Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Das Mail. Oder: Wie man mit einem Artikel ganze Büros spaltet

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.12.2025 11:20
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Es gibt Fragen, die spalten die Gesellschaft.
Klimawandel. Tempolimit. Ananas auf Pizza.
Und dann gibt es die ganz grossen, wirklich heiklen Themen:
Heisst es die Mail oder das Mail?

Wer jetzt müde abwinkt und denkt: Meine Güte, ist doch egal, ist vermutlich genau der Typ Mensch, der im Büro „das Mail“ sagt. Laut. Selbstbewusst. Mit dem Brustton der Überzeugung. Und ohne jede innere Unruhe.

Denn „das Mail“ ist kein Zufall. Es ist ein Statement.

In der Schweiz wird nicht einfach „das Mail“ gesagt.
Es wird verteidigt.
Mit einer Vehemenz, als ginge es um den Landesverteidigungsfall oder wenigstens um den letzten freien Parkplatz vor dem Migros.

Dabei ist die Sache sprachlich eigentlich glasklar.
Standarddeutsch sagt: die Mail.
Weil: die E-Mail, die Nachricht, die Post.
Feminin. Punkt.

Aber Sprache funktioniert bekanntlich nicht nach Logik, sondern nach Gewohnheit. Und Gewohnheit ist der Tod jeder Einsicht.

Warum also quatschen trotzdem alle von dem Mail?

Weil „das“ bequem ist.
„Das“ ist der sprachliche Jogginghosen-Artikel. Passt immer, stört niemanden, man muss sich nichts überlegen.
„Das Mail“ ist die linguistische Version von: Hauptsache geschickt.

Dazu kommt der Bürovirus.
Einmal sagt es der IT-Mensch. Dann der Projektleiter. Dann die HR-Frau.
Und plötzlich ist „das Mail“ überall.
Wie ein schlecht gesetzter CC-Verteiler, den niemand mehr abbestellt.

Besonders beliebt ist „das Mail“ dort, wo Sprache grundsätzlich als lästiges Beiwerk betrachtet wird. In Verwaltungen. In Grossraumbüros. In Sitzungen, in denen fünf Leute über etwas reden, das auch eine Person hätte entscheiden können – per Mail. Oder eben: per Mail.

Auffällig ist auch:
„Das Mail“ wird fast nie liebevoll gesagt.
Niemand sagt: Ich habe ein schönes Mail bekommen.
Es heisst eher: Ich schick dir noch schnell das Mail.
Schnell. Zack. Abgehakt.
Kommunikation als Durchlauferhitzer.

Und dann gibt es die Verteidigungsargumente. Immer dieselben.

„Bei uns sagt man halt so.“
Ja. Bei euch hängt auch noch ein Faxgerät. Gratulation.

„Sprache verändert sich.“
Stimmt. Aber nicht jede Veränderung ist automatisch ein Fortschritt. Sonst müssten wir auch applaudieren, wenn jemand „wo ich gewesen bin“ sagt und dabei ernst bleibt.

„Der Duden ist mir egal.“
Das merkt man. Wirklich.

Natürlich ist „das Mail“ in der Schweiz sozial akzeptiert. Niemand wird verhaftet, niemand verliert den Job, niemand muss zur Nachschulung in Deutsch.
Aber akzeptiert heisst nicht richtig.
Und schon gar nicht elegant.

Denn „die Mail“ hat etwas, das „das Mail“ nie haben wird:
Stil.
Und Haltung.

Wer „die Mail“ sagt, entscheidet sich bewusst für Sprache.
Nicht aus Besserwisserei, sondern aus Respekt vor dem Werkzeug, das wir täglich benutzen.
Worte sind schliesslich keine Wegwerfpaletten.

Das Problem ist ja nicht „das Mail“ an sich.
Das Problem ist die Gleichgültigkeit dahinter.
Diese Haltung von: Man weiss schon, was gemeint ist, also reicht’s.

Tut es aber nicht.

Denn Sprache formt Denken.
Und Denken formt Handeln.
Und Handeln formt – nun ja – auch Mails. Die schlechten. Die unnötigen. Die mit „FYI“ im Betreff und null Inhalt.

Vielleicht müssten wir gar nicht über Artikel diskutieren.
Vielleicht müssten wir darüber reden, warum so viele Mails so unerquicklich sind.
Warum sie niemand liest.
Warum sie trotzdem alle verschicken.

Aber anfangen könnten wir klein.
Mit einem einzigen Wort.
Mit die Mail.

Nicht als Sprachpolizei.
Nicht als Mission.
Sondern als kleines Zeichen von Aufmerksamkeit in einer Welt voller hastig hingeschluderter Kommunikation.

Und wer weiterhin „das Mail“ sagen will – bitte.
Aber dann lebt auch mit dem leisen Verdacht, dass ihr sprachlich gesehen ein bisschen im Jogginganzug durch die Gegend lauft.

Bequem.
Praktisch.
Aber halt nicht besonders schick.

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