Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Vom Welthit zur Wegwerfware

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 23.12.2025 09:18
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Und wieder mal DJ Bobo.
Wenn Falschheit einen Duft hätte, würde es nach Haarspray, Nebelmaschine und moralischer Selbstentlastung riechen.

Man muss schon sagen: Der Mann hat Talent. Nicht nur fürs Dauerlächeln, sondern auch fürs Weglächeln. Weglächeln von Menschen, weg vom Problem, weg von Verantwortung. Und jetzt stehen wir da, 2025, mit einer Geschichte, die so unerquicklich ist, dass man sie eigentlich nur noch mit Galgenhumor erträgt: Lori Glori, die Stimme hinter einem guten Teil der DJ-Bobo-Hits, kämpft mit 66 Jahren nicht um Ruhm oder Comeback, sondern um ihr verdammtes Aufenthaltsrecht.

Und währenddessen läuft irgendwo «There’s a Party». Ironie kann manchmal wirklich fies sein.

Diese Frau hat «Pray», «Respect Yourself» und anderes Eurodance-Gesäusel eingesungen, das ganze Stadien zum Wackeln gebracht hat. Sie hat Welthits eingesungen. Nicht ein bisschen Background-Gehauch, sondern die Stimme, die man erkennt, auch wenn man’s nicht will. Und was blieb ihr? Einmal 10’000 Mark, ein Stück Papier, das sie nicht verstand, und ein Leben, das langsam aber sicher den Bach runterging.

Man stelle sich das bitte kurz vor: Du kannst kaum Deutsch, man schiebt dir ein Dokument hin, sagt «nur eine Quittung», und zack - Urheberrecht weg, Stimme weg, Zukunft weg. Aber hey, Business ist Business, gell. Und DJ Bobo? Hat seither offenbar nie mehr das Bedürfnis verspürt, auch nur ein einziges Wort mit ihr zu wechseln. Muss man auch erst mal hinkriegen. Charakterlich meine ich.

Während Lori Glori auf der Strasse landet, wird ihre Stimme weiterverwertet wie eine gut geölte Maschine. Heute bewegt Nancy, DJ Bobos Frau, an Konzerten die Lippen dazu. Playback trifft auf Moral-Playback. Passt irgendwie.

Jetzt also der nächste Akt im Drama: Migration. Papier. Fristen. Formulare. Die Schweiz, dieses wunderbare Land der Ordnung, wo du alles darfst - solange du jede Kleinigkeit korrekt anmeldest, dreifach unterschreibst und am besten nie krank wirst. Lori Glori war zu lange im Ausland. Corona. Malta. Karriere. Leben. Pech gehabt. Niederlassungsbewilligung C hin oder her - sechs Monate sind sechs Monate, und Regeln sind Regeln. Herzlos? Ja. Aber korrekt. Und Korrektheit ist hierzulande bekanntlich wichtiger als Gerechtigkeit.

Dass sie depressiv ist, gesundheitlich angeschlagen, frisch geschieden, ihren Ausweis verloren hat und inzwischen nicht mal Ergänzungsleistungen beantragen kann? Details. Kollateralschäden. Das Amt prüft. Das Amt erwägt. Das Amt teilt mit. Menschlichkeit bitte hinten anstellen, wir haben hier eine Akte.

Natürlich könnte man jetzt sagen: Ja gut, so sind halt die Regeln. Aber genau da fängt das Problem an. Denn Regeln gelten nie im luftleeren Raum. Sie treffen immer Menschen. Und erstaunlicherweise fast immer die, die sowieso schon am Boden liegen. Der Erfolgreiche mit Anwalt, Management und PR-Team fällt selten durch die Maschen. Die Sängerin mit Depression, Papierverlust und Existenzangst schon eher.

Und DJ Bobo? Sitzt der irgendwo und denkt sich: «Hoppla, vielleicht habe ich da damals etwas falsch gemacht»? Eher nicht. Das System hat ihm recht gegeben. Ein Gericht hat ihre Klage abgewiesen. Juristisch sauber, moralisch eine Bankrotterklärung. Aber Moral zahlt halt keine Dividende.

Besonders hübsch wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass 2024 im Schauspielhaus Zürich ein Musical über Lori Gloris Leben lief. Ein Musical! Mit ihr selbst in der Hauptrolle! Die Schweiz liebt ihre tragischen Künstlergeschichten - solange sie auf der Bühne stattfinden. Sobald sie ins echte Leben rutschen, heisst es: Formular B17 fehlt, bitte neu einreichen.

Man könnte fast lachen, wenn es nicht so elend wäre.

Was mich an der ganzen Geschichte am meisten ankotzt, ist nicht einmal die Bürokratie. Die ist wenigstens ehrlich in ihrer Kälte. Was mich ankotzt, ist diese ewige Verklärung von Erfolg. DJ Bobo als sympathischer Dauergrinser, als nationaler Export-Schlager. Und irgendwo im Schatten die Frau, ohne die ein Teil dieses Erfolgs nie existiert hätte. Abgesägt, ausgesaugt, abgeschoben - erst finanziell, jetzt vielleicht geografisch.

Und ja, ich weiss: Das ist rechtlich alles kompliziert. Aber manchmal wäre es schön, wenn jemand mit Macht und Geld einfach sagen würde: «Das war scheisse. Wir regeln das.» Einfach so. Ohne Anwälte. Ohne PR. Ohne Nebelmaschine.

Aber das würde Rückgrat voraussetzen. Und Rückgrat ist im Showbusiness ungefähr so verbreitet wie Ehrlichkeit in Wahlkampfplakaten.

Sollte Lori Glori am Ende wirklich ausgeschafft werden, dann ist das nicht nur ein persönliches Drama. Dann ist es auch ein ziemlich schäbiger Spiegel für dieses Land. Und für eine Musikindustrie, die gerne von Respekt singt, ihn aber offenbar nur selten lebt.

Respect Yourself, hat sie gesungen.
Vielleicht wäre es langsam an der Zeit, dass auch andere diesen Text mal ernst nehmen.

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