Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Der Lieblingslehrer mit der Faust im Gepäck

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 05.12.2025 20:27
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Es gibt Geschichten, die so sehr nach verbranntem Gummi riechen, dass man sie schon von weitem kommen sieht. Und dann gibt es jene Geschichten, die mit sanfter pädagogischer Hand daherkommen, freundlich lächeln, eine Runde «ich-mag-meine-Schüler-wirklich» drehen – und sich dann als etwas entpuppen, das in jeder anständigen Gesellschaft mindestens Stirnrunzeln, wenn nicht gleich kollektives Würgen auslösen sollte.

Die Geschichte vom 36-jährigen Lehrer aus Fraubrunnen gehört definitiv zur zweiten Kategorie.

Ein Mann, der in Grossbritannien zwei Monate ins Gefängnis muss, weil er an Ausschreitungen beteiligt war, die kaum unter der Rubrik «hoppla, die Stimmung war etwas aufgeheizt» verbucht werden können, soll also weiterhin Kinder unterrichten dürfen. Und das nicht irgendwie widerwillig, sondern mit Unterstützung einer mittlerweile stattlichen Petition. Über 800 Unterschriften für einen Mann, der sich als YB-Hooligan an Ausschreitungen beteiligt hat. Und die Unterzeichnenden argumentieren, er sei ein «absolut integrer Mensch».

Interessant, wie schnell dieses Wort heute entwertet wird. Integrität scheint nicht mehr viel mit innerer Haltung zu tun zu haben, sondern eher ein freundliches Etikett, das man jemandem verleiht, solange er nett lächelt und mit den Kindern anständig umgeht. Die Empathie im Schulzimmer soll also das ausgleichen, was ausserhalb der Schulmauern aus ihm herausbricht. Als wäre das eine Art moralische Quersubventionierung: Montag bis Freitag pädagogischer Sonnenaufgang, Wochenende prügelnde Dämmerung.

Man darf sich schon fragen: Haben wir den Massstab derart verloren, dass wir ernsthaft darüber diskutieren, ob eine Person, die körperliche Gewalt als akzeptable Form kollektiver Selbstverwirklichung praktiziert, weiterhin als Vorbild für Kinder wirken soll? Ja, natürlich ist niemand auf einen einzigen Fehltritt reduzierbar. Aber «Fehltritt» ist ein zartes Wörtchen für jemanden, der an Ausschreitungen gegen Beamte beteiligt war. Die britische Justiz verteilt keine Gefängnisstrafen, weil jemand ein Bengalo schief gehalten oder aus Versehen laut «Hopp YB» gerufen hat.

Nun argumentieren Eltern und ehemalige Schülerinnen und Schüler, dieser Mann sei eine «Bezugsperson», eine «Hingabe in Menschengestalt», ein Lehrer von aussergewöhnlicher Qualität. Und das mag alles wahr sein. Menschen bestehen aus Widersprüchen. Aber ein Widerspruch bleibt ein Widerspruch; und nicht jeder davon ist gesellschaftlich tragbar. Ein Mensch kann im Alltag freundlich, herzlich, kompetent sein – und dennoch in sich eine Bereitschaft tragen, Gewalt auszuüben, sobald ein Fussballspiel und eine angestachelte Masse den passenden Hintergrund liefern.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob der Lehrer im Schulzimmer nett ist. Die Frage ist, ob wir als Gesellschaft Verantwortung und Vorbildrolle so nebensächlich finden, dass sie durch «aber er ist so beliebt» ersetzt werden können. Das ist moralischer Ablasshandel der bequemsten Sorte.

Und hier zeigt sich ein gefährlicher Trend: Sobald jemand «beliebt» ist, wird fast alles relativiert. Plötzlich sind es die Umstände, plötzlich ist es der Gruppendruck, plötzlich ist es einfach passiert. Und spätestens dann, wenn Eltern in einem Satz sowohl «Gewalt ist niemals akzeptabel» als auch «Aber bitte zerstört nicht sein Leben» unterbringen, merkt man, wie sehr das moralische Koordinatensystem verrutscht ist. Konsequenzen gelten offenbar nur noch für die anderen.

Man stelle sich einmal vor, es ginge nicht um Fussball, sondern um irgendeine andere Form von Gewalt. Hätten wir dieselbe Debatte? Würde eine Schule ernsthaft überlegen, ob eine Lehrperson, die sich mit der Faust ihren Weg durch eine Masse bahnt, weiterhin als erzieherische Instanz wirken soll? Oder würden wir in jedem anderen Kontext schlicht sagen: Diese Person hat ein Problem mit Aggression und gehört nicht in die Nähe von Kindern? Weshalb also dieser seltsame Rabatt für Hooliganismus?

Wer Gewalt als Mittel akzeptiert, trägt etwas in sich, das keine pädagogische Oberfläche wegpoliert. Eine Lehrperson ist keine Maschine, die man in Modus A freundlich und in Modus B prügelnd betreiben kann. Charakter ist kein Schalter. Und es ist nicht Aufgabe einer Schule, herauszufinden, ob jemand, der im Ausland in Gewahrsam sitzt, wirklich zwischen zwei Identitäten hin und her wechseln kann, ohne dass eine davon irgendwann ins Schulzimmer hineinblutet.

Es geht hier nicht darum, jemanden lebenslang zu verdammen. Der Mann soll seine Strafe absitzen, seine Verantwortung tragen, und er hat jedes Recht auf einen Neuanfang. Aber ein Neuanfang ist nicht automatisch ein Recht auf jede beliebige Position. Es gibt Berufe, in denen die moralische Fallhöhe schlicht zu gross ist. Wer Kinder bildet, prägt sie. Wer sie prägt, darf keine enge Beziehung zur physischen Eskalation pflegen. So einfach ist das.

Die Behörden von Fraubrunnen werden nun also «einen delikaten Entscheid» treffen müssen, wie es heisst. Delikat ist an dieser Sache höchstens, wie sehr einige Beteiligte versuchen, Gewalt kleinzureden, solange der Täter lächelnd unterrichtet. Manche Entscheidungen sind eigentlich gar nicht delikat. Sie sind notwendig. Und hier liegt die Notwendigkeit klar auf der Hand.

Er kann ein lieber Lehrer sein. Ein guter Pädagoge. Eine beliebte, empathische Person. Und gleichzeitig jemand, der sich an Ausschreitungen beteiligt hat. Beide Dinge können stimmen. Aber nur eines davon hat Platz in einer Schule.

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