Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Abkommen statt Annexion – vier Säulen, ein Diktator und sehr viel Nebel

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 22.01.2026 09:17
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Es war einer dieser Abende, an denen Europa kollektiv ausatmet. Nicht, weil plötzlich alles gut wäre, sondern weil es für einen kurzen Moment weniger schlimm ist als befürchtet. Der Diktator in Washington hat es sich anders überlegt. Grönland wird nicht annektiert. Vorerst. Stattdessen gibt es einen Deal, einen Rahmen, eine Absichtserklärung. Man kennt das. Viel Papier, wenig Klarheit, grosse Worte, kleine Fussnoten.

Am Rande des Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet der Mann, der Grönland zuletzt wie ein Stück Immobilienbesitz behandelte, eine diplomatische Kehrtwende. Kein Einmarsch, kein Kauf, keine formelle Übernahme. Dafür ein Abkommen zwischen den USA, Dänemark und Grönland. Klingt vernünftig. Klingt europäisch. Klingt nach Schadensbegrenzung.

Wer genauer hinschaut, merkt allerdings schnell: Das ist kein Frieden, das ist ein Waffenstillstand auf Zeit.

Laut der Zeitung Die Welt, die sich auf Nato-Kreise beruft, ruht dieser Deal auf vier Säulen. Vier Säulen, die angeblich Stabilität versprechen. In Wahrheit sind es vier elegante Umschreibungen für Machtverschiebung.

Die erste Säule ist fast schon rührend. Die Zolldrohungen der USA gegen Europa sind vom Tisch. Vorläufig. Als ob man einem Erpresser dankt, weil er heute ausnahmsweise kein Lösegeld verlangt. Europa atmet auf, Washington nickt gönnerhaft, und alle tun so, als wäre das ein fairer Tausch. Dass diese Drohungen jederzeit wieder hervorgeholt werden können, wie ein rostiger Revolver aus der Schublade, sagt man lieber nicht laut.

Die zweite Säule ist das eigentliche Herzstück. Oder besser: das Ego-Projekt. Das Stationierungsabkommen von 1951 soll neu verhandelt werden, unter Einbezug des Raketenabwehrsystems «Golden Dome». Der Diktator braucht sein Denkmal, seine technische Grossgeste, seine militärische Spielzeugburg im Eis. Er hatte Grönland nicht aus romantischer Polarforschungsliebe im Visier, sondern aus sicherheitspolitischem Kalkül. Wer den Norden kontrolliert, kontrolliert Wege, Rohstoffe, Reichweiten. Das ist kalter Krieg mit neuem Branding.

Die Botschaft ist klar: Ihr dürft eure Flagge behalten, solange unsere Raketen dort stehen.

Die dritte Säule ist besonders pikant. Europa räumt den USA ein Mitspracherecht bei Investitionen in Grönland ein. Klingt harmlos, ist es aber nicht. Ein Vetorecht, wohlgemerkt. Wenn China oder Russland in Grönland Rohstoffe abbauen oder Infrastruktur kaufen wollen, dürfen die USA Nein sagen. Europa nickt. Dänemark nickt. Grönland nickt. Souveränität bleibt formal bestehen, wird aber praktisch konditioniert.

Man könnte auch sagen: Die Insel bleibt autonom, solange sie das Richtige tut.

Die vierte Säule schliesslich betrifft die Arktis insgesamt. Die europäischen Nato-Partner wollen sich stärker engagieren. Mehr Präsenz, mehr Militär, mehr Aufmerksamkeit. Die Arktis als neues Spielfeld der Grossmächte, geschniegelt, geschniegelt, geschniegelt. Umwelt, indigene Bevölkerung, langfristige Folgen? Kommen später. Vielleicht.

In diesem Zusammenhang meldet sich auch Mark Rutte zu Wort. Der Generalsekretär der NATO spricht von viel Arbeit, von gemeinsamen Schutzinteressen, von fortgesetzten Gesprächen. Diplomatensprache vom Feinsten. Beruhigend, ausweichend, wolkig. Auf die entscheidende Frage, ob Grönland weiterhin eindeutig zu Dänemark gehört, gibt es keine klare Antwort. Man habe darüber nicht mehr gesprochen, sagt Rutte. Der Fokus habe woanders gelegen.

Das ist der Moment, in dem man stutzig werden sollte.

Denn wenn über Souveränität nicht mehr gesprochen wird, ist sie meist schon verhandelbar. Nicht heute, nicht morgen, aber irgendwann. Der Diktator hat gelernt, dass offene Annexionen schlecht ankommen. Also geht man den Weg über Abkommen, Vetorechte und Sicherheitsargumente. Das Resultat ist dasselbe, nur eleganter verpackt.

Europa feiert diesen Deal als Erfolg. Keine Annexion, keine Eskalation, kein diplomatischer Super-GAU. Man klopft sich auf die Schulter, bestellt noch einen Davoser Kaffee und hofft, dass das Thema damit erledigt ist. Doch das ist Wunschdenken.

Denn der Diktator ist nicht verschwunden. Er hat nur die Strategie gewechselt. Statt mit der Brechstange kommt er nun mit Vertragsentwürfen. Statt Landraub gibt es Einflussnahme. Statt Drohungen gibt es Deals. Und Europa spielt mit, weil es glaubt, keine Alternative zu haben.

Vielleicht ist das sogar richtig. Vielleicht ist das der bestmögliche Schaden. Aber man sollte sich nichts vormachen. Dieses Abkommen ist kein Sieg der Vernunft. Es ist ein Symptom der Angst. Angst vor wirtschaftlichem Druck, vor militärischer Eskalation, vor einem Mann, der die Welt als Schachbrett betrachtet.

Grönland bleibt auf der Karte dänisch. In der Realität wird es amerikanischer. Stück für Stück, Säule für Säule. Und der Diktator? Der wird irgendwann sagen, es sei schon immer so gewesen.

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