Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Applaus ist schön, aber er zahlt keine Krankenkasse

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 18.11.2025 11:41
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Es gibt Sätze, die bleiben hängen wie ein schlecht geölter Dämpferdeckel. Bei mir war es der altbekannte Klassiker: Lern doch was Vernünftiges. Ein Satz, der klingt wie ein kalter Händedruck. Und meist kommt er von Leuten, die dann selber jeden Montagmorgen mit dem Gesichtsausdruck eines leicht überforderten Kartoffelsacks ins Büro schlurfen. Aber klar: Wir sollten uns etwas Vernünftiges suchen. Wir, die sogenannten freischaffenden Musiker, diese exotischen Wesen irgendwo zwischen Leistungssport, Selbstausbeutung, Kleinstunternehmertum und der romantischen Vorstellung, dass wir den lieben langen Tag nur etwas klimpern und abends dafür Applaus einheimsen.

Es ist ja süss, wie sich die Welt das vorstellt. Musikerleben, das heisst: ausschlafen, drei Töne blasen, zwei Hände voll Inspiration einatmen, dann ein kleines Konzertlein, vielleicht eine Jam-Session, ein bisschen sexy Bohemien-Gehabe und fertig. Was für eine herrliche Illusion. Wer so denkt, könnte auch glauben, der Samichlaus wohne wirklich am Nordpol.

Die Wahrheit ist: Musik ist Knochenarbeit. Und zwar nicht im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich. Lippen, Rücken, Schultern, Zeugs, das knackt an Stellen, von denen man gar nicht wusste, dass sie existieren. Und je älter man wird, desto häufiger redet der Körper mit. Nicht höflich. Mehr so: Hör mal, Freundchen, heute nur zwei Stunden Üben, gäll. Und trotzdem machst du vier. Weil die Konkurrenz nicht schläft und das eigene Niveau schon gar nicht. Wer nicht jeden Tag übt, merkt es zuerst am Sound und dann - oh Wunder - im Gesichtsausdruck des Publikums.

Was viele vergessen: Jeder Gig ist nur die Spitze eines unsichtbaren Eisbergs. Vorbereitungen, Arrangements, Logistik, Technik, Repertoirepflege, Buchhaltung, Social Media, Probenkoordination, Tonstudio, Video-Schnitt, Homepage-Bastelei, Administrationsmassaker, und wenn du Pech hast, noch eine Rechtsabklärung oder irgendein Vertragsschlaumeier, der glaubt, Musik könne man ja einfach so von Youtube kopieren. Und am Abend setzt du dich dann noch hin, machst die Buchhaltung, damit dir das Steueramt nicht den Taktstock ins Kreuz rammt.

Und dann kommt noch der ganz grosse Spass: Corona-Trauma. Drei Jahre, in denen wir alle kreativ werden mussten, um nicht wirtschaftlich zu implodieren. Livestreams aus Wohnzimmern, Gigs im Carport, Auftritte mit 12 Personen Saalpublikum und 14 Quadratmeter Abstand zwischen Trompeter und Zuhörer. Danach dann grossartige Tipps von Leuten, die vom Musikerleben genau gar nichts verstehen: Lern doch was Vernünftiges. Oder such dir halt einen Brotjob. Klar, ich gehe dann einfach in irgendeine Firma und erkläre: Grüezi mitenand, ich bin Berufsmusiker, brauche aber jetzt eine 80-Prozent-Stelle, die ich jederzeit verlassen kann, wenn ich einen Gig bekomme. Wo darf ich unterschreiben? Die würden mich anschauen, als hätte ich ihnen gerade erzählt, ich sei der Neffe vom Osterhasen.

Und wenn wir schon beim Thema wirtschaftliche Logik sind: Es gibt keine Branche, in der Profis so direkt mit Amateuren konkurrieren. Und zwar gnadenlos. Stell dir vor, du bist Zahnarzt, und der Nachbar sagt: Ach komm, das mache ich dir gratis, ich habe letztens ein Youtube-Tutorial gesehen. Unvorstellbar, oder? Bei uns ist es Alltag. Hobbybands, die gratis oder für ein Sandwich auftreten, ziehen das Preisniveau runter wie ein schlecht sitzender Hosenlatz. Und das Schlimme ist: viele davon sind richtig gut. Das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Sie haben nur einen entscheidenden Vorteil: Sie leben nicht davon. Während wir versuchen, Miete, Krankenkasse, Instrumente, Reparaturen, Ersatzteile, Anfahrt, Technik und Steuern zu bezahlen. Ein schöner Spiessrutenlauf.

Und ja: Natürlich findet man Kompromisse. Der Profi nimmt Urlaub, der Amateur macht frei, die Band spielt mit einem weniger oder holt jemanden, der für ein lächerliches Honorar doch noch einspringt. Veranstalter sagen dann so Sachen wie: Ihr Profis bekommt mehr, ihr bringt ja Qualität. Und wir so: Danke, das ist lieb, aber Qualität bezahlt sich halt nicht aus Nettigkeit, sondern aus Rechnungen, die Ende Monat kommen.

Ich sage es offen: Wir Musiker leben permanent in einem seltsam schizoidem Spannungsfeld. Eigener Anspruch, Perfektion, Weiterentwicklung, ständiger Vergleich mit Kolleginnen und Kollegen, dazu wirtschaftliche Ungewissheit und diese unsägliche Frage: Bin ich gut genug? Wobei man in den seltensten Fällen Zeit hat, darüber wirklich nachzudenken, weil man schon wieder zum nächsten Gig fährt, die nächste Woche plant, das nächste Projekt vorbereitet.

Und doch: Musik ist Lebenselexier. Es ist das Einzige, bei dem du mitten in der Strapaze plötzlich diesen glasklaren Moment hast: zwei Sekunden absolute Wahrheit, Schönheit, Energie. Wenn Publikum und Band gemeinsam einmal tief durchatmen und irgendetwas im Raum passiert, das nicht planbar ist und sich trotzdem richtig anfühlt. Dieser Moment ist es, der alles rechtfertigt. Alles.

Aber bis dahin ist es ein steiniger Weg. Und vielleicht ist es genau das, was viele nicht sehen: dass hinter jedem Musiker, der lässig auf der Bühne steht, ein Mensch steckt, der seit Jahrzehnten brennt. Einer, der weiss, was harte Arbeit ist. Einer, der diese Leidenschaft nicht loswird, egal wie oft ihm jemand sagt, er solle doch etwas Vernünftiges lernen.

Und weisch was? Vielleicht ist gerade das Vernünftige im Leben manchmal völlig überbewertet.

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