Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die vierte Phase des Schwurbelns – Wenn Wasser zu Dampf und Denken zu Nebel wird

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.11.2025 13:20
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Wenn Ueli Maurer irgendwo auftaucht, weiss man: Entweder gibt’s gleich ein Fondue mit Vaterland oder eine Grundsatzrede, die so klingt, als hätte er sie mit dem Taschenmesser ins Alphorn geritzt. Nun also Andermatt. Ein Wassersymposium. Klingt harmlos. Fast idyllisch. Man denkt an Gletscherwasser, an sprudelnde Quellen, an die gute alte Gotthardregion. Aber nein, das Ganze ist eine dieser hochglanzpolierten Bühnen, auf denen sich Wissenschaft, Esoterik und Eitelkeit die Klinke in die Hand geben – natürlich mit Eintrittspreisen, bei denen einem das Wasser gleich im Hals stecken bleibt.

188 bis 298 Franken. Für diesen Betrag bekommt man andernorts ein Wellnesswochenende mit Whirlpool, hier aber nur das Versprechen, «das Wasser aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten». Man fragt sich: Aus welchen Blickwinkeln genau? Von oben als Regen, von unten als Grundwasser, oder aus der Badewanne heraus, kurz bevor man mit der Quietscheente in die Erkenntnis driftet?

Der Programmflyer liest sich wie ein Stammtisch mit Laboranschluss. Da sind tatsächlich renommierte Köpfe dabei – etwa ETH-Professor Rolf Kipfer. Aber gleich daneben stehen Namen, die in der Fachwelt ungefähr so beliebt sind wie Homöopathie in der Notaufnahme. Allen voran Gerald H. Pollack, der Mann mit der sogenannten «vierten Phase des Wassers». Eine Theorie, die so klingt, als hätte jemand Eis, Dampf und Flüssigkeit verwechselt und dann «Tadaa!» gesagt.

In dieser vierten Phase, so Pollack, soll Wasser eine geheimnisvolle, energetische Superkraft entwickeln. Klingt nett – wenn man’s in der Marketingabteilung von Evian verkaufen will. In der Wissenschaft hingegen sorgt das eher für Augenrollen, die man wahrscheinlich noch im Tessin spürt. Und doch steht dieser Mann auf der Bühne, flankiert von einem ehemaligen Bundesrat, der seit seinem Rücktritt offenbar beschlossen hat, dass er sich jetzt ganz der Unterhaltungsbranche des Halbwissens widmen will.

Ueli Maurer sagt, er freue sich auf «unterschiedliche Standpunkte». Klar. Unterschiedliche Standpunkte sind immer gut, solange keiner nach Belegen fragt. Das erinnert an diese Politrunden, wo einer sagt, die Erde sei rund, und der andere erwidert, sie sei ein Pfannkuchen – und der Moderator dann lächelnd meint, die Wahrheit liege wohl irgendwo dazwischen. Nein, Ueli, tut sie nicht.

Aber Maurer wäre nicht Maurer, wenn er sich von solchen Details beirren liesse. Er sieht sich als Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Bauchgefühl. Zwischen ETH und Telegram. Zwischen Labor und Ländlerkapelle. Und so eröffnet er das Symposium in der Hoffnung, dass dort, im Schatten des Gotthards, endlich jemand das Geheimnis des Schweizer Wassers entschlüsselt: Warum es immer nach Leitungswasser schmeckt, egal wie teuer man’s verkauft.

Dann war da noch Cornelia Boesch. SRF-Moderatorin, «Tagesschau»-Gesicht, kurzzeitig auf dem Programm als Moderatorin dieses Wasserkongresses. Doch kaum wurde klar, dass hier zwischen Fakten und Fantasie geflirtet wird, zog sie die Notbremse. Aus «redaktionellen Gründen» und «im Sinne der journalistischen Unabhängigkeit». Übersetzt heisst das: «Ich moderiere ja gerne Diskussionen, aber ich setz mich nicht zwischen Mikroskop und Wünschelrute.» Eine weise Entscheidung.

Denn während SRF-Moderatorinnen sich abmelden, meldet sich Ueli Maurer freiwillig. Und das sagt eigentlich alles über den Zustand der Schweizer Debattenkultur. Wir haben eine Öffentlichkeit, die «kritisch hinterfragen» mit «alles glauben» verwechselt. Die ausgerechnet dort, wo man Fakten braucht, nach «offenen Diskursen» ruft – ein Euphemismus für: «Lasst doch bitte auch mal den Schwurbel sprechen, der sagt, Wasser hat Gefühle.»

Das Problem ist nicht, dass da jemand über alternative Ansätze spricht. Das Problem ist, dass diese «Alternativen» in solchen Veranstaltungen denselben Stellenwert erhalten wie solide Wissenschaft. Gleichberechtigt nebeneinander gestellt, als wären Studien und Spekulation zwei Seiten derselben Münze. Dabei ist das eine Forschung – das andere ist feuchter Wunsch.

Vielleicht passt das ja zu Andermatt: ein Ort zwischen Himmel und Hokus-Pokus, wo sich die Reichen treffen, um übers Elementare zu sinnieren, ohne nass zu werden. Man zahlt brav Eintritt, nippt am Glas, nickt bedächtig und fühlt sich erleuchtet – bis man merkt, dass man eigentlich nur Leitungswasser getrunken hat. Aus Plastikbechern.

Am Ende bleibt die Frage: Was treibt einen ehemaligen Bundesrat dazu, sich auf eine Bühne zu stellen, wo Wissenschaft und Wellness verschwimmen? Vielleicht sucht Maurer einfach ein Publikum, das ihm wieder zuhört. Oder er hat schlicht Freude am Spektakel. Man weiss es nicht. Vielleicht ist er ja selbst längst in der vierten Phase angekommen – die des politischen Aggregatzustands: halb flüssig, halb verdampft, voll Mythen.

So oder so: Das Wassersymposium in Andermatt zeigt, wie dünn die Membran geworden ist zwischen Neugier und Naivität. Und wie bereitwillig wir jene feiern, die «neue Blickwinkel» versprechen, auch wenn sie dabei nur ins Trübe schauen.

Ich für meinen Teil halte mich an die klassische Physik: Wasser kocht bei 100 Grad. Schwurbel bei deutlich weniger.

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