Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Weltkulturerbe? Jetzt aber langsam.

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.12.2025 22:38
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Es gibt Wörter, die haben eine magische Wirkung. Sie fallen, und sofort leuchten Augen, klingeln Kassen und wehen imaginäre Fahnen im Wind. «Unesco-Weltkulturerbe» ist so ein Wort. Ein Etikett mit Goldrand. Ein Prädikat, das aus einem Hügel eine Ikone macht, aus einem Garten einen Wallfahrtsort und aus jeder kritischen Nachfrage ein Sakrileg. Wer da noch fragt, gilt rasch als Banause, Kulturverweigerer oder - Gott bewahre - als jemand mit Geschmack.

Nun also der Bruno-Weber-Park. Oberhalb von Dietikon, leicht entrückt, ein bisschen verwunschen, ein bisschen exzentrisch. Jahrelang ein juristischer und emotionaler Zankapfel, jetzt sauber in eine neue Stiftung gegossen, mit wohlklingendem Namen: «Bruno-Weber-Gesamtkunstwerk». Das tönt schon nach grossem Atem, nach Kanonisierung, nach Denkmalpflege mit Fernsicht. Und dann der nächste Schritt: Unesco-Weltkulturerbe. Natürlich. Was denn sonst.

Verstehen wir uns richtig: Der Bruno-Weber-Park ist etwas Besonderes. Er ist eigenwillig, er ist liebevoll gemacht, er ist das Resultat eines künstlerischen Lebens, das sich nicht um Normen, Trends oder Kunstmarktlogiken geschert hat. Das ist sympathisch. Das ist selten. Das ist schützenswert. Aber genau hier beginnt die Frage, die man offenbar kaum mehr stellen darf: Reicht das für Weltkulturerbe?

Oder anders gefragt: Greifen wir da nicht ein bisschen hoch? Vielleicht sogar deutlich zu hoch?

Der Unesco-Stempel ist kein Teilnahmebändeli. Er ist kein «Dabei sein ist alles» für kulturell ambitionierte Regionen. Er ist gedacht für Stätten von herausragendem universellem Wert. Universal, nicht lokal charmant. Herausragend, nicht herzig. Weltweit bedeutend, nicht «bei uns im Limmattal kennt man das halt».

Wenn man sich die Liste der Welterbestätten anschaut, wird die Messlatte schnell sichtbar. Kathedralen, antike Städte, Kulturlandschaften von jahrhundertelanger Prägung. Und ja, auch Kunst. Aber dann reden wir von Antoni Gaudí, von Le Corbusier, von Friedensreich Hundertwasser. Und spätestens hier wird es heikel.

Denn so sehr man Bruno Weber schätzen mag: Ihn mit Hundertwasser in einen Atemzug zu nennen, ist mutig. Sehr mutig. Hundertwasser hat einen weltweiten architektonischen und künstlerischen Einfluss hinterlassen, er hat Städte geprägt, Diskurse ausgelöst, Generationen beeinflusst. Bruno Weber hat einen Park gebaut. Einen schönen, eigenwilligen Park, ja. Aber eben einen Park. In Spreitenbach. Mit Dietiker Adresse.

Das ist kein Welturteil, das ist eine Einordnung.

Was mich an der ganzen Sache stört, ist weniger der Park als die fast reflexartige Selbstüberhöhung. Kaum ist der juristische Scherbenhaufen aufgeräumt, kaum gibt es eine neue Stiftung mit vereinten Grundstücken, wird nicht zuerst über Pflege, Vermittlung, Zugänglichkeit oder Nachbarschaft gesprochen, sondern gleich über Unesco. Als wäre das der natürliche nächste Schritt. Als müsste man sich jetzt nur noch anmelden und abwarten.

Dabei wäre genau jetzt die Chance für etwas Bodenständigeres. Für eine ruhige, selbstbewusste Haltung: Wir haben hier ein einzigartiges Werk eines eigenständigen Künstlers. Wir wollen es erhalten, gut betreuen, erklären, einbetten. Wir wollen es regional verankern, national sichtbar machen. Punkt. Das wäre ehrlich. Und es wäre stark.

Stattdessen wird mit dem grössten aller Etiketten gewedelt. Und natürlich sitzen die Gemeindepräsidenten gleich im Stiftungsrat. SVP hier, Mitte dort. Kulturpolitik trifft Standortmarketing, das ist man sich inzwischen gewohnt. Man will dabei sein, wenn Geschichte geschrieben wird. Oder zumindest, wenn man später sagen kann: Ich war schon damals im Stiftungsrat.

Dabei hat diese Unesco-Rhetorik auch etwas Unangenehmes. Sie immunisiert gegen Kritik. Wer jetzt noch fragt, ob das wirklich realistisch sei, ob das Verhältnis zwischen Anspruch und Werk stimmt, ob man nicht zuerst kleinere Brötchen backen sollte, gilt rasch als Spielverderber. Als jemand, der dem Park schaden wolle. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall.

Man darf den Bruno-Weber-Park mögen, ohne ihn gleich zur Weltangelegenheit zu erklären. Man darf Bruno Weber respektieren, ohne ihn auf einen Sockel zu stellen, der unter seinem Gewicht zu wackeln beginnt. Und man darf sich fragen, ob wir uns manchmal nicht selber ein bisschen überschätzen, nur weil etwas bei uns steht.

Vielleicht wäre das Grösste am Bruno-Weber-Park gerade, dass er keiner Unesco-Plakette bedarf. Dass er funktioniert, weil er eigen ist. Weil er nicht glatt, nicht international normiert, nicht global verwertbar ist. Sondern einfach da. Ein bisschen schräg. Ein bisschen trotzig. Und genau deshalb liebenswert.

Manchmal ist weniger Welt, dafür mehr Ehrlichkeit, die bessere Lösung.

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