Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Gratisgigs, Gratiskultur und die heilige Kuh der Dankbarkeit

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 28.11.2025 15:01
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Es gibt in der Schweiz ja so gewisse Traditionen, die einfach nicht sterben wollen. Fondue im Hochsommer, Alpenrosen als Hochzeitsschmuck, und der absolute Klassiker: Musiker gratis engagieren. Das ist so schweizerisch wie Totomat und Parkbussenlotterie. Und jedes Mal, wenn jemand mit diesem seligen Lächeln fragt, ob man nicht einfach schnell spielen könne, wird mir innerlich so warm ums Herz, dass ich fast vergesse, wie grausam die Welt ist. Fast.

Denn irgendwo muss es ein geheimes Handbuch geben, ein unter dem Margeritenfeld des gesunden Menschenverstandes vergrabenes Werk, das schlicht erklärt: Kunst ist gratis. Musik sowieso. Musiker leben primär von Luft, Licht, Liebe und dem warmen Gefühl, wieder einmal „eine tolle Gelegenheit“ erhalten zu haben. Und ich will ehrlich sein: Es wäre ja direkt beleidigend, wenn jemand versuchen würde, uns mit schnöden Franken zu korrumpieren. Pfui. Geld beschmutzt den Klang, das wissen wir doch alle.

Aber es kommt noch besser: Gratis spielt man ja nicht nur für die Ehre, sondern – und das ist der eigentliche Geniestreich – für „Erfahrung“. Dieses Wort ist der heilige Gral der Gratiskultur. Die ultimative Währung für all jene, die noch nie ein Instrument gestimmt oder eine Probe organisiert haben. Erfahrung ist nämlich das magische Argument, mit dem man jede Entschädigung elegant umschifft.

„Du bekommst ja Erfahrung!“
Ja, stimmt. Vielleicht sogar dieselbe Erfahrung, die ich seit bald zwanzig Jahren mache: Gage anfragen, Gage nicht erhalten, dankbar nicken.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Fragezeichen tauchen auf. Warum gilt dieser Deal ausschliesslich für Künstler? Ich frage mich ernsthaft, was passieren würde, wenn ich diese Logik mal konsequent auf die anderen Berufsgruppen anwenden würde. Beispiel: Ich sitze beim Zahnarzt, Mund offen wie ein frisch gegrilltes Poulet. Der Doktor steht da mit seinem Hochglanzgerät, und ich sage:
„Ich kann dich mega weiterempfehlen. Wirklich. Und das ist doch für dich eine grossartige Erfahrung, oder?“

Oder beim Anwalt:
„Ich zahle nicht, aber ich verspreche dir, ich erzähle allen, wie seriös du gewirkt hast.“

Oder beim Sanitär, der um 02:30 Uhr den überfluteten Keller rettet:
„Danke! Du darfst das auch für andere gratis machen, das bringt dich sicher weiter.“

Das wäre das Ende der Zivilisation. Die Versicherungsgesellschaften würden implodieren, die Wirtschaft würde zusammenbrechen, und in der Tagesschau würde Franz Fischlin mit belegter Stimme über die „kostenlose Dienstleistungsapokalypse“ berichten.

Aber bei Musikern? Kein Problem. Funktioniert seit Jahrzehnten. Gratiskultur ist der Running Gag, der nie stirbt.

Das Schönste daran: Die Leute meinen es nicht einmal böse. Wirklich nicht. Oft glauben sie ernsthaft, sie würden einem etwas Gutes tun. Es ist diese milde Selbstzufriedenheit, die sagt: „Ich biete dir etwas Bedeutendes: Sichtbarkeit!“ Sichtbarkeit! Haut rein! Kann ich damit meine Miete zahlen? Nein. Aber es leuchtet sicher schön, wenn ich frierend im Dunkeln sitze. Sichtbarkeit ist das Kerzenlicht der Armut.

Und dann dieser Satz, der einem in den Hirnlappen tätowiert wird: „Wir haben leider kein Budget für Musik.“
Aha. Aber für Prosecco, Deko, LED-Bäumchen und ein Buffet, das aussieht wie die Deluxe-Version vom Schlaraffenland, da hat man Budget. Aber für Menschen, die jahrelang üben, studieren, schuften und Kunst erschaffen, ist plötzlich Ebbe im Portemonnaie. Wie seltsam.

Manchmal frage ich mich, ob die Leute glauben, Musiker würden morgens einfach aufwachen, und zack, die Noten purzeln fehlerfrei aus dem Bett. Keine Instrumentenkosten, keine Proben, keine Ausbildung, keine Reisezeit, keine Organisation. Man drückt auf „Play“, und der Musiker funktioniert. Wie ein Toaster. Einfach mit schlechterem Hundehaushalt und mehr Existenzkrisen.

Und ja, natürlich gibt es Ausnahmen, Momente, in denen man gern gratis spielt: Für Freunde, für Herzensprojekte, für Situationen, in denen man spürt: Das ist richtig so. Aber das hat Herz. Nicht Kalkül.

Darum wünsche ich mir manchmal eine grosse, laute, unmissverständliche Revolution. Keine Barrikaden, kein brennendes Bundeshaus, kein selbsternannter Revoluzzer mit Dreadlocks und Megafon. Sondern etwas viel Einfacheres: Eine Schweiz, die versteht, dass Kultur nicht gratis vom Himmel fällt. Dass Musiker nicht aus Idealismus leben. Dass Wertschätzung sich nicht nur in Applaus ausdrückt, sondern auch in einer Gage, die nicht wie ein schlechter Witz klingt.

Und bis wir soweit sind, bleibe ich höflich und lächle, wenn die Anfrage wieder kommt:
„Philipp, könntest du bei uns spielen? Leider ohne Budget. Aber es wäre eine tolle Werbung für dich.“

Dann sage ich freundlich:
„Klar. Und ihr arbeitet dann bei mir gratis. Ist doch fair.“

Das Gesicht ist jedes Mal unbezahlbar.
Im Gegensatz zum Rest.

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