1. Die Bundesratswahl – ein Schweizer Polittheater
Jedes Jahr gibt es in der Schweizer Politik ein paar Momente, in denen auch Menschen, die sich sonst nicht besonders für Bundesbern interessieren, plötzlich aufmerksam werden. Einer dieser Momente ist die Bundesratswahl. Es ist wie ein Ritual – die Medien drehen hoch, die Parteien taktieren, und das Volk verfolgt das Spektakel mit einer Mischung aus Neugier, Skepsis und gelegentlichem Kopfschütteln.
Dieses Jahr hat es die Mitte getroffen. Viola Amherd, die als unaufgeregte, pragmatische und ziemlich beliebte Bundesrätin galt, hat sich entschieden, zurückzutreten. Nicht aus Skandalgründen, nicht aus gesundheitlichen Problemen, sondern einfach, weil sie fand: „Jetzt ist es genug.“ Eine solch bodenständige Entscheidung ist in der Politik fast schon verdächtig. Aber gut, das heisst: Ein Sitz wird frei, und sofort beginnt das grosse Schachspiel.
Das Bundesrats-Pokern
Kaum hatte Amherd ihren Rücktritt bekannt gegeben, war klar: Die Mitte will ihren Sitz behalten. Eine grosse Überraschung war das nicht. Wer einmal einen Platz im Bundesrat hat, gibt ihn nicht freiwillig her – es sei denn, man heisst Samuel Schmid und gehört der SVP an, die einen lieber loswerden will, als einem den Rücken zu stärken. Doch das ist eine andere Geschichte.
Die anderen Parteien reagierten auf den Machtanspruch der Mitte mit einem höflichen Nicken. Nicht, weil sie die Mitte so toll fanden, sondern weil niemand Lust hatte, eine unnötige Baustelle zu eröffnen. Die SP und die Grünen wussten, dass sie kaum Chancen auf einen zusätzlichen Sitz hatten. Die SVP hatte keinen Grund, den politischen Gegnern einen Gefallen zu tun. Und die FDP war froh, dass man nicht plötzlich über ihre Sitze diskutierte.
Damit war die Sache klar: Der Sitz bleibt bei der Mitte, die Frage war nur noch, wer ihn bekommen würde.
Das Karussell der Kandidaten
Nun begann das, was man in der Schweiz gerne als „Findungsprozess“ bezeichnet. In Wahrheit ist es ein öffentliches Schaulaufen, bei dem potenzielle Kandidaten erst abwinken, dann zögerlich „Ich weiss nicht so recht“ sagen, um schliesslich mit bedeutungsschwerer Miene zu verkünden: „Wenn die Partei mich will, dann bin ich bereit.“
Auch dieses Mal war es nicht anders. Es tauchten diverse Namen auf, von denen manche sofort wieder verschwanden, andere sich hartnäckig hielten, und einige erst im letzten Moment aus dem Hut gezaubert wurden. Am Ende präsentierte die Mitte ein Zweierticket – was sich als clever erwies. Ein Einzelticket wäre zu riskant gewesen, zu viele taktische Wählerinnen und Wähler im Parlament hätten aus Prinzip dagegen gestimmt. Mit zwei Kandidaten konnte man sicherstellen, dass die Wahl am Ende auf jeden Fall im eigenen Lager blieb.
Die Medienmaschine läuft heiss
Sobald die offiziellen Kandidaten feststanden, legten die Medien los. Es folgten Profile der Anwärter, Analysen ihrer bisherigen politischen Laufbahn, Experteninterviews und Umfragen, die uns erklären sollten, was das Volk angeblich denkt. In der Regel ergab sich dabei ein vorhersehbares Bild: Die eine Kandidatin oder der eine Kandidat wurde als „pragmatisch, volksnah und erfahren“ beschrieben, die andere als „unklar in der Positionierung“ oder „zu wenig kantonal vernetzt“.
Besonders beliebt sind in dieser Phase Berichte über frühere Aussagen der Kandidaten. Irgendwo findet sich immer ein altes Interview, in dem eine Aussage gemacht wurde, die sich heute aus dem Zusammenhang reissen lässt. So kann man für ein paar Tage eine kleine Kontroverse lostreten, die alle in Bern kurz aufregt und dann wieder vergessen geht.
Der Wahltag – oder: Das grosse Zittern
Und dann kommt der Tag der Wahl.
Am frühen Morgen versammeln sich die Parlamentarier im Bundeshaus, während draussen Journalisten frierend darauf warten, Statements von glücklichen oder enttäuschten Kandidaten einzufangen. Drinnen wird zuerst ein bisschen formelles Prozedere abgehandelt, und dann beginnt die eigentliche Wahl.
Die erste Runde ist meist eine Show. Hier erhalten auch Kandidaten Stimmen, die eigentlich gar nicht antreten. Das ist eine Mischung aus Humor, Taktik und politischem Statement. Manchmal landen dabei skurrile Namen auf den Wahlzetteln – sei es eine Politikerin, die niemand auf dem Radar hatte, oder eine Symbolfigur, mit der ein Zeichen gesetzt werden soll.
Aber irgendwann wird es ernst. In den folgenden Runden zeigt sich, wer wirklich eine Chance hat. Stimmen verschieben sich, Allianzen werden sichtbar, und manchmal gibt es Überraschungen. Doch am Ende ist es fast immer so: Einer der zwei offiziellen Kandidaten setzt sich durch, es gibt höflichen Applaus, die Kameras schwenken auf das Gesicht des oder der Gewählten, und die politische Schweiz hat einen neuen Bundesrat.
Und dann?
Kaum ist die Wahl vorbei, geht die Diskussion weiter. Hat das Parlament richtig entschieden? Wird der oder die Neue dem Amt gewachsen sein? Welche Konsequenzen hat die Wahl für die anderen Parteien?
Ein paar Tage lang werden diese Fragen intensiv diskutiert. Dann kehrt langsam der politische Alltag zurück. Der neue Bundesrat oder die neue Bundesrätin wird vereidigt, zieht ins Bundeshaus ein und übernimmt die Dossiers der Vorgängerin. Nach ein paar Monaten spricht kaum noch jemand über die Wahl – es sei denn, es stellt sich heraus, dass der oder die Neue einen groben Fehlstart hingelegt hat.
Und in vier Jahren? Da gibt es die nächste Bundesratswahl, und das ganze Theater beginnt von vorne.
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