1. Revoluzzer im Rentenalter: Wenn alte Männer plötzlich eine neue Schweiz basteln wollen
Es gibt in diesem Land ja wirklich vieles, was man halbwegs still erträgt: das Wetter im Mittelland, den Dauerstau im Baregg, die SBB, die sich wie ein zartes Reh schon beim leisesten Schneeflöckchen verschluckt. Aber was ich nicht mehr ertrage, sind längst pensionierte Polit-Titanen, die plötzlich meinen, sie müssten der Schweiz erklären, wie man eine Revolution anzettelt. Und zwar dieselben Herren, die sich jahrelang bei jedem politischen Lüftchen hinter dem Begriff Stabilität verschanzt haben wie Kinder unter der Bettdecke, wenn es draussen blitzt.
Ueli Maurer – ja genau der, der sich im Freiheitstrychler-Shirt ablichten liess und damit zum Maskottchen jener Leute wurde, die 2021 den Bundeshaus-Zaun wie einen ausgeleierten IKEA-Schrank bearbeiteten – er hat jetzt eine Vision. Eine Revolution! Eine neue Eidgenossenschaft! Eine Art Schwyz-plus, Urkanton-Edition, mit Erweiterungsmodul. Und der Toni Brunner sekundiert munter: Ein neuer Sonderbund müsse her, und das Zürcher Oberland könne man gleich noch dazu nehmen, so wie man im Migros-Sammelalbum halt noch eine zusätzliche Panini-Karte einklebt, wenn man grad Lust hat.
Ganz ehrlich: Ich weiss nicht, ob das grotesk, traurig oder einfach nur peinlich ist. Vielleicht alles gleichzeitig. Eine Art politischer Multivitamintablette des Wahnsinns.
Und jetzt meldet sich also Reto Nause, Mitte-Nationalrat, Historiker, ehemaliger Sicherheitsdirektor – also jemand, der noch weiss, wie sich 4000 wütende Menschen anhören, die «Liberté» schreien, während sie den Bundeshaus-Zaun lockern wie Teenager, die den Zaun des Freibads für die nächtliche Mutprobe aufbrechen. Nause nennt Maurers und Brunners Aussagen einen «Aufruf zum Bürgerkrieg». Und weisst du was? Für einmal ist das keine billige Übertreibung. Er beschreibt ziemlich präzise, was passiert, wenn politische Märchenerzähler anfangen, mit historischem Dynamit zu jonglieren.
Weil der Sonderbund war nicht irgendein folkloristisches Jodelvereinsproblem von 1847. Da ging es richtig zur Sache. Da hat man sich gegenseitig beschossen, nicht nur beleidigt. Aber klar – heute ist es ja trendy, historische Katastrophen als charmante Inspirationsquellen zu verkaufen. Trump macht es vor, und offenbar möchten gewisse Schweizer Männer im Pensionsalter nun auch ein bisschen Heldenpathos schnuppern.
Und bei Ueli Maurer wundert es einen ja fast nicht mehr. Der Mann war im Oval Office, hat Putin die Hand geschüttelt, Xi angelächelt und fand das offenbar alles ganz gemütlich. Kein Wunder, hat er Freude an starken Männern – sie brauchen weder Abstimmungen noch Ständemehr. Ein Entscheid ist dort ein Entscheid, und wer motzt, lernt die Grenzen des eigenen Gebisses kennen. Aber dass er das jetzt als Alt-Bundesrat zur schweizerischen Inspirationsquelle erklärt? Das ist wie wenn ein Pfarrer sagt, er habe sich nun doch entschieden, dass Tequila im Abendmahl eine gute Idee sei: Mutig vielleicht, aber absolut irre.
Und dann Christoph Blocher. Natürlich. Eine Schweizer Politgeschichte ohne Kommentar von Blocher wäre wie Fondue ohne Käse: möglich, aber sinnlos. Er findet das Ganze «einen lustigen Kalauer». Ja klar. Bürgerkrieg als Jux für zwischendurch. Ein politischer Slapstick mit Mistgabeln und Fackeln. Dass man dabei vielleicht bessere Witze erwarten dürfte, spielt offenbar keine Rolle. Hauptsache, man kann wieder mal den «Classe politique»-Bösewicht hervorzaubern und sagen, sie wolle die Verfassung übergehen.
Das Ständemehr! Das obligatorische Referendum! Die heiligen Gründersäulen der Eidgenossenschaft! Blocher donnerte so etwas schon, als man in der Schweiz noch Nokia-Handys hatte. Aber spätestens wenn jemand sagt, «es gäbe ohne Ständemehr keine Schweiz», möchte ich höflich fragen: Ja, und ohne Käse gäbe es keinen Raclette – aber sollen wir deswegen gleich den Bundesstaat auflösen, wenn der Emmentaler zu teuer wird?
Was mich an dieser ganzen Episode aber wirklich nervt, ist etwas anderes. Es ist dieses permanente Bedürfnis gewisser Herren, sich als Retter einer Nation aufzuspielen, die gar nicht gerettet werden will. Die Schweiz ist kein schlafender Vulkan kurz vor der Explosion. Sie ist ein funktionierendes, manchmal nerviges, aber insgesamt ziemlich solides Gebilde aus Kompromissen, Nerven, viel Kaffee und gelegentlicher direkter Demokratie. Und die Leute, die darin leben, wollen in erster Linie, dass die Dinge laufen. Nicht, dass pensionierte Ex-Politiker anfangen, die Urkantone aus dem Küchenschrank zu ziehen wie alte Tupperware.
«Wir sind eine Willensnation», sagt Nause. Und wirklich: Das trifft es. Die Schweiz existiert nicht, weil wir alle dieselbe Sprache sprechen oder denselben Dichter im Regal stehen haben – wir existieren, weil wir uns trotzdem zusammenraufen. Weil wir uns streiten und dann wieder zusammenfinden. Und nicht, weil einer ruft: «Jetzt aber Revolution!»
Und dann der Rat mit der Statue von Niklaus von der Flüe. Schön symbolisch. Man könnte auch sagen: Wer ernsthaft politisches Benzin ins Feuer kippt, sollte sich vielleicht mal die Frage stellen, ob er überhaupt versteht, wofür dieser Landesherr damals stand. Versöhnung, nicht Zertrümmerung. Frieden, nicht Fantasie-Sonderbund mit Anhängerli.
Aber gut. Vielleicht ist das der neue Trend: Pensionierte Politiker entdecken die Lust am zivilen Ungehorsam, so wie andere im Ruhestand Töpfern oder Stand-up-Paddeln entdecken. Maurer gründet eine neue Eidgenossenschaft, Brunner einen Sonderbund, und Blocher verkauft das Ganze als lustigen Witz mit ernstem Hintergrund. Und wir? Wir sollen ernsthaft darüber diskutieren.
Also bitte. Die Schweiz hat schon genug real existierende Probleme. Wir brauchen keinen Revolutions-Fanclub im Rentenalter. Und falls diese Herren tatsächlich eine neue Eidgenossenschaft wollen: Nur zu. Aber bitte ohne Bundeshaus-Zaun, ohne Wasserwerfer, und ohne dass jemand am Schluss wieder behauptet, es sei nur ein «Kalauer» gewesen.
Und vor allem – bitte ohne uns.
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