1. Dietikon im Plakatfieber - oder: Wenn Photoshop kapituliert
Es ist wieder soweit. Kaum kündigt sich eine Wahl an, verwandelt sich Dietikon in eine Mischung aus Freiluftgalerie und Baumarkt-Ausstellung. An jeder zweiten Ecke lächelt jemand mit diesem leicht verkrampften Gesichtsausdruck, der sagen soll: „Ich kann Verantwortung“, aber schreit: „Bitte wählt mich, meine Familie sieht das auch.“
Gemeinderat. Stadtrat. Stadtpräsident. Die grosse Bühne der Lokalpolitik. Und plötzlich hängen sie alle da draussen wie frisch gewaschene Unterhosen im Gegenwind der Demokratie.
Man fragt sich unweigerlich: Gelten für Politiker eigentlich andere Regeln? Wenn irgendein Gewerbler ein Plakat aufstellen will, braucht es Bewilligungen, Reglemente, Abklärungen, vermutlich noch ein Formular in dreifacher Ausführung. Und im Wahlkampf? Da scheint plötzlich jeder Grünstreifen zur temporären Bühne zu werden.
Natürlich - rein juristisch ist das sauber geregelt. Bewilligungen, Zeitfenster, Verkehrssicherheit, alles korrekt. Demokratie ist ein hohes Gut, Meinungsfreiheit ein Grundrecht. Politische Werbung ist eben keine Sonderaktion im Detailhandel.
Und trotzdem bleibt dieses Gefühl: Irgendetwas kippt hier ästhetisch aus dem Gleichgewicht.
Denn seien wir ehrlich - viele dieser Plakate sehen aus, als hätte PowerPoint kurz vor der Pensionierung noch einmal alles gegeben. Schriftarten, die miteinander kämpfen. Slogans, die irgendwo zwischen Motivationskalender und Vereinsversammlung hängen bleiben. Fotos, bei denen man nicht weiss, ob das Licht falsch war oder die Überzeugung.
„Für ein starkes Dietikon.“
„Miteinander vorwärts.“
„Zukunft gestalten.“
Ja gut. Und sonst noch? Vielleicht noch „Mit Herz und Verstand“, damit das Bingo komplett ist.
Das Problem ist nicht, dass sie plakatieren. Das sollen sie. Das gehört zur Demokratie wie das Stimmbüro am Sonntagmorgen und das leichte Unbehagen beim Ausfüllen des Wahlzettels.
Das Problem ist die visuelle Beliebigkeit. Wer Verantwortung für eine Stadt übernehmen will, könnte wenigstens zeigen, dass er ein Auge für Gestaltung hat - oder jemanden kennt, der eines hat.
Man könnte argumentieren: Sichtbarkeit schlägt Schönheit. Hauptsache, das Gesicht hängt. Präsenz ist alles. Wer nicht im Strassenbild vorkommt, existiert politisch nicht.
Mag sein. Aber was sagt es über eine politische Kultur aus, wenn Quantität wichtiger ist als Qualität? Wenn jedes freie Fleckchen Grünfläche zur Selfie-Kulisse in Überlebensgrösse wird?
Und dann diese Slogans. Gross. Fett. Aussagearm. Als hätte man sich kollektiv darauf geeinigt, nichts Konkretes zu versprechen, damit man später nichts erklären muss. Es ist ein rhetorischer Sicherheitsabstand.
Dabei wäre Mut doch erfrischend. Ein Plakat mit Haltung. Mit klarer Aussage. Mit Ecken und Kanten. Nicht nur „kompetent“, „bürgernah“ oder „engagiert“. Das sind Eigenschaften, die inzwischen jeder für sich beansprucht wie Gratisparkplätze.
Vielleicht wäre es ehrlicher zu schreiben:
„Ich weiss auch nicht alles, aber ich höre zu.“
Oder:
„Ich habe eine Meinung - und sie ist nicht immer bequem.“
Das würde zumindest auffallen zwischen all den weichgespülten Farbtönen.
Und ja - am Ende erfüllen diese Plakate ihren Zweck. Sie erinnern daran, dass gewählt wird. Dass Lokalpolitik nicht irgendwo im fernen Bundeshaus stattfindet, sondern hier, zwischen Bahnhof, Schulhaus und Friedhof.
Aber ein bisschen mehr Sorgfalt wäre schön. Wer eine Stadt führen will, sollte vielleicht damit beginnen, ihr Strassenbild nicht wie eine überforderte Agenturübung aussehen zu lassen.
Demokratie darf laut sein. Sie muss nicht beliebig sein.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses Plakatwaldes: Politik ist Arbeit. Und Arbeit darf man sehen. Aber bitte - wenn schon in A0, dann mit etwas Würde.
Sonst denkt man am Ende nicht: „Das ist eine starke Kandidatur.“
Sondern nur: „Wer hat das bitte freigegeben?“
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