Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Geister im Kulturbetrieb

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.02.2026 08:40
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Ich bin Jazzmusiker. Ich leite mehrere Bands, schreibe Programme, akquiriere Konzerte, telefoniere, verhandle, springe ein, wenn irgendwo der Hut brennt. Ich kenne beide Seiten – die Bühne und die Organisation. Und genau deshalb erlaube ich mir eine Beobachtung, die nicht schmeichelhaft ist.

Es gibt eine neue Disziplin im Schweizer Kulturbetrieb. Sie heisst: Unsichtbar sein.
Nicht auf der Bühne – im Büro.

Man bewirbt sich. Man schreibt ein sorgfältiges Mail. Kein Massenversand, kein Copy-Paste-Müll. Persönlich adressiert. Mit Programmvorschlag. Mit Hörbeispielen. Mit Referenzen. Mit konkreten Daten.

Und dann?

Nichts.

Kein „Danke“.
Kein „Passt gerade nicht“.
Kein „Wir melden uns“.
Nicht einmal ein liebloses automatisiertes „Diese Mail wurde empfangen“.

Einfach digitale Leere. Als hätte man in ein schwarzes Loch geschrieben.

Und das Absurde daran: Es sind nicht irgendwelche dubiosen Hinterhofschuppen. Es sind Clubs, die sich gerne als „wichtige Plattform für Livekultur“ feiern. Häuser, die in Fördergesuchen mit Worten wie „Vernetzung“, „Nachhaltigkeit“ und „Wertschätzung“ um sich werfen, als wären es Konfetti an der Luzerner Fasnacht.

Wertschätzung.
Herrlich.

Als Musiker weiss man ja, wie das Spiel läuft. Nicht jede Bewerbung passt ins Programm. Budgets sind knapp. Stilistische Ausrichtung, Saisonplanung, kuratorische Linie – alles legitim. Niemand verlangt eine Zusage. Niemand verlangt Begründungen. Niemand verlangt eine seitenlange Abhandlung über ästhetische Differenzen.

Man verlangt eine Antwort.

Zwei Sätze würden reichen. Wirklich.

„Vielen Dank für Ihre Anfrage. Aufgrund der Vielzahl an Bewerbungen können wir nicht jede individuell beantworten. Sollte Interesse bestehen, melden wir uns.“

Das ist kein literarisches Meisterwerk. Das ist keine Zumutung. Das ist die digitale Version von Augenkontakt.

Aber nein.

Stattdessen: Funkstille.

Und das wird besonders unerquicklich, wenn man für denselben Club in der Vergangenheit schon eingesprungen ist. Wenn man kurzfristig einen Abend gerettet hat, weil eine Band abgesagt hat. Wenn man Publikum gebracht, die Kasse gefüllt und das Image poliert hat.

Dann bewirbt man sich – und wird behandelt wie ein Spamfilter-Opfer.

Da darf man sich verarscht fühlen. Nicht gekränkt – verarscht.

Was mich daran wirklich stört, ist nicht einmal der persönliche Aspekt. Es ist die strukturelle Schieflage. Musiker sollen professionell auftreten. Dossiers in perfektem PDF-Layout liefern. Pressetexte fehlerfrei, Biografien aktuell, Social-Media-Links sauber gepflegt. Pünktlich erscheinen. Soundcheck diszipliniert absolvieren. Gage bescheiden verhandeln. Verständnis für Budgetengpässe zeigen.

Aber wenn es um minimale Professionalität auf Veranstalterseite geht, wird plötzlich auf Durchzug geschaltet.

Das ist keine Überforderung. Das ist Bequemlichkeit.

Und ja, ich weiss – jetzt kommt das Argument: „Wir werden überrannt mit Anfragen.“

Gratuliere. Dann seid ihr offensichtlich attraktiv. Das freut mich für euch. Aber wer Veranstalter sein will, wer Fördergelder beantragt, wer sich als kulturelle Drehscheibe versteht, der hat auch eine Verantwortung gegenüber denjenigen, die diesen Betrieb überhaupt ermöglichen.

Ohne Bands kein Programm.
Ohne Musiker kein Club.
Ohne Rückmeldung kein Respekt.

Man kann das auch pragmatisch sehen: Funkstille ist ebenfalls eine Antwort. Eine ziemlich deutliche sogar. Sie sagt: Deine Zeit ist weniger wert als unsere Inbox.

Gut. Dann weiss man wenigstens, woran man ist.

Vielleicht ist das der eigentliche Lackmustest. Nicht die Bühne, nicht der Sound, nicht die Gage. Sondern die Art, wie man miteinander umgeht, wenn gerade niemand voneinander profitieren kann.

Ein Club, der nicht einmal ein automatisiertes „Mail angekommen“ zustande bringt, wird im Zweifel auch sonst nicht vor Professionalität glänzen. Wer im Kleinen schludert, tut es oft auch im Grossen.

Und bevor jetzt jemand „Empfindlichkeit“ ruft: Nein. Es geht nicht um Eitelkeit. Es geht um Verbindlichkeit. Um das elementare Minimum an Kommunikation in einem Bereich, der ständig von „Netzwerk“ und „Community“ spricht.

Community beginnt nicht auf Instagram.
Sie beginnt bei einer Antwort.

Vielleicht sollten wir Musiker uns das einfach merken. Energie dorthin investieren, wo Resonanz entsteht. Und Orte, die sich nur noch an die eigene Wichtigkeit erinnern, leise ziehen lassen.

Es gibt genug Bühnen.
Und es gibt genug Publikum.

Aber Respekt ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Offenbar muss man ihn inzwischen aktiv einfordern – oder sich andere Partner suchen.

Und ganz ehrlich: Ein Club, der nicht antwortet, hat vielleicht schon längst aufgehört zuzuhören.

Wörter: 647 - Anschläge: 4676

Kommentare

Leo
06.02.2026 11:26
Ja, du hast recht. Ich habe kürzlich 12 Briefe an Jazzclubs geschrieben. Rausgekommen sind 2 „gescheite“ Antworten und natürlich keine Zusage für ein Konzert.
Damit müssen wir leider leben.
Gruss
Leo