Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Vielleicht etwas zu spät

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.01.2026 09:33
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Man kennt diesen Satz. Er liegt geschniegelt auf dem Rednerpult, geschniegelt wie ein Sonntagsanzug aus der Mottenkiste: «Ich wollte auf keinen Fall jemanden verletzen oder kränken.» Gesagt von Valérie Dittli, 33, Regierungsrätin im Kanton Waadt, und damit ungefähr so überraschend wie Regen im November. Niemand will je jemanden verletzen. Komischerweise passiert es dann trotzdem. Immer. Vor allem dort, wo Macht auf mangelnde Selbstreflexion trifft.

Was hier abläuft, ist kein Drama, sondern ein Lehrstück. Ein Lehrstück darüber, wie Politik heute funktioniert, oder besser: wie sie glaubt zu funktionieren. Erst mal alles niederwalzen, dann erstaunt sein, dass Trümmer rumliegen, und schliesslich betroffen dreinschauen. Betroffenheit ist das neue Schmieröl der Politik. Quietschende Zahnräder? Ein paar Sätze Reue, bitte. Möglichst weich, möglichst rund, möglichst nichtssagend.

Der Untersuchungsbericht des Parlaments liest sich nicht wie ein Betriebsunfall, sondern wie ein systemisches Problem mit Schleifspuren. Mangelhaftes Management, Misstrauen gegenüber der Verwaltung, schlecht begründete Entscheidungen. Das ist kein kleiner Kratzer im Lack, das ist ein ordentliches Schrammenfeld. Und dann steht da eine Regierungsrätin und sagt sinngemäss: Tut mir leid, war alles ein Missverständnis, ich war jung, unerfahren und irgendwie ist das Klima jetzt sowieso schon wieder besser. Von Tag zu Tag. Wie praktisch.

Das mit dem Arbeitsklima ist besonders hübsch. Arbeitsklima ist in der Politik das, was Wetter im Smalltalk ist. Man redet drüber, wenn man sonst nichts zu sagen hat. Wer das Arbeitsklima beschwört, vermeidet meist konsequent die Frage nach Verantwortung. Denn Klima kommt angeblich von allein. Wie Hochdruck oder Tiefdruck. Da kann man halt nichts machen. Ausser vielleicht ein paar warme Worte in den Raum blasen.

«Unsere Beziehungen waren von Missverständnissen geprägt», sagt Dittli. Ach so. Missverständnisse. Nicht etwa Machtspiele, Unsicherheit, Kontrollzwang oder schlicht schlechte Führung. Nein nein, Missverständnisse. Als hätten sich alle Beteiligten einfach gegenseitig falsch angeguckt. Ein riesiges Verwaltungsapparat-Missverständnis. Passiert den Besten. Oder denen, die sich für die Besten halten.

Dann wird es juristisch. Steuer-Rabatte, reiche Waadtländer, mutmasslich illegale Bevorzugung. Staatsanwaltschaft, Amtsmissbrauch, Ermittlungen. Und wieder diese glasklare, politisch lupenreine Formel: Ich habe niemals einzelne Steuerakten eingesehen. Das ist juristisch wahrscheinlich klug. Politisch ist es dünn. Moralisch ist es ein Witz. Denn die Frage ist nicht, ob man persönlich einen Ordner geöffnet hat, sondern welches System man duldet, treibt oder zumindest nicht stoppt. Verantwortung ist kein USB-Stick, den man einfach nicht eingesteckt hat.

Besonders elegant ist der Satz vom «kulturellen Wandel hin zu mehr Klarheit und Transparenz». Das ist Politsprech in Reinform. Klingt nach Reform, heisst aber oft: Ich habe keine Ahnung, wie ich das erklären soll, also nenne ich es Kultur. Kultur ist super. Kultur ist immer irgendwie schuld, aber nie haftbar.

Im Parlament knirscht es dann doch noch ein wenig lauter. FDP-Grossrat Jean-Daniel Carrad bringt es uncharmant, aber ehrlich auf den Punkt: «Man hält uns für Dummköpfe!» Das ist vermutlich der ehrlichste Satz der ganzen Debatte. Und er trifft einen wunden Punkt. Politik scheitert nicht nur an Fehlern, sondern an der Annahme, man könne diese Fehler mit wohltemperierten Statements wegmoderieren. Als wäre das Parlament ein schlecht gelaunter Elternabend.

Dittli gibt sich kämpferisch. Sie habe gelernt, sie sei nicht mehr die von gestern, sie wolle aufbauen statt zerstören. Das klingt alles sehr nach Motivationsposter im Co-Working-Space. Sonnenaufgang, Bergpanorama, darunter ein Zitat in serifenloser Schrift. Schön fürs Gemüt. Nur leider kein Ersatz für Vertrauen. Vertrauen ist nämlich kein Software-Update. Man kann es nicht einfach neu installieren, nachdem man es zerschossen hat.

Dazu kommt die politische Ausgangslage: Die Mitte ist im Waadtländer Parlament nicht einmal vertreten. Dittli sitzt da als Produkt einer bürgerlichen Zweckallianz. Gewählt, aber nicht verankert. Und wer keinen Boden unter den Füssen hat, stolpert schneller. Rücktrittsforderungen stehen im Raum. Noch vereinzelt, aber hörbar. Und natürlich kommt dann der Satz: Die Kritik gehe ihr als Person nahe, aber man dürfe die Funktion nicht vergessen. Auch das ein Klassiker. Übersetzt heisst das: Bitte kritisiert mich, aber nicht zu fest, und bitte mich, aber eigentlich meine Rolle, und bitte alles gleichzeitig und doch nicht.

Ob sie 2027 wieder antritt, weiss sie noch nicht. Verständlich. Vielleicht will sie erst schauen, wie sich das Klima entwickelt.

Am Ende bleibt das Gefühl: Diese Entschuldigung kommt nicht zu spät im Kalender, sondern zu spät im Prozess. Sie kommt nach Berichten, nach Vorwürfen, nach beschädigtem Vertrauen. Sie kommt, weil sie muss, nicht weil sie will. Und genau das riecht man. Entschuldigungen sind wie Milch. Wenn sie zu lange stehen, merkt man es sofort.

Vielleicht ist Valérie Dittli tatsächlich nicht mehr die von gestern. Vielleicht lernt sie wirklich dazu. Vielleicht wird alles besser. Möglich. Aber Politik lebt nicht von Vielleicht. Sie lebt von Glaubwürdigkeit. Und die lässt sich nicht herbeireden. Schon gar nicht mit Sätzen, die man schon hundert Mal gehört hat.

Vielleicht ist das alles also einfach: zu spät.

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