Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Wenn Millimeter über Existenzen entscheiden

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 20.12.2025 14:37
Inhalt anzeigen/ausblenden

Schade. Wirklich schade.

Ich verfolge diese Geschichte nun seit einigen Monaten. Nicht aus Sensationslust, sondern weil sie exemplarisch ist für etwas, das uns in der Schweiz zunehmend beschäftigt – oder beschäftigen sollte: Was passiert, wenn grosse Institutionen, komplexe Projekte und menschliche Existenzen aufeinandertreffen und keiner mehr so recht vom eigenen Standpunkt abrücken kann?

Im Zentrum steht der Streit zwischen dem Zoo Zürich und der Stahlfirma Baltensperger aus Höri. Es geht um die Pantanal-Voliere, ein architektonisches Grossprojekt, das dereinst Flamingos, Tapire und Ameisenbären beherbergen soll. Und es geht um vier Millionen Franken. Und um rund 75 Arbeitsplätze. Und um Vertrauen. Viel Vertrauen.

Die Fronten sind verhärtet. Ein Vermittlungsversuch ist gescheitert, wie die Neue Zürcher Zeitung berichtet. Gespräche wurden abgesagt, Spielregeln nicht akzeptiert, Termine vertagt. Was bleibt, ist ein Patt – und eine wachsende Unsicherheit für all jene, die mit juristischen Spitzfindigkeiten nichts zu tun haben, aber jeden Monat ihre Miete zahlen müssen.

Man kann es sich einfach machen. Man kann sagen: Vertrag ist Vertrag. Fünf Millimeter sind fünf Millimeter. Punkt. Man kann ebenso sagen: Wer sich auf ein derart komplexes Projekt einlässt, muss liefern – technisch, terminlich, finanziell. Diese Sichtweise ist nicht falsch. Aber sie ist auch nicht vollständig.

Grossprojekte sind keine Excel-Tabellen. Sie sind lebende Organismen. Sie verändern sich. Anforderungen wachsen, Sicherheitsbedenken werden nachgeschärft, Details plötzlich zentral, die zu Beginn kaum jemand auf dem Radar hatte. Wer jemals an einem Bauprojekt beteiligt war – und sei es nur an einer etwas ambitionierten Garagenüberdachung – weiss, wie schnell aus einem klaren Plan ein Dickicht aus Abhängigkeiten werden kann.

Auf der anderen Seite steht der Zoo. Eine Institution mit internationalem Ruf, mit Verantwortung gegenüber Tieren, Besuchern, Spendern und der Öffentlichkeit. Auch dort kann man nicht einfach sagen: Ach komm, passt schon. Fünf Millimeter sind egal. Wenn etwas einstürzt, fragt später niemand nach Verständnis, sondern nach Schuld. Der Zoo kann – und darf – sich keine Kompromisse leisten, die sicherheitsrelevant sind. Das ist ebenso legitim.

Und doch bleibt ein schaler Nachgeschmack.

Vier Millionen Franken aus einer Garantie zu ziehen, bedeutet nicht einfach, einen Buchungsvorgang auszulösen. Es bedeutet, einem Unternehmen den Boden unter den Füssen wegzuziehen. Einer Firma mit Geschichte. Mit Mitarbeitenden, die jetzt über Weihnachten zwar ihren Lohn erhalten – immerhin –, aber nicht wissen, ob es ihre Firma im Frühling noch gibt. Dieses „immerhin“ ist tröstlich und bitter zugleich.

Was mich an dieser Geschichte besonders umtreibt, ist nicht die juristische Frage. Die wird irgendwann vor Gericht geklärt. Mich beschäftigt das Zwischenmenschliche. Das, was zwischen den Zeilen passiert – oder eben nicht mehr passiert.

Wenn ein Vermittlungsgespräch daran scheitert, dass man sich nicht einmal auf die Spielregeln einigen kann, dann ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Dann geht es nicht mehr um Lösungen, sondern um Positionen. Um Recht haben statt weiterkommen. Und das ist gefährlich.

Denn am Ende verliert fast immer jemand, der eigentlich gar nicht verlieren dürfte: die Mitarbeitenden. Menschen, die morgens aufstehen, zur Arbeit gehen, Stahlträger schweissen, Pläne lesen, Verantwortung übernehmen. Menschen, die nichts für Millimeter-Toleranzen können, aber alles ausbaden müssen.

Natürlich: Auch ein Zoo ist kein Sozialamt. Auch er muss wirtschaftlich handeln. Aber vielleicht – und das ist mein Analyseversuch – braucht es in solchen Fällen mehr als nur Vertragsparagraphen und Anwaltsschreiben. Vielleicht braucht es den Mut, noch einmal an einen Tisch zu sitzen, bevor alles endgültig zerbricht. Nicht um nachzugeben, sondern um zu verstehen, wie es so weit kommen konnte.

Die Pantanal-Voliere sollte ein Symbol werden. Für Weitsicht, für Biodiversität, für eine moderne Tierhaltung. Im Moment ist sie vor allem ein Symbol für etwas anderes: dafür, wie fragil grosse Projekte werden, wenn Kommunikation scheitert und Vertrauen erodiert.

Ob die Voliere je wie geplant eröffnet wird, ist offen. Ob Baltensperger diese Krise überlebt, ebenso. Sicher ist nur eines: Schaden genommen haben bereits jetzt alle Beteiligten. Und das ist – bei allem Verständnis für beide Seiten – einfach nur schade.

Wörter: 638 - Anschläge: 4462

Kommentare

Noch keine freigeschalteten Kommentare.