Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Selbstentlarvung mit Schweizerkreuz

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 21.01.2026 11:16
Inhalt anzeigen/ausblenden

Man muss der Jungen SVP Kanton Zürich fast dankbar sein. Wirklich. Kaum eine politische Jugendorganisation schafft es derzeit so effizient, sich selbst ad absurdum zu führen - ganz ohne linke Medien, ganz ohne böse Gegner, ganz ohne ausländische Unterwanderung. Reine Eigenleistung. Schweizer Wertarbeit, sozusagen.

Der Fall ist schnell erzählt: Die JSVP wirft ein Mitglied raus, weil es gar kein Schweizer ist. Nicht «gefühlt», nicht «eigentlich schon integriert», sondern schlicht: kein Pass. Und das wird erst dann zum Problem, als genau dieser Nicht-Schweizer auf einer Wahlliste landet. Für Gemeindeparlamentswahlen. Öffentlich. Offiziell. Abgesegnet. Und offenbar von niemandem bemerkt.

Das ist keine Panne. Das ist Organisationsversagen mit Ansage.

Denn wir reden hier nicht von einer Partei, deren Verhältnis zu Staatsbürgerschaft und Herkunft ein nebensächliches Detail ist. Wir reden von einer politischen Bewegung, deren gesamtes Weltbild auf der obsessiven Unterscheidung zwischen «wir» und «die anderen» basiert. Schweizer oder nicht Schweizer. Drinnen oder draussen. Berechtigt oder unerwünscht. Wer ausgerechnet hier den Überblick verliert, sollte vielleicht kurz innehalten und sich fragen, wofür er eigentlich steht - ausser für Schlagworte.

Natürlich versucht man jetzt, das Ganze kleinzureden. Eine «peinliche Panne» sei es gewesen. Als hätte jemand beim Migros-Selfcheckout aus Versehen den falschen Apfel gewogen. Dabei geht es um nichts weniger als den ideologischen Kern dieser Partei. Das aktive und passive Wahlrecht nur für Schweizerinnen und Schweizer - jahrelang gepredigt wie ein Glaubenssatz. Und dann stolpert man über den eigenen Dogmatismus wie über ein schlecht verlegtes Kabel.

Besonders grotesk wird es dort, wo die Partei erklärt, der Versuch, dieses Prinzip zu umgehen, sei ein Affront gegen einen der wichtigsten Eckpfeiler. Aha. Der Affront liegt also nicht darin, dass man selbst nicht merkt, wen man aufstellt. Sondern darin, dass jemand das System benutzt, das man selbst so schlampig gebaut hat. Opfer-Täter-Umkehr, Parteiversion.

Weil das allein aber zu dünn wäre, wird nachgeschoben. Der Rausgeworfene habe vertrauliche Informationen weitergegeben, falsche Anschuldigungen erhoben, Unruhe gestiftet. Man kennt diese Textbausteine. Sie tauchen immer dann auf, wenn eine Organisation merkt, dass sie nicht nur dumm, sondern auch lächerlich dasteht. Dann wird plötzlich moralisch bilanziert, als hätte man schon immer auf diesen Moment gewartet.

Am schönsten ist allerdings die Geschichte vom freiwilligen Rücktritt. Subotic habe behauptet, er sei aus dem Vorstand gedrängt worden. Das sei völlig haltlos. Er sei freiwillig gegangen. Auf eigenen Wunsch. Und danach, rein zufällig, zum Schutz der Partei ausgeschlossen worden. Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Rausschmiss mit Blumenstrauss.

Hier zeigt sich das eigentliche Problem. Die Junge SVP ist nicht Opfer eines Einzelfalls, sondern Gefangene ihres eigenen Denkens. Wer Politik permanent über Ausschluss definiert, muss sich nicht wundern, wenn am Ende nur noch der Ausschluss als Lösung bleibt. Kein Fehler wird analysiert, kein strukturelles Versagen eingeräumt. Stattdessen wird personalisiert, entsorgt, weitergemacht.

Und dann dieser obligate Schlusssatz: Man wolle nun wieder nach vorne schauen. Gemeinsam, geschlossen und respektvoll. Das ist der Moment, in dem selbst wohlmeinende Beobachter kapitulieren. Respektvoll? Gegenüber wem eigentlich? Sicher nicht gegenüber der eigenen Verantwortung. Sicher nicht gegenüber dem politischen Handwerk. Und ganz sicher nicht gegenüber den Wählerinnen und Wählern, die erwarten dürfen, dass selbst eine Jugendpartei weiss, wen sie kandidieren lässt.

Was bleibt, ist eine politische Selbstentlarvung. Eine Partei, die vorgibt, Ordnung zu schaffen, aber nicht einmal ihre eigenen Grundregeln kontrolliert. Die lautstark über Zugehörigkeit urteilt, aber intern im Blindflug unterwegs ist. Und die glaubt, man könne Glaubwürdigkeit mit einem Parteiausschluss reparieren.

Kann man nicht ernst nehmen, sagt man dann gern. Stimmt. Aber genau das ist das Problem. Denn diese Leute wollen ernst genommen werden. Sie wollen gestalten, entscheiden, bestimmen. Und liefern stattdessen eine Realsatire, die so plump ist, dass man sich fragt, ob hier noch jemand merkt, wie tief der eigene Anspruch gefallen ist.

Nicht peinlich. Nicht lustig. Sondern schlicht entlarvend.

Wörter: 615 - Anschläge: 4410

Kommentare

Noch keine freigeschalteten Kommentare.