Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Das grosse Gedudel-Schnäppchen

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 14.02.2026 13:24
Inhalt anzeigen/ausblenden

Ich bin Ende der 90er, Anfang der 00er gross geworden. Also in jener Zeit, als man noch glaubte, Musik sei etwas, das man nicht einfach nebenbei aus dem Internet saugt, sondern etwas, das Leute lernen, üben, schleppen, schwitzen - und dann liefern. Live. Vor echten Menschen. Ohne Netz, ohne doppelten Boden, ohne “Sorry, das WLAN spinnt gerade”.

Und damals gab es in der Schweiz etwas, das heute fast schon wie ein Märchen klingt: Man musste nicht um die Gage streiten.

Nicht, weil alle Veranstalter Kulturmenschen waren. Sondern weil es einen stillen Konsens gab. Eine Art Grundanstand. Ein Musiker kostet. Punkt. Und selbst der Amateur - der nach der Arbeit in den Proberaum fuhr, das Wochenende für Auftritte hergab und seine Freizeit in Tonleitern versenkte - bekam seine 300 Franken pro Gig. Das war nicht Luxus. Das war nicht “wow, da wird aber einer reich”. Das war einfach: normal.

Heute, 30 Jahre später, ist genau dieser Betrag zu einer Art Prügel geworden.

Und zwar nicht nur für die Amateure. Sondern für Profis.

Für Leute, die das nicht “auch noch nebenbei” machen, sondern die ihr Leben darauf ausgerichtet haben. Die investieren, die sich weiterbilden, die Netzwerke pflegen, die verlässlich sind, die Qualität abliefern, die ihre Instrumente warten, ihre Technik im Griff haben, die pünktlich sind, die führen können, wenn der Abend kippt, und die nicht nach dem ersten Set sagen: “So, jetzt hämmer’s ja”.

Und genau diese Leute müssen heute diskutieren, rechtfertigen, erklären, verhandeln, feilschen - nur damit am Schluss vielleicht die gleichen 300 Franken herauskommen, die vor 25 Jahren schon als untere Kante galten.

Das ist nicht einfach “schade”. Das ist eine Beleidigung.

Denn es geht nicht um die Zahl. Es geht darum, was sie ausdrückt.

Wenn ein Profi darum kämpfen muss, ob er überhaupt 300 Franken bekommt, dann sagt das nicht: “Wir haben ein enges Budget.” Es sagt: “Wir glauben nicht, dass deine Arbeit mehr wert ist als ein Abend Unterhaltung auf Sparflamme.”

Und das ist die eigentliche Verschiebung: Musik ist vom Handwerk zur Dekoration geworden. Von “wir buchen eine Band” zu “wir brauchen halt irgendwas im Hintergrund”. Und wenn Musik nur noch Hintergrund ist, dann soll sie gefälligst auch so viel kosten wie ein Blumenarrangement oder eine Lichterkette.

Das Problem ist nur: Eine Lichterkette übt nicht fünf Stunden, damit sie am Samstagabend schön leuchtet.

Die leuchtet einfach.

Und genau da kommt der moderne Sargnagel für jede anständige Gagenkultur ins Spiel: der Alleinunterhalter mit den MIDI-Backings. Oder nennen wir ihn, wie er in der Realität oft wirkt: der menschliche Startknopf. Einer drückt Play, singt drüber, und der Rest ist ein digitaler Teppich aus Plastik-Drums und Karaoke-Basslinien.

Für viele Veranstalter ist das die perfekte Lösung. Billiger. Einfacher. Planbarer. Keine Band, die Platz braucht. Keine Abstimmung. Kein Soundcheck mit fünf Leuten. Keine Diskussion um Monitorwege. Keine “wir bräuchten noch eine Steckdose”. Ein Mensch, ein Preis, ein USB-Stick, fertig.

Und dann passiert das, was immer passiert, wenn man Qualität durch Bequemlichkeit ersetzt: Man gewöhnt sich an das Billige. Und plötzlich wirkt das Normale teuer.

Plötzlich steht eine Band da - echte Leute, echtes Zusammenspiel, echte Dynamik - und der Veranstalter schaut dich an, als hättest du soeben vorgeschlagen, einen Goldbarren als Bühne zu bestellen.

“Also… 1800? Für euch sechs? Das ist aber viel.”

Nein. Das ist nicht viel. Das ist nur nicht billig.

Und der Unterschied ist gewaltig.

Denn billig ist nicht nur ein Preis. Billig ist eine Haltung. Billig bedeutet: Es reicht, wenn’s irgendwie klingt. Billig bedeutet: Hauptsache, es dudelt. Billig bedeutet: Wir zahlen für Geräusch, nicht für Musik.

Und damit sind wir bei der Frage, die mich wirklich umtreibt: Warum akzeptieren wir das eigentlich?

Warum ist es normal geworden, dass man beim Musiker als Erstes fragt: “Kann man da noch etwas machen?” - aber beim Caterer, beim Floristen und bei der Location nicht?

Vielleicht, weil viele Leute immer noch glauben, Musik “passiert halt”. Man stellt ein Instrument hin, und dann kommt der Sound schon raus. Als wäre ein Saxophon eine Kaffeemaschine. Als wäre eine Band ein Spotify-Playlist mit Beinen.

Die Realität ist: Live-Musik ist kein Knopfdruck. Du stehst da, spielst, liest den Raum und trägst die Stimmung. Wenn es gelingt, trägt es den ganzen Anlass. Wenn nicht, merkt es jeder - weil es live ist. Das ist Verantwortung. Und Verantwortung kostet.

Und jetzt wird es fast absurd: 300 Franken pro Musiker.

Dieser Betrag ist heute nicht “ein fairer Deal”. Dieser Betrag ist ein Symbol dafür, dass man die Zeit zurückdrehen will, während alles andere teurer wurde. Er ist die Illusion, dass Musik gratis bleiben soll, weil sie sich so schön anfühlt. Und wenn sie sich schön anfühlt, darf sie offenbar nichts kosten.

Doch. Darf sie. Muss sie.

Weil Musik Arbeit ist. Weil Musik Können ist. Weil Musik nicht nur “Lärm im Hintergrund” ist, sondern das, was einen Abend in Erinnerung verwandeln kann.

Und wenn ein Profi heute darum kämpfen muss, diese 300 Franken überhaupt noch zu bekommen, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht. Nicht beim Musiker. Sondern bei der Wertschätzung.

Vielleicht wäre es Zeit, dass wir wieder einen simplen Satz normal machen:

“Was kostet ihr Auftritt?”

Und nicht:

“Was könnt ihr noch am Preis machen?”

Denn wer beim Profi um 300 Franken feilscht, feilscht nicht um Geld. Der feilscht um Respekt. Und da gibt es nichts zu verhandeln.

Wörter: 876 - Anschläge: 5542

Kommentare

Noch keine freigeschalteten Kommentare.