Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Ich kann vieles nicht – aber ich habe jemanden, der es kann

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.04.2026 16:57
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Es gibt diesen einen Satz. Wenn man ihn einmal verstanden hat, versteht man plötzlich alles.

„Ich kann vieles nicht, aber habe jemanden, der es kann.“

Klingt harmlos. Fast sympathisch. Ein bisschen selbstironisch, ein bisschen locker. Ist es aber nicht.

Denn was er wirklich heisst, ist: Ich mache es nicht – ein anderer macht es für mich. Und zwar zuverlässig.

Das System dahinter ist einfach. Er erzählt, andere erledigen. Er weiss, andere tragen. Er glänzt, andere springen.

Und solange das funktioniert, ist alles wunderbar. Er ist der mit den Geschichten. Der, der schon alles gesehen hat. Der, der immer irgendwie dabei war, wenn es wichtig wurde.

Nur eines war er selten: der, der es gemacht hat.

Das merkt man nicht sofort. Weil Geschichten blenden. Weil jemand, der gut erzählt, automatisch Kompetenz ausstrahlt. Weil man denkt: Der weiss schon, wovon er spricht.

Bis zu dem Moment, in dem es konkret wird. Ein Bild aufhängen. Etwas organisieren. Eine Verantwortung übernehmen. Und plötzlich wird es erstaunlich still.

Oder es wird kompliziert. Weil dann beginnt das Ausweichen.

Und wenn es schiefgeht, beginnt das nächste Spiel: das Umschreiben.

Dann war es nicht seine Verantwortung. Dann waren die Umstände schwierig. Dann hat jemand anders etwas falsch gemacht. Und wenn man nicht aufpasst, sitzt man plötzlich da und denkt: War ich das jetzt?

Das ist der Punkt, an dem es kippt. Nicht, weil jemand etwas nicht kann, sondern weil er es nicht aushält, dass man es sieht.

Und dann wird es interessant. Denn genau die Dinge, die er selbst nicht kann, werden plötzlich zum Problem bei den anderen.

Er kriegt organisatorisch nichts auf die Reihe? Dann sind alle anderen unstrukturiert. Er verliert den Überblick? Dann sind die anderen unzuverlässig. Er kann etwas nicht? Dann können es die anderen plötzlich auch nicht.

Das ist kein Zufall. Das ist Systempflege.

Und lange macht man mit. Weil man hilft. Weil man einspringt. Weil man denkt, es geht schneller, wenn man es einfach selbst macht.

Und genau so bleibt das Ganze stabil.

Bis zu dem Moment, in dem man merkt: Ich bin nicht Teil eines Teams. Ich bin Teil eines Systems.

Ein System, in dem einer erzählt und die anderen funktionieren.

Und irgendwann ist es nicht mehr lustig. Nicht mehr charmant. Nicht mehr „ja, so ist er halt“. Sondern einfach nur noch anstrengend.

Und dann kommt dieser Satz. Nicht laut, nicht dramatisch. Einfach klar: Ich bin raus.

Und plötzlich funktioniert nichts mehr. Weil der, der immer gesprungen ist, nicht mehr springt. Weil der, der immer ausgeglichen hat, nicht mehr ausgleicht. Weil das System ein Loch bekommt.

Und natürlich wird das erklärt. Nicht direkt, sondern über Geschichten. Über Umwege. Über Versionen.

Versionen, in denen er weiterhin der ist, der alles im Griff hat. Und du der, der plötzlich schwierig ist.

Das gehört dazu. Das ist fast schon der letzte Beweis, dass das System echt war.

Und genau hier liegt die eigentliche Entscheidung. Nicht, ob du recht hast. Sondern ob du wieder einsteigst.

Ob du erklärst. Ob du dich rechtfertigst. Ob du versuchst, das Bild zu korrigieren.

Oder ob du etwas machst, das deutlich schwieriger ist: nichts.

Nicht reagieren. Nicht aufspringen. Nicht wieder funktionieren. Einfach draussen bleiben.

Und dann merkt man plötzlich: Es war nie kompliziert. Es war nur bequem – für ihn.

Er kann vieles nicht. Aber er wusste immer, wer es für ihn macht.

Und du bist jetzt nicht mehr auf dieser Liste.

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