1. Wenn Aufsicht zur Leerstelle wird
Das Unglück liegt erst wenige Tage zurück. Die Nacht auf Neujahr ist noch präsent, in den Gedanken der Angehörigen, in den Körpern der Überlebenden, in den Bildern, die sich festgesetzt haben. Und dennoch stehen wir bereits mitten in Erklärungen, Rechtfertigungen und Zuständigkeitsfragen. Vielleicht zu früh. Vielleicht genau deshalb.
Ich habe Fragen. Keine polemischen, keine moralisch aufgeladenen, sondern nüchterne. Fragen, die sich aus dem ergeben, was bekannt ist – und aus dem, was auffällig unbeantwortet bleibt.
Die zentrale Frage lautet: Weshalb wurde die letzte Brandkontrolle im «Le Constellation» im Jahr 2019 durchgeführt?
Fünf Jahre lang fand keine Kontrolle mehr statt. Fünf Jahre, in denen ein öffentlich zugängliches Lokal betrieben wurde. Fünf Jahre, in denen Menschen dort feierten, tanzten, Silvester verbrachten. Fünf Jahre ohne systematische Überprüfung des Brandschutzes, obwohl diese gesetzlich vorgeschrieben gewesen wäre. Und bis heute kann niemand erklären, warum.
Der Gemeindepräsident von Crans-Montana spricht vor den Medien von einer Last, die er sein Leben lang tragen werde. Von Trauer. Von Bedauern. Das sind gewichtige Worte. Doch Worte ersetzen keine Verantwortung. Und Verantwortung beginnt nicht erst nach einem Unglück, sondern lange davor.
Die Fakten sind eindeutig. Die Gemeinde hätte das Lokal jährlich kontrollieren müssen. Sie tat es nicht. Die letzte Kontrolle datiert von 2019. Davor gab es Beanstandungen und Auflagen, unter anderem betreffend Notausgänge. Danach: nichts. Keine Nachkontrolle. Kein erneuter Blick. Ab 2020 herrschte faktisch ein Kontrollvakuum.
Als Erklärung wird angeführt, der Sicherheitsdienst sei personell unterbesetzt. Fünf Personen für 128 öffentliche Betriebe – Hotels, Bars, Restaurants, Kliniken. Das reiche kaum aus, um alle jährlich zu überprüfen. Diese Aussage ist bemerkenswert. Nicht, weil sie entschuldigt, sondern weil sie offenlegt, dass man wusste, den gesetzlichen Auftrag nicht erfüllen zu können – und dennoch so weiterarbeitete.
Damit stellt sich eine weiterführende Frage: Warum wird ein System aufrechterhalten, von dem bekannt ist, dass es strukturell nicht funktioniert? Warum wird dieser Mangel nicht politisch adressiert, sondern administrativ hingenommen? Brandschutz ist kein freiwilliger Service. Er ist Teil der öffentlichen Sicherheit.
Gleichzeitig wird ein erheblicher Teil der Verantwortung dem Barbetreiber zugeschrieben. Fahrlässigkeit, Überbelegung, Risikokultur. All das mag zutreffen und wird juristisch zu klären sein. Doch staatliche Kontrollen existieren nicht für vorbildliche Betriebe. Sie existieren genau für jene Fälle, in denen wirtschaftliche Interessen, Leichtsinn oder Ignoranz Sicherheitsrisiken erzeugen. Wer sich darauf zurückzieht, der Betreiber habe versagt, blendet die eigene Aufsichtspflicht aus.
Besonders irritierend wirken die Hinweise auf strukturelle Brüche. Das Gebäude sei alt. Es stamme aus einer Zeit vor der heutigen Gemeinde. Zuständigkeiten hätten sich durch die Gemeindefusion verändert. Für den Innenausbau sei kein Baugesuch nötig gewesen. All diese Argumente haben eines gemeinsam: Sie erklären, warum niemand hingeschaut hat. Sie erklären aber nicht, warum niemand hinschauen musste.
Feuer interessiert sich nicht für Gemeindefusionen. Rauch unterscheidet nicht zwischen alter und neuer Zuständigkeit. Brandschutz ist keine historische Fussnote, sondern eine fortlaufende Pflicht.
Beunruhigend ist auch die Aussage des Gemeindepräsidenten, er habe bis zum Brand nicht gewusst, dass die Kontrollen mangelhaft waren. Das wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wenn die politische Spitze nicht weiss, dass zentrale Sicherheitsaufgaben über Jahre nicht erfüllt werden – wer weiss es dann? Und wenn es niemand weiss, wie funktioniert Kontrolle überhaupt?
Dass an der Medienkonferenz keine ausdrückliche Entschuldigung an die Angehörigen ausgesprochen wurde, wirkt in diesen Tagen schwer erträglich. Juristisch mag Zurückhaltung geboten sein. Menschlich bleibt ein Bruch. Trauer ist kein Protokollpunkt.
Der Rücktritt wird abgelehnt. Man wolle das Schiff nicht im Sturm verlassen. Doch der Sturm besteht nicht aus Medienkritik oder internationaler Empörung. Er besteht aus den Versäumnissen der vergangenen Jahre. Wer Verantwortung trägt, muss sich dieser Geschichte stellen – nicht erst vor Kameras, sondern in Strukturen, Abläufen und Konsequenzen.
Ich bleibe bei meiner Frage: Warum 2019? Warum danach nichts? Und warum weiss heute niemand, weshalb?
Solange darauf keine klare, nachvollziehbare Antwort existiert, bleiben alle Worte von Bedauern unvollständig. Und jede Beschwörung von Verantwortung hohl.
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