Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Eine Migrantin als SVP-Präsidentin? Urdorf probt die politische Selbstparodie

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 15.11.2025 18:19
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Es gibt Momente, da fragt man sich, ob die Schweiz heimlich an einer politischen Comedyserie arbeitet und wir alle unfreiwillig Statisten sind. Urdorf zum Beispiel. Ein beschauliches Dorf, wo die Welt noch in Ordnung sein soll, die Vereinsfahnen gerade hängen und das grösste Drama normalerweise darin besteht, dass jemand in der Migros die letzte Aktion-Ovomaltine gekauft hat. Und jetzt das: Eine 27-jährige Migrantin tritt der SVP bei und kandidiert direkt als Gemeindepräsidentin.

Ich meine, hallo? Ich liebe politische Überraschungen, aber das hier ist wie ein Plot Twist, den selbst Netflix nach dem vierten Prosecco ablehnen würde.

Ozzin Jun heisst sie. Jung, Unternehmerin, gläubig, diszipliniert, ehrgeizig. Eine beeindruckende Biografie, mit tragischen Einschlägen, die man nur mit echtem Mitgefühl lesen kann. Das gehört gesagt, ohne Ironie. Was sie erlebt hat, verdient Respekt.

Aber dann kommt die Stelle, bei der mir fast das Macbook vom Tisch gefallen ist: «Früher dachte ich, die SVP hat ein Problem mit mir.» Ja, verständlich. Wer denkt das nicht, wenn man sich die Plakate dieser Partei anschaut. Und dann, plötzlich, merkt sie: Nein, die SVP hat gar kein Problem. Im Gegenteil, man teilt Werte. Ausgerechnet diese SVP. Die Partei, die seit Jahrzehnten jede Form von Zuwanderung in etwa so entspannt betrachtet wie ein allergisches Kind eine Erdnuss.

Und ich sitze da und frage mich: Habe ich etwas verpasst? Haben sie die Partei heimlich ausgetauscht? Wurde irgendwo ein Reset-Knopf gedrückt? Ist das ein Pilotprojekt? Oder ist das Ganze einfach ein gross angelegtes Experiment in politischem Selbstwiderspruch?

Natürlich erklärt Jun, dass die SVP ja nicht gegen Zuwanderung sei, sondern sie nur steuern wolle. Dieses Mantra haben wir schon so oft gehört, dass es mittlerweile wie ein nerviges Jingle klingt, das man nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Steuern, lenken, kontrollieren. Die SVP redet über Zuwanderung wie andere über ihre Parkplatzsorgen. Aber gut, vielleicht sieht die Welt plötzlich anders aus, wenn man im Embrisaal einen SVP-Abend organisiert und Nationalrat Fischer auf Besuch hat. Da wird man wohl schnell weichgespült.

Dann dieser Satz: «Ich will an die Spitze, weil meine Stärken in der Führung liegen.» Das ist, sagen wir, selbstbewusst. Eine charmante Umschreibung von: Ich habe keine Lust, mich hochzuarbeiten, ich nehme gleich den Chefsessel. Kann man machen. Politisch ist das allerdings ungefähr so, wie wenn ich morgen beschliesse, ich werde Papst. Ein Mann ohne religiöse Ausbildung, aber hey, ich habe eine klare Vision und arbeite effizient.

Aber wir sind ja tolerant. Urdorf soll schliesslich modern sein. Warum nicht gleich mit einem Team aus Menschen, die seit zwei Jahren im Dorf leben und genau wissen, was hier läuft. So genau, dass man den eigenen Arbeitsort ins Café verlegt, um die Stimmung zu spüren. Es ist rührend. Fast schon süss. So wie wenn jemand nach zwei Wochen Zürich behauptet, er verstehe jetzt die Limmatstadt im Kern.

Natürlich sagt Jun, sie sei gläubige Christin und teile auf Social Media ihren Glauben, aber in der Politik bleibe sie sachlich. Tönt gut. Ist aber in etwa so glaubwürdig, wie wenn mir jemand sagt, er esse nur am Wochenende Schokolade und hat dabei Kakaopulver im Gesicht.

Dann die Effizienz, die Vision, die Disziplin, die mentale Gesundheit, die Selbstoptimierung. Es klingt ein bisschen wie LinkedIn im Wahlkampfmodus. Ich hätte beinahe erwartet, dass sie erklärt, wie wichtig Morgenroutinen sind und dass sie um 5:30 kalt duscht, bevor sie fürs Vaterland arbeitet.

Das grösste Fragezeichen hängt aber weiterhin über der SVP. Wie schafft man diesen ideologischen Spagat ohne dass einem die Bänder reissen? Eine Migrantin, die eine Partei unterstützt, deren Wahlkampftradition darin besteht, Migranten zu problematisieren, ist schon eine interessante Wendung. Der Marke: Wenn du sie nicht schlagen kannst, tritt ihnen bei und erklär ihnen dann, dass sie dich schon immer mochten. Ich freue mich jetzt schon auf das erste SVP-Plakat mit ihrer Silhouette. Vielleicht schreiben sie «Unsere neue Präsidentin, weil Integration funktioniert» darunter. Der Humor der Partei würde das sogar zulassen, allerdings nur unfreiwillig.

Was bleibt also? Urdorf steht vor einer Wahl, die nicht nur politisch, sondern auch dramaturgisch historisch ist. Die eine Kandidatin ist parteilos, die andere ist ein lebender Widerspruchskatalog, charmant verpackt in Erfolgsstory, Marketing und Selbstbewusstsein. Und ja, vielleicht ist es sogar mutig. Vielleicht braucht es diese Art von Reibung, um das Dorf wachzurütteln. Vielleicht ist sie sogar authentisch. Vielleicht.

Aber ich bleibe trotzdem skeptisch. Nicht wegen der Person. Sondern wegen der Partei, die plötzlich so weich wirkt, dass man fast meint, sie sei in der Mikrowelle aufgetaut worden.

SVP? Im Ernst jetzt? Kann ich die ernst nehmen? Urdorf wird es uns im März sagen. Bis dahin bleibt mir nur, Popcorn zu holen und zuzuschauen, wie die politische Selbstparodie weitergeht. Denn eines ist sicher: Langweilig wird es garantiert nicht.

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