1. Wenn der Witz rechts abbiegt
Es gibt Menschen, die wollen provozieren – und es gibt Elmar Gehrke. Der nennt sich Satiriker, trägt aber den Humor so steif vor sich her, als wäre er ein Parteiprogramm. Wo Tucholsky einst biss, schnappt Gehrke nur noch nach Aufmerksamkeit. Und zwar nach der Sorte, die Applaus von der falschen Seite bringt. Aber Hauptsache, es klatscht einer.
Elmar Gehrke ist der Beweis, dass man mit der Behauptung, Satire zu machen, fast alles rechtfertigen kann – selbst dann, wenn der Witz längst rechts abgebogen ist. Seine Texte tragen Titel wie „Mein Kampf im grünen Reich“ oder „Post von Gehrke“, und man kann sich ausmalen, wohin die Reise geht: nach rechts unten, mit Humor als Tarnkappe und Empörung als Kompass.
Gehrke will „denen da oben“ den Spiegel vorhalten, trifft aber verlässlich „die da unten“. Er verspottet Minderheiten, mokiert sich über Klimaforschung, und wenn ihm jemand widerspricht, ruft er „Zensur!“ – so wie ein Kind, dem man das Spielzeug wegnimmt, weil es damit andere bewirft. Er nennt das dann „Satire, die weh tut“. Sie tut tatsächlich weh, aber halt an der falschen Stelle.
Das eigentlich Tragische ist, dass Gehrke damit nicht allein steht. Die rechte Satirebewegung – was für ein Widerspruch in sich – hat gelernt, die Mechanismen der Empörung zu perfektionieren. Wo früher Pointen sassen, sitzt heute Kalkül. Der Witz dient nicht mehr dazu, Macht zu hinterfragen, sondern um Macht zu simulieren. Und zwar auf Stammtischhöhe. Das ist keine Rebellion, das ist bloss eine andere Sorte Konformismus – eine, die sich selbst für mutig hält, weil sie dreckig lacht.
Man könnte sagen: Der rechte Satiriker ist der vegane Metzger der Gegenwart. Er verkauft einem das Gegenteil von dem, was man glaubt zu bekommen, und nennt’s dann Authentizität. Während Tucholsky den Finger in die Wunde legte, ohne nach unten zu treten, zielt Gehrke mitten ins Gesicht derer, die ohnehin schon genug Tritte abbekommen haben. Und wenn man ihn darauf hinweist, kommt das unvermeidliche „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“. Ja, darf man. Nur sollte man danach nicht beleidigt sein, wenn einer lacht – bloss nicht mit einem.
Satire, die sich als Opfer inszeniert, ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Wolf im Schafspelz, der sich über zu viel Vegetarismus beklagt. Gehrke lebt von der Empörung, die er vorgibt zu verachten. Er braucht sie, wie ein Junkie seinen nächsten Schuss braucht: als Bestätigung, dass er noch wirkt. Und so zieht er von Bühne zu Bühne, liest vor Gleichgesinnten, die den Saal schon vorher inhaltlich abgenickt haben. Das ist kein Risiko, das ist ein Wohlfühlabend für Gekränkte.
Dabei wäre das Spiel mit Provokation durchaus legitim, wenn es wenigstens Geist hätte. Aber Gehrkes „Satire“ gleicht einer Karikatur, die man mit Tipp-Ex nachgezeichnet hat: formelhaft, blutleer, selbstgefällig. Es geht nicht um Erkenntnis, sondern um Klicks. Nicht um Haltung, sondern um Haltungsschäden. Er ist der Influencer unter den Kabarettisten – bloss mit weniger Followern und mehr Pathos.
Vielleicht ist das ja das neue Rebellentum: sich rechts verorten, „die da oben“ beschimpfen, und gleichzeitig jeden Reflex der eigenen Szene als Meinungsfreiheit verklären. Eine Art Trotzkind im Telegram-Zimmer, das sich über die Erziehung der anderen aufregt. Die Pointe daran: Gehrke glaubt, er kämpfe gegen das Establishment, während er längst Teil einer eigenen Blase ist – einer, in der man sich gegenseitig Mut zuspricht, dass man „endlich wieder sagen darf, was Sache ist“. Nur sagt halt keiner mehr etwas Neues.
Die Wahrheit ist: Satire braucht Risiko, aber kein Ressentiment. Sie lebt vom Zweifel, nicht von der Selbstgerechtigkeit. Wenn sie sich einseitig bewaffnet, wird sie zur Propaganda. Und Propaganda mit Witz bleibt Propaganda – sie riecht nur besser.
Vielleicht sollte man Elmar Gehrke also nicht hassen, sondern bemitleiden. Er ist das traurige Symptom einer Gesellschaft, die verlernt hat, den Unterschied zwischen Freiheit und Freifahrtschein zu erkennen. Zwischen Humor und Häme. Zwischen Lachen über und Lachen mit.
Denn der Witz, der rechts abbiegt, hat sein Ziel längst verpasst. Er fährt im Kreisverkehr der Empörung – und hupt dabei so laut, dass er den eigenen Stillstand nicht mehr hört.
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