Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Hunde, die nicht bellen - und die Männer, die nie etwas gewusst haben

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 13.11.2025 10:11
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Es gibt Sätze, die gehören in die Hall of Fame des politischen Bullshits. Ganz oben: «Ich wusste von nichts.» Direkt daneben: «Alles nur ein Ablenkungsmanöver.» Und in der Ecke, leicht klebrig: «Ich habe nie jemanden gesehen, nie jemanden getroffen, nie etwas gehört, ich schwöre.»

Und dann kommt Donald Trump, der Mann, der die Wahrheit behandelt wie eine alte Serviette im Fast-Food-Laden, und erklärt uns, Epstein sei jetzt plötzlich wieder ein «Hoax». Ein Hoax! Der verurteilte Sexualstraftäter, dessen enger Kreis sich liest wie die Gästeliste eines dekadenten Milliardärsballs, sei einfach nur eine demokratische Nebelgranate. Jaja, klar. Und die Erde ist eine flache Scheibe, die auf vier MAGA-Hüten ruht.

Man muss sich das mal vorstellen: Aus Epsteins Nachlass tauchen Mails auf, schön gereift wie ein fauler Käse, und darin steht, dass Trump offenbar Zeit in einem Haus verbracht hat, in dem gleichzeitig ein Missbrauchsopfer anwesend war. Der Name geschwärzt, aber mittlerweile bestätigt: Es war Virginia Giuffre. Ein Mensch, kein politischer Ballaststoff, kein Punkt auf einer Agenda. Und ausgerechnet dieser Hinweis wird von Trump als Versuch gedeutet, vom grossen politischen Drama abzulenken.

Vom Shutdown, versteht sich. Dieser Shutdown, der die USA mehr kostet als der Bau eines kleinen Landes, ist laut Trump ausschliesslich den Demokraten anzulasten. Die hätten «1,5 Billionen Dollar Schaden angerichtet». Man fragt sich unwillkürlich: Wird in der republikanischen Parteizentrale die Mathematik von einer Art interner Truth-Social-Feenstaub-Edition abgeleitet?

Aber es geht ja weiter. Trump ruft, man solle sich «nicht von Epstein ablenken lassen». Das ist ungefähr so logisch wie ein Brandstifter, der ruft: «Hört auf, über das Feuer zu reden, ihr lenkt nur davon ab, dass das Wasser knapp wird!» Aber vielleicht ist das genau das Muster: Wenn es brennt, einfach behaupten, die Feuerwehr sei schuld.

Interessant ist ja die berühmte Formulierung aus Epsteins Mail: «Der Hund, der nicht gebellt hat.» In diesem Fall sei das: Trump. Die Andeutung ist subtil wie ein Presslufthammer. Epstein schreibt sinngemäss: Trump war da, es war jemand anwesend, er hat nichts gesagt, nichts gefragt, nichts bemerkt. Und jetzt soll das plötzlich die beste Verteidigung sein?

Das ist wie zu sagen: «Natürlich war ich im selben Zimmer wie der Bankräuber, aber ich habe ihn nicht bemerkt, weil ich voll mit meinem Sandwich beschäftigt war.»

Noch schöner wird es, wenn das Weisse Haus kurz darauf bestätigt, dass es sich tatsächlich um Virginia Giuffre handelt. Eine Frau, die ihr halbes Leben damit verbracht hat, gegen mächtige Männer zu kämpfen, die alle auf die gleiche Art reagieren: Sie wissen von nichts. Sie haben nichts gesehen. Sie waren vielleicht zufällig anwesend, rein touristisch.

Es ist ein bedrückendes Muster, das sich seit Jahren durchzieht. Und jedes Mal, wenn jemand sagt, «natürlich wusste er von den Mädchen», wie in dieser frisch ausgegrabenen Mail, wird daraus in der Öffentlichkeit eine Art moralisches Quiz. Wer wusste wann was? Wer war in welchem Raum? Welche Tür war offen? Welche Tür war zu? Und am Ende stehen wir da wie eine Gesellschaft, die sich fragt, ob die Frage nach der Farbe des Sofas relevant sei für die Beurteilung eines Verbrechens.

Epstein selbst ist 2019 gestorben. Jedenfalls laut offizieller Darstellung. Sein Schatten lebt seither weiter wie eine politische Zombie-Applikation: ungewollt, aber nie gelöscht. Maxwell sitzt im Gefängnis. Trump sitzt auf Truth Social. Und wir alle sitzen da und denken uns: Wie viele Namen, E-Mails, Fotos und Zufälle braucht es eigentlich noch, bis man einen Gedanken zu Ende denken darf?

Und jetzt wird sogar im Repräsentantenhaus darüber nachgedacht, alle Epstein-Akten zu veröffentlichen. Eine parteiübergreifende Petition, für die genau eine Stimme gefehlt hat. Eine einzige! Wenn man bedenkt, wie viele Leute gleichzeitig behauptet haben, nichts gewusst zu haben, wäre es schon fast poetisch, wenn ausgerechnet eine neue Demokratin im Amt dafür sorgt, dass diese Akten geöffnet werden wie eine überreife Mango.

Aber Trump bleibt Trump, und damit bleibt uns sein Standardrepertoire erhalten. Die Demokraten sind an allem schuld. Der Shutdown ist eine einzige Intrige. Epstein ist ein Ablenkungsmanöver. Und die Realität ist sowieso nur ein bösartiger Angriff auf sein persönliches Wohlbefinden.

Es ist fast schon grossartig, wie er es schafft, aus jedem Skandal einen Spiegel zu machen, in dem nur seine Gegner schlecht aussehen. Die Republikaner sollen sich gemäss Trump jetzt «nur darauf konzentrieren, das Land wieder zu öffnen». Auch das klingt wie die Parole eines Mannes, der den Chaosknopf selber gedrückt hat und jetzt ruft: «Warum wurde dieser Knopf gedrückt?»

Aber vielleicht sollten wir uns nichts vormachen: Es ist ein Spiel. Ein zynisches, schmutziges Machtspiel, bei dem moralische Verantwortung ungefähr den gleichen Stellenwert hat wie ein durchweichtes Papierticket im Zürcher Regen.

Und solange dieser Hund nicht bellt, wird Trump weiter behaupten, dass alle anderen die Katzen sind.

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