Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Sarko, der kleine Sonnenkönig – oder: Wie man in Frankreich Gefängnis deluxe erlebt

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 10.11.2025 23:22
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Frankreich hat ja ein ganz besonderes Verhältnis zu seinen Ex-Präsidenten. Man liebt sie, man hasst sie, man wählt sie – und irgendwann sperrt man sie ein. So weit, so normal. Aber dass Nicolas Sarkozy schon nach drei Wochen Knast wieder draussen ist, das ist selbst für französische Verhältnisse ein kleines Theaterstück im Stile von Molière. Nur dass Molière wenigstens noch Witz hatte. Hier bleibt einem eher das Croissant im Hals stecken.

Also, man stelle sich das einmal vor: Da wird ein ehemaliger Präsident zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er sich angeblich von Muammar Gaddafi ein paar Millionen für den Wahlkampf hat rüberschieben lassen – und schwupps, kaum drei Wochen später rollt schon die Eskorte zum schicken Haus im 16. Arrondissement. Kaum hat man im Gefängnis den Kissenbezug einmal gewendet, darf man wieder heim zu Carla Bruni. Trés chic.

Natürlich unter Auflagen – man darf Frankreich nicht verlassen, man soll keinen Kontakt mit Prozessbeteiligten haben, und der Justizminister, der alte Buddy, soll auch schön fernbleiben. Der Justizminister! Der hatte ihn ja im Gefängnis sogar besucht, um zu schauen, ob „die Sicherheitsbedingungen angemessen“ seien. Wie fürsorglich. Man fragt sich: Ob er ihm auch gleich ein frisches Croissant mitgebracht hat? Oder vielleicht ein Kissenspray mit Lavendelduft, damit Sarko besser schlafen kann?

Und der Herr Sarkozy, ganz der Demütige, sagt: „Es ist hart, sehr hart, zermürbend.“ Ja, Nicolas, drei Wochen im Einzelzimmer, das zermürbt. Millionen Franzosen kämpfen mit steigenden Preisen, miesen Löhnen und Wohnungsnot – aber der Ex-Präsident leidet in seiner „schlichten Zelle“. Es ist schwer, keine Tränen zu vergiessen. Die einzige Frage ist: vor Lachen oder vor Fremdscham?

Man muss sich diese Absurdität auf der Zunge zergehen lassen. Ein Mann, der während seiner Amtszeit die halbe Elite Frankreichs mit in den Élysée-Palast geschleppt hat – Banker, Oligarchen, Geschäftsfreunde, jeder durfte einmal den Champagner halten –, wird verurteilt, weil er womöglich Gaddafi-Geld genommen hat. Und das Beste: Das Gericht fand keine Beweise, aber „es sei davon auszugehen“, dass man sich bemüht habe, an das Geld zu kommen. Also: schuldig im Sinne des guten Rufs. Und trotzdem wieder draussen. Frankreich schafft’s immer wieder, aus Justiz ein Theater zu machen.

Sarkozy hat’s übrigens mit den „unerträglichen Ungerechtigkeiten“. Seit Jahren jammert er über die böse Justiz, die ihn nur aus politischen Gründen verfolgt. Natürlich, klar. Der arme Mann, Opfer einer Justizverschwörung, die sich nichts Schöneres vorstellen kann, als einen Ex-Präsidenten in Unterhosen durch La Santé zu schleusen. Fast schon rührend, wie er tapfer verspricht, „bis zum letzten Atemzug“ für seine Unschuld zu kämpfen. Ein bisschen Pathos muss schliesslich sein, wenn man den Märtyrer der Reichen gibt.

Und doch: Irgendwie kennt man dieses französische Muster. Man hebt einen Politiker auf den Thron, und kaum sitzt er da, fängt er an, das Volk zu vergessen und sich selbst zu bedienen. Die Franzosen nennen das „la grandeur“, die grosse Geste. Ich nenne es: Größenwahn mit Rotweinfleck. Ob Mitterrand mit seinen geheimen Familien, Chirac mit seinen Pariser Scheinangestellten oder eben Sarkozy mit seinen libyschen Millionen – irgendwann steht jeder einmal vor dem Richter. Nur: So richtig Konsequenzen hat’s nie.

In Deutschland würde so jemand vermutlich Karriere bei RTL2 machen, mit einer Realityshow über „Mein Leben nach der Haft“. In der Schweiz bekäme er vielleicht eine Verwaltungsratsstelle bei einer Privatbank – hier liebt man schliesslich diskrete Zweitchancen. Aber in Frankreich? Da reicht ein gut sitzender Anzug, ein charmantes Lächeln und eine Ehe mit einem Ex-Model, um die öffentliche Meinung wieder auf seine Seite zu ziehen. Kaum steht er auf der Strasse, jubeln ihm die Boulevardblätter schon wieder zu. Man vergibt dort offenbar schneller als ein Bäcker seine Brötchen.

Was bleibt also von diesem kleinen Drama? Ein Ex-Präsident, der immer noch glaubt, über dem Gesetz zu stehen. Eine Justiz, die sich gross gibt, aber klein beigibt. Und ein Volk, das zwischen Empörung und Achselzucken schwankt. Frankreich hat sich daran gewöhnt, dass Machtmenschen nur selten richtig fallen. Man fällt dort höchstens weich – auf eine Matratze aus Seide.

Sarkozys Rückkehr in die Freiheit ist keine juristische Sensation, sondern eine moralische Bankrotterklärung. Ein Symbol für das, was man in Paris so gern verschleiert: dass die Mächtigen selbst dann gewinnen, wenn sie verlieren. Drei Wochen Knast sind kein Preis, das ist ein Wellnessaufenthalt mit PR-Beratung. Während der kleine Bürger für eine unbezahlte Busse wochenlang im Dreck sitzt, kommt der Ex-Präsident mit Chauffeur und Kameras wieder raus.

Vielleicht sollte man ihm zu Ehren eine neue Haftform erfinden: „Haute-Couture-Gefängnis“, exklusiv für Politiker mit Designeranzug. Mit Roomservice, Zigarrenlounge und Livemusik von Carla. Denn seien wir ehrlich: In einem Land, das seine Korrupten lieber bemitleidet als bestraft, wäre das wenigstens ehrlich.

Frankreich hat einen neuen alten Helden: Sarko, der kleine Sonnenkönig im Massanzug, der sich selbst für unschuldig hält, weil er es gewohnt ist, dass andere schuld sind. Und das Volk? Es schaut zu, seufzt und denkt: „C’est la France.“ Nur diesmal mit leichtem Würgereiz.

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