Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Tempo 90 im Kopf – Pocher auf der Überholspur ins Nichts

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 07.11.2025 09:42
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Wer brauchts? Oliver Pocher offenbar. Der Mann, der vom Fernsehen langsam Richtung Bedeutungslosigkeit auswandert, sucht Halt – und findet ihn in einem Thema, das mindestens so alt ist wie sein Geltungsdrang: die Schweizer auf der Autobahn.

Da sitzt er also, im Podcast mit seiner Ex-Frau, irgendwo bei Rheinfelden, und tobt sich aus über den Verkehr. Schweizer Autofahrer seien «Scheiss Schweizer» und würden mit 90 km/h auf der Autobahn den deutschen Asphalt versauen. Es ist fast rührend, wie konsequent Pocher aus jeder alltäglichen Beobachtung einen Shitstorm zu basteln weiss. Wahrscheinlich ist er beim letzten Rastplatz auch noch von einem netten Rentner in einem Skoda überholt worden – und das Ego hat seither Schmerzen.

Natürlich kann man sich aufregen über alles Mögliche: über SUVs, über Blinkmuffel, über die Verkehrsdichte auf der A5. Aber Pocher wäre nicht Pocher, wenn er nicht die nationale Karte zöge. «Scheiss Schweizer!» schreit er ins Mikrofon, als wäre es 1998 und er noch jung, frech und irgendwie relevant.

Doch was bleibt eigentlich von Oliver Pocher? Ein Mann, der sich von Reality-Show zu Podcast hangelt, ein wandelnder Kommentarstrang. Immer ein bisschen empört, immer ein bisschen zu laut, immer kurz davor, dass man ihm zurufen möchte: «Oli, fahr einfach rechts raus und atme mal.»

Das Absurde: Gleich danach schwärmt er vom Land, das er eben noch beleidigt hat. Zürich sei super, sagt er. Die Schweiz sei sauber, ordentlich, zuverlässig. Sogar die Steuern findet er geil. Einmal kurz über die Grenze, und schon mutiert der grantige Deutsche zum Steueroptimisten.

Es ist diese groteske Mischung aus Neid und Bewunderung, die den Deutschen Blick auf die Schweiz seit Jahrzehnten prägt. Einerseits sind wir das Land der Präzision, Ordnung und Sauberkeit. Andererseits die spassbremsenden Berggämper mit zu vielen Regeln und zu wenig Humor. Und Pocher bedient das Klischee wie ein Comedian auf Autopilot – Wortwitz auf Reserve, Satire auf Halbmast.

Seine Ex-Frau, Sandy Meyer-Wölden, wirkt da fast wie das vernünftige Gegenstück: Sie schwärmt, wie schön ruhig und freundlich die Schweiz sei, dass alles funktioniere, das Essen gut sei, das Wetter toll. Kurz: Sie redet wie ein deutscher Tourist nach drei Tagen Luzern. Es ist die übliche Liebeserklärung mit Postkartensprache – und dem stillen Unterton: «Hier könnte ich bleiben.»

Man fragt sich: Was genau haben diese beiden Leute mit der Schweiz am Hut? Sie sehen das Land offenbar als eine Art Wellness-Oase für gestresste Promis. Ruhig, sicher, steuerlich attraktiv. Die Schweiz als metaphorische Valiumtablette.

Aber wehe, man steht mal hinter einem Schweizer Kennzeichen, das sich an die Tempolimite hält – dann bricht der nationale Selbstbeherrschungstest.
Vielleicht liegt genau da das Problem: Wir Schweizer fahren 90, weil 90 erlaubt ist. Nicht, weil wir Spass dran haben. Das Konzept „Regel“ ist uns nicht feindlich. Wir halten uns daran, und das ist für jemanden wie Pocher – der seine Karriere darauf aufgebaut hat, Regeln zu brechen, ohne sie zu verstehen – schlicht unbegreiflich.

Dabei wäre der Podcast eine grossartige Gelegenheit gewesen, genau darüber zu reden: Warum sind die Schweizer so? Warum ticken sie im Strassenverkehr so anders?
Aber nein – stattdessen kommt das bekannte Gekläffe. Die Pointe bleibt irgendwo auf dem Pannenstreifen liegen.

Vielleicht ist das ja der tiefere Sinn der Geschichte: Der Unterschied zwischen einem Schweizer Autofahrer und Oliver Pocher ist, dass der Schweizer irgendwann ankommt.
Pocher dagegen dreht seit Jahren im Kreisverkehr seiner eigenen Relevanz.

Und ja, wir Schweizer sind langsam. Manchmal schmerzhaft langsam. Beim Autofahren, beim Bauen, beim Entscheiden. Aber während Pocher sich über unsere 90 aufregt, rollen bei uns die Züge, funktioniert das Gesundheitssystem, ist der Abfall getrennt und die Steuererklärung digital. Wir haben keine Schlaglöcher, dafür Pünktlichkeit. Wir meckern leiser, leben ruhiger, und ja – fahren vielleicht zu vorsichtig. Aber wenigstens fahren wir nicht in eine Wand aus Selbstinszenierung.

Vielleicht sollte man Pocher mal vorschlagen, statt in den Rückspiegel lieber in die Windschutzscheibe zu schauen. Das wäre ein Fortschritt. Oder er zieht wirklich hierher – nach Zürich, das er ja so liebt. Dann kann er beim nächsten Stau auf der A1 zwischen Dietikon und Limmattal einfach mal erleben, wie sich 90 km/h anfühlen, wenn man innerlich längst bei 220 ist.

Scheiss Schweizer? Nein, lieber Oliver: Scheiss Selbstbild.

Denn wenn man in einem Podcast sitzt und über ein Land herzieht, das man gleichzeitig bewundert, dann ist das kein Humor mehr – das ist nur noch das fahrende Spiegelbild der eigenen Leere.

Aber immerhin, das muss man ihm lassen: Er hat’s wieder geschafft, dass man über ihn redet. Wenn auch nur kurz, bis der nächste auftritt und sagt: «Scheiss Pocher!»
Und das, lieber Oli, wäre dann wenigstens verdient.

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