Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Immer wieder ein Abenteuer

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 09.11.2025 14:17
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Es gibt Reisen, die plant man – und es gibt Reisen, die passieren einem einfach. Wer mit dem Zug durch Deutschland fährt, erlebt Letzteres. Die Verbindung München–Zürich, zum Beispiel, ist nicht einfach eine Bahnstrecke. Sie ist ein Charaktertest. Eine pädagogische Übung in Demut, Hoffnung und resigniertem Optimismus.

Pünktlich um 10:54 soll der EuroCity losfahren, das steht so im Fahrplan, der ja bekanntlich eher als literarische Gattung denn als technische Information zu verstehen ist. Um 10:53 flackert am Bahnsteig dann eine Durchsage auf: „Zug verspätet sich um etwa 30 Minuten.“ Das „etwa“ ist der entscheidende Teil. Es ist kein Hinweis, es ist ein Lebensgefühl.

Deutschland ist das Land der Präzision – heisst es. Nur eben nicht auf Schienen. Da ist alles relativ. In der Quantenphysik gibt es den „Kollaps der Wellenfunktion“ – in der Deutschen Bahn nennt man das „Betriebsstörung“.

Der Zug rollt dann tatsächlich ein. Natürlich auf einem anderen Gleis, versteht sich, denn wer will schon Langeweile? Die Plattform wird zum Spielfeld für Gepäck-Slalom, Pendler-Parkour und genervte Familienväter, die in bayerischer Tonlage „Des gibt’s doch ned!“ in die Landschaft fluchen.

Drinnen im Wagen riecht es nach kaltem Kaffee, altem Teppich und leicht überforderter Technik. Ein Stromanschluss funktioniert nie, WLAN ist optional, und die Klimaanlage lebt ihr Eigenleben. Sie schwankt zwischen „Tropenhaus“ und „Eisschrank“, meist im Zwei-Minuten-Takt. Das Zugpersonal hat dafür einen schönen Ausdruck: „Wir prüfen das.“ Das bedeutet: Niemand prüft das.

Zwischen Memmingen und Lindau kommt dann die Durchsage, die man inzwischen auswendig kennt: „Aufgrund eines Ereignisses in Deutschland verzögert sich die Weiterfahrt um wenige Minuten.“ „Ereignis“ – dieses wunderbare Wort. So neutral, so elegant. Es könnte ein Sturm sein, ein Stellwerksbrand, eine Kuh auf den Gleisen oder ein kaputtes Sandwich im Bordbistro. Es ist alles und nichts zugleich.

Und irgendwann – vielleicht – fährt der Zug weiter. Via Bodensee, vorbei an Landschaften, die wunderschön wären, hätte man nicht längst das Bedürfnis, auszusteigen und den Rest zu Fuss zu gehen. Die Grenze zur Schweiz passiert man wie eine spirituelle Schwelle: plötzlich funktioniert das WLAN, der Zug fährt ruhiger, und das Personal klingt, als hätte es die Grundausbildung in Empathie absolviert.

Es ist, als würde man aus einer chaotischen Ehe in eine funktionierende Beziehung wechseln. In Deutschland entschuldigt sich der Lokführer nach 45 Minuten Verspätung mit „vielen Dank für Ihr Verständnis“. In der Schweiz entschuldigt man sich nach 45 Sekunden mit echter Reue.

Natürlich ist es leicht, auf der Deutschen Bahn herumzuhacken. Aber irgendwann fragt man sich, ob das nicht symptomatisch ist. Deutschland ist ein Land, das Ingenieure exportiert und Baustellen importiert. Das Autos baut, die in 3,8 Sekunden auf 100 sind, aber es nicht schafft, Züge in vier Stunden von München nach Zürich zu bringen. 315 Kilometer. Das ist weniger als eine Tankfüllung bei einem SUV mit Durst.

Vielleicht liegt es am System. Zu viele Player, zu wenig Planung, zu viel Selbstlob. Die Bahn wirbt mit Nachhaltigkeit, als wäre sie die Rettung des Planeten – während sie gleichzeitig 200 000 Menschen täglich in den Wahnsinn treibt. Und das Faszinierende: Die Leute fahren trotzdem. Weil sie immer noch glauben, dass es diesmal klappen könnte.

Ich auch. Ich sitze jedes Mal wieder in diesem Zug, als wäre es das erste Mal. Ich vertraue den Ansagen, ich glaube an die Pünktlichkeit, ich hoffe auf ein Wunder. Und jedes Mal lande ich wieder dort: auf einem Bahnsteig irgendwo zwischen Allgäu und Absurdität, während eine Stimme freundlich verkündet: „Wir bitten um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten.“

Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis der Bahn: Sie ist nicht Verkehrsmittel, sie ist Schicksalsgemeinschaft. Sie verbindet Menschen über Grenzen hinweg – durch geteilte Verzweiflung, kollektive Ironie und das stille Einverständnis, dass wir alle ein bisschen masochistisch veranlagt sind.

Und wenn der Zug dann endlich in Zürich einfährt, 30 Minuten zu spät, aber immerhin angekommen, hat man das Gefühl, etwas Grosses geschafft zu haben. Nicht einfach eine Reise. Eine Prüfung. Eine Heldenreise im Fahrplanformat.

Immer wieder ein Abenteuer – und jedes Mal die leise Hoffnung, dass es das letzte gewesen sein möge.

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