Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Frieden auf Abruf

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.04.2026 05:13
Inhalt anzeigen/ausblenden

Es gehört zu den unerquicklichsten Eigenheiten unserer Zeit, dass selbst die Aussetzung eines Krieges nicht mehr als Atempause bezeichnet wird, sondern als Triumph. Donald Trump hat angekündigt, die für den 7. April 2026 angedrohten Angriffe auf den Iran für zwei Wochen auszusetzen - unter der Bedingung, dass Teheran die Strasse von Hormus vollständig und sicher öffnet. Zustande gekommen sei dies nach Gesprächen mit Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif und Armeechef Asim Munir. Gleichzeitig pries er einen iranischen Zehn-Punkte-Vorschlag als tragfähige Grundlage für ein grösseres Abkommen und erklärte, die militärischen Ziele der Vereinigten Staaten seien bereits erreicht oder gar übertroffen worden.

Schon diese Dramaturgie ist entlarvend. Hier wird nicht Frieden verkündet, sondern ein zeitlich begrenztes Aussetzen weiterer Gewalt. Es ist kein Ende des Konflikts, keine belastbare Einigung, kein gesicherter Neubeginn. Es ist ein befristeter Stillstand unter Vorbehalt, aufgehängt an einer strategischen Wasserstrasse, deren Öffnung für den Weltmarkt, die Energieversorgung und die regionale Machtbalance zentral ist. Wer das als Friedenswerk verkauft, arbeitet nicht mit der Sprache der Deeskalation, sondern mit der Sprache der Inszenierung.

Gerade darin liegt die moralische Zumutung dieses Vorgangs. Zuvor standen massive Drohungen im Raum, darunter neue amerikanische Angriffe, falls Iran nicht einlenke. Und dann, kurz vor dem möglichen nächsten Gewaltschritt, wird plötzlich umgeschwenkt, als hätte der grosse Imperator eben persönlich beschlossen, der Welt noch einmal Gnade vor Recht widerfahren zu lassen. Derselbe politische Brandstifter, der die Eskalation bis an die Kante treibt, darf sich anschliessend als Architekt der Vernunft aufführen, sobald er für vierzehn Tage die Handbremse zieht. Das ist kein Staatskunststück. Das ist Erpressung mit anschliessender Selbstbeweihräucherung.

Hinzu kommt, dass die gross angekündigte Ruhe keineswegs jene Klarheit besitzt, die das Wort Waffenstillstand suggeriert. Vieles bleibt offen: nukleare Fragen, Sanktionen, die künftige Rolle amerikanischer Streitkräfte in der Region und die konkrete Ausgestaltung eines allfälligen Verhandlungsrahmens. Die Lage bleibt fragil, begleitet von widersprüchlichen Signalen und fortbestehenden Spannungen. Wer jetzt von fast gelösten Problemen spricht, spricht vor allem aus dem Bedürfnis heraus, den eigenen Auftritt als Erfolgsgeschichte zu rahmen. Der Möchtegern-Gott möchte nicht als einer erscheinen, der den Finger vom Abzug nehmen musste, sondern als Weltordner, dem die Geschichte ehrfürchtig beim Verfassen seines nächsten Erlöser-Posts zusieht.

Besonders unerquicklich ist dabei die Wahl des Massstabs. Nicht das Leben der Zivilbevölkerung, nicht das Elend der Verletzten, nicht die Verwüstung einer ohnehin überlasteten Region stehen am Anfang dieser Erzählung, sondern die freie Passage durch Hormus. Gewiss, diese Meerenge ist geopolitisch und wirtschaftlich von enormer Bedeutung. Gerade deshalb sagt ihre zentrale Stellung in dieser Vereinbarung so viel aus. Es geht nicht zuerst um Frieden als ethisches Ziel, sondern um Stabilität dort, wo Märkte nervös werden, Tanker stillstehen und Versicherungsprämien durch die Decke gehen. Frieden erscheint hier nicht als Wert, sondern als Funktion. Er ist willkommen, solange er Lieferketten rettet, Ölpreise beruhigt und den Eindruck vermittelt, der selbsternannte Weltenlenker habe die Lage unter Kontrolle.

Man muss auch auf die politische Symbolik achten. Pakistan tritt als Vermittler auf, Iran präsentiert einen Vorschlag, Washington erklärt sich gesprächsbereit, und der fast-Kriegsverbrecher beansprucht zugleich die Rolle des Präsidenten, der nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern beinahe für den gesamten Nahen Osten spreche. Dieses Pathos ist kein Nebengeräusch, sondern Teil der Botschaft. Der Mann, der noch kurz zuvor mit weiterer Vernichtung drohte, möchte nun als historische Schlüsselfigur einer bevorstehenden Friedensordnung gelesen werden. Es ist die alte Logik des Machtmenschen: Erst die Krise personalisieren, dann die Beruhigung ebenfalls personalisieren und zuletzt beides in die eigene Legende einbauen.

Darin steckt ein grösseres Problem, das über diesen konkreten Fall hinausweist. Wenn Politik nur noch aus Ultimaten, Drohgebärden, Showeffekten und abrupten Wendungen besteht, verändert sich auch unser Verständnis von Normalität. Dann gilt nicht mehr als Mindeststandard, dass ein Krieg beendet wird, sondern schon als historische Leistung, dass er für zwei Wochen nicht weiter angeheizt wird. Dann genügt es, die Welt einmal weniger heftig an den Abgrund zu führen, um sich als Retter feiern zu lassen. So sinkt der moralische Massstab Schritt für Schritt. Das Abnorme wird gewöhnlich. Das Unzulängliche erscheint plötzlich grossartig.

Darum ist „Frieden auf Abruf“ ein treffender Ausdruck. Er beschreibt einen Zustand, in dem Ruhe nicht aus Vertrauen entsteht, sondern aus Druck. Einen Zustand, in dem eine Feuerpause nicht aus Einsicht geboren wird, sondern aus Kalkül. Und einen Zustand, in dem politische Führer ihre eigene Rolle in der Eskalation nach Belieben verkleinern, während sie ihre Bedeutung bei jeder noch so vorläufigen Entspannung maximal aufblasen. Zwei Wochen Aufschub sind besser als neue Bomben. Aber wer daraus bereits eine Sternstunde der Diplomatie machen will, verwechselt Unterlassung mit Grösse. Frieden ist nicht dann erreicht, wenn ein grössenwahnsinniger Möchtegern-Imperator für einen Moment das Streichholz weglegt. Frieden beginnt erst dort, wo Gewalt nicht mehr als Verhandlungsstil verkauft wird.

Wörter: 771 - Anschläge: 5639

Kommentare

Noch keine freigeschalteten Kommentare.