1. Wenn Mittelmass unterrichtet, wird Exzellenz schnell zur Gefahr
Es gibt Momente im Musikerleben, da fragt man sich ernsthaft, ob an gewissen Hochschulen ein geheimes Auswahlverfahren läuft: Eintritt nur für jene, die konsequent keine Ahnung haben, dafür aber ein Ego in der Grösse eines Steinway-D. Ein Pianist, der mit Ach und Krach seine eigenen Zeilen zusammenklimpert, darf plötzlich dozieren und über stilistische Feinheiten urteilen. Und nicht einfach über irgendwas, nein, über französischen Impressionismus. Debussy, mes amis! Der Mann, der den Klang aufgebrochen hat wie ein Kind die erste Crème brûlée. Und wer bewertet das? Jemand, der den Namen Debussy wohl nur kennt, weil er mal über ein „Clair de Lune“-TikTok gestolpert ist.
Ein Freund von mir – fünftes Semester, motiviert, talentiert, nicht betriebsblind, sondern einer, der wirklich wissen will, wie man ein Stück im Stil Debussys schreibt – hat sich drangesetzt und etwas richtig Gutes abgeliefert. Keine kompositorische Fast-Food-Pampe, kein Klischee-Impressionismus von der Stange. Sondern eine echte Arbeit: farbig, harmonisch differenziert, mit den richtigen Schwebezonen, der nötigen Luft, den glasigen Klangschattierungen, die Debussy ausmachen.
Und weil wir alle keine Anfänger sind, haben wir drübergesehen. Ein Freund von mir, über 30 Jahre Dozent am Konsi Zürich, Debussy-Spezialist, einer der wirklich weiss, wie der alte Claude tickte. Und ich selbst – seit Jahren verknallt in den französischen Klangzauber, mit mehr Partituren im Regal als der Durchschnitts-Dozent Übung im Pedalspiel hat. Wir haben den Studenten begleitet, beraten, erklärt, gefeilt, und ja, korrigiert. Das Ganze hatte Hand, Fuss und sogar jene Fussnoten, die man eigentlich gar nicht bräuchte.
Aber dann kam die grosse Stunde des Hochschul-Pianoschwingers, der sein Berufsleben offenbar damit verbringt, Studenten zu pisaken, damit sie ja nicht merken, dass er selbst gar keinen Schimmer von der Materie hat. Sein Urteil: „Das hat nichts mit Debussy zu tun.“
Nichts. Mit. Debussy. Zu. Tun.
Ich weiss nicht, was mich mehr aufregt: die bodenlose Ignoranz oder die Selbstverständlichkeit, mit der solche Sätze ausgesprochen werden. Das ist wie wenn jemand, der nie über die Landesgrenze hinausgekommen ist, behauptet, Tokio sei überschätzt, er kenne da „ein paar Videos“. Oder wie wenn ein Hobbykoch, der Spaghetti anbraten will, einem Sternekoch erklärt, wie man eine Sauce einkocht. Kurz: es ist absurd. Und zwar so absurd, dass man fast lacht, wenn man nicht gleichzeitig heulen müsste.
Denn das Problem ist strukturell. Hochschulen haben ein Talent dafür, nicht die Besten anzustellen, sondern jene, die sich am geschicktesten in den administrativen Ritzen festkrallen. Pianisten mit mittelmässigem Tastensport, aber überragender Fähigkeit, an Sitzungen zu sitzen. Menschen, die pädagogisch ungefähr so inspirierend sind wie ein feuchter Lappen, aber auffallend gut darin, Studierende kleingerieben zu verlassen.
Warum? Ganz einfach: Exzellenz ist anstrengend. Wer etwas kann, muss es täglich beweisen. Wer nichts kann, muss es verstecken. Und wie versteckt man Mittelmass am effektivsten? Genau: indem man jene attackiert, die mehr können. Wer seinen Studenten erklärt, ihre Arbeit sei „nicht Debussy“, ohne auch nur eine harmonische Wendung begründen zu können, sagt im Grunde: „Bitte merkt nicht, dass ich hier völlig überfordert bin.“
Und darum pisaken sie. Sie erfinden Probleme, wo keine sind. Sie tun so, als hätten sie geheime Wissensschubladen, die sich nur mit ihrem Schlüssel öffnen lassen. In Wahrheit haben sie nur Angst. Vor jungen, begabten Musikern. Vor Leuten, die für ihre Kunst brennen. Vor Kreativität. Vor Klang. Vor Debussy. Vor allem, was grösser ist als ihr eigenes, kläglich zusammengeschustertes Weltbild.
Es sind dieselben Dozenten, die an Prüfungen Sätze sagen wie: „In dieser Harmoniefolge fehlt die impressionistische Farbe.“ Und wenn man dann nachfragt, welche genau, kommt ein rumdrucksendes „Ja… also… die… äh… die Debussy-Farbe halt.“ Aha. Diese mysteriöse Debussy-Farbe. Wahrscheinlich ein Pantone-Ton zwischen „Ich hab keine Ahnung“ und „Peinliches Schweigen“.
Das Bittere daran: Solche Leute beschädigen Karrieren. Sie halten Talente klein, nicht aus fachlichen, sondern aus persönlichen Gründen. Weil sie ihren eigenen Schatten nicht ertragen. Weil sie sich bedroht fühlen von Leuten, die tatsächlich wissen, wovon sie sprechen. Ein Pianist, der selbst kaum über seine technische Komfortzone hinauskommt, hat natürlich ein Problem mit einem Studenten, der harmonisch weiter denkt als seine gesammelten Hausaufgaben seit 1998.
Ich sage: Weg mit dieser Kultur des kleinlichen
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