Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Was passiert in meiner Nachbarschaft?

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.11.2025 12:15
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Es gab also wieder einen lauten Knall. In Dietikon. Wo sonst. Wenn irgendwo in der Schweiz etwas „mit einem lauten Knall“ endet, kannst du fast sicher sein: Entweder war’s ein übermotivierter Tuner mit Migrationshintergrund in der dritten Generation – oder ein Polizist, der zum ersten Mal den Sportmodus gefunden hat. Und wenn’s beide waren, dann hast du den Dietiker Dienstagabend in Reinform.

Manchmal frage ich mich, ob Dietikon nicht eigentlich ein soziales Experiment ist. Eine Art Bundeslabor, wo man testet, wie viel Zivilpolizei, Baustellenverkehr und Aggression man in einem Ort verdichten kann, bevor das Raum-Zeit-Gefüge reisst. In Zürich heisst’s dann: „Ach, Dietikon – dort draussen.“ Wie ein Vorort des Untergangs. Dabei liegt’s bloss 15 Minuten entfernt – und doch fühlt’s sich manchmal an wie ein anderes Land, wo Verkehrstafeln optional und Tempolimiten nur Dekoration sind.

Jetzt also diese Verfolgungsjagd. Ein Auto rast, Zivilpolizei hintendrein, Sirenen, Knall, Handschellen, Bahnhof Dietikon – und am Ende wieder ein Foto im Blick, aufgenommen von einem Leserreporter, der eigentlich nur zum Bahnhof wollte. Immer dieselbe Choreografie: irgendwer rast, irgendwer rennt, irgendwer filmt, und am Schluss steht die Polizei da, schaut wichtig und sagt: „Wir können keine weiteren Angaben machen.“ Na klar nicht – sonst würde ja auffallen, dass sie selber keine Ahnung haben, was da eigentlich passiert ist.

Ich stelle mir das so vor: Der Einsatzleiter sitzt irgendwo in der Einsatzzentrale, sieht die roten Punkte auf dem GPS sich bewegen und ruft ins Funkgerät: „Alpha zwei, sichern Sie den Perimeter!“ – und Alpha zwei ist grad beim Coop Pronto und fragt: „Welcher Perimeter?“

Und dann knallt’s halt. Wie immer.

Die Frage ist nur: Was geht eigentlich in unserer Nachbarschaft ab? Wieso häufen sich solche Szenen, als wäre das hier Los Angeles mit Agglo-Charme? Früher war das schlimmste, was bei uns passierte, dass jemand beim Parkplatz beim Coop Bau+Hobby den Einkaufswagen nicht zurückbrachte. Heute musst du aufpassen, dass dich beim Velostreifen kein Audi A3 mit getönten Scheiben aufgabelt, während zwei Zivilpolizisten im VW Passat mit Schiebetürfolie „Undercover“ drauf hinterherdonnern.

Klar, man könnte sagen: „Gut so! Die Polizei ist dran!“ Aber ich sag dir was: Wenn die Polizei in Dietikon mit Blaulicht über die Tramgleise jagt, dann ist das weniger James Bond – und mehr Benny Hill mit Verkehrsstau.

Und die Passanten? Die sind mittlerweile so abgestumpft, dass sie kaum mehr hinsehen. „Ah, wieder eine Verfolgungsjagd. Hoffentlich diesmal nicht beim Migros-Parkplatz, dort steht mein Auto.“ Nur die älteren Semester am Fenster kommentieren noch: „Früher war das hier ein schöner Ort.“ Ja, früher – als der grösste Aufreger der Woche war, dass der Buschauffeur bei der Oetwilerstrasse wieder zu früh abfuhr.

Ich geb’s ja zu: Auch ich hab rausgeschaut, als die Sirenen losgingen. Menschliche Neugier. Man will ja wissen, ob’s diesmal ein Drama ist oder bloss ein weiterer Fremdkontakt mit Gleisanlage. Und natürlich filmt immer einer. Dietikon ist das YouTube der Schweiz – alles passiert, alles wird gefilmt, nichts wird verstanden.

Die Schlagzeile „Es gab einen lauten Knall“ ist sowieso die journalistische Königsdisziplin. Da steckt alles drin: Spannung, Gefahr und völlige Ahnungslosigkeit. Niemand weiss, was passiert ist – aber Hauptsache, es hat geknallt. Und der Knall reicht, um eine halbe Region in Aufruhr zu versetzen.

Ich frage mich: Wann ist eigentlich der Punkt erreicht, an dem man sagt, das reicht jetzt mit dem Lärm, dem Chaos und der Daueraufgeregtheit? Wir haben uns an alles gewöhnt – an Polizeisperren, an Tramunterbrüche, an „Ersatzbusse verkehren“ (die dann nicht verkehren). Selbst eine Festnahme vor dem Bahnhof ist bloss noch eine Randnotiz. Der moderne Mensch lebt zwischen Sirene und Pushmeldung.

Aber es ist auch ein Symptom: Dietikon ist wie die Schweiz im Kleinen – alles funktioniert irgendwie, aber keiner blickt mehr durch. Wir rennen, hupen, filmen, posten – und am Ende heisst’s: „Keine weiteren Angaben.“

Vielleicht war der „laute Knall“ ja bloss das Geräusch, mit dem unsere Restvernunft implodiert ist.

Ich wünsche mir einen Abend, an dem in Dietikon nichts passiert. Kein Knall, kein Blaulicht, kein Video auf 20 Minuten. Bloss Stille. Vielleicht ein Fuchs, der über die Gleise läuft. Aber realistisch gesehen – morgen wieder dasselbe Spiel.

Und wenn du mich fragst, was in meiner Nachbarschaft passiert?
Dann sag ich: Alles. Und gleichzeitig gar nichts.

Denn der Knall ist längst nicht mehr das Problem.
Das Problem ist, dass wir ihn schon gar nicht mehr hören.

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