1. Elon Musk will die EU abschaffen. Jöh.
Man stelle sich kurz die Szene vor: Ein 120-Millionen-Bussenbrief flattert ins Haus von Elon Musk, und irgendwo in Texas kippt ein 54-jähriger Tech-Gigant rückwärts vom Ledersessel, weil irgendein Brüsseler Beamter sein glänzendes Spielzeug X nicht so transparent findet, wie Musk sich selber gern sieht. Zack, Wut, Trotz, Twitter-Finger. Und schon ist es raus: Die EU soll weg. Einfach weg. Puff. Aufgelöst. Fertig. So, wie man einem Kind die Glace wegnimmt, nachdem es sie aufs Sofa geschmiert hat.
Was für eine schöne Vorstellung. Ein Weltkonzern, der nicht einmal seine Verifizierungshaken korrekt erklärt bekommt, ruft nach der Abschaffung eines ganzen Kontinents. Wenn man schon dermassen mächtig ist, dann denkt man wohl tatsächlich, man könne die Geschichte in 280 Zeichen neu schreiben. Oder zumindest so tun.
Dass die EU-Kommission Musk eine Busse aufgebrummt hat, weil seine lustigen Verifizierungshäkchen angeblich irreführend seien, passt perfekt zum absurden Theater der Gegenwart. Ein blauer Haken war mal ein Zeichen für verifizierte Identität. Heute ist es ein Zeichen dafür, dass jemand irgendwo im Silicon Valley entschieden hat, dass Transparenz total overrated ist und man lieber irgendwelche Abos verkauft. Die EU nennt das mangelnde Transparenz. Musk nennt es vermutlich Kunst. Oder Freiheit. Oder beides, je nach Tagesform.
Natürlich ist Musk empört. Wenn man sein Leben lang hört, man sei ein Genie, ein Visionär, ein Tech-Messias, dann kratzt es am Selbstverständnis, wenn plötzlich jemand mit einem Formular aus Brüssel kommt und sagt: «Du, Elon, das geht so nicht.» Und weil er keine Lust hat, sich argumentativ auf irgendwas einzulassen, packt er die grossen Worte aus. Zensur! Unterdrückung! Abschaffung der EU! Vermutlich dachte er kurz daran, die Gravitation verbieten zu lassen, hat sich dann aber für Europa entschieden, weil es näher liegt.
Die EU habe zu viel Macht, raunzt Musk. Sie dürfe nicht bestimmen, wie amerikanische Tech-Plattformen funktionieren. Das ist etwa so logisch, wie wenn ein Tourist in Zürich falsch parkiert, eine Busse bekommt und dann findet, die Schweiz solle aufgelöst werden, weil ihre Behörden «eine Attacke auf ihn persönlich» gestartet hätten. Aber gut, Logik ist nicht immer die Kernkompetenz von Männern, die sich selbst Raketen auf den Rücken binden, um der Welt zu beweisen, dass man es kann.
Interessant wird es dort, wo die politischen Freunde auftauchen. Trump, der ungeliebte Orakel-Onkel der amerikanischen Rechten, hat Musk schon früher hofiert. Die AfD hat er auch schon Werbung gemacht. Und jetzt meldet sich Marco Rubio, US-Aussenminister, und empört sich über den europäischen Angriff auf amerikanische Tech-Plattformen. Es sei ein Angriff auf das amerikanische Volk, sagt Rubio. Auf das amerikanische Volk! Man kann sich das bildlich vorstellen: Joe aus Nebraska sitzt am Küchentisch, nimmt einen Schluck Kaffee, schaut auf seine X-App und beginnt zu weinen, weil die EU ihm seine Freiheit stehlen will. Unglaublich, diese Brüsseler Bürokraten. Wie können sie nur.
Der grössere Witz liegt darin, dass Musk seit Jahren Freiheit predigt, aber nur solange, wie Freiheit bedeutet, dass er machen kann, was er will. Sobald jemand anders ebenfalls Freiheit verlangt, wird er dünnhäutig. Das erinnert an diese Kinder, die sagen: «Das isch min Ball!» und wenn der andere fragt, ob er auch einmal dürfe, gleich schreien: «Mami, er nimmt mir alles weg!» Musk ist einfach das globalisierte, milliardenschwere Pendant dazu.
Lustig ist auch, wie schnell Musk die Worte «Zensur» und «Diktatur» aus der Tasche zieht, sobald in Europa irgendjemand nach Regeln fragt. Die EU will Transparenz. Musk will… ja, was eigentlich? Chaos? Ein glorifiziertes Reddit mit Werbung? Ein digitaler Stammtisch, an dem jede Verschwörungstante ohne Hosen sitzt und ruft: «Ich hab alle Fakten!»?
Wenn es nicht so traurig wäre, wäre es zum Brüllen komisch.
Aber die Ironie erreicht ihren Höhepunkt, wenn Musk fordert, die EU solle abgeschafft werden, weil sie die freie Rede beschneide. Dabei ist Musk mittlerweile selbst der Hausmeister der Meinungsfreiheit, der nach Lust und Laune Accounts sperrt, empfiehlt, verstummt oder bevorzugt. Das ist ein bisschen so, wie wenn ein Feuerwehrmann mit Flammenwerfer durchs Quartier läuft und behauptet, er bekämpfe Brände.
Das eigentliche Drama: Musk weiss, dass seine Plattform längst nicht mehr die Weltbühne ist, von der er träumt. X ist eine Mischung aus Trollhöhle, Spamwald und politischem Basar, in dem alle schreien, aber niemand mehr zuhört. Und wenn dann die EU vorbeikommt und sagt, dass man gewisse Regeln einhalten muss, dann will er gleich Europa löschen. Europa! Nicht die Busse anfechten, nicht die Prozesse verbessern. Nein: «Schafft dieses Gebilde ab! Es stört meine Aura!»
Man fragt sich, ob diese Leute ihre eigenen Statements manchmal lesen. Oder ob sie das Handy weglegen und denken: «Ja, das war jetzt sinnvoll.» Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich checken sie nur, wie viele Likes es gab.
Es bleibt die Frage: Was passiert, wenn man Männer wie Musk zu lange ernst nimmt? Wenn man ihnen bei jedem Ausraster eine Bühne bietet? Irgendwann hält er noch eine Pressekonferenz, in der er fordert, dass die Gravitation reformiert wird oder dass Kontinente künftig nur noch mit Premium-Abo existieren dürfen.
Europa wird nicht verschwinden, weil ein Milliardär eine Busse bekommen hat. Aber die Farce zeigt, was passiert, wenn Macht, Geld und verletzte Eitelkeit ineinander krachen. Es entstehen Tweets. Und zwar viele. Und lautstarke. Und wir alle dürfen zuschauen, wie einer der reichsten Menschen der Welt gegen einen ganzen Kontinent beleidigt schmollt.
Eigentlich schade, dass man dafür keinen Verifizierungshaken bekommt.
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