Oder einfach jemand, der in Extremsituationen aufblüht? Die kommenden Monate werden zeigen, ob er ein grosser Krisenmanager oder der nächste Sündenbock des Bundeshauses wird.
Pfister gegen den Scherbenhaufen
Sein Vorgängerin Viola Amherd übernahm das Verteidigungsdepartement (VBS) in einer Zeit, in der man sich noch fragte, ob die Schweiz überhaupt eine Armee brauche. Vier Jahre und eine russische Invasion später ist klar: Die Zeiten haben sich geändert – und die Herausforderungen für die Armee ebenso. Amherd war zunächst die gefeierte Frau der Stunde. Doch mit jedem neuen Skandal bröckelte ihr Glanz. Als der Scherbenhaufen zu gross wurde, reichte sie das Dossier weiter.
Nun darf sich Martin Pfister damit herumschlagen. Und dieser Scherbenhaufen ist beachtlich: • Korruptionsskandal in Millionenhöhe, der noch aufgearbeitet werden muss. • Stockende Rüstungsprojekte, die entweder zu teuer, zu spät oder beides sind. • Ein Armeechef, der hinschmeisst, weil er genug hat vom Chaos. • Ein Nachrichtendienst in der Krise, in dem anscheinend niemand mehr mit niemandem spricht. • Eine Armee mit Nachwuchsproblemen, die nicht einmal ihre bestehenden Soldaten halten kann. • Ein Kampfjet-Deal mit den USA, der sich nachträglich als immer umstrittener entpuppt.
Und als ob das nicht schon genug wäre, soll das VBS auch noch die Finanzierung sichern, neue Waffensysteme beschaffen, die Rüstungsindustrie retten und gleichzeitig die Neutralität der Schweiz irgendwie in einer immer unsichereren Welt neu definieren.
Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen: Hier braut sich etwas zusammen. Und mittendrin steht jetzt ein Mann, den vor einem Monat kaum jemand kannte.
Pfister – der richtige Mann am falschen Ort?
Martin Pfister bringt viel mit: Erfahrung als Regierungsrat, Führungsqualitäten, ein strategisches Denken. Aber eben: Er war Gesundheitsdirektor. Und jetzt steht er an der Spitze eines Ministeriums, in dem es weniger um Krankenkassenprämien und mehr um Panzer, Jets und Geheimdienste geht.
Seine Wahl war eine Überraschung. Seine Konkurrenten hatten mehr Erfahrung in Bundesbern, waren besser vernetzt, galten als sicherere Wahl. Aber vielleicht ist es genau das, was ihm den Sieg gebracht hat: Er war nicht der Favorit, nicht der typische Machtmensch, nicht einer, der jahrelang auf diesen Posten hingearbeitet hat. Und das könnte ihm jetzt helfen.
Denn eines ist klar: Die alten Netzwerke, die alten Strukturen haben das VBS nicht gerade in eine Erfolgsgeschichte verwandelt. Vielleicht braucht es wirklich jemanden von aussen, jemanden, der die Dinge anders angeht. Aber ob das reicht?
Mission Impossible: Machtspiele im Bundesrat
Pfister wird nicht nur das VBS führen müssen – er muss sich auch als Bundesrat behaupten. Und das wird mindestens genauso schwer. Denn der neue Verteidigungsminister ist einer von nur zwei Mitte-Vertretern in einem Bundesrat, der von SVP und FDP dominiert wird.
Viola Amherd scheiterte zuletzt auch daran, dass sie im Gesamtbundesrat keine Mehrheiten mehr fand. Karin Keller-Sutter, Albert Rösti, Guy Parmelin und Ignazio Cassis sind gut aufeinander eingespielt – und oft einer Meinung. Wer als Mitte- oder SP-Bundesrat in diesem Gremium etwas erreichen will, braucht entweder brillante Taktik oder eine Engelsgeduld.
Pfister wird also nicht nur die Armee umkrempeln müssen, sondern auch im Bundesrat Allianzen schmieden. Und dabei dürfte er sich oft in einer Zwickmühle wiederfinden: Hält er sich an die Parteilinie, wird er es schwer haben, etwas durchzubringen. Spielt er mit der konservativen Mehrheit, riskiert er, seine eigene Partei und seine Wähler vor den Kopf zu stossen.
Das ist nicht nur eine politische Herausforderung – das ist Hochseilakrobatik ohne Netz.
Der härteste Job der Schweiz – und einer der Undankbarsten
Die Schweiz hat schon viele Verteidigungsminister gesehen. Die meisten davon verschwanden schneller in der Versenkung, als sie das Wort “Rüstungsetat” buchstabieren konnten. Ueli Maurer? Distanziert sich heute am liebsten von seiner Zeit im VBS. Guy Parmelin? Will keiner mehr daran erinnern. Und nun Martin Pfister – ein Mann, der sich diesen Job nicht hat aufzwingen lassen, sondern ihn aktiv wollte.
Pfister könnte einer sein, der Dinge anpackt, der sich nicht von alten Seilschaften einschüchtern lässt. Vielleicht wird er der frische Wind, den das VBS so dringend braucht. Vielleicht schafft er es, das Ruder herumzureissen. Vielleicht wird er am Ende als derjenige in die Geschichte eingehen, der das VBS tatsächlich reformiert hat.
Oder aber, und das ist leider wahrscheinlicher: In zwei Jahren ist er der Sündenbock für alles, was schiefläuft. Dann wird es heissen, er habe den Überblick verloren, die Probleme nicht in den Griff bekommen, das Departement nicht im Griff gehabt.
Und dann wird der nächste Aussenseiter gewählt. Der nächste Hoffnungsträger. Der nächste, der glaubt, er könne das VBS in den Griff bekommen.
Bis dahin aber: Viel Glück, Herr Pfister. Sie werden es brauchen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.03.2025 00:23
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Das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) hat ein Problem – und das sind genau 0,028 Prozent. So viel fehlte der Partei, um die 5-Prozent-Hürde zu überspringen und in den Bundestag einzuziehen. Nun soll das Verfassungsgericht helfen, doch noch ein paar Stimmen mehr zu finden. Denn, so die Argumentation der Partei: Es könnten Fehler passiert sein. Und wer weiss? Vielleicht verstecken sich ja genau dort die fehlenden Stimmen.
Es ist eine faszinierende Mischung aus Demokratieverständnis, Hoffnung und einer Prise Verzweiflung, die sich in dieser Klage widerspiegelt. Natürlich, Wahlergebnisse müssen korrekt sein. Selbst kleine Fehler können grosse Auswirkungen haben – und eine Demokratie lebt davon, dass jeder Zettel zählt. Doch der Zeitpunkt und der Tonfall lassen einen unwillkürlich den Kopf schütteln.
Vertrauen in die Demokratie – aber nur, wenn sie passt?
Eins muss man dem BSW lassen: Der Vorstoss ist konsequent. Schliesslich haben sich in der Vergangenheit immer wieder Unregelmässigkeiten bei Wahlen gezeigt. Meist waren es kleine Pannen – ein paar falsch zugeordnete Stimmen hier, ein Rechenfehler dort. Aber fast nie änderte sich dadurch das Endergebnis. Nun also die grosse Frage: Sind diesmal ausgerechnet beim BSW so viele Fehler passiert, dass es für den Bundestag gereicht hätte?
Der Bundeswahlleiter hat dazu eine klare Meinung: Nein. Kleinere Korrekturen seien möglich, aber grosse Veränderungen sind nicht zu erwarten. Trotzdem bleibt das BSW skeptisch. Man fühlt sich um den Einzug in den Bundestag betrogen – und das, obwohl es nach allen bisherigen Nachzählungen eben nicht für die 5 Prozent gereicht hat. Aber wer weiss? Vielleicht wird beim erneuten Zählen plötzlich irgendwo ein Stapel mit genau den fehlenden Stimmen gefunden.
“Respekt vor den Wählern” – oder doch vor der eigenen Bedeutung?
Sahra Wagenknecht selbst formuliert es in der gewohnt souveränen Mischung aus Kampfgeist und Empörung: Der „Respekt vor den Wählern“ erfordere eine genaue Prüfung. Natürlich. Aber wo hört diese Prüfung auf? Wenn eine Partei mit 4,9 Prozent klagt, warum dann nicht auch eine mit 4,8 oder 4,7 Prozent? Der Weg ist gefährlich: Wenn wir bei jeder Wahl mit dem Mikroskop nach verlorenen Stimmen suchen, wann haben wir dann wirklich ein Ergebnis, das alle akzeptieren?
Ein Blick zurück zeigt, dass auch andere Parteien nach Wahlen schon mal protestierten – aber meist dann, wenn offensichtliche Probleme vorlagen. Etwa bei der Berlin-Wahl 2021, die tatsächlich chaotisch ablief und wiederholt wurde. Im Vergleich dazu ist das aktuelle Wahlergebnis jedoch völlig unspektakulär.
Demokratie ist kein Wunschkonzert
Demokratie ist eine heikle Angelegenheit. Sie lebt davon, dass am Ende alle sagen: „Okay, das ist das Ergebnis, wir akzeptieren es.“ Natürlich, es gibt Einspruchsmöglichkeiten – und die müssen sein. Aber der Verdacht liegt nahe, dass es hier nicht nur um Wahlfehler geht, sondern auch um eine Partei, die mit einer Mischung aus Hoffnung und Trotz versucht, sich doch noch in den Bundestag zu zählen.
Dabei könnte das BSW die knappe Niederlage auch anders sehen: als Ansporn. 4,972 Prozent sind eine ordentliche Leistung für eine neue Partei. Mit diesem Rückenwind wäre es vielleicht klüger, die nächste Wahl vorzubereiten, anstatt auf eine Nachzählung zu hoffen. Denn selbst wenn es zu Korrekturen kommt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet diese wenigen fehlenden Stimmen gefunden werden, äusserst gering.
Aber vielleicht geht es gar nicht um eine realistische Chance, sondern um das Signal: Seht her, wir kämpfen bis zum Schluss. Und wenn es am Ende nicht klappt, kann man wenigstens sagen: „Wir haben alles versucht.“
Es bleibt also spannend, ob Karlsruhe sich erweichen lässt – oder ob das BSW akzeptieren muss, dass 4,972 Prozent eben doch nicht 5 sind.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.03.2025 09:03
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Donald Trump ist zurück – und mit ihm der wirtschaftspolitische Zirkus. Kaum wieder im Weissen Haus, beginnt der selbsternannte Deal-Maker, die Welt nach seinem Geschmack umzusortieren. Diesmal trifft es die Schweiz. Dieses kleine, aber feine Land, das in Sachen Handelsmoral ungefähr so verdächtig ist wie eine Klosterschwester in der Buchhaltung, soll laut Trump „unfaire Handelsmethoden“ praktizieren. Die Konsequenz? Eine offizielle Platzierung auf einer schwarzen Liste der USA.
Und während man in Bern noch ungläubig die Stirn runzelt, feiert man in Washington die neueste Errungenschaft der „America First“-Politik: einen neuen Sündenbock für das amerikanische Handelsdefizit.
Die grosse Farce
Dass die Schweiz sich auf dieser Liste wiederfindet, ist so grotesk, dass man sich fragt, ob das Ganze nicht eine besonders absurde Episode von The Apprentice: Trade War Edition ist. Denn wer auch nur einen flüchtigen Blick auf die Handelsbeziehungen wirft, merkt schnell: Wenn hier jemand unfair spielt, dann nicht die Schweizer.
Die Schweiz hat in den letzten Jahren ihre Industriezölle einseitig abgeschafft, Pharma-Produkte können ohne Aufschläge importiert werden, und amerikanische Unternehmen geniessen freien Zugang zum hiesigen Markt. Und doch steht das Land jetzt auf einer Liste, auf der man sonst üblicherweise China oder Russland findet.
Der Grund? Laut Trump ist die Schweiz ein Währungsmanipulator und betreibt eine zu einseitige Handelsbilanz. Dass die USA selbst einen satten Überschuss bei Dienstleistungen mit der Schweiz haben? Geschenkt. Solche Details würden ja nur den schönen Populismus ruinieren.
Das eigentliche Ziel: Der Wahlkampf-Zirkus
Nun wäre es naiv zu glauben, Trump gehe es wirklich um die Schweiz. Tatsächlich passt sie ihm gerade nur perfekt ins politische Kalkül. Seine zweite Amtszeit hat begonnen, die USA steuern auf die Zwischenwahlen 2026 zu, und die altbewährte Taktik „Wir gegen die bösen Ausländer“ wird erneut ausgepackt.
China wäre der logische Feind, aber mit Peking will Trump sich nicht sofort anlegen. Die EU? Ein zu grosser Brocken. Also nimmt er sich einen kleinen, wohlhabenden Staat vor, der sich nicht mit wüsten Drohungen wehren wird. Ein ideales Ziel für einen Präsidenten, der mehr Wert auf medienwirksame Gesten legt als auf wirtschaftlichen Sachverstand.
Was nun? Zittern oder Trotzen?
Noch hat der Entscheid keine konkreten Konsequenzen, doch Strafzölle sind nicht ausgeschlossen. Die USA könnten Schweizer Produkte mit Zusatzabgaben belegen, was die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Exporteure schwächen würde.
Doch Handelsprofessor Reto Föllmi von der HSG gibt sich vorsichtig optimistisch. Er glaubt nicht, dass sich allfällige Strafzölle nur gegen die Schweiz richten würden. Viel wahrscheinlicher sei, dass auch die EU betroffen wäre – und das könnte sich als Vorteil entpuppen.
Denn wenn Brüssel mit Gegenzöllen reagiert, geraten plötzlich amerikanische Unternehmen in Bedrängnis. Und das könnte für Schweizer Firmen neue Chancen eröffnen, indem sie in entstehende Marktlücken springen. Es wäre eine köstliche Ironie: Trump will die Schweiz bestrafen, und am Ende profitieren ihre Unternehmen.
Bern muss laut werden – aber auf die Schweizer Art
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gibt sich betont ruhig. Die Schweiz sei einer der grössten Investoren in den USA, heisst es, Schweizer Firmen schafften dort fast eine halbe Million Arbeitsplätze mit Traumgehältern von durchschnittlich 131’000 Dollar.
Alles schön und gut – nur leider interessieren Trump keine Zahlen. Ihm geht es um den grossen Show-Effekt. Wer sich auf seine Vernunft verlässt, kann sich auch gleich auf ein Ruderboot mitten im Sturm verlassen.
Also muss Bern lauter werden. Und zwar auf die eigene Art: Nicht mit Twitter-Rants oder Drohungen, sondern mit gezielter Diplomatie und Wirtschaftsmacht im Rücken. Denn während Trump lauthals poltert, entscheidet in Washington letztlich immer noch das Geld. Und davon hat die Schweiz bekanntlich genug, um sich Gehör zu verschaffen.
Ob das funktioniert? Man wird sehen. Aber eines ist sicher: Trump ist zurück – und die Schweiz hat sich völlig ungewollt in seinem Handelszirkus wiedergefunden. Bleibt nur zu hoffen, dass sie nicht als Sündenbock enden muss.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 10.03.2025 09:26
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Es gibt Politiker, die hinterlassen ein Vermächtnis. Und dann gibt es Christoph Blocher, der sich mit einem Tastendruck in die Geschichtsbücher der Peinlichkeiten eingravierte. Der Vorfall von 1994 ist einer dieser Momente, in denen ein Politiker so von sich selbst überzeugt ist, dass er gleich für andere mitdenkt – und abstimmt.
Blocher, der Mann, der wusste, was gut für uns ist
März 1994, Bern: Die Schweiz war damals noch ein kleines bisschen naiver, ein kleines bisschen weniger zynisch. Aber dann kam die neue Abstimmungsanlage im Nationalrat – und mit ihr der SVP-Übervater höchstpersönlich, der sofort beschloss, dass demokratische Prozesse für gewöhnliche Parlamentarier gedacht sind. Nicht aber für ihn, den Allwissenden.
Seine Sitznachbarin, Lisbeth Fehr, war für einen Moment nicht an ihrem Platz. Genug Zeit für Blocher, um sich selbst eine kleine Ermächtigung zu geben: Er drückte nicht nur seine eigene Abstimmungstaste, sondern auch gleich die ihre. Denn wenn man Christoph Blocher heisst, dann ist Demokratie nicht etwa ein kollektiver Prozess – sie ist das, was einem gerade richtig erscheint.
Seine erste Reaktion? Eine Mischung aus gönnerhaftem Schulterzucken und gönnerhaftem Lächeln: «Ich wusste doch, wie sie gestimmt hätte.» Man stelle sich vor, jemand räumt die Wohnung eines Nachbarn aus und sagt dann treuherzig: «Ich wusste doch, welche Möbel er mochte.»
Ein Gentleman oder einfach ein Trickser?
Die Presse war schneller als Blocher «Ich habe nichts falsch gemacht» sagen konnte. Der SonntagsBlick titelte mit Genuss: «Blocher ging fremd!» – natürlich nicht, wie viele hofften, im amourösen Sinne, sondern auf parlamentarischer Ebene. Eine Affäre mit einer Abstimmungstaste also.
Doch während sich Blocher selbst wohl als eine Art Schalk sah, der halt einmal mehr den verkrusteten Politikbetrieb aufmischte, sahen andere das nicht ganz so locker. Alexander Tschäppät, SP-Nationalrat und Gerichtspräsident, nannte es «ein strafbares Delikt» und FDP-Nationalrat Hans-Rudolf Früh befand, dass das «alles andere als ein Lausbubenstreich» sei.
Doch der Gipfel der Empörung kam aus dem Berner Jura: Ein ehemaliger Politiker zeigte Blocher wegen Wahlfälschung an. Wahlfälschung! Ein SVP-Mann, der sonst bei jeder Gelegenheit «Wille des Volkes» predigt, fälscht Abstimmungen? Es hätte eine herrliche Ironie sein können – wenn sie nicht so dreist wäre.
Del Ponte zückt das Messer – und der Nationalrat kneift
Nun hätte es spannend werden können: Bundesanwältin Carla Del Ponte wollte Blochers parlamentarische Immunität aufheben lassen. Es wäre eine wunderbare Gelegenheit gewesen, den selbsternannten Saubermann vor Gericht mit seinen eigenen Moralpredigten zu konfrontieren. Doch nein – das Parlament duckte sich weg.
Die Begründung? Das Delikt sei «rechtlich geringfügig». Schliesslich hatte Blocher ja nur so getan, als sei er zwei Personen gleichzeitig. Ein kleines Missverständnis, wirklich.
Statt einer echten Strafe gab es eine Rüge von Nationalratspräsidentin Gret Haller. Eine Rüge! Man hätte Blocher auch mit einer Feder kitzeln können, die Wirkung wäre dieselbe gewesen. Vielleicht hat er sich kurz auf die Lippe gebissen, um nicht zu lachen. Vielleicht hat er die ganze Szene sogar genossen. Ein SVP-Politiker, der von einer SP-Frau offiziell «verurteilt» wird – das konnte er doch perfekt in seine ewige Opferrolle einbauen.
Der Nachgeschmack: Ein Denkmal der Peinlichkeit
Was bleibt also von Blochers grossem demokratischem Fehltritt? Keine Konsequenzen, aber immerhin ein Spitzname. Die zweite Taste auf den Pulten des Nationalrats heisst bis heute inoffiziell die «Blochertaste». Ein amüsantes Denkmal für einen Mann, der wohl bis heute glaubt, dass Demokratie erst dann funktioniert, wenn er sie höchstpersönlich steuert.
Die Ironie dabei: Seit Jahrzehnten wettert Blocher gegen Politiker, die sich zu viel herausnehmen, gegen korrupte Eliten, gegen jene, die sich über das Volk stellen. Doch als er selbst die Chance hatte, einfach nur ein gutes Beispiel zu sein, tat er das, was er immer tut: Er nahm sich, was er wollte – und wurde dafür nicht einmal richtig zur Rechenschaft gezogen.
Es heisst, ein Skandal könne eine politische Karriere zerstören. Aber was, wenn jemand wie Blocher sich von Skandalen nur ernährt? Dann bleibt am Ende nur eins: eine Geschmacklosigkeit mit Denkmalcharakter.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 09.03.2025 08:25
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Von sozialem Wohnraum zur Goldgrube – die Geschichte der Zürcher Sugus-Häuser ist eine Lehrstunde darüber, wie Immobilienmärkte funktionieren und für wen sie arbeiten. Einst als bezahlbare Wohnungen für Durchschnittsverdiener gedacht, sollen nun über 200 Mieter weichen, weil die Besitzerin Regina Bachmann eine „unumgängliche Kernsanierung“ vorschiebt. Doch seltsamerweise betrifft dieser Sanierungsdrang nur ihre drei Häuser – in den sechs baugleichen Liegenschaften nebenan, die anderen Eigentümern gehören, können die Menschen weiterhin bleiben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Doch die Skrupellosigkeit ist nicht einmal das Schockierendste an dieser Geschichte. Viel aufschlussreicher ist, wie sich die Stadt Zürich in dieser Affäre als ohnmächtige Bittstellerin präsentiert. Stadtpräsidentin Corine Mauch versuchte zu vermitteln. Sie schrieb Briefe. Sie versuchte es über verschiedene Kanäle. Doch die Besitzerin der Häuser hatte Besseres zu tun, als zu antworten. Der Immobilienmarkt ist eben kein Ort für Sentimentalitäten, sondern ein knallhartes Business. Und das zeigt sich besonders deutlich, wenn es ums grosse Geld geht.
200 Millionen für ein Schweigen
Nachdem die Kündigungen einen Proteststurm ausgelöst hatten, brachte Zürich sogar einen Kauf der drei Häuser ins Spiel. Aber wenn sich jemand schon die Mühe macht, über 100 Mietparteien hinauszuwerfen, dann sicher nicht für einen fairen Deal. Bachmann fordert für ihre drei Häuser sage und schreibe 200 Millionen Franken – fast doppelt so viel wie der geschätzte Marktwert. Das ist, als würde jemand für eine alte Schachtel Sugus den Preis einer Luxuspraline verlangen und sich dann wundern, warum niemand kauft.
Die Stadt wird diesen Preis nicht bezahlen, das ist klar. Doch genau das scheint die Taktik zu sein: Man stellt eine absurde Forderung, weiss, dass sie keiner akzeptiert, und kann sich dann als harmloser Geschäftsmensch präsentieren, der „zum Gespräch bereit gewesen wäre“. Der Trick ist alt, funktioniert aber immer wieder. Inzwischen vergehen die Monate, die Mieter müssen bis Ende März ausziehen, und Bachmann kann in aller Ruhe weiter schweigen.
Leerkündigungen: Profit statt Menschlichkeit
Was in den Sugus-Häusern passiert, ist kein Einzelfall. Leerkündigungen – also das gezielte Rauswerfen aller Mieter, um danach luxuriös zu sanieren und teurer zu vermieten – sind in Zürich längst ein bewährtes Geschäftsmodell. Besonders perfide ist, dass oft nicht einmal eine echte Sanierung notwendig ist. Es reicht, eine „Kernsanierung“ zu behaupten, um bestehende Verträge auszuhebeln. Wer kann schon das Gegenteil beweisen?
Es ist das perfekte System für all jene, die mit Wohnraum spekulieren wollen. Die jetzigen Mietpreise der Sugus-Häuser sind vergleichsweise moderat, doch nach der Sanierung könnten sie problemlos verdoppelt oder verdreifacht werden. Ein massives Geschäft für die Eigentümerin, ein Desaster für die Menschen, die jahrelang dort gelebt haben.
Die Ironie ist, dass genau diese Häuser einmal als Symbol für bezahlbaren Wohnraum gedacht waren. Regina Bachmanns Vater, der Bauunternehmer Leopold Bachmann, hatte sie Ende der 1990er-Jahre genau aus diesem Grund errichtet. Jetzt sind sie das Gegenteil: Ein Symbol für die brutale Logik des Marktes, die mit sozialer Verantwortung nichts am Hut hat.
Machtlose Politik, machtlose Mieter?
Dass sich die Stadtregierung in dieser Affäre von einer Immobilienbesitzerin vorführen lässt, ist bezeichnend. Wenn eine Stadtpräsidentin nicht einmal eine Antwort auf ihre Vermittlungsversuche bekommt, was sagt das über das Machtverhältnis zwischen Politik und Investoren aus?
Das Problem ist, dass Zürich und andere Städte in der Schweiz kaum wirksame Mittel haben, um gegen solche Leerkündigungen vorzugehen. Ja, es gibt Mieterschutzgesetze, und ja, man kann sich juristisch wehren – doch diese Prozesse dauern lange, kosten Geld und haben oft wenig Aussicht auf Erfolg. Die Eigentümer wissen das und können sich darauf verlassen, dass am Ende doch ihre Interessen durchgesetzt werden.
Die Proteste der Mieter sind wichtig, aber sie stossen an Grenzen. Petitionen mit zehntausenden Unterschriften sind ein starkes Signal, doch sie ändern nichts an der rechtlichen Lage. Und während die Diskussion weitergeht, ist der März nicht mehr weit – der Zeitpunkt, zu dem die Bewohner ihre Wohnungen räumen müssen.
Was müsste passieren?
Was es bräuchte, wäre eine echte politische Antwort auf das Problem der Leerkündigungen. Andere Städte in Europa haben längst strengere Gesetze eingeführt, um genau solche Situationen zu verhindern. In Berlin gibt es etwa das sogenannte „Vorkaufsrecht der Stadt“, das es Behörden ermöglicht, Mietshäuser zu erwerben, bevor sie an Investoren verkauft werden. Auch Zürich könnte ähnliche Mechanismen einführen – doch dazu fehlt bisher der politische Wille.
Gleichzeitig müsste man die finanziellen Anreize für solche Spekulationsgeschäfte reduzieren. Wer absichtlich günstigen Wohnraum zerstört, um ihn später mit maximalem Profit weiterzuverkaufen, sollte dafür nicht noch steuerliche Vorteile geniessen. Auch ein Verbot von Leerkündigungen wäre eine Möglichkeit – mit klaren Sanktionen für Eigentümer, die solche Praktiken anwenden.
Aber all das wird nicht passieren, solange Zürich weiter nur höfliche Briefe schreibt und sich ignorieren lässt. Solange Stadt und Kanton keine klaren Konsequenzen ziehen, wird sich nichts ändern. Und die Sugus-Häuser werden nicht die letzten sein, die diesem Spiel zum Opfer fallen.
Am Ende zählt das Geld – und sonst nichts
Die Geschichte der Sugus-Häuser zeigt, wie der Wohnungsmarkt wirklich funktioniert. Es geht nicht um Bedarf, nicht um Gerechtigkeit, nicht um soziale Verantwortung. Es geht um Zahlen in einem Excel-Sheet, um Renditen und um die Frage, wie man mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn machen kann.
Die betroffenen Mieter sind da nur eine Randnotiz. Sie können protestieren, sie können Petitionen sammeln, sie können Medienberichte anstossen. Doch am Ende zählen nur Verträge, Grundbucheinträge und der Goodwill der Eigentümer – und der ist in diesem Fall nicht vorhanden.
Zürich wird also weiter zusehen müssen, wie erschwinglicher Wohnraum verschwindet. Die Stadt kann nichts dagegen tun, heisst es. Vielleicht stimmt das. Aber vielleicht fehlt ihr auch einfach der Mut, es wirklich zu versuchen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.03.2025 09:48
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Andreas Glarner ist eine dieser Figuren, die man in der Politik zwar findet, aber nicht wirklich ernst nehmen kann. Ein Mann, der sich selbst als unerschütterlicher Verteidiger der Schweiz sieht, während der Rest der Welt ihn eher als dauerempörten Internet-Troll wahrnimmt. Seine politische Strategie? Laut sein, empören, poltern – und das immer mit der Eleganz eines Elefanten in einem Porzellanladen.
Politik oder Kabarett?
Glarner ist nicht einfach nur SVP-Politiker, er ist eine politische Performance. Während andere sich mit ernsthaften Themen auseinandersetzen, ist er damit beschäftigt, mediale Aufmerksamkeit zu generieren. Seine Spezialität: Empörung auf Bestellung. Mal ist es ein Kindergarten, der auf Schweinefleisch verzichtet, dann wieder eine Schule, die es wagt, muslimischen Kindern Rücksicht entgegenzubringen.
Natürlich könnte man sich mit Fakten beschäftigen. Man könnte prüfen, ob ein Problem wirklich existiert oder ob es sich um eine gezielte Übertreibung handelt. Aber das ist nicht Glarners Stil. Er lebt von der Empörung, von der einfachen Schlagzeile für komplizierte Probleme.
Twitter als Hauptarbeitsplatz
Während andere Politiker an Lösungen arbeiten, verbringt Glarner seine Zeit lieber auf Twitter. Dort verteilt er Spitzen gegen Linke, Migranten, Journalisten oder einfach gegen alles, was ihm gerade nicht passt. In seinen Tweets gibt es keine Nuancen, keine Differenzierung – nur schwarz und weiss, gut und böse.
Sein Rezept: Erst skandalisieren, dann zurückrudern. Falls der Shitstorm zu gross wird, heisst es, alles sei nur «missverstanden» worden. Und falls doch mal eine Grenze überschritten wird? Einfach weiter im Text. Konsequenzen gab es für ihn bisher kaum, also warum aufhören?
Integration à la Glarner: Anpassen oder verschwinden
Das Thema Migration ist seine Lieblingsspielwiese. Integration bedeutet für ihn, dass Migranten sofort Schweizerdeutsch sprechen, an der 1.-August-Feier die Nationalhymne mitsingen und gefälligst keine Extrawünsche haben. Wer das nicht tut, ist automatisch Teil des Problems.
Seine Methode, um Integration zu fördern? An den Pranger stellen. Schulen, in denen es «zu viele» ausländische Namen gibt, müssen öffentlich entlarvt werden. Familien, die angeblich zu viele Sozialleistungen beziehen, gehören in die Zeitung. Das ist keine Politik, das ist schlicht und einfach Denunziation.
Schweizer Werte? Eher nicht.
Glarner redet gerne von Schweizer Werten. Von Anstand, Respekt und Heimatliebe. Nur blöd, dass er sich selbst nicht daran hält. Anstand? Fehlanzeige, wenn er Menschen öffentlich vorführt. Respekt? Nicht vorhanden, wenn er Andersdenkende diffamiert. Heimatliebe? Die besteht bei ihm darin, ständig zu behaupten, die Schweiz stehe kurz vor dem Untergang.
Das Schönste daran: Während er sich als Kämpfer für den kleinen Mann inszeniert, lebt er selbst ganz gut von seinem politischen Theater. Als Unternehmer hat er sich ein ordentliches Vermögen aufgebaut. Dass er sich trotzdem gerne als Opfer der linksgrünen Elite inszeniert, ist fast schon Comedy.
Der Schreihals der SVP
Man könnte Glarner ignorieren, wenn er nicht so laut wäre. Er ist derjenige, der immer noch eine Schippe drauflegt, wenn andere in seiner Partei schon längst einen Gang zurückschalten. Während viele SVP-Politiker sich zumindest um einen Hauch von Seriosität bemühen, ist Glarner der Schreihals, der das ganze Fest sprengt.
Er ist nicht da, um Probleme zu lösen. Er ist da, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und das funktioniert. Seine Skandälchen schaffen es regelmässig in die Medien, seine Empörung erreicht die Stammtische, seine Polemik findet genug Zuhörer. Doch am Ende bleibt nur heisse Luft.
Fazit: Viel Lärm um nichts
Andreas Glarner ist der Prototyp eines Politikers, den man nicht ernst nehmen kann. Ein Mann, der sich selbst als Retter der Schweiz sieht, während er in Wirklichkeit nur ein lautes, aber wenig produktives Element im politischen Zirkus ist. Sein grösstes Talent? Skandalisieren ohne Substanz.
Würde er morgen von der politischen Bühne verschwinden, würde sich – ausser ein paar empörten Tweets weniger – nicht viel ändern. Seine Bilanz als Politiker? Polemik statt Fortschritt, Spaltung statt Lösungen. Und das Beste daran: Er wird es als Kompliment sehen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.03.2025 11:03
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Die SVP tut, was sie am besten kann: lauthals kritisieren, Angst verbreiten und mit halbgaren Forderungen provozieren. Doch wenn es darum geht, echte Lösungen zu präsentieren, herrscht betretenes Schweigen. Jüngstes Beispiel? Der Versuch, die sogenannte Schutzklausel gegen die Zuwanderung zu aktivieren.
Die Masseneinwanderungs-Initiative von 2014, mit der die SVP damals Stimmung machte, sei laut der Partei bis heute nicht umgesetzt. Ein altbekanntes Muster: Die SVP behauptet, sie werde ignoriert, die Schweiz sei überfordert, und die Apokalypse stehe unmittelbar bevor. Diesmal lautet die angebliche Wunderwaffe: Artikel 14 des Personenfreizügigkeitsabkommens, der bei «schwerwiegenden wirtschaftlichen oder sozialen Problemen» Massnahmen erlaubt.
Blöd nur: Weder sind solche Probleme klar definiert, noch ist es überhaupt möglich, die Klausel einseitig zu aktivieren. Und genau hier zeigt sich wieder die Spezialität der SVP – Forderungen aufzustellen, die entweder nutzlos oder schlicht nicht umsetzbar sind. Hauptsache, man kann sich nachher als Opfer darstellen.
Wenn die eigene Partei nicht einmal an die eigene Forderung glaubt
Ein weiteres Schmankerl: Magdalena Martullo-Blocher, die mit 55 Jahren als ewiger Schatten ihres Vaters durch die Politik stolpert, behauptet steif und fest, die Schutzklausel sei das Mittel der Wahl gegen die böse Zuwanderung. Doch nur kurze Zeit später räumt sie selbst auf einem Podium in Zürich ein, dass diese Klausel kaum Wirkung entfalten würde.
Wieso also diese ganze Aktion? Ist es schlichte Inkompetenz, oder geht es doch nur um billige Polemik?
Man kann es sich fast aussuchen. Fakt ist, dass selbst bürgerliche Politiker wie FDP-Nationalrat Simon Michel darauf hinweisen, dass die Klausel so, wie die SVP es gerne hätte, gar nicht aktiviert werden kann. Auch die Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter hält trocken fest: «Schwerwiegende wirtschaftliche oder soziale Probleme sind in der Schweiz heute nicht gegeben.»
Aber wen interessiert schon die Realität, wenn man stattdessen mit populistischen Parolen punkten kann?
Der eigentliche Plan: Das EU-Dossier sabotieren
Besonders verdächtig ist der Zeitpunkt der SVP-Aktion. Der Nationalrat berät derzeit über ein neues Abkommen mit der EU. Und genau jetzt, in dieser heiklen Phase, fällt der SVP plötzlich wieder ein, dass die Schweiz ja eigentlich vor dem Kollaps steht. SP-Nationalrat Eric Nussbaumer bringt es auf den Punkt: Die SVP wolle einzig und allein die laufenden Verhandlungen torpedieren.
Es ist ein bekanntes Spiel. Die Partei, die sich so gerne als Retterin der direkten Demokratie inszeniert, setzt systematisch auf Verzögerungstaktiken, um unliebsame Fortschritte zu blockieren. Die Devise: Bloss nichts verhandeln, nichts optimieren, lieber alles boykottieren – und wenn sich die Schweiz dadurch selbst schadet, dann sei es eben so.
SVP-Strategie: Maximaler Lärm, minimale Substanz
Diese Episode zeigt wieder einmal, worum es der SVP wirklich geht: • Probleme aufbauschen: Die Schweiz stehe kurz vor dem Zusammenbruch – nur die SVP habe es gemerkt. • Scheinalternativen präsentieren: Eine Schutzklausel, die nicht funktioniert oder nicht aktiviert werden kann, als «Lösung» verkaufen. • Andere blockieren: Statt an brauchbaren Lösungen mitzuarbeiten, wird Politik durch Inszenierung ersetzt.
Man könnte fast Mitleid haben. Wer seit Jahrzehnten mit dem immer gleichen Schreckensszenario hausiert, aber keine brauchbaren Rezepte liefern kann, muss eben immer neue Tricks auspacken.
Doch spätestens, wenn sogar die eigene Parteispitze offen zugibt, dass die eigene Forderung keinen Effekt hat, wird das Ganze einfach nur noch peinlich. Vielleicht wäre es für die SVP mal an der Zeit, nicht nur gegen alles zu sein, sondern sich zu fragen: Für was steht sie eigentlich noch – ausser für Empörung um der Empörung willen?
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.03.2025 04:06
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Wie ein Milliardär mit zu viel Zeit und zu wenig Selbstzweifeln die US-Politik als sein neues Spielzeug entdeckt.
Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als Elon Musk einfach nur ein verrückter Tech-Typ war, der Elektroautos baute, Raketen ins All schoss und hin und wieder einen Joint mit Joe Rogan rauchte? Ach, das waren schöne Zeiten. Heute ist Musk weniger ein innovativer Visionär als vielmehr eine Mischung aus Internet-Troll, Hobby-Politiker und Verschwörungsonkel, der sich auf X (ehemals Twitter) mit der Energie eines hyperaktiven Kindergartenkindes über alles aufregt, was ihm nicht passt.
Und weil es offensichtlich langweilig ist, nur Raketen zu bauen, hat er sich eine neue Beschäftigung gesucht: Die US-Politik. Musk ist mittlerweile fester Bestandteil des Chaos, das sich amerikanischer Wahlkampf nennt, und je nach Tageslaune entweder politischer Prophet, Freiheitskämpfer oder einfach nur ein reicher Mann mit zu viel Wut im Bauch. Seine Nähe zu Donald Trump? Reiner Zufall! Oder doch nicht?
Musk, der selbsternannte Superheld der Meinungsfreiheit
Seit Musk X gekauft hat, nennt er sich „Verteidiger der Meinungsfreiheit“. In Wirklichkeit sieht seine Interpretation davon so aus: Er kann jederzeit sagen, was er will – und wehe, jemand widerspricht ihm. Dann gibt’s einen sarkastischen Tweet, eine beleidigte Reaktion oder eine spontane Account-Sperrung.
Sein Netzwerk, das einst als wichtige Plattform für Nachrichten diente, ist mittlerweile ein Sammelbecken für rechte Provokateure, Verschwörungsfans und Leute, die glauben, dass der Klimawandel eine Erfindung der Regierung ist, um ihnen ihre SUVs wegzunehmen. Musk selbst ist immer mittendrin, teilt fragwürdige Beiträge, hetzt gegen alles, was nach linker Politik riecht, und tut dabei so, als sei er völlig neutral.
Kleiner Spoiler: Ist er nicht.
Vom grünen Tech-Gott zum wütenden Boomer
Es ist noch gar nicht so lange her, da war Elon Musk das Lieblingskind progressiver Tech-Fans. Tesla war der Heilige Gral der Elektro-Revolution, SpaceX das Tor zur Zukunft. Doch dann geschah etwas Mysteriöses: Musk entwickelte sich in Rekordzeit vom umweltbewussten Zukunftsvisionär zum älteren Onkel, der sich bei Familienfeiern über „diese ganzen Gender-Sachen“ aufregt.
Plötzlich sind Umweltauflagen böse, linke Politik eine Bedrohung und „woke“ Menschen der Ursprung allen Übels. Wer ihm nicht zustimmt, ist entweder „Gehirn gewaschen“ oder „nicht klug genug“. Da fragt man sich: Hat Musk einfach zu lange in seinen Teslas geschlafen, oder hat er zu oft in den Kommentarspalten der rechten Meme-Seiten gesurft?
Musk & Trump: Eine toxische Tech-Bromance
Und dann ist da noch Donald Trump.
Offiziell will Musk ja nichts mit ihm zu tun haben. „Nein, nein, ich unterstütze Trump nicht“, sagt er dann, während er gleichzeitig seine Plattform mit Trump-nahen Stimmen flutet, rechte Narrative befeuert und die Demokraten als den Untergang der Zivilisation darstellt. Wer ihm das abkauft, glaubt wahrscheinlich auch, dass Teslas Autopilot wirklich „vollautonom“ fährt.
Die Wahrheit ist: Musk und Trump passen besser zusammen als gedacht. Beide sind Milliardäre mit einem Ego, das grösser ist als Texas. Beide lieben es, in sozialen Medien Chaos zu stiften. Und beide haben eine erstaunliche Fähigkeit, sich als Opfer zu inszenieren, obwohl sie absurd viel Macht haben.
Trump braucht Musk für seine Propaganda, Musk braucht Trump für seine eigene politische Spielerei. Es ist eine Zweckgemeinschaft aus Eitelkeit und Opportunismus – und das Problem ist, dass sie tatsächlich Einfluss auf die politische Realität nehmen kann.
Ein Mann mit zu viel Geld und zu wenig Selbstreflexion
Das grösste Problem mit Elon Musk ist nicht, dass er sich politisch äussert. Jeder darf eine Meinung haben – selbst Milliardäre mit einem Hang zu peinlichen Witzen. Das Problem ist, dass Musk sich für den klügsten Mann der Welt hält, aber oft nur wie der lauteste Typ im Internet wirkt, der sich durch YouTube-Videos „weitergebildet“ hat.
Ob Wirtschaft, Geopolitik oder Gesellschaft – Musk glaubt, dass er in allen Bereichen der ultimative Experte ist. Und wenn man so viel Geld hat wie er, gibt es leider genug Leute, die ihm das auch noch bestätigen. Die Konsequenz? Ein reicher Mann mit zu viel Reichweite und zu wenig Verantwortungsbewusstsein, der denkt, er müsse die Welt neu ordnen – bevorzugt so, dass es ihm am meisten nutzt.
Vielleicht sollte Elon Musk einfach wieder das tun, was er am besten kann: Raketen bauen, Autos verkaufen und uns allen hin und wieder eine skurrile Idee über implantierte Chips oder Marskolonien hinwerfen. Denn als politischer Strippenzieher ist er ungefähr so hilfreich wie ein explodierender Tesla-Akku.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.03.2025 13:52
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Donald Trump sitzt wieder im Weissen Haus. Man könnte meinen, die Welt hätte aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt – aber offenbar ist das kollektive Gedächtnis kurz, und Dummheit stirbt nie aus. Kaum zurück an der Macht, macht sich der selbstverliebte Immobilienmogul erneut lächerlich: Er will wieder Grönland kaufen. Oder übernehmen. Oder einfach mit seinem Namen branden, wer weiss das schon so genau.
Ja, es ist tatsächlich passiert. Am 5. März 2025, während die Welt mit echten Krisen beschäftigt ist, verkündet Trump mit der gleichen grossspurigen Selbstüberschätzung wie eh und je, dass er Grönland „auf die eine oder andere Weise“ unter amerikanische Kontrolle bringen will. Als hätte er in seiner ersten Amtszeit nicht genug diplomatische Brücken abgefackelt, versucht er nun, erneut ein ganzes Volk zu kaufen – und versteht nicht, warum es dankend ablehnt.
Ein Kind im Spielzeugladen
Die Grönländer reagieren diesmal nicht einmal mehr mit Überraschung, sondern nur noch mit einem genervten Augenrollen. Regierungschef Mute Egede hat es in einem einzigen Satz auf den Punkt gebracht: „Wir wollen keine Amerikaner oder Dänen sein. Wir sind Grönländer.“ Punkt. Kein Verhandlungsbedarf. Aber Trump versteht so etwas nicht. Wenn er ein „Nein“ hört, wird er trotzig. Es ist wie bei einem Kind im Spielzeugladen, das sich auf den Boden wirft, weil es nicht bekommt, was es will. Nur dass dieses Kind die Kontrolle über das mächtigste Land der Welt hat und niemand mutig genug ist, es zur Vernunft zu bringen.
Man kann sich den Monolog im Oval Office lebhaft vorstellen: „Es ist lächerlich! Jeder will zu Amerika gehören. Grönland will das auch, sie wissen es nur noch nicht. Wir haben das beste Eis, das grösste Eis! Und das wird bald Trump-Eis sein!“ In seinem aufgeblähten Ego-Universum existiert kein Gedanke daran, dass Grönland tatsächlich einfach zufrieden sein könnte, so wie es ist.
Realitätsverlust als Regierungsstil
Dass sich Trump weiterhin an diese absurde Idee klammert, zeigt vor allem eines: Er lebt in einer Fantasiewelt. Während Europa mit Krieg und Krisen kämpft, während die USA mit wirtschaftlichen Herausforderungen ringen, während sich der Klimawandel vor aller Augen entfaltet, konzentriert sich Trump darauf, ein Land zu kaufen, das ihn nicht will.
Er stellt sich vermutlich schon ein Luxushotel mitten in der Arktis vor. „Trump Glacier Resort – das kälteste, aber heisseste Hotel der Welt!“ Vielleicht denkt er sogar daran, die schmelzenden Eisberge als Marktlücke zu nutzen: „Wir werden das beste, reinste, wunderschönste Wasser in Flaschen verkaufen. Trump Ice! Glaubt mir, es wird fantastisch!“ Dass seine Umweltpolitik in seiner ersten Amtszeit wesentlich dazu beigetragen hat, dass diese Eisberge überhaupt schmelzen, interessiert ihn natürlich nicht.
Während Trump in seinem Büro wütet und seine Berater verzweifelt versuchen, ihm die geopolitische Realität zu erklären, lehnt sich Grönland entspannt zurück. Denn egal, wie oft Trump mit diesem Unsinn ankommt – er hat keine echte Chance. Dänemark, das sich schon 2019 über seine absurde Kaufofferte lustig gemacht hat, wird sicher nicht plötzlich seine Meinung ändern und ihm den Schlüssel zu Grönland in die Hand drücken. Und die Grönländer selbst? Sie haben schon damals und werden auch heute nicht mit sich handeln lassen. Die Zeit, in der ein grössenwahnsinniger Amerikaner mit ein paar Dollar-Bündeln durch die Welt ziehen und Länder kaufen konnte, ist lange vorbei – nur hat es Trump noch nicht begriffen.
Aber natürlich wäre er nicht Trump, wenn er nicht beleidigt reagieren würde. Wenn er schon nicht Grönland haben kann, dann soll wenigstens Dänemark dafür büssen. Also droht er, schnaubt, wettert gegen die dänische Regierung. Vielleicht überlegt er sich Wirtschaftssanktionen, vielleicht zieht er ein paar US-Truppen aus der Region ab, vielleicht schickt er einfach wütende Tweets ins Internet, die so grammatikalisch fragwürdig sind, dass selbst seine eigenen Berater nicht mehr wissen, was er eigentlich sagen will.
Doch was genau will er denn mit Grönland? Glaubt er wirklich, er könnte einfach ein paar Dollar-Scheine auf den Tisch legen und das rohstoffreiche Gebiet wie ein heruntergekommenes Casino in Atlantic City übernehmen? Sieht er sich als den neuen Eroberer der Arktis, als den Mann, der die Weltkarte nach seinen Geschäftsinteressen umzeichnet? Oder geht es ihm einfach darum, wieder einmal von seiner eigenen Inkompetenz abzulenken?
Wie lange kann das noch gut gehen?
Die grössere Frage ist aber: Wenn Trump wirklich glaubt, dass er Grönland kaufen oder übernehmen kann, was glaubt er dann noch? Wird er eines Tages Alaska an Russland verkaufen, weil er es für ein „schlechtes Geschäft“ hält? Wird er Kanada als „Nordamerika 2.0“ einverleiben wollen? Und wie lange schaut die Welt diesem Wahnsinn noch zu?
Es ist kaum ein Monat vergangen, seit dieser Mann wieder an der Macht ist, und schon beweist er, dass er nichts dazugelernt hat. Wir können uns also auf vier weitere Jahre voller Eskalationen, Beleidigungen und Peinlichkeiten gefasst machen. Aber zumindest Grönland kann sich entspannt zurücklehnen. Dänemark auch. Der Rest der Welt? Der sollte sich besser anschnallen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.03.2025 07:15
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Man könnte meinen, man sei in einem absurden Theaterstück gelandet. Auf der Bühne: Sepp Blatter, fast 89 Jahre alt, der sich kämpferisch gibt, als wäre er der tragische Held eines Dramas, und Michel Platini, sein ehemaliger Berater, der mit ihm in die Geschichte der Fussball-Skandale eingegangen ist. In den Nebenrollen: Eine verzweifelte Bundesanwaltschaft, die sich an einen Zeitungsartikel klammert, und eine Fifa, die sich kurzerhand selbst aus dem Verfahren verabschiedet hat.
Erster Akt: Die verschwundene Fifa
Stellen Sie sich vor, Sie gehen zu einem Fussballspiel – und eine Mannschaft taucht einfach nicht auf. Genau das passierte am ersten Verhandlungstag, als Platinis Anwalt die entscheidende Frage stellte: „Wo ist die Fifa?“ Gute Frage! Der Weltverband, der in Sachen Korruption eine lange Tradition pflegt, hatte sich vom Verfahren dispensieren lassen. Und das Gericht quittierte dieses Verhalten mit einer juristischen Roten Karte: Fifa, raus!
Zweiter Akt: Die Verzweiflung der Anklage
Ohne den Weltverband als Nebenklägerin wird es für die Bundesanwaltschaft nicht einfacher. Und wie reagiert sie? Indem sie einen Journalisten als Zeugen aufrufen will! Ernsthaft? Man fragt sich, ob die Ermittler in ihrer Verzweiflung nicht demnächst Wahrsager oder Kaffeesatzleser aufbieten. Wenn die Strafverfolgung auf Zeitungsartikel angewiesen ist, kann sie das nächste Mal vielleicht gleich einen Wikipedia-Eintrag als Beweismittel einreichen.
Dritter Akt: Blatters Moralpredigt
Doch der eigentliche Höhepunkt war – wie könnte es anders sein – Sepp Blatter höchstpersönlich. Der Mann, der jahrzehntelang mit Millionen jonglierte, erklärt dem Gericht: „Wir nehmen nur Geld an, das wir verdient haben. Wir bezahlen unsere Schulden und Steuern. Und wir sind fleissig.“ Ein Spruch, den ihm seine Eltern angeblich mitgegeben haben. Schön wär’s, wenn sich der Sohnemann auch daran gehalten hätte. Aber vielleicht glaubt Blatter ja wirklich, dass sein Kontoauszug und ein Märchenbuch identische Inhalte haben.
Finale: Ein Urteil mit Ansage?
Das Urteil kommt am 25. März. Die Fifa kann nicht mehr Berufung einlegen, der Druck auf Blatter und Platini ist geringer. Und wenn alles läuft wie vor zweieinhalb Jahren, gehen die beiden wieder als (juristisch) Unschuldige nach Hause – mit einem Lächeln, das sagt: War doch alles nur ein Missverständnis.
Die Moral von der Geschichte? Es gibt keine. Nur das Gefühl, dass sich im Fussballzirkus nichts ändert: Die einen spielen, die anderen zahlen – und manche lachen zuletzt.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.03.2025 08:02
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Man kennt das ja: Man liest eine Zeitung, hört Radio oder schaut die Tagesschau – und plötzlich wird man mit einer völlig absurden Idee konfrontiert. Nein, nicht vom Journalisten, sondern vom Kollegen am Stammtisch oder im Kommentarbereich auf Facebook. „Die Medien sind gesteuert! Die berichten nicht objektiv! Alles Mainstream-Propaganda!“
Ah, natürlich! Eine weltumspannende Verschwörung der Journalistinnen und Journalisten, die sich jeden Morgen im dunklen Keller eines Medienimperiums treffen, um gemeinsam auszutüfteln, wie sie das Volk heute wieder belügen können. Mit Kerzenlicht und geheimen Handschlägen, versteht sich. Und natürlich – wer hat’s erfunden? Die Regierung! Oder war’s Bill Gates? Oder gar die Echsenmenschen aus der Hohlerde?
Die geheime Elite der Mainstream-Medien
Man stelle sich das einmal vor: Zehntausende Journalistinnen und Journalisten auf der ganzen Welt, von Zürich über London bis New York, arbeiten Tag und Nacht zusammen, um eine gigantische Täuschung aufrechtzuerhalten. Keiner von ihnen hat je einen Fehler gemacht, keiner ist je ausgeschert, niemand hat je ein schlechtes Gewissen bekommen und die Wahrheit ausgeplaudert.
Das ist bemerkenswert – besonders, wenn man bedenkt, dass die meisten Redaktionen nicht einmal in der Lage sind, ihre Kaffeemaschine am Laufen zu halten oder eine Teamsitzung ohne Chaos über die Bühne zu bringen. Aber wenn es darum geht, eine perfekte, globale Manipulation durchzuziehen? Kein Problem!
Und die Drahtzieher dahinter? Natürlich die „Mächtigen“ – eine kleine Gruppe im Hintergrund, die alles kontrolliert. Und diese Mächtigen sind so schlau, dass sie alle grossen Medienhäuser steuern, aber gleichzeitig so dumm, dass sie zulassen, dass Hans-Ueli aus dem Oberaargau sie mit einem Facebook-Post entlarvt. „Lügenpresse“!
Objektiv ist, wer mir zustimmt
Der Vorwurf der „voreingenommenen Medien“ kommt interessanterweise meist von Leuten, die selber nur Quellen lesen, die genau das schreiben, was sie ohnehin schon denken. „Die Medien sind nicht objektiv!“ heisst oft übersetzt: „Sie schreiben nicht das, was ich hören will!“
Wer etwa glaubt, Corona sei nur eine harmlose Grippe gewesen, will das auch so in der Zeitung lesen. Steht da aber, dass es doch eine ziemlich ernste Sache war, dann ist das kein Journalismus mehr, sondern Manipulation.
Gleiches gilt für Klimawandel, Kriege oder sonstige ungemütliche Themen. Wenn’s nicht ins eigene Weltbild passt, ist es „Lügenpresse“. Und wer recherchiert, Quellen prüft und Fachleute befragt, ist kein Journalist, sondern ein willfähriger Handlanger der „Eliten“.
Aber wehe, eine Zeitung schreibt einmal genau das, was der Verschwörungsfreund hören will – dann wird sie mit Lob überschüttet: „Endlich mal ehrlicher Journalismus!“ Einmal zufällig die richtige Meinung getroffen, und schon sind aus den Systemknechten mutige Wahrheitssucher geworden.
Wenn nur die richtige Wahrheit zählt
Die Ironie ist ja: Während „die Medien“ vorgeworfen wird, einseitig zu berichten, wird von den selbsternannten Wahrheitssuchern genau das gefordert. Denn objektiv ist nur, wer genau ihre Sichtweise übernimmt. Alles andere ist manipuliert, gekauft oder vom „Deep State“ gesteuert.
Das ist ein bisschen so, als würde man in ein Restaurant gehen, ein Steak bestellen, aber einen Salat serviert bekommen. Und anstatt einfach zu sagen: „Das passt mir nicht“, ruft man sofort: „Das ist eine Verschwörung der Vegetarier-Lobby!“
Denn was ist wahrscheinlicher?
a) Alle grossen Medien der Welt haben sich zusammengeschlossen, um eine gigantische Täuschung zu verbreiten?
b) Eine Gruppe von Leuten ist einfach nicht damit einverstanden, was in der Zeitung steht?
Die Echokammer der Medienkritiker
Was besonders schön ist: Viele dieser „Medienkritiker“ vertrauen selbst völlig unkritisch den dubiosesten Quellen. Kaum schreibt eine unbekannte Website mit einer URL wie „wahrheit24.ru“, dass die Regierung heimlich Mikrochips in Brot einbackt, wird das sofort geglaubt.
Wer dagegen mühsam recherchiert, Fakten prüft, Expertinnen und Experten befragt? Der steckt natürlich mit den Mächtigen unter einer Decke.
Und so bleibt am Ende eine einfache Regel: Journalismus informiert, gefällt aber nicht immer allen. Und wenn die eigene Wahrheit nur aus Quellen stammt, die nie widersprechen, dann ist man vielleicht nicht der grosse Aufklärer, sondern einfach nur ein sehr zufriedener Kunde der eigenen Echokammer.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.03.2025 00:59
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Es gibt Momente, in denen sich die wahre Natur eines Politikers offenbart. Der Eklat zwischen Donald Trump und Wolodimir Selenski im Weissen Haus war ein solcher Moment. Hier stand ein Mann, dessen Land seit Jahren unter Bombenhagel und Terror leidet, einem anderen gegenüber, der sich vor allem für sein eigenes Ego und seinen politischen Vorteil interessiert. Trumps Verhalten war nicht nur unsouverän – es war eine Demonstration jener Rücksichtslosigkeit, die sich heute in weiten Teilen der Weltpolitik breitmacht.
Zynismus statt Diplomatie
Die Szene ist bezeichnend: Trump, sekundiert von seinem Vizepräsidenten J. D. Vance, keift Selenski an, weil dieser Sicherheitsgarantien einfordert. Die Botschaft ist klar: Die Ukraine soll dankbar sein, nicht fordern. Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine Haltung der Arroganz und des Zynismus, wie sie sich in der internationalen Politik immer weiter verbreitet. Anstatt die eigene Verantwortung als Führungsmacht wahrzunehmen, spielt sich die US-Regierung als gönnerhafter Patriarch auf, der Gnade gewährt, aber keine Diskussionen duldet.
Noch beunruhigender ist Trumps Gleichgültigkeit gegenüber Putins Expansionspolitik. Wenn der US-Präsident mehr Sympathien für einen Kriegsverbrecher als für einen Verbündeten hat, wirft das ernsthafte Fragen auf. Wie kann jemand, der sich als Verteidiger der westlichen Werte inszeniert, gleichzeitig denjenigen hofieren, der diese Werte mit Füssen tritt?
Die Verlockung der Täter-Opfer-Umkehr
Es ist eine alte Strategie: Wer sich mit einem Problem nicht auseinandersetzen will, kehrt die Rollen von Täter und Opfer um. Im Fall der Ukraine wird plötzlich nicht mehr Russland als Aggressor gesehen, sondern Kiew als undankbarer Bittsteller. Die Korruption in der Ukraine wird als Argument gegen weitere Unterstützung herangezogen – als ob Korruption in einem Land ein legitimer Grund wäre, es einem übermächtigen Feind auszuliefern.
Diese Argumentationsweise erinnert an die moralischen Verwerfungen, die Klaus Mann bereits in den 1930er-Jahren anprangerte. Auch damals gab es jene, die sich in Ausreden flüchteten, die Hitler kleinredeten oder ihn gar als Gegengewicht zu den «westlichen Kriegstreibern» sahen. Heute erleben wir eine ähnliche Relativierung: Man verweist auf westliche Fehler, um die Verbrechen Putins zu entschuldigen, und verharmlost einen brutalen Angriffskrieg als eine Art geopolitisches Schachspiel.
Die falsche Neutralität
Die heutige Weltordnung steht an einem gefährlichen Punkt. Der Westen, erschöpft von Kriegen und Krisen, verliert seine moralische Klarheit. Besonders in Europa ist eine Haltung weit verbreitet, die unter dem Deckmantel der Neutralität letztlich in Gleichgültigkeit mündet. Man spricht von «Friedensverhandlungen», während eine Seite mit Bomben und Raketen Tatsachen schafft. Man redet über «Provokationen des Westens», während Russland Städte in Schutt und Asche legt.
Diese Art der «Neutralität» ist nichts anderes als Feigheit. Sie bedeutet, sich vor der Realität zu drücken, aus Angst, Position zu beziehen. Doch die Geschichte zeigt: Wer in entscheidenden Momenten zögert, zahlt später den höchsten Preis.
Die Lehren der Geschichte
Es ist bequem, in der Gegenwart den moralischen Nebel zu akzeptieren. Doch die Zukunft wird schonungslos urteilen. So wie man sich heute über die westliche Naivität gegenüber Hitler wundert, wird man sich eines Tages fragen, warum so viele die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.
Die Ukraine mag nicht perfekt sein, doch sie verteidigt das Grundlegendste: das Recht, als Nation in Frieden zu leben. Wer das relativiert, spielt jenen in die Hände, die die Welt in Chaos und Gewalt stürzen wollen.
Trump, Vance und all jene, die heute mit der Geschichte spielen, sollten sich eines bewusst machen: Die Arroganz der Macht ist trügerisch. Sie mag kurzfristig Siege bringen, doch am Ende wird sie sich gegen jene wenden, die glaubten, sich alles erlauben zu können.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.03.2025 12:30
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Bern, die Hauptstadt der Schweiz, einst bekannt für gemütliche Langsamkeit, feinen Schokolade-Duft und politische Präzision, gleicht derzeit eher einer Folge von House of Cards – allerdings mit weniger Charisma und mehr Verwirrung. Da fliegen die Fetzen, da werden Anwälte beauftragt, da werden gegenseitige Schuldzuweisungen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks verteilt.
Was ist passiert? Nun, der Chef der Armee, der Chef des Nachrichtendienstes und die Verteidigungsministerin selbst haben sich verabschiedet. Normalerweise wäre das ein Grund zur Sorge – schliesslich ist Europa nicht gerade ein friedliches Pflaster. Aber nein, in Bern wird nicht über Strategien und Lösungen diskutiert, sondern über die wichtigste aller Fragen: Wer hat es zuerst verraten?
Ein Leck! Ein Skandal! Wer hat gepetzt? Und warum? Und vor allem: Kann man den Schuldigen verklagen, feuern oder wenigstens ordentlich zur Schnecke machen? Man könnte fast meinen, es handle sich um einen Krimi mit geheimen Informanten, dunklen Machenschaften und einer undichten Stelle in einem vermeintlich unerschütterlichen System. Doch das hier ist kein Thriller – das ist Bundesbern im Jahr 2025.
Besonders amüsant ist ja, dass sich der Streit um Informationslecks dreht, während Informationen weiterhin fröhlich aus allen möglichen Richtungen durchsickern. Offiziere wussten Bescheid, Politiker wussten Bescheid, Journalisten wussten Bescheid – wahrscheinlich wusste selbst der nette Herr an der Kaffeebar im Bundeshaus Bescheid, bevor der Gesamtbundesrat informiert wurde. Wer braucht noch Geheimdienste, wenn alles auf offener Bühne ausgetragen wird?
Und als wäre das alles nicht schon absurd genug, engagiert das Verteidigungsdepartement nun einen Anwalt. Gegen die Presse? Gegen das eigene Haus? Gegen das Internet, weil Informationen halt manchmal die blöde Angewohnheit haben, sich zu verbreiten? Währenddessen fordert die FDP eine öffentliche Entschuldigung – vermutlich auch in dreifacher Ausführung, beglaubigt und mit Briefmarke.
Aber wer braucht in Zeiten globaler Unsicherheiten schon eine funktionierende Sicherheitsstrategie, wenn man sich mit wesentlich wichtigeren Dingen beschäftigen kann? Zum Beispiel mit der Frage, ob die Finanzministerin die Verteidigungsministerin mag oder nicht. Oder mit der Kunst, Informationen so lange geheim zu halten, bis sich wirklich niemand mehr dafür interessiert.
Am Ende bleibt nur eine Erkenntnis: Das wahre Problem ist nicht das Leck, sondern die Löcher im politischen Selbstverständnis. Vielleicht sollte sich die Landesregierung einfach eine grosse Rolle Klebeband besorgen – nicht für die Leaks, sondern für die Nerven. Denn die liegen in Bern gerade wirklich blank.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 26.02.2025 22:04
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Als Stefan Raab am 14. September 2024 in den Ring stieg und sich zum erneuten Boxkampf gegen Regina Halmich stellte, war das für viele nicht mehr als ein weiterer trauriger Versuch, in der Unterhaltungsszene relevant zu bleiben. Hätte es das gebraucht? Wohl kaum. Raab, der einst als König des deutschen Fernsehens galt, scheint mittlerweile eher ein Schatten seiner selbst zu sein – ein Relikt einer Zeit, die längst vergangen ist. Doch was folgte auf den Boxkampf? Ein unerwartetes Comeback in Form einer neuen wöchentlichen Sendung auf RTL+, die ab Februar 2025 nun auch im Free-TV auf RTL läuft. Hinzu kommt seine Beteiligung am ESC-Vorentscheid, wo er als Juror die Auswahl der deutschen Vertreter für den Eurovision Song Contest leitet. Doch die Frage bleibt: Wollen wir wirklich noch mehr von diesem Mann, der schon lange nicht mehr das scharfsinnige, unterhaltsame Genie ist, das er einst zu sein schien?
Seit September 2024 ist Raab mit einer neuen wöchentlichen Sendung auf RTL+ am Start, die mittlerweile auch im Free-TV auf RTL ausgestrahlt wird. Dabei hat er sich ein Format geschaffen, das genau an jene Nostalgie anknüpft, die ihn so populär gemacht hat. Und ja, er schafft es tatsächlich, seine alte, provokante Art wieder aufleben zu lassen – nur dass der Humor heute nicht mehr so funktioniert wie damals. Viele seiner Witze wirken altbacken, oft einfach nur plump und aus der Zeit gefallen. In der heutigen Medienlandschaft, die sich zunehmend mehr für politisch korrekte und respektvolle Unterhaltung einsetzt, wirkt Raab oft wie der Dinosaurier, der nicht merkt, dass er längst ausgestorben ist.
Natürlich gab es immer schon Fans, die Raabs Humor schätzten – den derbe frechen, ironischen Umgang mit seinen Gästen, die ungenierten Sprüche und den Mut, mit allem und jedem zu spielen. Doch der Humor, der in den 2000ern noch als erfrischend und mutig galt, ist heute nicht mehr mehrheitsfähig. In einer Welt, die zunehmend auf gesellschaftliche Verantwortung und respektvollen Umgang achtet, wirkt der Raab von heute mehr wie ein Relikt aus einer Zeit, in der Diskriminierung noch als „locker“ und „frech“ galt. Ja, er hat sich weiterentwickelt, aber die Weiterentwicklung kommt zu spät. Statt den Sprung in die neue Zeit zu wagen, bleibt Raab zu oft in seinen alten Mustern hängen, die nicht mehr wirklich zeitgemäss sind. Da hilft es wenig, dass er sich jetzt als Juror beim ESC zeigt – eine Rolle, die nicht zu ihm passt und die ihn nicht gerade in einem besseren Licht erscheinen lässt.
Seit Februar 2025 ist Raab des Weiteren erneut am deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contest beteiligt, und zwar als leitender Juror in der Show „Chefsache ESC 2025 – Wer singt für Deutschland?“. In dieser Rolle agiert er zusammen mit Yvonne Catterfeld, Elton und wechselnden Gastjuroren wie Max Mutzke, Johannes Oerding und Max Giesinger. Die Auswahl der ESC-Teilnehmer ist in gewisser Weise seine Rückkehr zu den musikalischen Anfängen, als er noch in der Musikszene ein gewisses Gewicht hatte. Doch hier bleibt der Eindruck, dass Raab in dieser Funktion nicht mehr wirklich glänzt. Statt als kreativer Kopf, der neue Talente fördert, wirkt er oft wie ein Relikt aus der Vergangenheit, das sich an den Erfolgen vergangener Tage klammert. Während andere Juroren frischen Wind in die Auswahl bringen, bleibt Raab der ewige Zyniker, der das grosse Ganze gerne in Frage stellt, ohne wirklich konstruktiv zu werden. Die Sendung wird von vielen eher als ein nostalgisches Spielzeug von Raab selbst wahrgenommen, als als ein ernsthafter Beitrag zur Musiklandschaft.
Doch ist es wirklich so schlimm, dass er wieder auf die grosse Bühne zurückkehrt? Einige mögen sagen: „Ja, er ist ein Entertainer, und solche Leute hat das Fernsehen nun mal gebraucht.“ Aber ist er das noch? Der Mann, der einst in „TV total“ für Chaos und Comedy sorgte, hat sich längst überlebt. Seine Scherze wirken zunehmend einfallslos, seine Sprüche wirken abgestanden. Seine Rückkehr zu „altbewährten“ Formaten mag zwar Quoten bringen, aber sie ist nicht mehr die aufregende, frische Brise, die das Fernsehen von ihm einst erwartete. Er hat den Charme des Unberechenbaren verloren und damit auch einen wesentlichen Teil seines ursprünglichen Erfolges.
Es gibt viele, die argumentieren, dass er sich mit seiner neuen Sendung und seiner Rolle im ESC-Vorentscheid wieder beweisen kann. Doch das ist eine Illusion. Denn Raab hat sich über die Jahre hinweg nicht wirklich verändert – und das merkt man. In einer Zeit, in der sich das Medien- und Unterhaltungsgeschäft ständig weiterentwickelt, bleibt Raab ein Mann der Vergangenheit, der nicht zu merken scheint, dass seine Zeit längst vorbei ist. Wo andere Prominente ihre Fehler einsehen und sich neu erfinden, bleibt Raab in den alten Mustern verhaftet. Er ist der Entertainer, der immer noch glaubt, dass er mit ein paar Sprüchen und einem bisschen Chaos den Erfolg zurückerobern kann. Dabei sind es genau diese Sprüche, die heutzutage mehr und mehr als unpassend und plump wahrgenommen werden.
Warum kann er nicht erkennen, dass der Humor der Vergangenheit nicht mehr die Aufmerksamkeit bekommt, die er früher hatte? Die Zeiten, in denen die Leute sich über einen Spruch wie „Schnecke“ oder die unzähligen Anspielungen auf Äusserlichkeiten amüsierten, sind endgültig vorbei. Der moderne Zuschauer erwartet mehr: mehr Substanz, mehr Respekt und vor allem mehr Sensibilität. Leider bleibt Raab bei vielen seiner alten, teilweise frauenfeindlichen Witze stecken, die selbst in der Unterhaltung heute einfach unangebracht sind.
Fazit: Raab – der letzte Versuch, sich zu beweisen
Es tut mir leid, aber ich kann nicht an Raabs Comeback glauben. Ja, er hat seinen Platz in der Fernsehgeschichte – aber heute ist er eher ein Relikt als eine innovative Kraft. Ein Mann, der sich immer noch als der unerschrockene, freche Entertainer sieht, der keine Grenzen kennt. Doch der Markt hat sich geändert, das Publikum auch, und Raab ist dabei, den Anschluss zu verlieren. Seine Rückkehr mag in gewisser Weise Nostalgie beflügeln, aber sie zeigt vor allem eines: Raab hat nicht wirklich verstanden, dass es mehr braucht als ein paar alte Sprüche und eine Sendung, die wie ein wiederbelebter Zombie wirkt. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sich ganz aus dem Fernsehen zurückgezogen und sich den Blick auf die Vergangenheit erspart. Denn der Stefan Raab von heute ist ein Schatten seiner selbst – und er wird nie wieder der werden, der er einmal war.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 25.02.2025 19:30
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Es gibt Apotheken, die sich strikt an die Vorschriften halten. Und dann gibt es die Toppharm-Apotheke Paradeplatz in Zürich, die ihren zahlungskräftigen Stammkunden offenbar das gewisse Extra bot – eine Art VIP-Service für Bedürftige. Bedürftig nicht etwa im Sinne von kranken Menschen, sondern eher in der Kategorie stehvermögensbedürftig.
Lorenz Schmid, seines Zeichens nicht nur Apotheker, sondern auch Präsident des Zürcher Apothekerverbands und Vorstandsmitglied von Pharmasuisse, hat sich mit seinem Medikamentenimport tief ins Herz seiner Kundschaft gespielt. Über Jahre hinweg organisierte er für treue Kunden Nachschub an Cialis und Tadalafil – und weil er schon dabei war, auch gleich noch Melatonin und DHEA. Letzteres hilft laut Swissmedic bei Vaginalerkrankungen, was für eine besonders fürsorgliche Rundumversorgung spricht.
Natürlich war das alles nicht legal. Aber seien wir ehrlich: Wer an einer der teuersten Adressen der Schweiz eine Apotheke betreibt, will nicht einfach nur Hustensirup verkaufen. Der Mann hat mitgedacht! Wenn ein gestresster Banker nach einem harten Tag an den Finanzmärkten nach Hause kommt, will er nicht erst zum Arzt rennen, um sich ein Rezept zu besorgen. Nein, er will, dass seine Apotheke des Vertrauens diskret liefert, was es für ein erfülltes Leben braucht.
Blöde nur, dass Swissmedic da anderer Meinung ist. Die Heilmittelbehörde hat festgestellt, dass Schmid nicht einfach „kleine Mengen“ für den Notfall eingeführt hat, sondern regelmässig Pakete geschnürt hat – sozusagen ein Medikamenten-Abo für Stammkunden. Besonders charmant: In mindestens einem Fall liess er sich die Pillen an die Adresse seines Sohnes schicken. Familienbetrieb, eben.
Schmid selbst spricht von einem „Verfahrensfehler“. Natürlich. Wer kennt das nicht? Man will eigentlich nur ein paar Medikamente importieren, übersieht aber versehentlich die Kleinigkeit, dass es keine Zulassung gibt. Kann passieren. Dass er trotzdem die Strafverfügung akzeptiert hat, liegt sicher nicht daran, dass seine Argumentation wenig überzeugend war – nein, er wollte einfach nicht „mehrere Jahre prozessieren“. Sehr grosszügig.
Die Geldstrafe von insgesamt 63.000 Franken wird er wohl aus der Portokasse bezahlen. Viel spannender ist die Frage, ob er weiterhin als Vorstandsmitglied von Pharmasuisse über Ethik und Regularien der Branche mitentscheiden darf. Die Organisation wusste bisher angeblich nichts von der ganzen Sache – was ein bisschen überrascht, wenn man bedenkt, dass Swissmedic ihn schon seit 2016 auf dem Radar hatte.
Wie auch immer es ausgeht: Die Kunden der Toppharm-Apotheke müssen sich wohl bald wieder selbst um ihre Erektionshilfe kümmern. Und ob sich Herr Schmid demnächst beruflich neu orientieren muss, wird sich zeigen. Vielleicht gibt es ja im Schwarzmarktgeschäft für Potenzmittel noch eine freie Stelle.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 25.02.2025 09:04
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In zwei Wochen verlässt Viola Amherd ihr Amt als Bundesrätin, doch ihr Vermächtnis im Verteidigungsdepartement (VBS) wird von einem handfesten Skandal überschattet. Die neuesten Enthüllungen der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) zeigen: Das VBS wusste seit 2019 von Korruptionsvorwürfen rund um die Ruag – und unternahm lange Zeit nichts. Ein Walliser Manager, fragwürdige Rüstungsgeschäfte, Millionenverluste und eine weitreichende Führungsschwäche – das Systemversagen reicht von der Compliance-Abteilung über den Verwaltungsrat bis ins Bundeshaus.
Warnungen, die niemand hören wollte
Spätestens seit 2019 gab es deutliche Hinweise auf illegale Machenschaften innerhalb der Ruag. Ein Whistleblower meldete sich und wies auf dubiose Geschäfte mit Leopard-2-Panzergetrieben hin, die weit unter Marktpreis an einen Schrotthändler verkauft wurden. Doch anstatt sofort zu handeln, wurden die Hinweise ignoriert oder – noch schlimmer – gezielt abgewiegelt. Der betroffene Manager wurde lediglich um eine Stellungnahme gebeten, anstatt eine unabhängige Untersuchung einzuleiten. Wer sich mit Compliance auskennt, weiß: Das ist ein Kardinalfehler.
Es dauerte bis 2022, bis die deutsche Korruptionsstaatsanwaltschaft aktiv wurde und Hausdurchsuchungen durchführte. Plötzlich wurde der Ernst der Lage erkannt, doch der Schaden war bereits angerichtet. Millionenverluste für die Ruag – und letztlich für die Schweizer Steuerzahler. Besonders pikant: Die Ehefrau des Managers war offenbar mit einer eigenen Firma in die Geschäfte involviert.
Millionenschäden und Intransparenz
Die Berichte der EFK sind ein Schlag ins Gesicht für alle, die von einer sauberen Verwaltung ausgehen. Die finanziellen Schäden summieren sich auf hohe zweistellige Millionenbeträge. Es gibt Hinweise auf gefälschte Rechnungen, Bestechung, Betrug und möglicherweise sogar wirtschaftlichen Nachrichtendienst. Und was macht die Ruag? Sie erstattet jetzt – Jahre später – Strafanzeige gegen die eigenen (ehemaligen) Führungskräfte und prüft Haftbarmachungen.
Ein besonders dreister Fall betrifft Ersatzteile für die finnische Armee. Während offiziell von einem Deal in Höhe von drei Millionen Franken die Rede war, zeigt die EFK, dass die Teile tatsächlich 48 Millionen Euro wert gewesen wären. Der Gewinn? Wahrscheinlich auf private Konten abgeleitet, während die Ruag – und damit der Steuerzahler – leer ausgingen.
Ein Kontrollsystem, das keins war
Neben der Ruag selbst versagte auch das VBS auf ganzer Linie. Die Armee, die eigentlich ihre Bestände im Griff haben sollte, hatte keine Kontrolle darüber, was in den Lagern passierte. Die Ruag konnte sich offenbar nach Belieben bedienen und Material ohne Bewilligung verschrotten oder weiterverkaufen. Zwischen 2014 und 2023 soll es über 1000 Verschrottungen und 1300 Inventuranpassungen ohne Armee-Zustimmung gegeben haben.
Auch Armasuisse, die für die Verträge mit der Ruag zuständig ist, drückte beide Augen zu. Die Einhaltung der Verträge wurde nicht konsequent überprüft – eine Einladung für Misswirtschaft und potenzielle Korruption.
Politische Verantwortung? Fehlanzeige.
Viola Amherd war nicht die erste VBS-Chefin, die in ihrer Amtszeit mit einem Ruag-Skandal konfrontiert wurde. Auch ihre Vorgänger Ueli Maurer und Guy Parmelin waren in den Jahren der fragwürdigen Ruag-Geschäfte verantwortlich für das Departement. Doch anstatt die Zügel in die Hand zu nehmen, wurden Probleme kleingeredet oder verschleppt.
Besonders brisant: Entscheidende Gespräche zwischen Ruag und VBS liefen über informelle Kanäle – vorbei an offiziellen Gremien und Kontrollmechanismen. Damit wurde bewusst eine Kultur der Intransparenz gefördert. Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerats sieht das genauso und will nun genau hinschauen. Doch es bleibt die Frage: Warum erst jetzt?
Lernen aus der Vergangenheit? Kaum.
Die Ruag beteuert, aus den Fehlern zu lernen. Man wolle die Compliance stärken. Doch Worte und Taten klaffen weit auseinander. Während früher Zahlen zu Compliance-Meldungen veröffentlicht wurden, hat man die entsprechenden Grafiken nun von der Website entfernt. Ein klares Signal: Transparenz sieht anders aus.
Das Fazit ist bitter: Die Ruag war über Jahre hinweg eine Blackbox, in der interne Kritik ignoriert, Warnungen überhört und Millionenbeträge verschleudert wurden. Und die Politik? Sie schaute zu. Viola Amherds Abschied aus dem Bundesrat hätte ein krönender sein können – nun bleibt ein Scherbenhaufen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 23.02.2025 23:46
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Die Bundestagswahl am 23. Februar 2025 wird als eine der einschneidendsten in die deutsche Geschichte eingehen. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Wandel in der politischen Landschaft – mit dramatischen Folgen für die etablierten Parteien und einer neuen Machtverteilung im Bundestag.
Ein Rechtsruck mit Folgen
Mit 28,5 Prozent der Stimmen konnte die CDU/CSU ihre Position als stärkste Kraft zurückgewinnen. Doch das wahre Erdbeben kam mit dem Zweitplatzierten: Die AfD erreichte mit 20,5 Prozent ihr bisher bestes Ergebnis und stellt nun eine ernsthafte Herausforderung für das politische Establishment dar. Die Sozialdemokraten hingegen fuhren mit 16,5 Prozent eine historische Niederlage ein – ein Absturz, den selbst die grössten Pessimisten kaum für möglich gehalten hatten.
Die Grünen und die Linke im Abwärtsstrudel
Bündnis 90/Die Grünen mussten sich mit 11,9 Prozent begnügen – ein deutliches Zeichen, dass die Euphorie für Klimapolitik schwindet. Die Linke, die sich immer wieder mit internen Querelen und Abspaltungen herumplagte, erzielte 8,7 Prozent. Das neu gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) verfehlte mit 4,8 Prozent den Einzug in den Bundestag, was zeigt, wie tief die ideologischen Gräben auf der linken Seite inzwischen geworden sind.
Die FDP – ein Schatten ihrer selbst
Die grösste Verliererin des Abends ist jedoch die FDP. Mit 4,5 Prozent scheiterte sie an der Fünf-Prozent-Hürde und muss den bitteren Gang aus dem Bundestag antreten. Ein dramatisches Ende für eine Partei, die einst als Garant für wirtschaftlichen Pragmatismus galt.
Koalitionspoker – was nun?
Nun beginnt das politische Tauziehen. CDU-Chef Friedrich Merz steht vor der Herausforderung, eine Regierung zu bilden. Eine Zusammenarbeit mit der AfD? Für viele in der Union noch immer ein Tabu. Doch die Frage bleibt: Wie lange hält dieses Tabu noch? Alternativ bliebe eine instabile Dreier-Koalition mit den Grünen und der SPD – eine Konstellation, die inhaltlich mehr als fragil wäre.
Deutschland hat gewählt – und das Ergebnis ist ein Paukenschlag. Die politische Zukunft ist unsicherer denn je, und die kommenden Wochen werden zeigen, ob sich das Land auf einen neuen Kurs begibt oder ob sich das Establishment noch einmal zusammenraufen kann.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.02.2025 15:06
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In der Schweiz gibt es eine Figur, die polarisiert wie wenige andere: Nicolas Rimoldi. Der 27-jährige Zürcher hat sich durch sein Engagement als politische Aktivist und die Leitung von Bewegungen wie „Stopp Corona Massnahmen“ in den letzten Jahren immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit katapultiert. Doch wer ist der Mann hinter den oft scharfsinnigen Kommentaren und provokanten Aktionen? Und vor allem: Was steckt hinter seiner politischen Agenda? Handelt es sich bei Nicolas Rimoldi nur um eine Figur der Reizüberflutung, die vor allem durch Provokationen Aufmerksamkeit sucht, oder verbirgt sich hinter seinen Taten eine tiefere politische Philosophie? Ein kritischer Blick auf den Aufsteiger der Schweizer Protestszene.
Ein Aktivist mit Ecken und Kanten
Nicolas Rimoldi wurde nicht über Nacht bekannt. Er begann seine öffentliche Karriere als Blogger und YouTuber, wo er sich vor allem zu politischen Themen äusserte. Doch spätestens mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie erlebte er einen Aufschwung. Während der Lockdowns und der damit verbundenen Massnahmen warf er der Regierung vor, die Grundrechte der Bevölkerung zu missachten. In seinen Augen waren die massiven Einschränkungen nicht nur unverhältnismässig, sondern auch ein Zeichen für einen autoritären Staat, der die Kontrolle über das Leben der Bürger ausweitet.
Mit seiner Organisation „Mass-Voll“ trat Rimoldi als einer der lautesten Kritiker der Corona-Massnahmen in Erscheinung. Die Bewegung, die sich vor allem durch ihre Ablehnung der Corona-Impfung und der staatlichen Vorschriften auszeichnete, wurde zur Stimme einer breiten Protestbewegung, die sich gegen staatliche Eingriffe in das tägliche Leben wendet. Doch Rimoldi ist mehr als nur ein Corona-Kritiker. Er hat sich längst als eine zentrale Figur der Schweizer Protestszene etabliert, die auch gegen die Impfung, die Maskenpflicht und die sogenannte “Corona-Diktatur” kämpft.
Doch wer sich ein wenig intensiver mit ihm auseinandersetzt, stösst schnell auf Widersprüche. Auf der einen Seite stellt er sich als Verfechter der individuellen Freiheit dar, auf der anderen Seite betreibt er eine stark polarisierende Rhetorik, die eine tiefere Auseinandersetzung mit politischen Ideen oft vermissen lässt. Rimoldi hat den Ruf, in seinen öffentlichen Auftritten und Aussagen oft überspitzt zu sein, was es schwer macht, seine wahren Absichten zu durchschauen.
Provokation als Mittel zum Zweck?
Es gibt kaum jemanden, der die Position von Nicolas Rimoldi neutral betrachten kann. Entweder man liebt ihn als Kämpfer für Freiheit und Selbstbestimmung oder man sieht ihn als Reizfigur, die die Gesellschaft mit provokanten Äusserungen und Aktionen spaltet. Doch was steckt hinter dieser provokativen Haltung? Es scheint, als ob Rimoldi ein Meister der Inszenierung ist, der genau weiss, wie er die Medien und die öffentliche Wahrnehmung für sich nutzen kann.
Provokation ist nicht nur ein Werkzeug der Aufmerksamkeit, sondern auch eine Methode, um Diskussionen zu entfachen und Positionen klarzustellen. Und genau das scheint Rimoldi zu wollen: Er ist ein Aktivist, der sich nicht um politische Korrektheit schert, sondern bewusst polarisierende Themen anspricht, um die Debatten über Freiheit, Sicherheit und Demokratie auf die Spitze zu treiben. Es ist eine Taktik, die ihm sowohl Bewunderung als auch scharfe Kritik eingebracht hat.
Doch eine solche Strategie wirft Fragen auf: Kann man wirklich von einem Politiker oder Aktivisten sprechen, der vor allem dadurch auffällt, dass er polarisiert und provoziert? Und ist diese Art der Kommunikation geeignet, um tiefere politische und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen? Oder handelt es sich lediglich um eine Form der Selbstinszenierung, bei der der Aktivismus zu einem Selbstzweck wird?
Hinter den Schlagzeilen: Was sind die Ziele?
Hinter jeder Provokation steckt ein Ziel – oder zumindest sollte ein Ziel dahinterstehen. Was möchte Nicolas Rimoldi wirklich erreichen? Sicherlich gibt es seine klare Haltung gegen den autoritären Staat, gegen die Einschränkungen persönlicher Freiheiten und gegen eine Politik, die seiner Meinung nach zu wenig auf die Stimme des Volkes hört. Doch auch hier ist zu fragen, ob er mit seiner Haltung eine breitere politische Vision verfolgt oder ob es ihm eher um den Widerstand gegen das Establishment geht.
Zudem stellt sich die Frage, wie weit die Ziele von Rimoldi über die Ablehnung staatlicher Massnahmen hinausgehen. Ist er ein Kämpfer für eine bessere, gerechtere Gesellschaft oder ist er nur ein weiterer Lautsprecher, der gegen das politische System wettert, ohne ein konkretes Konzept für die Zukunft zu präsentieren? Wer die Diskussionen um Rimoldi verfolgt, merkt schnell, dass er oft gegen etwas ist – gegen die Regierung, gegen die Pandemie-Massnahmen, gegen die politische Elite – aber selten für etwas Neues, das den Weg in eine bessere Zukunft weist.
Dabei wäre es durchaus möglich, dass seine Beweggründe – die kritische Auseinandersetzung mit dem Staat und der politischen Klasse – durchaus legitim sind. In einer Gesellschaft, in der politische Diskurse immer mehr von einer gewissen Elitenpolitik dominiert werden, könnte man durchaus verlangen, dass mehr Menschen aufstehen und sich gegen die Einschränkung von Grundrechten und die Schaffung eines Überwachungsstaates stellen. Doch anstatt einen konstruktiven Dialog über diese Themen zu führen, bleibt Rimoldi oft in der Rolle des Widersachers, der mit seinem Aktivismus vor allem Aufmerksamkeit für sich selbst generiert.
Freiheit oder Selbstverwirklichung?
Am Ende stellt sich die Frage: Was will Nicolas Rimoldi wirklich? Ist er ein Visionär, der die Freiheit des Einzelnen verteidigt, oder ist er schlichtweg ein Provokateur, dessen Handeln mehr von der Selbstverwirklichung als von der politischen Veränderung getrieben wird? Vielleicht ist es eine Mischung aus beidem. Vielleicht steckt in seiner politischen Haltung ein Funken Wahrheit, der allerdings in der hitzigen Auseinandersetzung und den polarisierenden Rhetoriken verloren geht.
Es ist leicht, einen Aktivisten wie Nicolas Rimoldi zu verurteilen oder zu bewundern, je nachdem, aus welcher politischen Richtung man kommt. Doch eine kritische Auseinandersetzung mit ihm sollte nicht in einfachen Kategorien wie „gut“ oder „schlecht“ denken. Vielmehr ist es wichtig, zu fragen, ob seine Form des Aktivismus eine nachhaltige Wirkung hat oder ob er nicht vielmehr eine Gesellschaft spaltet, die dringend auf Lösungen und Konsens angewiesen ist.
In jedem Fall bleibt Nicolas Rimoldi ein spannendes, vielleicht auch ein wenig erschreckendes Phänomen in der Schweizer Politik. Ein Mann, der mit seinen Provokationen die Öffentlichkeit spaltet – und das nicht nur, um zu provozieren, sondern um die Frage nach der richtigen Balance zwischen Freiheit und Sicherheit, zwischen Widerstand und Zusammenarbeit immer wieder neu zu stellen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.02.2025 14:07
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Die FIFA, der Weltfussballverband mit Sitz in Zürich, sorgt seit Jahrzehnten für Schlagzeilen – und leider oft nicht im positiven Sinne. Korruptionsvorwürfe, undurchsichtige Vergabeverfahren und fragwürdige politische Allianzen haben das Image des Verbandes schwer beschädigt. Spätestens seit der Ära Sepp Blatter ist die FIFA für viele ein Synonym für Vetternwirtschaft und Skandale. Doch hat sich unter dem aktuellen Präsidenten Gianni Infantino etwas geändert? Oder ist die FIFA weiterhin ein Konstrukt, das sich selbst am Leben erhält, während es sich immer tiefer in moralische und ethische Abgründe verstrickt?
Infantinos Aufstieg: Vom Reformer zum Strippenzieher
Gianni Infantino übernahm 2016 das Amt des FIFA-Präsidenten mit dem Versprechen, den Verband transparenter und ehrlicher zu gestalten. Sein Vorgänger Sepp Blatter war nach einem Korruptionsskandal gestürzt, und Infantino inszenierte sich als Reformer, der mit alten Mustern brechen wollte. Doch schnell wurde klar, dass auch er nicht davor zurückschreckte, das bestehende System für seine eigenen Zwecke zu nutzen.
Infantino baute seine Macht innerhalb der FIFA gezielt aus. Er änderte die interne Struktur, um mehr Kontrolle über den Verband zu erlangen, und setzte Vertraute in Schlüsselpositionen. Während er öffentlich Transparenz predigte, wurden hinter den Kulissen dubiose Deals abgeschlossen. Besonders auffällig war sein intensiver Kontakt zur Schweizer Justiz, die verschiedene Korruptionsfälle rund um die FIFA untersuchte. Mehrmals traf er sich mit Michael Lauber, dem damaligen Bundesanwalt der Schweiz – ohne offizielle Protokolle und unter fragwürdigen Umständen. Diese Treffen führten schliesslich dazu, dass Lauber zurücktreten musste, doch Infantino selbst blieb unbehelligt.
Die WM-Vergaben: Ein korrupter Sumpf?
Die Vergabe der Weltmeisterschaften war schon immer eine der grössten Angriffsflächen für Korruptionsvorwürfe gegen die FIFA. Die Skandale rund um die WM 2018 in Russland und vor allem die WM 2022 in Katar sorgten für weltweite Empörung. Menschenrechtsverletzungen, die unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter und die klimatischen Bedingungen in Katar liessen Zweifel an der moralischen Integrität der Entscheidung aufkommen.
Infantino verteidigte die Vergabe an Katar vehement und betonte die angeblichen positiven Veränderungen im Land. Gleichzeitig scheute er sich nicht davor, sich mit autokratischen Regimen gutzustellen, um seine Macht weiter abzusichern. Die enge Verbindung der FIFA zu autoritären Staaten hat unter seiner Führung sogar noch zugenommen.
Die Geldmaschine FIFA
Die FIFA ist ein milliardenschweres Unternehmen, das sich vor allem durch Fernsehrechte, Sponsorenverträge und die Vermarktung der Weltmeisterschaft finanziert. Unter Infantino wurde das Geschäftsmodell weiter ausgebaut, und es entstanden noch mehr Möglichkeiten, mit dem Fussball immense Summen zu verdienen. Besonders umstritten war seine Idee, die WM alle zwei Jahre statt alle vier Jahre auszutragen – ein Vorschlag, der sowohl bei Spielern als auch bei Verbänden auf Widerstand stiess. Die UEFA und CONMEBOL lehnten das Vorhaben ab, doch in anderen Teilen der Welt fand Infantino Unterstützung. Er versuchte, sich die Stimmen kleinerer Verbände zu sichern, indem er finanzielle Anreize schuf – eine Taktik, die schon sein Vorgänger Blatter perfektioniert hatte.
Auch das neue Klub-WM-Format zeigt, wohin die Reise geht: Mehr Spiele, mehr Einnahmen, mehr Macht für die FIFA. Die Vereine und Spieler werden immer mehr belastet, während die FIFA weiter ihre Kassen füllt. Doch wer profitiert wirklich von diesem Geld? Die grossen Fussballnationen? Die kleinen Verbände? Oder doch nur eine kleine Elite an der Spitze des Systems?
Korruption: Ein unlösbares Problem?
Seit Jahrzehnten begleitet Korruption die FIFA. Immer wieder gibt es Enthüllungen über Schmiergeldzahlungen, Wahlmanipulationen und persönliche Bereicherung. Selbst nach den grossen Skandalen von 2015, die das US-Justizministerium aufdeckte, hat sich wenig geändert. Infantino mag sich als Saubermann präsentieren, doch seine Amtsführung zeigt, dass er kaum Interesse daran hat, das System grundlegend zu reformieren.
Ein entscheidendes Problem ist, dass die FIFA eine fast unangreifbare Organisation ist. Sie agiert international, entzieht sich nationalen Gesetzen weitgehend und hat ihre eigene Gerichtsbarkeit. Die internen Ethik-Kommissionen und Compliance-Abteilungen sind oft zahnlose Papiertiger, die nur dann aktiv werden, wenn es politisch opportun ist.
Fazit: Ist die FIFA noch tragbar?
Die FIFA hat sich über die Jahrzehnte zu einer Organisation entwickelt, die fast unantastbar scheint. Infantino steht an der Spitze eines Systems, das sich selbst schützt und erhält. Wer einmal in den Machtstrukturen der FIFA angekommen ist, hat wenig Anreiz, sie grundlegend zu verändern. Stattdessen werden Kritiker mundtot gemacht, und Reformversuche bleiben oberflächlich.
Ist die FIFA also noch tragbar? Für den internationalen Fussball bleibt sie nach wie vor unverzichtbar, da sie die wichtigsten Turniere organisiert. Doch moralisch hat sie längst ihren Kredit verspielt. Der Weltfussballverband müsste von Grund auf reformiert werden – doch solange Leute wie Gianni Infantino an der Spitze stehen, scheint das eine Illusion zu bleiben.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 19.02.2025 00:21
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Elon Musk hat sich in den letzten Jahren von einem disruptiven Unternehmer zu einem einflussreichen politischen Akteur gewandelt. Was einst als exzentrische Twitter-Spielerei begann, ist mittlerweile eine ernstzunehmende Machtverschiebung: Ein Mann mit Milliardenvermögen, einer eigenen Social-Media-Plattform und direktem Zugang zu Millionen von Anhängern mischt sich aktiv in politische Prozesse ein.
Mit der US-Wahl 2024 hat Musk endgültig bewiesen, dass er mehr sein will als nur ein Visionär der Raumfahrt und Elektromobilität. Er ist Strippenzieher, Meinungsmacher und zunehmend auch ein politischer Akteur, dessen Einfluss weit über Unternehmensentscheidungen hinausgeht. Die Frage ist: Wie viel Macht sollte ein einzelner, nicht gewählter Milliardär über die Demokratie haben?
Vom Unternehmer zum politischen Strippenzieher
Musk begann als Tüftler und Innovator, der mit Tesla und SpaceX neue Massstäbe setzte. Doch sein unternehmerisches Genie geht mittlerweile Hand in Hand mit politischer Ambition. Während des US-Wahlkampfs 2024 unterstützte er offen republikanische Kandidaten, kritisierte Demokraten und nutzte seine Plattform X (ehemals Twitter), um politische Narrative zu formen.
Doch es blieb nicht bei blossen Kommentaren. Musk investierte gezielt in politische Kampagnen, finanzierte republikanische Super-PACs und stellte sich als Gegenpol zum “woken Establishment” dar. Sein Narrativ: Die Politik ist träge, korrupt und ineffizient – aber zum Glück gibt es ihn, den grossen Unternehmer, der es besser weiss.
Das DOGE-Ministerium: Bürokratieabbau oder Machtkonzentration?
Mit dem Wahlsieg der Republikaner wurde Musk offiziell in die Regierung eingebunden. Das neu geschaffene “Department of Government Efficiency” (DOGE) soll den Staat verschlanken und Bürokratie abbauen. Eine Aufgabe, die wie für ihn gemacht scheint – immerhin führt er seine Unternehmen mit eiserner Hand und einem Hang zur radikalen Effizienz.
Doch schnell zeigte sich, dass “Effizienz” in diesem Fall bedeutet, unliebsame Institutionen zu demontieren. Steuern? Bürokratischer Unsinn. Verbraucherschutz? Innovationsfeindlich. Umweltregulierungen? Eine Bremse für den Fortschritt. Kritiker sehen in Musk längst keinen neutralen Reformer mehr, sondern einen Mann, der politische Macht nutzt, um seine eigenen wirtschaftlichen Interessen durchzusetzen.
X als politisches Instrument
Seit der Übernahme von Twitter – das er in X umbenannte – hat Musk die Plattform zunehmend zu einem politischen Werkzeug gemacht. Während des Wahlkampfs 2024 wurden pro-republikanische Inhalte bevorzugt, während demokratische Kandidaten kaum Sichtbarkeit bekamen. Angeblich “neutrale” Algorithmen förderten konservative Stimmen, während kritische Journalisten plötzlich gesperrt wurden.
Die Grenze zwischen Meinungsfreiheit und gezielter Meinungsmache ist auf X längst verschwommen. Während Musk sich als Verteidiger freier Debatten inszeniert, zeigt sein Umgang mit Kritikern, dass es ihm vor allem um Kontrolle geht. Wer zu laut gegen ihn spricht, riskiert, von der Plattform verbannt zu werden – oder, im Falle von Journalisten, mit persönlichen Angriffen rechnen zu müssen.
Der internationale Einfluss: Auch Europa ist betroffen
Musk mischt sich längst nicht nur in die amerikanische Politik ein. In Europa sorgte er für Aufsehen, als er offen populistische Parteien unterstützte und mit Drohungen gegen Regierungen arbeitete. Seine bevorzugte Methode: Wer nicht mitzieht, riskiert wirtschaftliche Konsequenzen.
In Deutschland etwa stellte Musk klar, dass neue Tesla-Investitionen von der politischen Ausrichtung des Landes abhängen. In Frankreich flirtete er mit rechten Parteien, während er in Grossbritannien gezielt Medien beeinflusste, um eine wirtschaftsliberale Agenda zu pushen. Die Vorstellung, dass ein einzelner Unternehmer politischen Druck auf ganze Nationen ausüben kann, ist beunruhigend – doch genau das passiert.
Musk, der Populist mit Milliarden
In vielerlei Hinsicht erinnert Musk an klassische Populisten: Er gibt sich als Rebell gegen das Establishment, obwohl er selbst Teil der mächtigsten Elite ist. Er spielt mit Emotionen, schürt Misstrauen gegen Medien und Politik und präsentiert sich als alternative Autorität.
Sein Erfolg zeigt, dass sich das politische Spielfeld verändert hat. Während früher klassische Medien den Diskurs bestimmten, haben nun Milliardäre mit sozialen Netzwerken eine direkte Verbindung zur Öffentlichkeit. Musk nutzt das meisterhaft aus – und das macht ihn so gefährlich.
Fazit: Ein demokratisches Risiko
Elon Musk ist ein Genie – aber auch ein Risiko für die Demokratie. Seine Macht ist nicht demokratisch legitimiert, seine politischen Interessen sind schwer durchschaubar, und seine Handlungen sind oft unberechenbar. Dass er sich immer mehr in die Politik einmischt, sollte nicht als harmlose Exzentrik abgetan werden.
Wenn ein einzelner Unternehmer so viel Kontrolle über öffentliche Debatten und politische Prozesse hat, stellt sich die Frage: Wer regiert hier eigentlich? Und wie lange lassen sich demokratische Institutionen das gefallen?
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 17.02.2025 23:52
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Es war ein Spektakel, das selbst für die Massstäbe der Trump-Ära beispiellos chaotisch wirkte: Kurz nach seinem Wiedereinzug ins Weisse Haus liess Präsident Donald Trump über 200’000 Regierungsmitarbeiter entlassen – darunter auch einige Hundert Experten der National Nuclear Security Administration (NNSA), die für die Sicherheit und Verwaltung des amerikanischen Atomwaffenarsenals zuständig sind. Der Grund? Ein neuer, von Elon Musk geleiteter Verwaltungsapparat namens “Department of Government Efficiency” (Doge), der laut eigener Aussage ineffiziente Strukturen beseitigen sollte.
Die Reaktionen auf diese radikale Massnahme waren erwartbar: scharfe Kritik, Sicherheitsbedenken und schliesslich hektische Rücknahmen einiger Entlassungen, als man merkte, dass es vielleicht doch nicht die beste Idee war, ausgerechnet diejenigen zu feuern, die für die Bewahrung der nuklearen Abschreckung zuständig sind. Doch dieser Vorfall ist mehr als eine Episode aus dem Tollhaus Washington. Er steht sinnbildlich für einen politischen Stil, der Chaos als Prinzip erhebt – und damit für die enge ideologische Verwandtschaft von Donald Trump und Elon Musk.
Musk, Trump und die Macht des disruptiven Chaos
Seit seinem überraschenden Comeback bei der Präsidentschaftswahl 2024 verfolgt Trump eine radikale Agenda des Staatsumbaus. Bereits im Wahlkampf hatte er angekündigt, „den tiefen Staat zu zerstören“ und den Regierungsapparat radikal zu verschlanken. Kaum vereidigt, begann er, Tausende von Beamten zu feuern und Schlüsselbehörden umzustrukturieren – mit Unterstützung von Elon Musk, der nun offiziell als Berater für Verwaltungsreformen fungiert.
Beide Männer teilen die Überzeugung, dass bestehende Institutionen per se korrupt, ineffizient oder überflüssig sind. Doch wo klassische Revolutionäre an die Schaffung neuer, besserer Strukturen glauben, setzt diese neue Elite auf Zerstörung als Selbstzweck. Der Glaube an den “grossen Umbruch”, bei dem sich aus dem Chaos eine neue Ordnung quasi von selbst formt, verbindet Trump und Musk mit radikalen Denkern wie Curtis Yarvin – einem rechtslibertären Theoretiker, der die Idee eines „nationalen CEOs“ propagiert, der ohne störende demokratische Prozesse durchregieren kann.
Die Illusion der Effizienz
Die jüngsten Entlassungen sind ein perfektes Beispiel dafür, wie fatal diese Denkweise in der Praxis ist. Die Vorstellung, der Staat sei nichts anderes als ein schlecht geführtes Unternehmen, das ein Visionär mit harter Hand umstrukturieren müsse, ignoriert fundamentale Unterschiede zwischen Privatwirtschaft und öffentlicher Verwaltung. Ein Staat dient nicht der Gewinnmaximierung, sondern der Stabilität einer Gesellschaft. Seine Institutionen sind nicht zufällig gewachsene Bürokratien, sondern notwendige Strukturen, die auf komplexen Abwägungen beruhen.
Dass Musks Doge-Behörde ausgerechnet Experten für nukleare Sicherheit entliess, zeigt, wie wenig Gespür für funktionierende Staatsführung hinter diesen Aktionen steckt. Die Idee, man könne mit einer radikalen Rosskur „Effizienz“ herstellen, wirkt hier nicht nur absurd, sondern geradezu fahrlässig. Letztlich musste das Weisse Haus die Massnahmen wieder teilweise rückgängig machen – was das Chaos nur noch verstärkte.
Elon Musk als Schattenpräsident?
Die Episode wirft auch ein Licht auf eine beunruhigende Verschiebung der Machtverhältnisse in den USA. Während Trump als politischer Akteur weiter seinen Einfluss ausbaut, scheint Musk zunehmend als eine Art Schattenpräsident zu agieren. Mit seinem Einfluss auf soziale Medien, seine Kontrolle über Infrastrukturen wie Starlink und seinen neuen politischen Ambitionen spielt er eine immer grössere Rolle im politischen Geschehen.
Seine jüngsten Interventionen in geopolitische Fragen – sei es durch die Drosselung von Starlink-Internet für die Ukraine oder durch seinen offenen Schulterschluss mit der republikanischen Rechten – zeigen, dass er sich nicht mehr nur als Unternehmer, sondern als eine Art überstaatliche Macht begreift. Seine enge Verbindung zu Trump und zu Figuren wie Yarvin deutet darauf hin, dass er nicht nur Unterstützer, sondern ein zentraler Akteur in einer neuen rechtsgerichteten Bewegung ist, die darauf abzielt, den Staat radikal umzubauen – oder gar zu demontieren.
Wenn Disruption zur Gefahr wird
In der Tech-Welt ist „Disruption“ ein Modewort. Es beschreibt den Prozess, durch den neue Technologien bestehende Märkte aufbrechen und durch Innovation verdrängen. In der Politik jedoch bedeutet Disruption nicht automatisch Fortschritt – im schlimmsten Fall führt sie zu Dysfunktionalität und Destabilisierung.
Trump und Musk stehen für eine Politik, die weniger an langfristigen Lösungen als an kurzfristiger Zerstörung interessiert ist. Sie verkaufen ihre Attacken auf bestehende Strukturen als notwendige Reformen, hinterlassen aber meist nur Trümmer. Ihre Methoden gleichen dem berühmten Hornberger Schiessen: ein grosses Spektakel mit viel Getöse, das am Ende aber zu nichts führt.
Die Frage ist, wie lange sich die USA – und die Welt – diesen Führungsstil noch leisten können. Während Trump nun seine zweite Amtszeit beginnt und Musk seine politische Einflussnahme weiter ausbaut, bleibt die Gefahr, dass dieses Chaos-Prinzip nicht nur Show bleibt, sondern ernsthafte Schäden anrichtet.
Denn wenn die führenden Köpfe der mächtigsten Nation der Welt ihre Politik wie einen Twitter-Feed betreiben – impulsiv, destruktiv und ohne Plan –, dann wird aus dem Hornberger Schiessen irgendwann ein echtes Pulverfass.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 17.02.2025 14:07
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Jedes Jahr gibt es in der Schweizer Politik ein paar Momente, in denen auch Menschen, die sich sonst nicht besonders für Bundesbern interessieren, plötzlich aufmerksam werden. Einer dieser Momente ist die Bundesratswahl. Es ist wie ein Ritual – die Medien drehen hoch, die Parteien taktieren, und das Volk verfolgt das Spektakel mit einer Mischung aus Neugier, Skepsis und gelegentlichem Kopfschütteln.
Dieses Jahr hat es die Mitte getroffen. Viola Amherd, die als unaufgeregte, pragmatische und ziemlich beliebte Bundesrätin galt, hat sich entschieden, zurückzutreten. Nicht aus Skandalgründen, nicht aus gesundheitlichen Problemen, sondern einfach, weil sie fand: „Jetzt ist es genug.“ Eine solch bodenständige Entscheidung ist in der Politik fast schon verdächtig. Aber gut, das heisst: Ein Sitz wird frei, und sofort beginnt das grosse Schachspiel.
Das Bundesrats-Pokern
Kaum hatte Amherd ihren Rücktritt bekannt gegeben, war klar: Die Mitte will ihren Sitz behalten. Eine grosse Überraschung war das nicht. Wer einmal einen Platz im Bundesrat hat, gibt ihn nicht freiwillig her – es sei denn, man heisst Samuel Schmid und gehört der SVP an, die einen lieber loswerden will, als einem den Rücken zu stärken. Doch das ist eine andere Geschichte.
Die anderen Parteien reagierten auf den Machtanspruch der Mitte mit einem höflichen Nicken. Nicht, weil sie die Mitte so toll fanden, sondern weil niemand Lust hatte, eine unnötige Baustelle zu eröffnen. Die SP und die Grünen wussten, dass sie kaum Chancen auf einen zusätzlichen Sitz hatten. Die SVP hatte keinen Grund, den politischen Gegnern einen Gefallen zu tun. Und die FDP war froh, dass man nicht plötzlich über ihre Sitze diskutierte.
Damit war die Sache klar: Der Sitz bleibt bei der Mitte, die Frage war nur noch, wer ihn bekommen würde.
Das Karussell der Kandidaten
Nun begann das, was man in der Schweiz gerne als „Findungsprozess“ bezeichnet. In Wahrheit ist es ein öffentliches Schaulaufen, bei dem potenzielle Kandidaten erst abwinken, dann zögerlich „Ich weiss nicht so recht“ sagen, um schliesslich mit bedeutungsschwerer Miene zu verkünden: „Wenn die Partei mich will, dann bin ich bereit.“
Auch dieses Mal war es nicht anders. Es tauchten diverse Namen auf, von denen manche sofort wieder verschwanden, andere sich hartnäckig hielten, und einige erst im letzten Moment aus dem Hut gezaubert wurden. Am Ende präsentierte die Mitte ein Zweierticket – was sich als clever erwies. Ein Einzelticket wäre zu riskant gewesen, zu viele taktische Wählerinnen und Wähler im Parlament hätten aus Prinzip dagegen gestimmt. Mit zwei Kandidaten konnte man sicherstellen, dass die Wahl am Ende auf jeden Fall im eigenen Lager blieb.
Die Medienmaschine läuft heiss
Sobald die offiziellen Kandidaten feststanden, legten die Medien los. Es folgten Profile der Anwärter, Analysen ihrer bisherigen politischen Laufbahn, Experteninterviews und Umfragen, die uns erklären sollten, was das Volk angeblich denkt. In der Regel ergab sich dabei ein vorhersehbares Bild: Die eine Kandidatin oder der eine Kandidat wurde als „pragmatisch, volksnah und erfahren“ beschrieben, die andere als „unklar in der Positionierung“ oder „zu wenig kantonal vernetzt“.
Besonders beliebt sind in dieser Phase Berichte über frühere Aussagen der Kandidaten. Irgendwo findet sich immer ein altes Interview, in dem eine Aussage gemacht wurde, die sich heute aus dem Zusammenhang reissen lässt. So kann man für ein paar Tage eine kleine Kontroverse lostreten, die alle in Bern kurz aufregt und dann wieder vergessen geht.
Der Wahltag – oder: Das grosse Zittern
Und dann kommt der Tag der Wahl.
Am frühen Morgen versammeln sich die Parlamentarier im Bundeshaus, während draussen Journalisten frierend darauf warten, Statements von glücklichen oder enttäuschten Kandidaten einzufangen. Drinnen wird zuerst ein bisschen formelles Prozedere abgehandelt, und dann beginnt die eigentliche Wahl.
Die erste Runde ist meist eine Show. Hier erhalten auch Kandidaten Stimmen, die eigentlich gar nicht antreten. Das ist eine Mischung aus Humor, Taktik und politischem Statement. Manchmal landen dabei skurrile Namen auf den Wahlzetteln – sei es eine Politikerin, die niemand auf dem Radar hatte, oder eine Symbolfigur, mit der ein Zeichen gesetzt werden soll.
Aber irgendwann wird es ernst. In den folgenden Runden zeigt sich, wer wirklich eine Chance hat. Stimmen verschieben sich, Allianzen werden sichtbar, und manchmal gibt es Überraschungen. Doch am Ende ist es fast immer so: Einer der zwei offiziellen Kandidaten setzt sich durch, es gibt höflichen Applaus, die Kameras schwenken auf das Gesicht des oder der Gewählten, und die politische Schweiz hat einen neuen Bundesrat.
Und dann?
Kaum ist die Wahl vorbei, geht die Diskussion weiter. Hat das Parlament richtig entschieden? Wird der oder die Neue dem Amt gewachsen sein? Welche Konsequenzen hat die Wahl für die anderen Parteien?
Ein paar Tage lang werden diese Fragen intensiv diskutiert. Dann kehrt langsam der politische Alltag zurück. Der neue Bundesrat oder die neue Bundesrätin wird vereidigt, zieht ins Bundeshaus ein und übernimmt die Dossiers der Vorgängerin. Nach ein paar Monaten spricht kaum noch jemand über die Wahl – es sei denn, es stellt sich heraus, dass der oder die Neue einen groben Fehlstart hingelegt hat.
Und in vier Jahren? Da gibt es die nächste Bundesratswahl, und das ganze Theater beginnt von vorne.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.02.2025 17:05
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Ueli Maurer war während seiner Zeit als Bundesrat weniger als visionärer Staatsmann bekannt, sondern vielmehr als der politische Querschläger, der sich gerne gegen die Konventionen stellte – ein wahres Unikat im Bundeshaus. Sein Verhalten war oft ein Balanceakt zwischen der bewussten Inszenierung von Volksnähe und der Kunst der Provokation. Während die einen ihn als ehrlichen, direkten Politiker feierten, sahen andere in ihm den Zirkusclown der Schweizer Politik, der mehr für Schlagzeilen als für substanzielle politische Arbeit sorgte.
Doch war Maurer wirklich ein unbequemer Denker, oder war seine Rolle als „unangepasster Bundesrat“ lediglich ein kalkuliertes Spiel, um sich vor echter Verantwortung zu drücken? Ein genauer Blick auf seine Eigenheiten zeigt, dass hinter seiner markanten Art oft weniger Mut als vielmehr taktischer Populismus steckte.
Volksnähe mit einem Hauch von Inszenierung
Maurer perfektionierte das Bild des einfachen Mannes, der sich nicht von der „Elite in Bern“ biegen liess. Er präsentierte sich als bodenständiger Politiker aus dem Zürcher Oberland, der kämpferisch die Anliegen des Volkes vertrat – eine PR-Maschine aus der SVP-Schule. Doch hinter der Fassade eines Landwirts steckte ein langjähriger Politprofi, der das System von innen kannte und geschickt auszunutzen wusste.
Seine demonstrative Ablehnung moderner Kommunikationsformen wie sozialen Medien war nicht etwa eine technikphobische Entscheidung, sondern ein weiterer Baustein seiner Strategie. Während andere Politiker versuchten, eine breite öffentliche Debatte zu führen, brachte es Maurer fertig, sich über provokante, oft schrille Aussagen in die Schlagzeilen zu katapultieren. Damit liess er die unangenehmen Fragen der politischen Debatte einfach an sich abprallen – und inszenierte sich gleichzeitig als der „echte“ Mann vom Volk.
Provokation statt Substanz
Maurers politische Aussagen waren nicht selten oberflächlich – und das aus gutem Grund. Sie waren vor allem dazu gedacht, Aufmerksamkeit zu erregen. Besonders auffällig war das in seiner Haltung zur internationalen Politik. Der legendäre Auftritt mit einer roten „Trump“-Krawatte war kein diplomatisches Statement, sondern eine mit Absicht platzierte Provokation, die ihm half, sich als unerschrockenen Gegenspieler der etablierten europäischen Diplomatie zu positionieren.
Auch in der Corona-Krise glänzte Maurer nicht unbedingt durch kluge Entscheidungen, sondern durch seinen Hang zur Unberechenbarkeit. Während die Regierung versuchte, eine kohärente Strategie zu entwickeln, warf Maurer immer wieder zweideutige Bemerkungen in den Raum, die mehr Fragen als Antworten aufwarfen. Er sympathisierte offen mit den Massnahmengegnern, obwohl er als Mitglied der Regierung mitverantwortlich für die Umsetzung der Massnahmen war. Das stärkte das Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung – ein kalkuliertes Verhalten, das weniger mit Prinzipien, sondern mehr mit Opportunismus zu tun hatte.
Verantwortung? Lieber nicht!
Maurers grösstes Talent war vielleicht seine Fähigkeit, Verantwortung geschickt zu umgehen. Als Finanzminister genoss er den Ruf eines soliden Verwalters, aber bei komplizierteren politischen Themen zog er sich oft aus der Verantwortung zurück und parierte kritische Fragen mit einem Lächeln und einem Spruch. Das mag in Talkshows charmant und unterhaltsam wirken, aber einem Bundesrat sollte es eher an Verantwortung und Klarheit fehlen.
Sein Rücktritt Ende 2022 war dann auch eher ein „Abgang mit einem Augenzwinkern“ – er hinterliess keinen bleibenden politischen Fussabdruck, sondern wurde vor allem für seine Skurrilitäten und seine Lustlosigkeit bei internationalen Verhandlungen in Erinnerung behalten.
Das Erbe von Ueli Maurer
Maurers politischer Stil hat zweifellos Spuren hinterlassen, vor allem in der Art und Weise, wie die SVP heute Politik betreibt. Er hat eindrucksvoll gezeigt, dass Provokation oft mehr Beachtung findet als durchdachte politische Arbeit. Doch während seine Partei weiterhin von dieser Taktik profitiert, bleibt fraglich, ob diese Art der Politik wirklich im Sinne der Schweiz ist.
Denn echte Politik sollte nicht nur aus markigen Sprüchen und medienwirksamen Auftritten bestehen. Sie erfordert Verantwortungsbewusstsein, klare Positionen und den Willen, Lösungen zu finden – Eigenschaften, die bei Maurer oft hinter seiner Vorliebe für den Aussenseiter-Charme zurückblieben.
Am Ende bleibt Ueli Maurer wohl nicht als grosser Staatsmann in Erinnerung, sondern als derjenige, der mehr für die Schlagzeile sorgte als für das politische Wohl der Schweiz. Ein Politiker, der lieber provozierte, als wirklich etwas zu bewegen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 15.02.2025 14:04
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Ach, die Deutschen! Während wir in der Schweiz gemütlich über die nächste Abstimmung zu Tempo 30 auf Dorfstrassen oder die Zukunft der Kuhglocke debattieren, brennt bei unseren nördlichen Nachbarn politisch mal wieder die Hütte. Neuwahlen! Der Kanzler wackelt! Die Parteien streiten sich, als ob es um die letzte Brezel auf dem Oktoberfest ginge.
Als Schweizer schaut man da mit einer Mischung aus Belustigung, Mitleid und der unerschütterlichen Gewissheit zu, dass es bei uns so ein Drama nie geben würde – einfach, weil wir gar keinen Kanzler haben. Aber gut, Deutschland will es offenbar spannend. Ein Überblick.
Die Ampel – eine Konstruktion mit eingebauter Pannenanfälligkeit
Eigentlich hätte man es kommen sehen müssen. Die sogenannte „Ampel-Koalition“ – ein Zusammenschluss aus SPD, Grünen und FDP – war von Anfang an eine politische Version der Fondue-Mischung „halb vegan, halb Käse, aber bitte laktosefrei“. Olaf Scholz (SPD) wollte alles moderieren und möglichst wenig sagen, Robert Habeck (Grüne) wollte das Land klimaneutral machen, während Christian Lindner (FDP) weiterhin an den freien Markt glaubte – ein bisschen so, als ob man in einer Berghütte in Davos gleichzeitig Heizkosten sparen, aber auch durchgehend die Sauna laufen lassen will.
Was folgte, war eine Legislaturperiode voller Streitigkeiten. Die FDP blockierte grüne Umweltprojekte, die Grünen blockierten FDP-Wirtschaftsreformen, und Scholz blockierte… na ja, alles, indem er einfach schwieg. Letztlich hielt die Koalition nicht mal bis zum regulären Wahltermin durch. Die Ampel ist erloschen, Deutschland steht vor Neuwahlen.
Der Kanzlerkampf: Wer will den heissen Stuhl?
Nun stehen also Neuwahlen an, und die Kandidaten formieren sich.
• Olaf Scholz (SPD) würde gerne weitermachen, doch nach einer Amtszeit, in der er vor allem durch Schweigen auffiel, dürfte seine Wiederwahl ungefähr so realistisch sein wie eine 10er-Note auf dem Zürichsee schwimmen zu sehen.
• Friedrich Merz (CDU) reibt sich die Hände. Endlich, endlich könnte er Kanzler werden – falls er es schafft, seine eigene Partei davon zu überzeugen, dass er der richtige Kandidat ist. In der CDU ist man sich nämlich nicht sicher, ob man mit ihm gewinnen oder lieber doch noch einen Überraschungskandidaten aus dem Hut zaubern sollte.
• Alice Weidel (AfD) steht bereit und hofft auf ein Chaos, das ihrer Partei weiter Stimmen bringt. Ein Schreckensszenario für die etablierten Parteien, die sich aber oft genug selbst zerlegen.
• Die Grünen und die FDP? Sie wissen selbst noch nicht, wen sie aufstellen sollen. Die einen überlegen, ob sie Habeck oder Baerbock ins Rennen schicken, die anderen würden am liebsten so tun, als hätte es die Ampel nie gegeben.
Kurz gesagt: Es bleibt spannend. Und von der Schweiz aus betrachtet, ist es fast ein bisschen unterhaltsam.
Neuwahlen in Deutschland – eine Schweizer Einschätzung
Was lernen wir aus dem Chaos im Norden?
1. Deutschland ist kompliziert. Während wir hier Volksabstimmungen haben, bei denen einfach abgestimmt und entschieden wird, diskutieren die Deutschen ewig, zerstreiten sich und lösen dann die Regierung auf.
2. Kanzler sein ist kein Vergnügen. Während unser Bundesrat als Team funktioniert und niemand alleine regieren muss, gibt es in Deutschland diese eine Person, die alles verantworten soll – und damit meistens überfordert ist.
3. Wählen hilft – oder auch nicht. Während die Deutschen immer wieder die gleichen Parteien wählen und dann enttäuscht sind, probieren wir Schweizer lieber mal eine neue Initiative aus. Mehr Demokratie, weniger Theater.
Am Ende bleibt uns als Nachbarn nur zu sagen: Viel Glück, Deutschland! Wir schauen uns das Spektakel an – mit einem kühlen Rivella in der Hand und der Gewissheit, dass wir es hier mit unserer direkten Demokratie doch ein bisschen gemütlicher haben.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.02.2025 06:56
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Donald Trump ist zurück. Und das ist keine Überraschung.
Es fühlt sich an wie eine dieser schlechten Fernsehserien, bei denen der Bösewicht längst besiegt schien – doch in der nächsten Staffel taucht er wieder auf, als wäre nichts gewesen. Ein politischer Zombie, der sich nicht abschütteln lässt. Eine Figur, die längst ins Archiv der gescheiterten Experimente gehört, aber immer wieder von einem Teil der amerikanischen Wählerschaft zurückgeholt wird.
Aber warum?
Warum kann ein Mann, der vier Jahre lang Chaos angerichtet, die politische Kultur auf das Niveau einer Barprügelei gesenkt und das Weisse Haus zu einer Reality-Show umfunktioniert hat, tatsächlich noch einmal Präsident werden?
Weil Trump nicht nach den Regeln spielt – und genau das macht ihn für viele so attraktiv. Er ist kein Politiker im klassischen Sinn, sondern eine Marke. Eine Marke, die für Wut, Krawall und Selbstüberschätzung steht. Und in einer Welt, in der Politik immer komplexer wird, sehnen sich viele nach einfachen Erklärungen. Trump gibt sie ihnen.
Seine Wählerschaft will keine differenzierten Debatten, keine nuancierten Analysen, keine mühsamen Wahrheiten. Sie will klare Feindbilder und einfache Lösungen. Dass diese oft gelogen, widersprüchlich oder schlicht unmöglich sind, spielt keine Rolle. Wichtiger ist, dass Trump sie mit maximaler Selbstgewissheit verkündet.
Er ist ignorant? Dann ist er “wenigstens ehrlich”.
Er ist beleidigend? Dann “sagt er nur, was alle denken”.
Er ist korrupt? Dann “kennt er das System und weiss, wie man es austrickst”.
Es ist ein Prinzip, das in jedem anderen Bereich des Lebens absurd wäre. Niemand würde sich für eine Operation einen Chirurgen suchen, der keine Ahnung hat, aber behauptet, er könne mit einem rostigen Löffel operieren. Niemand würde ein Flugzeug besteigen, wenn der Pilot sich damit rühmt, keine Ausbildung zu haben und auf sein Bauchgefühl zu vertrauen. Aber in der Politik scheint genau das für viele plötzlich ein Qualitätsmerkmal zu sein.
Trump hat es geschafft, sich als Aussenstehenden zu inszenieren, obwohl er seit Jahrzehnten Teil der reichen Elite ist. Er hat es geschafft, sich als Opfer eines “korrupten Systems” darzustellen, während er es wie kaum ein anderer für seine eigenen Zwecke ausnutzt. Und er hat es geschafft, jede Kritik an ihm als Beweis für seine eigene Wichtigkeit umzudeuten – je mehr er angegriffen wird, desto überzeugter sind seine Anhänger, dass er der Richtige ist.
Doch der vielleicht entscheidendste Punkt ist: Trump ist ein Meister der Unterhaltung. Er versteht es, Aufmerksamkeit zu generieren, Debatten zu dominieren, den politischen Diskurs auf sein Niveau herunterzuziehen. Seine Präsidentschaft war nicht nur eine Katastrophe für die Demokratie, sie war auch ein Spektakel. Und Spektakel, so lehrt uns die Geschichte, üben eine fast unwiderstehliche Anziehungskraft aus.
Was bedeutet das für die USA?
Es bedeutet, dass die Demokratie auf dem Prüfstand steht. Dass sich zeigt, ob Institutionen stark genug sind, um einen zweiten Anlauf dieses politischen Brandstifters zu überstehen. Dass Millionen von Menschen lieber Chaos wählen als eine Regierung, die ihnen nicht nach dem Mund redet. Und dass ein Teil Amerikas bereit ist, alle Prinzipien über Bord zu werfen, solange sie sich dafür an ihren Feinden rächen können.
Die Welt wird zusehen müssen, was passiert. Und hoffen, dass die USA aus dieser Prüfung nicht völlig zerstört herauskommen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.01.2025 11:44
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Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 hat die Alternative für Deutschland (AfD) einen bemerkenswerten, aber zugleich besorgniserregenden Wandel durchgemacht. Was einst als wirtschaftsliberale, euroskeptische Partei begann, entwickelte sich zunehmend zu einer politischen Kraft, die durch völkischen Nationalismus, Geschichtsrevisionismus und rassistische Rhetorik geprägt ist. Inzwischen wird die Partei vom deutschen Verfassungsschutz in mehreren Bundesländern als rechtsextremistischer Verdachtsfall oder sogar als gesichert rechtsextrem eingestuft. Doch was genau macht das Programm der AfD so gefährlich, und welche Konsequenzen hätte eine noch stärkere Etablierung dieser Partei in der deutschen Politik?
Der strategische Weg nach rechts
Bereits in den frühen Jahren nach ihrer Gründung begann die AfD, immer stärker rechtspopulistische und radikale Positionen zu übernehmen. Der sogenannte „Flügel“, eine stramm völkisch-nationalistische Strömung innerhalb der Partei, hatte grossen Einfluss auf die Radikalisierung. Obwohl sich die Parteispitze 2020 offiziell vom „Flügel“ distanzierte, blieben dessen Netzwerke und Ideologien weiterhin prägend. Spitzenpolitiker wie Björn Höcke, der offen von einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ spricht und das Holocaust-Gedenken relativiert, sind weiterhin zentrale Figuren der Partei.
Die AfD bedient sich geschickt einer Doppelstrategie: Einerseits versucht sie, mit betont bürgerlicher Rhetorik und einem Schein von Sachlichkeit Wähler aus dem konservativen Lager zu gewinnen. Andererseits arbeitet sie mit radikalen Parolen und gezielten Tabubrüchen daran, extreme Positionen salonfähig zu machen. Diese Strategie zeigt Erfolg: In einigen ostdeutschen Bundesländern liegt die Partei in Umfragen bei über 30 Prozent.
Das Parteiprogramm: Nationalismus, Abschottung und autoritäre Fantasien
Ein Blick ins Programm der AfD zeigt, dass ihre Politik in vielen Bereichen nicht nur populistisch, sondern demokratiegefährdend ist.
1. Migrationspolitik: Abschottung und Hetze
Die AfD fordert eine drastische Reduzierung von Migration und verbreitet dabei gezielt Angst und Ressentiments gegenüber Geflüchteten. In ihrem Programm heisst es, dass Deutschland „kein Einwanderungsland“ sei – eine absurde Behauptung angesichts der historisch gewachsenen multikulturellen Gesellschaft. Sie fordert zudem die Abschaffung des individuellen Asylrechts, eine Politik, die klar gegen das Grundgesetz und internationale Menschenrechtskonventionen verstösst.
Besonders perfide ist die Sprache, die die AfD in diesem Zusammenhang verwendet: Immer wieder werden Migranten als „Invasoren“ oder „Sozialschmarotzer“ diffamiert, wodurch ein bewusstes Feindbild geschaffen wird. In den sozialen Medien kursieren regelmässig von AfD-Politikern verbreitete Fake News über Kriminalität und angebliche Überfremdung.
2. Demokratiefeindliche Strukturen und Nähe zu autoritären Regimen
Die AfD gibt sich zwar als Partei der „direkten Demokratie“, doch ihr Programm enthält zahlreiche Vorschläge, die autoritäre Tendenzen erkennen lassen. Sie fordert beispielsweise, dass politische Gegner stärker verfolgt werden sollen – insbesondere gegen linke Gruppierungen und Journalisten wird regelmässig gehetzt.
Zudem fällt die Partei durch eine auffällige Nähe zu autokratischen Regimen wie Russland oder Ungarn auf. Während sie westliche Demokratien verächtlich macht, wird Viktor Orbáns Politik als Vorbild gefeiert. Dies zeigt, dass die AfD weniger an echter Demokratie interessiert ist, sondern vielmehr an einem autoritären Nationalstaat.
3. Geschichtsrevisionismus und Relativierung der NS-Zeit
Ein zentraler Punkt im ideologischen Weltbild der AfD ist der Umgang mit der deutschen Vergangenheit. Immer wieder versuchen führende Politiker, die Verbrechen des Nationalsozialismus zu relativieren. Björn Höcke sprach vom Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“, Alexander Gauland bezeichnete die Nazi-Zeit als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte.
Dieser Geschichtsrevisionismus ist nicht nur gefährlich, weil er das gesellschaftliche Bewusstsein für die deutsche Vergangenheit untergräbt, sondern auch, weil er den Boden für neue Formen des Extremismus bereitet. Die AfD will die Erinnerungskultur umbauen und stattdessen einen aggressiven Nationalstolz propagieren.
4. Klima- und Wissenschaftsfeindlichkeit
Neben ihrem nationalistischen und migrationsfeindlichen Kurs positioniert sich die AfD als radikale Gegnerin von Klimaschutzmassnahmen. Sie leugnet oder verharmlost den menschengemachten Klimawandel und diffamiert Klimaaktivisten als „Öko-Sozialisten“. Die Partei setzt sich gegen erneuerbare Energien ein und will stattdessen verstärkt auf fossile Brennstoffe setzen – eine umweltpolitische Rückwärtsgewandtheit, die sich mit den Interessen grosser Energiekonzerne deckt.
Auch in der Pandemie zeigte sich eine starke Wissenschaftsfeindlichkeit innerhalb der AfD. Die Partei verbreitete Falschinformationen über Impfungen und Massnahmen, leugnete die Gefährlichkeit von COVID-19 und solidarisierte sich mit verschwörungstheoretischen Gruppen.
Konsequenzen einer erstarkenden AfD
Sollte die AfD in den kommenden Jahren weiter an Einfluss gewinnen, hätte dies schwerwiegende Folgen für Deutschland und Europa. Eine Regierungsbeteiligung auf Bundesebene scheint zwar derzeit unwahrscheinlich, doch bereits auf Landesebene könnte die Partei durch Koalitionen mit konservativen Kräften politischen Einfluss gewinnen.
Langfristig könnte eine starke AfD dazu führen, dass rechtsextreme Positionen weiter in den Mainstream einsickern. Schon jetzt übernehmen CDU- und FDP-Politiker teilweise AfD-Rhetorik, um deren Wähler nicht zu verlieren. Dies könnte dazu führen, dass die politische Landschaft insgesamt nach rechts rückt und demokratische Grundwerte zunehmend ausgehöhlt werden.
Zudem könnte eine weitere Radikalisierung der AfD zur Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden werden. Bereits jetzt gibt es eine Zunahme an rechter Gewalt, die teilweise direkt mit der Hetze der Partei in Verbindung steht.
Wie kann man der AfD entgegenwirken?
Die Antwort auf die AfD kann nicht darin bestehen, ihre Wähler einfach als „unbelehrbar“ abzutun. Stattdessen braucht es eine Kombination aus politischer Aufklärung, klaren Positionen und konsequentem Widerspruch gegen Hetze und Desinformation. 1. Politische Bildung stärken
Viele Menschen wählen die AfD aus Frust oder weil sie sich von anderen Parteien nicht mehr vertreten fühlen. Eine bessere politische Bildung könnte helfen, populistische Manipulationen zu entlarven und die Gefahren rechtsextremer Ideologien aufzuzeigen. 2. Klare Kante von demokratischen Parteien
Statt AfD-Positionen zu übernehmen oder sich opportunistisch an sie anzunähern, müssen demokratische Parteien eine klare Abgrenzung zeigen. Halbherzige Annäherungen aus Angst vor Wählerverlusten stärken letztlich nur die AfD. 3. Zivilgesellschaftliches Engagement fördern
Bürgerinitiativen, antifaschistische Organisationen und investigative Journalisten spielen eine wichtige Rolle bei der Aufklärung über die AfD. Ihre Arbeit sollte politisch und finanziell stärker unterstützt werden.
Fazit
Die AfD ist nicht nur eine rechtspopulistische Partei – sie ist eine Gefahr für die Demokratie. Ihr Programm steht für Nationalismus, Abschottung, Wissenschaftsfeindlichkeit und eine Relativierung der deutschen Vergangenheit. Eine starke und wehrhafte Demokratie muss sich dieser Entwicklung entgegenstellen, bevor es zu spät ist.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.01.2025 00:08
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Als Schweizer kann man sich nur verwundert die Augen reiben, wenn man das Treiben der deutschen Partei Alternative für Deutschland (AfD) und ihrer Frontfrau Alice Weidel betrachtet. Da propagiert die AfD lautstark Heimatliebe, nationale Werte und eine harte Linie in der Migrationspolitik, während ihre Vorsitzende gemütlich in der beschaulichen Schweiz residiert. Man stelle sich vor: Während in Deutschland erbittert über Grenzschliessungen und Abschiebungen diskutiert wird, geniesst Weidel entspannt den Blick auf die Schweizer Berge. Ein Schelm, wer dabei an das Sprichwort «Wasser predigen und Wein trinken» denkt.
Ein Leben zwischen Jodeln und Jauchzen
Alice Weidel, die Gallionsfigur der AfD, hat es sich im idyllischen Einsiedeln im Kanton Schwyz gemütlich gemacht. Während sie in Deutschland den Untergang des Abendlandes heraufbeschwört und den drohenden Verlust deutscher Werte beklagt, profitiert sie in der Schweiz von einer stabilen Demokratie, einer international vernetzten Wirtschaft und – nicht zu vergessen – einem freundlichen Steuerklima.
Das bringt uns zur nächsten Frage: Wo zahlt Alice Weidel eigentlich Steuern? Offiziell ist sie in Überlingen am Bodensee gemeldet, doch es gibt Hinweise, dass sie auch in Biel steuerlich erfasst war. In einem Interview gab sie an, ihre Steuern in Deutschland zu entrichten, doch die genauen Details bleiben nebulös. Wie praktisch, wenn man sich die Vorteile beider Länder zunutze machen kann! Während der durchschnittliche AfD-Wähler brav seine Abgaben in Deutschland leistet und sich über hohe Steuern beschwert, jongliert Weidel geschickt zwischen zwei Systemen – so ganz nach dem Motto: Patriotismus ist gut, solange er sich finanziell auszahlt.
Heimatliebe mit internationalem Flair
Die AfD predigt gerne traditionelle Familienwerte, die Bedeutung der klassischen Ehe und eine klare Abgrenzung gegenüber allem Fremden. Umso erstaunlicher, dass Weidel in einer eingetragenen Partnerschaft mit einer Schweizerin sri-lankischer Herkunft lebt und ihre Kinder mittels Samenspende gezeugt wurden. Ein Lebensmodell, das nach AfD-Massstäben alles andere als «deutschtümelnd» ist.
In ihrer vorherigen Wahlheimat Biel sorgte Weidels Anwesenheit ebenfalls für Schlagzeilen. Einige Nachbarn beschwerten sich über zu viele «deutsche» Besucher – eine ironische Situation, wenn man bedenkt, dass Weidel in Deutschland selbst immer wieder gegen ausländische Einflüsse wettert. Vielleicht hat sie da zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, wenn einem die lokale Bevölkerung das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören.
Es ist bemerkenswert, wie wenig die AfD-Anhänger sich daran stören, dass ihre Anführerin privat ein völlig anderes Leben führt als jenes, das sie politisch propagiert. Ein Politiker der Grünen oder Linken mit einem ähnlichen Doppelleben wäre von der AfD längst zum Abschuss freigegeben worden. Aber Weidel scheint in der Partei eine Art Narrenfreiheit zu geniessen.
Populismus aus dem Ausland steuern
Man kann sich die Frage stellen, wie glaubwürdig eine Politikerin ist, die aus einem anderen Land heraus eine politische Bewegung anführt, die vor allem auf nationale Identität, Heimatverbundenheit und Abgrenzung setzt. Weidel spricht von der Bedrohung durch Migration – während sie selbst die Vorteile der globalisierten Welt geniesst. Sie redet über den Zerfall der deutschen Kultur, lebt aber in einem Land, das seine Identität gerade durch Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt definiert.
Und dann ist da noch die Frage nach ihrer wirtschaftlichen Kompetenz. Die AfD preist Weidel gerne als «kluge Ökonomin» an, doch ihr wirtschaftspolitisches Profil ist äusserst fragwürdig. In ihrer Zeit als Unternehmensberaterin war sie für Goldman Sachs tätig – nicht gerade die Art von Institution, die man mit «deutscher Bodenständigkeit» verbindet. Zudem war sie an einem Start-up beteiligt, das sich mit chinesischen Investitionen beschäftigte – ebenfalls nicht unbedingt ein Musterbeispiel für die patriotische Wirtschaftsstrategie, die sie sonst propagiert.
Schweizer Präzision vs. deutsche Wutbürger
In der Schweiz schätzt man Klarheit, Sachlichkeit und eine gewisse Konsistenz im politischen Diskurs. Deutsche Wutbürger hingegen sind oft emotional, lautstark und empört – genau die Zielgruppe, die Weidel in Deutschland erfolgreich bedient. Doch während sie ihre Wähler mit einfachen Parolen füttert, lebt sie selbst ein Leben, das so gar nicht zu ihrer politischen Agenda passen will.
Die Schweizer Politik ist bekannt für ihre direkte Demokratie, ihre Ausgewogenheit und ihre pragmatische Herangehensweise an Probleme. In Deutschland hingegen lebt der politische Diskurs oft von Empörung, Polarisierung und ideologischen Grabenkämpfen. Weidel spielt virtuos auf der Klaviatur der Empörungspolitik, wettert gegen die «Altparteien», gegen die EU, gegen Migranten und gegen die Medien. Doch während sich ihre Wähler über vermeintliche «Linksgrüne» und «Globalisten» aufregen, lebt sie selbst in einem der wohlhabendsten und globalisiertesten Länder Europas.
Das Schweizer Steuerparadies – für die Rechten doch ganz bequem
Es ist kein Geheimnis, dass viele wohlhabende Deutsche gerne in die Schweiz ziehen, um sich steuerlich besserzustellen. Die AfD verteufelt oft die EU und internationale Abkommen, doch dass Weidel in einem Land lebt, das seine wirtschaftliche Stärke genau diesen internationalen Verflechtungen verdankt, scheint niemanden in der Partei zu stören.
Hinzu kommt, dass Weidel offenbar keine Probleme damit hat, den Schweizer Staat für sich arbeiten zu lassen. Medienberichten zufolge liess sie sich in der Vergangenheit für ein Forschungsstipendium an der Universität Bayreuth vom deutschen Steuerzahler finanzieren – während sie gleichzeitig in der Schweiz arbeitete. Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie sie es sich in zwei Welten bequem macht: Deutsche Steuergelder annehmen, aber die Schweizer Steuervorteile geniessen.
AfD-Patriotismus aus sicherer Distanz
Man könnte Weidel fast als eine Art politische Exilantin betrachten. Sie führt eine Partei an, die sich als Verteidigerin des deutschen Volkes sieht, lebt aber selbst ausserhalb der deutschen Grenzen. Natürlich kann man argumentieren, dass es für einen Politiker nicht ungewöhnlich ist, im Ausland zu wohnen – gerade in Grenzregionen. Aber in Weidels Fall ist es besonders pikant, weil ihre Partei ihre Anhänger immer wieder dazu aufruft, für «Deutschland zuerst» einzutreten, während sie selbst offenbar keine allzu grosse Eile hat, ihr eigenes Leben nach diesen Prinzipien auszurichten.
Es bleibt die Frage: Wie lange wird sie dieses Doppelleben noch aufrechterhalten können? Die AfD lebt von ihrer Empörungspolitik, von einfachen Feindbildern und klaren Weltbildern. Doch Weidels eigene Biografie ist voller Widersprüche. Bisher scheint es sie in ihrer Karriere nicht zu behindern – doch irgendwann könnte es auch für die eigene Parteibasis schwierig werden, diese Ungereimtheiten zu ignorieren.
Die Schweiz als sicherer Hafen
Vielleicht ist es am Ende genau dieser Widerspruch, der Weidel so gefährlich macht. Sie weiss genau, dass sie sich in der Schweiz in Sicherheit befindet, egal was in Deutschland passiert. Sollte die politische Stimmung in Deutschland kippen, hätte sie jederzeit die Möglichkeit, sich aus der Affäre zu ziehen und sich auf ihr komfortables Leben in der Schweiz zurückzuziehen.
Während die AfD-Anhänger in Deutschland also weiterhin über die angebliche «Überfremdung» schimpfen und die Abschottung ihres Landes fordern, sitzt ihre eigene Parteichefin in Einsiedeln, trinkt vielleicht einen feinen Kaffee mit Blick auf die Berge und geniesst ein Leben, das in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil dessen ist, was sie politisch predigt.
Ein klassisches Beispiel für Populismus, bei dem am Ende nicht die Wähler profitieren – sondern nur die Populisten selbst.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 24.01.2025 14:15
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Sanija Ameti hat auf ein Bild der Madonna mit Kind geschossen. So viel steht fest. Was zunächst wie eine Szene aus einem schlecht produzierten Mafia-Film klingt, ist in Wahrheit ein politischer Skandal der besonderen Art: eine Co-Präsidentin von Operation Libero, die sich in den letzten Jahren einen Namen als eloquente Kämpferin für liberale Werte gemacht hat, tritt plötzlich als Schiesswütige in Erscheinung – und das ausgerechnet mit einer religiösen Darstellung als Zielscheibe.
Die Empörung liess nicht lange auf sich warten. Kirchliche Kreise, konservative Politiker und viele aus der breiten Öffentlichkeit reagierten entsetzt. Religiöse Symbole zu zerstören – oder zumindest mit Patronen zu perforieren – ist nicht unbedingt die Art von progressivem Aktivismus, die sich gut in eine PR-Strategie einfügt. Selbst einige ihrer bisherigen Unterstützer zeigten sich verwundert: Ging es nicht bisher um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einen modernen, offenen Liberalismus? Seit wann gehören Feuerwaffen und christliche Ikonoklasmus zu den Kernkompetenzen einer Polit-Aktivistin?
Das Schiessen als politisches Statement?
Nun wäre es vielleicht zu einfach, das Ganze als einen moralischen Fehltritt einer impulsiven Politikerin abzutun. Schauen wir uns also die mögliche Botschaft hinter dieser Aktion an. War das Schiessen auf das Madonna-Bild ein gezielter Angriff auf die Religion als Institution? Ein feministisches Statement gegen patriarchale Strukturen, die sich in jahrhundertelanger kirchlicher Tradition verfestigt haben? Oder einfach ein missglückter Versuch, Aufmerksamkeit zu erzeugen, der nach hinten losging?
Einige ihrer Unterstützer argumentierten, dass Ameti damit lediglich auf die Unterdrückung von Frauen durch religiöse Systeme hinweisen wollte. Es sei ein symbolischer Akt der Befreiung gewesen – ein Schuss gegen die jahrhundertealte Verherrlichung der “reinen und gehorsamen” Frau, die durch die christliche Ikonographie zementiert wurde.
Das Problem mit solchen Erklärungen ist jedoch: Wenn der Kampf für Frauenrechte mit einer Pistole gegen eine jahrhundertealte Darstellung geführt wird, wird die eigentliche Botschaft schnell übertönt. Und zwar vom Echo der Patronenhülse, die auf den Boden fällt.
Der Preis der Provokation
In einer Zeit, in der politische Kommunikation stark von Empörung und Skandalen lebt, kann man sich fragen, ob solche Aktionen nicht geradezu kalkuliert sind. Aufmerksamkeit gibt es schliesslich mehr für das Ungeheuerliche als für das Vernünftige. Man könnte zynisch behaupten: Würde eine Politikerin heute eine gut recherchierte, differenzierte Analyse über den Einfluss der Religion auf Geschlechterrollen publizieren, würde das kaum jemanden interessieren. Aber ein Schuss auf eine christliche Ikone? Das landet auf der Titelseite.
Doch genau hier liegt das Problem. Die Provokation als politisches Werkzeug funktioniert nur dann, wenn sie eine intelligente Pointe hat. Ohne klar verständliche Botschaft wird sie zum Eigentor. Anstatt eine Diskussion über den Einfluss der Kirche zu entfachen, hat Ameti eine Diskussion über ihre eigene Urteilsfähigkeit ausgelöst. Ist das der Preis der neuen, skandalisierenden Politik?
Liberale Werte mit der Pistole verteidigen?
Ameti, die sich stets als Kämpferin für liberale Werte positionierte, hat mit dieser Aktion ihre eigene Marke beschädigt. Denn Liberalismus bedeutet eben nicht nur Freiheit im Denken und Handeln, sondern auch Respekt vor anderen Überzeugungen. Gerade ein echter Liberaler sollte wissen, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass man sich alles erlauben kann, solange es provokativ genug ist.
Man stelle sich vor, ein konservativer Politiker hätte auf eine Regenbogenfahne geschossen, um ein Statement gegen die LGBTQ+-Bewegung zu setzen. Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend – und zu Recht. Die liberale Grundidee ist nicht, dass jede Form von Provokation gerechtfertigt ist, sondern dass ein friedliches Miteinander durch Argumente und Überzeugungsarbeit erreicht wird.
Von der Polit-Influencerin zur Paria?
Dass Ameti nach diesem Vorfall aus der Grünliberalen Partei (GLP) ausgetreten ist und auch berufliche Konsequenzen tragen musste, kommt wenig überraschend. Die GLP gibt sich gerne als progressive, aber dennoch rationale Kraft in der Mitte des politischen Spektrums. Eine Politikerin, die mit Schüssen auf religiöse Bilder polarisiert, passt da nicht ins Konzept.
Dennoch bleibt sie Co-Präsidentin von Operation Libero – zumindest vorerst. Doch wie lange kann eine politische Bewegung, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kämpft, eine Figur an der Spitze behalten, deren grösste mediale Schlagzeile nicht ihre politischen Errungenschaften, sondern ihre Schiesskünste sind?
Die grosse Ironie: Die Kirche als Profiteur
Ironischerweise könnte dieser Skandal genau jenen in die Hände spielen, die Ameti vielleicht ursprünglich kritisieren wollte. Während sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen von den Kirchen abwandten, hat diese Aktion den Eindruck erweckt, als sei das Christentum noch immer so mächtig, dass es in den Mittelpunkt eines politischen Eklats geraten kann.
Plötzlich wird Religion wieder zum Thema – nicht wegen theologischer Debatten oder gesellschaftlicher Fragen, sondern weil eine Politikerin sie buchstäblich unter Beschuss genommen hat. Konservative Kreise können sich nun als Verteidiger der christlichen Werte inszenieren, während die liberale Seite sich rechtfertigen muss.
Das ist nicht nur eine Ironie, sondern fast schon eine Bankrotterklärung für strategische Kommunikation.
Fazit: Wenn der Schuss nach hinten losgeht
Sanija Ameti hat mit dieser Aktion zweifellos für Schlagzeilen gesorgt – aber zu welchem Preis? Sie hat die Grenzen der politischen Provokation getestet und dabei mehr Schaden angerichtet, als sie vermutlich beabsichtigt hatte.
Es bleibt abzuwarten, ob sie sich politisch davon erholen kann oder ob sie als abschreckendes Beispiel dafür dient, wie man einen mühsam aufgebauten Ruf mit einer einzigen Aktion ruiniert. Eines steht fest: Wer in der Politik auf Bilder schiesst, sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende selbst zur Zielscheibe wird.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.12.2024 07:10
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Die katholische Kirche verliert in der Schweiz Jahr für Jahr Mitglieder. Während früher die Zugehörigkeit zur Kirche oft selbstverständlich war, treten heute immer mehr Menschen aus. Die Gründe dafür sind vielfältig: Missbrauchsskandale, veraltete Strukturen, eine sich wandelnde Gesellschaft und eine zunehmend säkulare Lebensweise spielen alle eine Rolle. Doch was genau passiert in der katholischen Kirche – und warum finden immer weniger Menschen in der Schweiz einen Platz in ihr?
Skandale und Vertrauensverlust
Einer der grössten Gründe für die Krise der katholischen Kirche ist der Vertrauensverlust, der durch Missbrauchsskandale verursacht wurde. Auch in der Schweiz gab es zahlreiche Fälle von sexuellem Missbrauch durch Geistliche, die über Jahrzehnte vertuscht wurden. Im September 2023 veröffentlichte die Universität Zürich eine unabhängige Studie, die über tausend dokumentierte Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche der Schweiz aufzeigte – die Dunkelziffer dürfte weit höher sein.
Viele Gläubige empfinden es als inakzeptabel, dass diese Verbrechen über so lange Zeit systematisch gedeckt wurden. Die mangelnde Transparenz und das zögerliche Verhalten der Kirche in der Aufarbeitung führen dazu, dass immer mehr Menschen sich von ihr abwenden. Besonders junge Menschen sehen in einer Institution, die moralische Werte predigt, aber gleichzeitig solche Verbrechen vertuscht, keine Glaubwürdigkeit mehr.
Eine Kirche, die den Anschluss verliert
Neben den Skandalen kämpft die katholische Kirche mit einem grundsätzlichen Problem: Sie scheint nicht mehr in die moderne Gesellschaft zu passen. Die Welt verändert sich rasant, doch die Kirche hält an vielen konservativen Dogmen fest. Themen wie die Gleichstellung von Frauen, der Umgang mit Homosexualität oder das Zölibat für Priester sind Bereiche, in denen die katholische Kirche weit hinter der gesellschaftlichen Entwicklung zurückliegt.
In der Schweiz, einem Land mit einer starken demokratischen Tradition und grosser individueller Freiheit, stossen starre Strukturen und veraltete Moralvorstellungen auf immer weniger Akzeptanz. Frauen dürfen in der katholischen Kirche bis heute keine Priesterinnen werden, obwohl sie in vielen Kirchgemeinden zentrale Aufgaben übernehmen. Auch die Haltung gegenüber der LGBTQ+-Community bleibt restriktiv, obwohl viele Gläubige in der Schweiz eine offenere Kirche wünschen würden.
Die zunehmende Säkularisierung
Ein weiterer wichtiger Faktor für den Mitgliederschwund ist die fortschreitende Säkularisierung. Religion spielt im Alltag vieler Menschen heute eine deutlich geringere Rolle als früher. Während früher der Kirchenbesuch selbstverständlich war, haben heute viele Menschen keinen direkten Bezug mehr zur Kirche.
Gerade in der Schweiz, einem Land mit hoher Lebensqualität und sozialer Sicherheit, haben viele das Gefühl, dass Religion für ihr persönliches Glück nicht mehr notwendig ist. Zudem gibt es zahlreiche alternative spirituelle Angebote, die für viele Menschen attraktiver sind als die traditionellen kirchlichen Strukturen.
Ein Blick auf die Zahlen zeigt diese Entwicklung deutlich: 1970 waren noch über 90 % der Schweizer Bevölkerung Mitglied einer christlichen Kirche, heute sind es weniger als 60 %. Besonders in den Städten nimmt die Kirchenbindung stark ab. Viele Menschen treten aus der Kirche aus, weil sie sich mit ihren Werten nicht mehr identifizieren oder schlicht keinen Nutzen mehr in der Mitgliedschaft sehen.
Der Druck durch die Kirchensteuer
In der Schweiz ist die Kirchenmitgliedschaft auch mit finanziellen Verpflichtungen verbunden. Die meisten Kantone erheben eine Kirchensteuer, die automatisch von Mitgliedern einer anerkannten Kirche eingezogen wird. Während früher diese Steuer kaum infrage gestellt wurde, entscheiden sich heute viele bewusst für den Austritt, um diese Abgabe nicht mehr leisten zu müssen.
Gerade junge Menschen, die mit Religion wenig anfangen können, sehen oft keinen Grund, weiterhin Kirchensteuer zu zahlen. Auch Unternehmen können in einigen Kantonen kirchensteuerpflichtig sein – ein weiterer Faktor, der dazu führt, dass sich viele juristische Personen von der Kirche distanzieren.
Reformstau und interne Spannungen
Die katholische Kirche in der Schweiz steht zudem vor einem internen Konflikt: Während viele Gläubige und auch Teile der Kirche Reformen fordern, bleibt der Vatikan oft auf einem konservativen Kurs. Der „Synodale Prozess“, der in verschiedenen Ländern für Reformdiskussionen sorgt, zeigt auch in der Schweiz die Spannungen zwischen progressiven und konservativen Kräften.
Viele Gläubige wünschen sich eine moderne Kirche, die Frauen gleichberechtigt behandelt, das Pflichtzölibat überdenkt und sich gesellschaftlich öffnet. Doch die Struktur der Kirche macht schnelle Reformen nahezu unmöglich. Der Widerstand aus Rom gegen weitreichende Veränderungen sorgt bei vielen für Frustration – und führt dazu, dass sie die Kirche endgültig verlassen.
Hat die katholische Kirche noch eine Zukunft?
Die katholische Kirche in der Schweiz steht an einem Wendepunkt. Die sinkenden Mitgliederzahlen sind eine klare Botschaft: Wenn die Kirche sich nicht verändert, wird sie immer weiter an Bedeutung verlieren.
Möglichkeiten zur Erneuerung gäbe es viele: Eine transparentere Aufarbeitung der Missbrauchsskandale, mehr Gleichberechtigung, eine Öffnung gegenüber modernen Lebensweisen und eine stärkere Einbindung der Gläubigen in Entscheidungsprozesse könnten helfen, das Vertrauen zurückzugewinnen. Doch ob die Kirche diese Schritte gehen wird, bleibt ungewiss.
Möglicherweise wird die katholische Kirche in der Schweiz in Zukunft eine kleinere, aber bewusstere Gemeinschaft sein – mit weniger Mitgliedern, aber einer aktiveren und engagierteren Anhängerschaft. Doch wenn sie weiterhin an alten Strukturen festhält, droht sie, sich immer weiter von der Gesellschaft zu entfernen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, ob die Kirche bereit ist, sich zu verändern – oder ob sie weiter in die Bedeutungslosigkeit abrutscht.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.12.2024 20:36
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Liebe Eidgenossen und Eidgenossinnen – und alle, die sich fest davon überzeugt haben, ein direkter Nachkomme Wilhelm Tells zu sein: Heute begeben wir uns auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Jahr 1291. Das ist das Jahr, in dem die Urväter der Schweiz beschlossen haben, in einer Art mittelalterlichem Gruppenchat den Bundesbrief zu unterzeichnen. Ein stolzer Moment, keine Frage. Aber halt, bevor Sie in nostalgische Träume von „reinem eidgenössischem Blut“ verfallen, hier eine kleine Spoilerwarnung: Die Geschichte Ihrer Ahnen ist vermutlich wilder, chaotischer und internationaler, als Sie denken.
2 Milliarden Ahnen? Ja, Sie haben richtig gelesen!
Rechnen wir doch mal nach: Jeder Mensch hat zwei Elternteile, vier Grosseltern, acht Urgrosseltern – Sie merken schon, da geht was. Die Zahl verdoppelt sich mit jeder Generation. In der 30. Generation vor uns (also ungefähr zur Zeit der Bundesbrief-Unterzeichnung 1291) hätten Sie theoretisch über eine Milliarde Ahnen. Und wenn man alle Generationen zusammenzählt, ergibt das über zwei Milliarden Vorfahren.
Moment, sagen Sie jetzt, da stimmt doch was nicht – 1291 lebten ja gar nicht so viele Menschen auf der Erde! Ganz richtig beobachtet, Sherlock. Unser genetischer Stammbaum ist keine majestätische Tanne, sondern ein ziemlich chaotischer Busch. Viele dieser angeblichen Milliarden Ahnen sind einfach mehrfach in Ihrem Stammbaum vertreten. Cousin heiratet Cousine, Grosscousin verliebt sich in Grosscousine – voilà, der berühmte „Ahnenverlust“. So spart man Platz im Stammbaum.
Die Schweiz: Schon immer die Alpen-Drehscheibe
Nun aber zu einem beliebten Mythos: dem „reinen Eidgenossen“. Tja, liebe Freunde, wenn Sie wirklich glauben, Ihre Vorfahren hätten sich ausschliesslich in den Schweizer Alpen aufgehalten, während ringsherum die Römer, Burgunder, Alemannen und Franzosen Party machten, dann haben Sie wohl die Geschichte verpasst.
Stellen Sie sich das vor: Der Römer Gaius plaudert bei einem Glas Wein mit einer Helvetierin. Sie lachen, es funkt – und schwupps, ein kleiner Gaius-Helvetius kommt neun Monate später zur Welt. Ein paar Jahrhunderte später reist ein Burgunder durchs Land, verliebt sich in die Tochter eines Alemannen – und so geht das munter weiter. Denken Sie wirklich, die Schweiz war jemals eine genetische Festung? Nein, die Schweiz war eher eine alpine Autobahnraststätte, wo man nie wusste, wer gerade durchkommt und bleibt.
Reines Blut? Ein Märchen aus alten Zeiten
Das Konzept von „reinem Blut“ ist übrigens nicht nur überholt, sondern auch ein ziemlicher Witz. Gene scheren sich nicht um Landesgrenzen. Wenn ein Vorfahre aus Italien, einer aus Deutschland und ein weiterer aus Frankreich kommt, dann haben Ihre Gene das längst zu einem wunderbaren Fondue vermischt. Eine „rein schweizerische DNA“ gibt es nicht – es sei denn, wir sprechen von Käsebakterien.
Ein Hoch auf das genetische Chaos!
Also, liebe Eidgenossen, was lernen wir daraus? Unsere Ahnen haben keine Grenzen gekannt, und das ist wunderbar. Sie waren wanderlustig, liebesfreudig und offensichtlich sehr fleissig im Kinderzeugen. Das macht uns heute zu einem bunten Mix, der stolz darauf sein kann, so vielseitig zu sein.
Darum, liebe Mit-Schweizerinnen und Schweizer, wenn Sie das nächste Mal jemandem begegnen, der steif und fest behauptet, „nur Schweizer Blut“ in sich zu tragen, schenken Sie ihm ein Augenzwinkern und einen Atlas. Und vielleicht legen Sie noch einen Gentest dazu – die Überraschung dürfte grösser sein, als ihm lieb ist.
Hoch die Gläser auf unsere 2 Milliarden Vorfahren! Und denken Sie daran: Ohne Römer, Burgunder, Alemannen und Co. gäbe es uns so gar nicht. Na dann: Santé!
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.12.2024 15:15
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Donald Trump hat die Politik nicht nur geprägt, sondern in mancher Hinsicht neu definiert. Sein grösstes Vermächtnis ist nicht ein Gesetz oder eine Reform, sondern sein Umgang mit der Wahrheit. Für ihn sind Fakten nicht etwas Feststehendes, sondern etwas Formbares – je nach Bedarf. Während klassische Politiker Fakten verdrehen oder interpretieren, erschafft Trump seine eigene Realität.
Seine Anhänger folgen ihm dabei mit einer Überzeugung, die weit über politische Loyalität hinausgeht. Trump ist für sie nicht nur ein Politiker, sondern eine Figur, die sich gegen das Establishment auflehnt und sich gegen eine vermeintlich feindliche Elite behauptet. Seine Erzählungen sind nicht einfach Lügen – sie sind Teil einer alternativen Welt, in der er immer der Sieger ist.
Eine Realität nach eigenem Bedarf
Schon zu Beginn seiner Präsidentschaft zeigte sich, wie flexibel Trump mit der Wahrheit umgeht. Ein ikonisches Beispiel ist seine Amtseinführung am 20. Januar 2017. Sein Sprecher Sean Spicer behauptete damals, es sei die grösste Menschenmenge gewesen, die jemals eine Amtseinführung besucht habe – eine offensichtliche Unwahrheit, die durch Fotos und offizielle Schätzungen widerlegt wurde. Doch anstatt den Fehler einzugestehen, verteidigte seine Beraterin Kellyanne Conway die Aussage als alternative Fakten.
Dieser Moment war mehr als nur eine Anekdote. Er machte deutlich, dass die Trump-Ära nicht von einer Auseinandersetzung mit der Realität geprägt sein würde, sondern von einer Erschaffung neuer Wahrheiten, die nur noch nach Loyalität und nicht nach Fakten beurteilt wurden.
Die Macht der Wiederholung
Trump nutzt einen einfachen, aber wirkungsvollen Mechanismus: Wiederholung. Wenn eine falsche Behauptung oft genug wiederholt wird, wird sie für viele Menschen glaubwürdig. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass unser Gehirn dazu neigt, vertraute Aussagen als wahr zu empfinden – selbst wenn sie objektiv falsch sind.
Dies erklärt, warum so viele Menschen an den Mythos des Wahlbetrugs 2020 glauben. Trump wiederholte seine Behauptung über Monate hinweg, obwohl Gerichte, Wahlbehörden und selbst viele republikanische Politiker bestätigten, dass die Wahl fair abgelaufen war. Doch für Millionen seiner Anhänger war die Vorstellung, dass ihr Anführer verlieren könnte, undenkbar. Also klammerten sie sich an seine Version der Realität – bis hin zum Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021.
Warum glauben Menschen an Trump?
Die Attraktivität von Trumps Erzählungen liegt in ihrer Einfachheit. Komplexe Probleme – wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Spannungen, geopolitische Herausforderungen – werden auf klare Schuldige reduziert. In seiner Welt gibt es immer einen Feind: die Medien, die Demokraten, die „korrupten Eliten“.
Diese einfache Weltsicht bietet vielen Menschen Orientierung. Wer sich vernachlässigt oder benachteiligt fühlt, findet in Trumps Erzählungen eine Erklärung für seine Situation – und einen Anführer, der verspricht, das Problem zu lösen. Dass viele dieser Probleme von Trump selbst verstärkt oder gar verursacht wurden, spielt dabei keine Rolle.
Die Grenzen der Illusion
Doch was passiert, wenn die Fassade bröckelt? Eine alternative Realität kann nicht ewig bestehen, wenn sie mit der tatsächlichen Welt kollidiert. Trump mag es geschafft haben, eine Bewegung um sich zu scharen, die an seine Erzählungen glaubt – doch er kann nicht verhindern, dass irgendwann die Wahrheit ans Licht kommt.
Seine grösste Herausforderung ist, dass er sich selbst in eine Falle manövriert hat. Er hat seinen Anhängern eine Welt versprochen, in der er immer gewinnt. Doch die Realität lässt sich nicht auf Dauer verdrängen. Seine juristischen Probleme, seine Wahlniederlagen, die Konsequenzen seines Handelns – all das holt ihn immer wieder ein.
Die Frage ist nicht, ob Trump weiterhin seine eigene Wahrheit erschafft. Die Frage ist, wie lange ihm noch genug Menschen glauben werden, um ihn an der Macht zu halten.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.09.2024 14:54
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Es gibt Menschen, die lieben es, ihre Meinungen in die Welt hinauszuposaunen. Früher reichte ihnen der Stammtisch, heute brauchen sie die Kommentarspalten der Zeitungen oder die sozialen Medien. Und dann gibt es jene, die noch eine Spur verbissener sind – die, für die ein einziger Beitrag in der Zeitung nicht genügt. Die, die schreiben, bis die Feder raucht, als wäre das bedruckte Papier ihre persönliche Kriegszone.
Ein solcher Mann war Bernhard Diethelm. Wer in der Region March und Höfe lebte und gelegentlich in den March-Anzeiger oder das Höfner Volksblatt blickte, kam an seinen Leserbriefen kaum vorbei. Er verfasste sie mit der Beharrlichkeit eines Uhrwerks, mit der Schärfe eines Fleischermessers und mit der Überzeugung eines Generals im Kampf gegen die Dummheit – wobei natürlich alle anderen die Dummen waren.
Es war ein Sport für ihn. Die politische Debatte diente nur als Vorwand, um Gegner abzukanzeln, sich über angeblich verweichlichte Zeitgenossen zu mokieren und sein eigenes Weltbild in möglichst schneidenden Worten zu verteidigen. Sein Ton? Spöttisch, aggressiv, oft grenzwertig. Seine Feindbilder? Vielseitig: Linke, Grüne, das Establishment, die Medien, die Justiz – kurzum, alle, die nicht in sein kleines Universum passten.
Doch das Schicksal ist eine poetische Instanz, und es scheint ein Faible für Ironie zu haben. Denn nun ist Bernhard Diethelm nicht mehr derjenige, der Anklagen in Form von Leserbriefen formuliert – sondern derjenige, der sich vor Gericht verantworten muss.
Man könnte sagen: Das Karma hat zurückgeschrieben.
Vom Saubermann zum Verurteilten
Lange inszenierte er sich als der aufrechte Kämpfer, als der Mahner in der Wüste, der den verkommenen Moralaposteln den Spiegel vorhält. Doch plötzlich kam heraus: Auch sein eigenes Spiegelbild war alles andere als makellos.
Die Liste der Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, liest sich wie eine Mischung aus einem schlechten Kriminalroman und einer Provinzposse. Körperverletzung? Ja. Besitz verbotener Pornografie? Auch das. Ein Mann, der stets den Zerfall von Anstand und Werten beklagte, wurde nun selbst zum Symbol ebenjener Dekadenz, die er so vehement bekämpfte.
Man stelle sich das vor: Jahrelang belehrte er die Leserbriefspalten über Moral, Anstand und den angeblichen Sittenverfall der Gesellschaft. Und dann? Dann erwischt es ihn selbst mit voller Wucht. Der Hüter der Ordnung, der sich so gerne als ritterlicher Verteidiger der guten alten Werte inszenierte, entpuppte sich als einer, der nicht einmal die einfachsten Regeln des Zusammenlebens respektierte.
Sein politischer Rückhalt? Verdunstet. Seine Partei? Hat ihn fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Seine Glaubwürdigkeit? Geschichte.
Wenn der Spiess sich umdreht
Früher schickte er Briefe an die Redaktion, heute flattern ihm juristische Dokumente ins Haus. Eine bittere Ironie – oder eine gerechte Wendung der Dinge, je nach Perspektive.
Da sitzt er nun, in der Defensive. Statt mit scharfer Feder zu schreiben, muss er sich verteidigen. Statt über andere zu urteilen, urteilen nun Richter über ihn. Man kann sich fragen, wie es sich anfühlen muss, wenn das Blatt sich so drastisch wendet. Ist es Demut, die ihn nun erfüllt? Oder einfach nur Trotz?
Wer so lange austeilt, sollte damit rechnen, dass irgendwann die Retourkutsche kommt. Doch die, die besonders gerne austeilen, sind meist auch die, die am schlechtesten einstecken können. Das ist eine alte Wahrheit.
Was bleibt?
Der Name Bernhard Diethelm wird in der Region nicht so schnell vergessen werden. Nicht, weil er politisch besonders viel bewegt hätte. Nicht, weil er bahnbrechende Ideen hatte oder als grosser Visionär galt. Sondern weil er laut war, weil er penetrant war, weil er mit Vorliebe polarisierte.
Aber Polarisierung ist kein Wert an sich. Lautstärke ersetzt keine Substanz. Und wer sich in der politischen Arena bewegt wie ein Raufbold auf dem Pausenhof, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann selbst im Staub liegt.
Es ist die klassische Geschichte des Hochmuts, der zum Fall führt. Einer, der sich jahrelang als überlegene Instanz aufspielte, als selbsternannter Richter über Gut und Böse, sitzt nun selbst auf der Anklagebank.
Ein tragisches Ende? Vielleicht. Eine verdiente Lektion? Mit Sicherheit.
Denn das Leben ist nicht nur eine Einbahnstrasse. Und manchmal, ja manchmal, schreibt das Schicksal seine eigenen Leserbriefe zurück.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.07.2024 19:20
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Christoph Blocher. Kaum ein Name spaltet die Schweiz so sehr wie dieser. Für die einen ist er der unbeugsame Verfechter der Schweizer Unabhängigkeit, für die anderen ein Populist, der mit Parolen Politik macht und das Land spaltet. Sicher ist: Blocher hat die Schweizer Politik in den letzten Jahrzehnten geprägt wie kaum ein anderer. Doch was steckt hinter diesem Mann? Ist er wirklich der Strippenzieher im Hintergrund oder lediglich ein Lautsprecher mit viel Eigeninteresse?
Der Aufstieg eines Polit-Krampfers
Christoph Blocher, 1940 geboren, wuchs in einfachen Verhältnissen auf und schaffte es mit Fleiss und Ehrgeiz nach oben. Als Unternehmer baute er die EMS-Chemie zu einem Milliardenkonzern aus. Doch seine wahre Leidenschaft galt der Politik. In den 1990er-Jahren begann er, die Schweizerische Volkspartei (SVP) umzugestalten: von einer gemässigten Bauernpartei zu einer nationalkonservativen Protestbewegung. Der Erfolg gab ihm recht. Mit Themen wie EU-Skepsis, strikter Zuwanderungspolitik und einer kompromisslosen Haltung gegenüber dem "linken Mainstream" gewann die SVP Wahlerfolg um Wahlerfolg.
Blochers Agenda: Nationalistischer Pragmatismus oder Machtpolitik?
Blocher inszenierte sich stets als Kämpfer für die Unabhängigkeit der Schweiz. Besonders die Beziehungen zur EU waren sein Dauerbrenner. Er war der Architekt der Kampagne gegen den Beitritt zum EWR 1992 – eine Abstimmung, die das politische Klima in der Schweiz nachhaltig veränderte. Doch war es wirklich die Sorge um die Souveränität des Landes oder vielmehr die Angst vor einem Machtverlust der eigenen Kreise?
Sein angebliches Engagement für die direkte Demokratie wirkt oft selektiv: Wenn das Volk in seinem Sinne entscheidet, ist es ein Triumph des Souveräns. Wenn nicht, dann wird so lange mobilisiert, bis das Ergebnis passt. Paradebeispiel: die Masseneinwanderungsinitiative. Trotz ihrer Annahme wurde sie letztlich verwässert, weil Blochers Maximalforderungen schlicht nicht umsetzbar waren.
Vom Bundesrat verstossen, doch nie weg
2003 gelang Blocher der politische Coup: Blocher schaffte den Sprung in den Bundesrat. Doch seine Zeit in der Regierung währte nur vier Jahre. 2007 wurde er von der Vereinigten Bundesversammlung abgewählt. Der offizielle Grund: mangelnde Kollegialität. Tatsächlich war Blocher im Bundesrat nicht fähig oder willens, die notwendige Konsenskultur zu pflegen.
Seine Abwahl bedeutete aber keineswegs seinen politischen Abgang. Im Gegenteil: Er zog die Fäden von aussen weiter, stieg als SVP-Stratege in den Hintergrund und steuerte die Partei durch seine Medienmacht (u. a. "Basler Zeitung"). Er formte seinen Nachfolger als Galionsfigur: Zunächst Toni Brunner, dann Albert Rösti und nun Marco Chiesa. Doch niemand erreichte seine Strahlkraft.
Blocher und die Medien: Kontrolle als Strategie
Wer die Meinungshoheit hat, hat die Macht – dieses Prinzip hat Blocher früh erkannt. Neben seiner politischen Tätigkeit hat er sich ein beachtliches Medienimperium aufgebaut, mit dem er gezielt Stimmung macht. Die "Weltwoche" ist ein Sprachrohr der SVP-Ideologie, Blochers Einfluss auf die "Basler Zeitung" war ebenfalls lange unübersehbar. Seine "TeleBlocher"-Videos sind eine Mischung aus Eigenpropaganda und politischer Brandrede.
Das Ziel ist klar: Die Deutungshoheit über politische Themen darf nicht den etablierten Medien oder gar der SRG überlassen werden. Kein Wunder, dass Blocher einer der schärfsten Kritiker der Billag-Mediengebühren war. Die "No-Billag"-Initiative scheiterte zwar, zeigte aber, wie stark Blochers Lager mobilisieren kann.
Ein alternder Patriarch ohne Nachfolger?
Doch Blocher wird nicht jünger. Und die Frage stellt sich: Was bleibt von seinem Erbe? Die SVP ist nach wie vor die stärkste Partei der Schweiz, doch ihre Kampagnen verlieren an Biss. Die neue Generation um Marco Chiesa oder Blochers Tochter Magdalena Martullo-Blocher kann in Sachen Charisma und Agitation nicht mit dem Patriarchen mithalten. Ohne die treibende Kraft Blocher wirkt die SVP oft orientierungslos.
Doch ist das vielleicht gar nicht so schlecht? Der polarisierende Stil Blochers hat zweifellos Wahlen entschieden, aber auch Fronten verhärtet. Die Schweiz ist ein Land des Kompromisses, nicht der Maximalforderungen. Vielleicht wird die Zeit nach Blocher wieder eine sein, in der man nach Lösungen sucht, anstatt Feindbilder zu pflegen.
Fazit: Laut, aber nachhaltig?
War Christoph Blocher heisse Luft oder eine politische Kraft mit Substanz? Die Antwort liegt wohl irgendwo dazwischen. Sein Einfluss ist unbestreitbar, seine Methoden umstritten. Er hat es verstanden, einfache Botschaften zu vermitteln und damit eine breite Wählerschaft zu mobilisieren. Doch seine Politik war oft destruktiv statt konstruktiv.
Jetzt, da sein Stern langsam sinkt, bleibt abzuwarten, ob die SVP ohne ihren Übervater bestehen kann. Vielleicht wäre es für die Schweiz nicht das Schlechteste, wenn sie es nicht könnte.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.06.2024 23:16
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Naveen Hofstetter – ein Name, der einem das kalte Grausen über den Rücken jagt, selbst wenn man nicht in seinem politischen Lager zu Hause ist. Ein Politiker, der nichts anderes im Sinn zu haben scheint, als ständig mit seinen eigenen, absolut hirnrissigen Aussagen für Aufsehen zu sorgen. Und was für ein Aufsehen! Ein Aufsehen, das durch nichts anderes zu erklären ist, als durch seine Fähigkeit, sich immer wieder bis zum Hals in seinen eigenen Dummheiten zu verstricken. Doch wer ist dieser Mann, der sich offensichtlich für einen Politiker hält, der seiner Verantwortung mehr und mehr ausweicht, je mehr er den Mund aufmacht? Ein weiteres Windei der Schweizer Politik.
Dieser Aargauer SVP-Mann hat uns mal wieder gezeigt, wie gefährlich Unwissenheit gepaart mit Ignoranz sein kann. Wer erinnert sich nicht an seine völlig fehlgeleitete und widerliche Facebook-Aussage, in der er afrikanischen Flüchtlingen unterstellte, sie würden in die Schweiz kommen, um kleine Mädchen zu missbrauchen? Ein solches Statement ist nicht nur peinlich, sondern eine wahre Farce. Es ist der widerlichste Versuch, mit billiger Hetze gegen die angebliche „fremde Kultur“ Stimmung zu machen. Hofstetter hat damit nicht nur rassistische Klischees befeuert, sondern auch die Gesellschaft gegeneinander aufgehetzt. Ein Kommentar, so abscheulich, dass einem wirklich die Worte fehlen. Aber keine Sorge, nach einem Tag hat er den Post dann gelöscht. Aber nicht aus Einsicht, sondern aus purem Kalkül, weil ihm langsam dämmerte, dass er sich damit nicht nur selbst ins Abseits befördert hatte, sondern gleich eine ganze Politikerkaste mit in den Abgrund ziehen könnte.
Natürlich folgte die „entschuldigung“ – so wie man es von einem Politiker seiner Sorte erwartet: halbherzig, ausweichend und so unfreiwillig peinlich, dass man sich fast in den Boden verkriechen möchte. „Unüberlegt und deplatziert“, sagte er. Ach ja, und „die Realität“ sei nun mal, dass Mädchen von „Männern afrikanischer Herkunft sexuell belästigt werden“. Ja, das ist natürlich die beste Art, das Bild von „uns“ gegen „die“ zu zementieren. Anstatt sich wenigstens für seine unqualifizierten und absolut toxischen Äußerungen zu entschuldigen, versucht er sich als Opfer einer aufgesetzten Diskussion darzustellen. Die Eskalation war nur eine Frage der Zeit.
Und dann kam das, was kommen musste: eine Strafanzeige. Zurecht! Die Aargauer SP-Nationalrätin Gabriela Suter stellte sich gegen diese widerliche Hetze, die Hofstetter mit seinem ekelhaften Kommentar verbreitete. Das Urteil? Ein Joke – wie für ihn selbst gemacht: eine lächerliche Geldstrafe, die er anscheinend auch noch locker wegstecken kann. Doch das reicht Hofstetter natürlich nicht. Wie es sich für einen Mann seiner „Kaliber“ gehört, zog er vor das Bundesgericht. Vielleicht glaubte er ja, dort könnte ihm das unvermeidliche Schicksal noch entkommen. Aber weit gefehlt. Das Bundesgericht zog dann wirklich den Schlussstrich: Diese Hetze ist nicht nur schädlich für die Gesellschaft, sondern auch strafbar. Hofstetter wurde endgültig eines Besseren belehrt – die Verurteilung wurde in voller Härte bestätigt.
Ein Politiker, der nicht in der Lage ist, sich zu entschuldigen und aus seinen Fehlern zu lernen, sondern lieber in der Illusion lebt, er könne sich mit solchem Verhalten durchsetzen, hat in einer zivilisierten Gesellschaft nichts verloren. Doch der wahre Witz an der ganzen Geschichte ist, dass Hofstetter nicht nur in seiner eigenen Welt lebt, sondern sogar glaubt, das Vertrauen und die Unterstützung der Schweizer Bevölkerung zu haben – was ihm bei den nächsten Wahlen ziemlich schnell um die Ohren fliegen dürfte. Spätestens, wenn die Wähler merken, dass dieser Mann nicht mehr als ein erschreckend peinlicher Witz ist, wird ihm sein Rassismus und seine grenzenlose Unreflektiertheit zum Verhängnis werden.
Zu guter Letzt der Höhepunkt des politischen Trauerspiels: Hofstetter tritt als Präsident der SVP Rothrist zurück – aber natürlich nicht wegen des Urteils. Nein, das hat er angeblich nicht mit dem Urteil zu tun. Ach, wie grosszügig von ihm, das Ganze einfach mal als „andere Gründe“ zu verkaufen. Wer glaubt ihm das noch? Wahrscheinlich niemand. Aber wie gesagt, für ihn wird das Leben weitergehen, und der Rest von uns wird dabei zusehen müssen, wie dieser Scherbenhaufen von politischer Karriere mehr und mehr an Fahrt verliert.
Hofstetter ist ein Paradebeispiel dafür, wie man sich selbst ins Abseits stellt – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Politiker, der auf der falschen Seite der Geschichte steht und glaubt, er könne auf Kosten von Minderheiten, die er niemals verstehen wird, politisches Kapital schlagen. Doch am Ende wird er scheitern, und die Geschichte wird ihm kein gutes Urteil fällen.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.05.2023 20:23
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Die Corona-Pandemie ein Begriff, den wir heute alle mit einem Kopfschütteln verbinden, als hätten wir einen schlechten Witz überstanden. Und als freischaffender Jazzmusiker, der seine Existenz im Wesentlichen mit der Schaffung von „unvorhersehbaren“ Klangwelten und dem gelegentlichen „Sich-auf-der-Bühne-in-die-Augenschaukel-greifen“ verdient, war diese Zeit… nun ja, aufregend, aber aus den falschen Gründen. Ein bisschen wie ein Jazzsolo, das in die falsche Richtung geht mit der Erkenntnis, dass man das Stück trotzdem zu Ende spielen muss, aber ohne das Publikum, das einem sonst den Rücken stärkt.
Leere Kalender und wie Improvisation plötzlich Pflicht wurde
Wir Jazzmusiker haben ja ein gutes Verhältnis zur Improvisation wir müssen oft auf der Bühne einen coolen Kopf bewahren, wenn plötzlich der Schlagzeuger einen völlig anderen Takt anschlägt oder der Bassist in einer fremden Tonart weitergeht. Doch während der Pandemie wurde die Improvisation nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Leben zur obersten Maxime. Es war plötzlich wie ein langes Solo ohne Partitur wer hatte die Kontrolle, wer wusste, wo die Reise hingeht?
Zuerst war es fast ein bisschen surreal: Der Kalender, der normalerweise von Konzerten und Auftritten nur so strotzte, war plötzlich so leer wie ein Glas nach dem letzten Drink vor dem Lockdown. Keine Auftritte, keine Tourneen, keine Gagen. Um ehrlich zu sein, stand der „Künstler“ in mir wie ein Musiker ohne Instrument irgendwo zwischen Verzweiflung und dem Versuch, die Krise mit einer Portion Humor zu überstehen. „Okay“, dachte ich mir, „wenn wir die Bühne nicht mehr betreten können, dann wird es halt ein digitales Konzert geben!“ Also, Laptop aufklappen, Streaming-Software herunterladen, ein paar Instrumente zurechtrücken und los ging’s.
Live, aber ohne Publikum. Ah ja, das neue „Normal“. Es fühlte sich an, als hätte man den besten Gig seines Lebens und dann festgestellt, dass das Publikum nach Hause gegangen ist. Man spielte also weiter für den leeren Raum, für den imaginären Applaus, der einem irgendwie wie ein Hallenhallensystem im Kopf widerhallte. Aber immerhin: Wir musizierten weiter, auch wenn das Publikum nicht sichtbar war. Das einzige, was an unsere Anwesenheit erinnerte, war die Kamera, die uns stumm beobachtete.
Die finanzielle Leere oder: Wo bleibt das Geld?
Der Übergang von der Bühne in den virtuellen Raum hatte allerdings seine Tücken vor allem, wenn man überlegt, dass „Geld verdienen“ in dieser neuen Form von Auftritt nicht gerade üppig ausfiel. Klar, die virtuellen Gigs wurden gespielt, aber die Gage… nun ja, die blieb ein bisschen hinter den Erwartungen zurück. So gross war die Wertschätzung für unsere Musik im Netz anscheinend doch nicht. Und natürlich gab es in der Schweiz die berühmten Hilfsprogramme ich habe gehört, dass viele Kollegen aus der Musikszene versucht haben, sich damit über Wasser zu halten. Aber die Realität sah bei vielen von uns anders aus. In meinem Fall gab es keine staatlichen Zuschüsse. Kein „Corona-Hilfsbudget für Jazzmusiker“, keine Extra-Millionen für „geniale Improvisationen ohne Publikum“. Es war ein bisschen so, als würde man als Musiker in einem Orchester sitzen, aber der Dirigent hätte plötzlich das Handtuch geworfen und so sassen wir alle da, ohne wirklich zu wissen, wie wir zum Applaus oder gar zum „Gehalt“ kommen sollten.
Der finanzielle Druck war daher eine ständige Begleiterscheinung. Es fühlte sich ein bisschen so an, als hätten wir uns entschieden, in einem leeren Konzertsaal zu spielen und dann auch noch von der Staatskasse vergessen zu werden. Aber wie im Jazz üblich: Man improvisiert weiter. Wenn man das Publikum nicht mehr hat, muss man sich anderweitig arrangieren. Vielleicht kommt ja die nächste Förderung… oder auch nicht.
Der digitale Raum: Eine neue Bühne mit seltsamer Akustik
Was uns die Pandemie aber auch brachte, war die schrittweise Akzeptanz des digitalen Raumes. Ich gebe zu, zuerst war ich etwas skeptisch. Musik auf einem Bildschirm das fühlt sich doch irgendwie an wie der Versuch, eine Trompete in eine Briefmarke zu pressen. Aber irgendwie wurden die Livestreams die neue Bühne, und es gab viele Momente, in denen wir versuchten, die Energie des „Live-Auftritts“ durch den Bildschirm zu transportieren. Und wer hätte gedacht, dass man auch ohne Publikum mit der Musik eine Art von Verbindung herstellen kann? Und dann das ganze technische Zeug: Mikrofone, Kameras, Streaming-Plattformen. Es war ein bisschen wie ein Jazzsolo, das ständig von der Technik unterbrochen wurde mal ein kurzer Wackler im Bild, mal ein Audio-Desaster, und dann musste man improvisieren, um den Anschluss nicht zu verlieren. Das Gefühl, der Technik hinterherzujagen, während man die Musik aufrechterhielt, war irgendwie surreal.
Und das Beste? Wir konnten immer noch machen, was wir lieben auch wenn es nur vor der Kamera war. Das war das Gute: Musik blieb ein Ventil für uns. Doch trotz aller Kreativität gab es da auch eine tiefe Erkenntnis: Man spielt, aber es fehlt die Rückmeldung, der Austausch. Der Applaus der echte fehlte einfach. Wenn du ohne Reaktionen spielst, fühlt es sich ein bisschen so an, als würdest du in einem Echo-Kammern-Duell gegen dich selbst antreten.
Fazit: Weiter improvisieren, auch ohne Publikum
Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Corona-Pandemie hat uns als Musiker vor grosse Herausforderungen gestellt. Sie hat uns aber auch gezeigt, wie viel Kraft und Kreativität in uns steckt. Die Bühne, auf der wir aufwuchsen, war in den letzten Jahren immer leerer geworden, aber unsere Leidenschaft für die Musik hat uns durch die Krisen geführt. Die Auftritte ohne Publikum, die virtuellen Gigs, die finanziellen Unsicherheiten all das konnte uns nicht wirklich unterkriegen.
Und heute, nach all den Einschränkungen, stehen wir wieder auf der Bühne die Säle sind wieder voll, und der Applaus, der echte Applaus, hallt uns wieder entgegen. Die Erinnerung an die „konzertlosen“ Zeiten bleibt zwar in unseren Köpfen, aber sie hat uns auch gezeigt, wie sehr wir diese Momente der echten Verbindung brauchen. Wir haben uns durch die Krise improvisiert, haben aus der Not eine Tugend gemacht, und das, was uns nie genommen werden konnte, ist die Musik selbst.
Es dauert zwar seine Zeit, aber jetzt, wo das Publikum zurück ist, wissen wir eines: So schnell lässt sich die Musik nicht zum Schweigen bringen. Wir spielen weiter und die Säle füllen sich wieder. Und wer weiss, vielleicht ist die nächste Krise schon in Sicht, aber eines ist sicher: Wenn wir sie überstehen, dann spielen wir auch weiterhin stolz und voller Leidenschaft.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 27.04.2023 09:15
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Wenn wir über Christoph Mörgeli sprechen, kommen einem unweigerlich Bilder von hitzigen Diskussionen, populistischen Aussagen und einer schillernden öffentlichen Persona in den Sinn. Der ehemalige Politiker, Historiker und Journalist hat sich in der Schweizer Medienlandschaft als eine Art Provokateur etabliert – doch hinter diesem Image steckt weit mehr als nur rhetorische Geschicklichkeit. Denn Mörgeli hat es über die Jahre hinweg verstanden, sich als eine Figur zu inszenieren, die immer im Mittelpunkt steht, aber im Wesentlichen wenig zu bieten hat. Ein Blender, ein Redner ohne substanzielle Ideen und ein Mann, der oftmals mehr verwirrt als klärt.
Provokation
Sein Aufstieg in die Schweizer Politik war keineswegs unauffällig. Als Mitglied der Schweizerischen Volkspartei (SVP) prägte Mörgeli die politische Landschaft mit einer Mischung aus populistischen Thesen und dem Talent, bei jeder Gelegenheit auf den politischen Gegner einzudreschen. Seine Statements, ob zur Migration, zu gesellschaftlichen Themen oder zur Schweiz als Nation, zogen nicht selten die Aufmerksamkeit auf sich – vor allem durch ihre Radikalität. Doch was dabei zu oft übersehen wurde, ist die Leere hinter den Worten.
Lautstärke ohne Wirkung
Mörgeli ist ein Mann, der es meisterhaft versteht, sich in die Schlagzeilen zu katapultieren, aber selten konkrete Lösungen für die Probleme bietet, die er aufwirft. Dies macht ihn zu einem der bekanntesten Vertreter einer politischen Kultur, die vor allem von Lautstärke und Provokation lebt. Doch auch die lauteste Stimme bleibt nur eine leere Hülle, wenn sie nicht durch Substanz gestützt wird. Die Frage, die sich immer wieder stellt, ist: Was hat Mörgeli wirklich erreicht? Die Antwort darauf ist ernüchternd: wenig bis nichts. In seiner Zeit im Nationalrat, von 1999 bis 2015, war er vor allem als Streiter für die rechte Agenda bekannt. Doch viele seiner politischen Vorschläge wurden entweder schnell verworfen oder in der Praxis nie umgesetzt. Statt durch konkrete Erfolge und Initiativen auf sich aufmerksam zu machen, war er eher der Mann, der durch polemische Auftritte in den Medien glänzte. Und auch nach seiner politischen Karriere hat sich Mörgeli nicht grundlegend verändert.
Oberflächlichkeit statt Tiefe
Seine Tätigkeit als Journalist und Historiker hat ihm kaum Anerkennung eingebracht. Wer die Medienbeiträge von Mörgeli verfolgt, wird schnell feststellen, dass seine Analysen oft wenig tiefgründig sind und an der Oberfläche kratzen. Er hat ein Talent dafür, Geschichte zu vereinfachen und zu verkürzen, dabei aber die komplexen Zusammenhänge zu ignorieren, die für ein tiefes Verständnis notwendig wären. Statt wertvolle Impulse zu geben, produziert er Floskeln und populäre Narrative, die leicht konsumierbar sind, aber wenig zur Reflexion anregen.
Fragwürdige Machenschaften
Und dann gibt es da noch das Thema der Vertrauenswürdigkeit. Mörgeli hat immer wieder durch ein Verhalten auf sich aufmerksam gemacht, das in den Bereich der fragwürdigen Machenschaften fällt. In politischen Auseinandersetzungen griff er häufig zu Mitteln, die an den Rändern der Fairness entlangschrammten. Auf diese Weise hat er es geschafft, sich Feinde zu machen und gleichzeitig in den Medien präsent zu bleiben. Doch ist es wirklich das, was wir von einem Politiker und Journalisten erwarten? Ein Mann, der sich nur durch seine Fähigkeit, Kontroversen zu entfachen, profilieren kann, ist keine respektable Figur. Er ist ein Schauspieler, der im Vordergrund steht, während im Hintergrund kaum Substanz zu finden ist.
Ein Mann ohne Substanz
Es gibt viele, die die scharfe Rhetorik von Mörgeli schätzen – vor allem in einer Zeit, in der politische Debatten zunehmend von Emotionen und vereinfachten Botschaften geprägt sind. Doch genau hier liegt das Problem. Ein echter Denker, ein echter Politiker, der die Gesellschaft wirklich voranbringen möchte, würde sich durch konkrete, durchdachte Lösungen auszeichnen. Stattdessen bleibt Mörgeli in der Welt der Oberflächlichkeit und der Provokation hängen. Und das ist es, was ihn so gefährlich macht. Denn in einer Welt, die von wachsenden politischen Spannungen geprägt ist, brauchen wir keine Schauspieler, die die Stimmung anheizen, sondern Menschen, die mit Verantwortung und einer klaren Vision handeln.
Es ist an der Zeit, dass wir die wahren Qualitäten eines Politikers und Journalisten hinterfragen. Es geht nicht darum, immer nur lauter zu sein oder mehr Kontroversen zu erzeugen. Es geht darum, etwas Substanzielles beizutragen. Christoph Mörgeli hat dies nie wirklich getan. Er mag ein Meister der Inszenierung sein, doch wenn es darum geht, echte Lösungen zu präsentieren und Verantwortung zu übernehmen, hat er versagt. Und das ist der wahre Skandal.
Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 24.06.2014 16:34
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Es gibt diese besonderen Momente, wenn der Zug zwischen Winterthur und Aarau in einem gemächlichen Tempo durch die ländliche und urbane Landschaft rollt, und plötzlich wird der Raum durch Gespräche von Mitreisenden erfüllt. Diese Gespräche, oft flüchtig, in der Hektik des Pendelns, spiegeln in ihrer Vielfalt und ihrer Intimität nicht nur die Eigenheiten der Schweiz wider, sondern auch die ganz persönlichen Geschichten und Gedanken, die Menschen miteinander teilen.
Ein solcher Moment ist typisch für die S-Bahn zwischen Winterthur und Aarau, einer der vielbefahrenen Pendlerstrecken im Kanton Zürich und Aargau. Täglich drängen sich Berufspendler, Studierende, aber auch Reisende mit anderen Zielen in die Wagen. Die Vielfalt der Gespräche, die im Abteil stattfinden, könnte nicht unterschiedlicher sein. Manche Gespräche sind lauter, manche leiser, einige intensiver und andere eher flüchtig. Aber sie alle haben eines gemeinsam: Sie zeigen, wie der Zug nicht nur als Transportmittel, sondern auch als sozialer Raum fungiert.
Kleinere Begegnungen im grossen Raum
Wer den Zug nutzt, muss sich der Tatsache bewusst sein, dass Privatsphäre hier ein rares Gut ist. Während die Fenster den Blick auf die vorbeiziehende Landschaft freigeben, entsteht im Innern des Waggons ein Mikrokosmos aus Begegnungen. Es sind oft Gespräche über das Wetter, den Arbeitsalltag oder das Wochenende – Gespräche, die aus der Notwendigkeit geboren sind, sich die Zeit zu vertreiben. Ein kurzer Blick auf die Pendler neben einem, ein Lächeln, und schon wird ein Gespräch entfacht. Diese flüchtigen Gespräche sind ein kleiner Austausch im hektischen Alltag. Aber manchmal bleibt mehr hängen, als es auf den ersten Blick scheint.
Beispielsweise kann es passieren, dass man sich in ein Gespräch über die neuste Entwicklung in der Politik verwickeln lässt – vielleicht über die Debatte um den öffentlichen Verkehr oder neue Umweltschutzmassnahmen. Ein Thema, das in einer so politisch aktiven Gesellschaft wie der Schweiz ständig in Bewegung ist. Wer hätte gedacht, dass sich zwei vollkommen fremde Menschen über ein solches Thema in einem Zugabteil austauschen würden? Es zeigt sich, wie der Zug nicht nur als physischer Raum, sondern auch als Raum für soziale Interaktion funktioniert.
Die Stille als Kontrast
Interessanterweise gibt es auf dieser Strecke aber auch viele Fahrten, in denen Stille herrscht. Es ist nicht etwa eine unangenehme Stille, sondern eine, die sich zwischen den Fahrgästen ausbreitet, als hätten alle den gleichen Gedanken: Jeder ist mit seinen eigenen Dingen beschäftigt, ob es nun das Handy ist, ein Buch oder das Nachdenken über den bevorstehenden Tag. In einem Land wie der Schweiz, in dem Selbstgenügsamkeit und das Bewahren persönlicher Grenzen hoch geschätzt werden, ist diese Stille fast ebenso typisch wie die kurzen, aber prägnanten Gespräche. Manchmal ist sie sogar der Beginn einer neuen Form von Kommunikation – der nonverbalen Art. Ein zustimmendes Nicken, ein Blick auf die Uhr oder der gelegentliche Blick auf das Handy kann ebenso viel sagen wie Worte.
Der Einfluss der Sprachenvielfalt
Eine weitere Facette der Zuggespräche auf der Strecke zwischen Winterthur und Aarau ist die Sprachenvielfalt. Hier treffen Deutsch, Englisch und immer häufiger auch andere Sprachen aufeinander. Schweizerdeutsch, Hochdeutsch und Französisch sind die dominierenden Dialekte und Sprachen, die in den Gesprächen zu hören sind. Besonders für die Pendler aus dem grenznahen Raum zwischen Zürich und Aarau ergibt sich immer wieder die Gelegenheit, die eigene sprachliche Identität zu pflegen und gleichzeitig eine gemeinsame Verständigung zu suchen. Es ist faszinierend, wie sich Sprachbarrieren in diesem fahrenden Raum auflösen und wie schnell man auch im Ausland geläufige Begriffe findet, die einen Zugang zu einem Gespräch eröffnen. Dies ist die Schweiz im besten Sinne: ein Ort der Vielfalt, in dem unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Akzenten und Ausdrücken, dieselbe Strecke zurücklegen und im besten Fall auch miteinander ins Gespräch kommen.
Die Besonderheit der Pendlerkultur
Ein weiteres, oft unterschätztes Phänomen auf dieser Strecke ist die Pendlerkultur. Manchmal kennt man sich – zumindest vom Sehen – schon aus den täglichen Fahrten. Wer immer zur gleichen Zeit den Zug nimmt, wird irgendwann feststellen, dass andere Pendler ebenfalls denselben Rhythmus haben. Diese wiederkehrenden Gesichter bieten ein interessantes Bild der Gesellschaft: Wer steigt in Winterthur ein, wer in Zürich und wer in Aarau? Wer fährt vielleicht nur für einen kurzen Abschnitt und wer ist den ganzen Weg unterwegs? Es entsteht eine gewisse Vertrautheit, auch wenn die Gespräche selten tiefgründig werden. Doch die wiederkehrenden Begegnungen schaffen ein Gefühl der Gemeinschaft – auch wenn es nur für die Dauer der Zugfahrt ist.
Die Pendlerkultur an sich könnte einen eigenen Artikel füllen. Sie ist eine Kultur des Kurzzeitkontakts, der auf Pragmatismus und Effizienz ausgerichtet ist, aber auch viel Raum für Begegnungen und den Austausch von Ideen lässt. Besonders in den frühen Morgenstunden, wenn der Zug mit müden Gesichtern gefüllt ist, fühlt es sich fast wie eine stille Übereinkunft an: Wir wissen, warum wir hier sind, aber das Schweigen spricht ebenso viel wie Worte.
Fazit
Zuggespräche zwischen Winterthur und Aarau sind mehr als nur flüchtige Worte zwischen Fremden. Sie sind ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Vielfalt, der politischen Diskussionen und der sozialen Dynamik, die die Schweiz prägen. Ob in der Stille des Morgens oder in einem intensiven Dialog über ein aktuelles Thema – der Zug wird zum Ort des Austauschs, der Beobachtungen und der stillen Übereinkünfte. Und auch wenn viele dieser Gespräche in der Hektik des Alltags verloren gehen, bleibt der Eindruck eines facettenreichen, vielstimmigen Landes, das sich in seinen Pendlerabteilen widerspiegelt.
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