Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Der Imperator spielt Risiko

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 26.04.2026 19:55
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Man muss Dony fast dankbar sein. Nicht politisch, nicht moralisch, nicht menschlich, bewahre. Aber als lebendes Anschauungsmaterial für politische Verwahrlosung ist der Mann mittlerweile unbezahlbar. Andere Staatschefs haben Strategien, Prinzipien, Diplomaten, Sicherheitskonzepte und vielleicht noch ein Restchen Schamgefühl. Der Möchtegern-Imperiator hat offenbar Listen. Gute Nato-Staaten, schlechte Nato-Staaten. Brave Hündchen, böse Hündchen. Wer Männchen macht, bekommt vielleicht ein Leckerli. Wer nicht wedelt, dem wird halt mit den Falklandinseln auf den Teppich gemacht.

So ungefähr muss man sich Weltpolitik im Kopf eines überdimensionierten Golfplatz-Wüterichs vorstellen.

Grossbritannien will also nicht einfach blindlings in den nächsten Krieg stolpern, den die USA und Israel gegen den Iran führen? London sagt: Danke, aber nein danke, wir haben gerade keine Lust auf Weltbrand mit Beilagensalat. Und was macht Dony? Er schmollt nicht einfach. Er droht nicht nur mit ein paar beleidigten Sätzen in Grossbuchstaben. Nein, offenbar wird in Washington ernsthaft darüber nachgedacht, ob man den Briten nicht bei den Falklandinseln ans Bein pinkeln könnte.

Die Falklandinseln. Diese windumtoste Inselgruppe im Südatlantik, auf der die Menschen in einem Referendum mit 99,8 Prozent gesagt haben: Wir bleiben britisch. Klarer kann ein demokratisches Signal kaum sein. 99,8 Prozent. Das ist nicht knapp, das ist nicht missverständlich, das ist nicht «wir müssten noch einmal darüber reden». Das ist ein politischer Amboss, der mit voller Wucht auf den Schädel jeder imperialen Fantasie fällt.

Aber Selbstbestimmung interessiert den BeinaheDiktator nur dann, wenn sie ihm gerade ins vergoldete Dekor passt. Wenn ein Volk so abstimmt, wie es ihm gefällt, nennt er es Freiheit. Wenn nicht, wird es eben zur Verhandlungsmasse. Da werden Inselbewohner plötzlich zu Kleingeld in einem Machtpoker, den niemand bestellt hat. Menschen, Geschichte, Kriegstote, lokale Identität, alles egal. Hauptsache, der beleidigte König der Welt kann zeigen, dass er noch irgendwo einen Hebel findet, den er wie ein überdrehtes Kind im Cockpit herunterreissen kann.

Das Perfide daran ist nicht einmal nur die Brutalität. Brutalität kennt man von ihm. Das wirklich Schäbige ist die Kleinlichkeit. Die USA haben mit Grossbritannien eine der engsten historischen Partnerschaften überhaupt. Man redet dort gerne von special relationship, von gemeinsamer Geschichte, von Waffenbrüderschaft, von Churchill, Roosevelt und all dem schweren Pathos, das Angelsachsen so gerne mit sonorer Stimme vor sich hertragen. Und dann kommt Dony und macht daraus: Unterstützt du meinen Krieg nicht, schaue ich mal, ob ich dir deine Inseln wegargumentieren kann.

Das ist keine Aussenpolitik. Das ist Mafia mit schlechter Frisur.

Und natürlich musste auch Spanien auf die Strafbank. Madrid will den Iran-Krieg ebenfalls nicht beklatschen? Dann wird halt darüber sinniert, ob man Spanien aus der Nato werfen könnte. Dass das gar nicht einfach so geht, scheint im Palast der beleidigten Egos keine grössere Rolle zu spielen. Juristische Realitäten sind dort vermutlich etwas für Buchhalter, Feiglinge und Leute, die noch nie einen goldenen Aufzug von innen gesehen haben.

Die Nato wird dabei behandelt wie ein schlecht geführter Country Club. Wer zahlt? Wer salutiert? Wer lobt den Präsidenten am schönsten? Wer bringt die richtige Flasche Wein mit? Wer nicht spurt, verliert Zugang zum Pool. Nur geht es hier nicht um einen Golfplatz in Florida, sondern um Sicherheitsarchitektur, Krieg, Frieden und das Überleben von Bündnissen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht aus Langeweile gebaut wurden.

Aber genau das ist der Punkt. Dony versteht Bündnisse nicht als Gemeinschaften mit Rechten und Pflichten, sondern als Besitzverhältnisse. Für ihn ist Loyalität keine politische Kategorie, sondern persönliche Unterwerfung. Wer ihm widerspricht, ist illoyal. Wer zögert, ist schwach. Wer eigenständig denkt, ist verdächtig. Und wer nicht mitbomben will, bekommt diplomatisch eins mit dem Vorschlaghammer auf die Finger.

Man stelle sich die Szene vor: Ein Land sagt, es wolle sich nicht an einem Krieg beteiligen. Früher hätte man das verhandelt, diskutiert, vielleicht kritisiert. Heute kommt aus Washington offenbar die Idee: Dann nehmen wir halt eine Inselgruppe aus dem Regal und schauen, ob wir damit Druck machen können. Das ist geopolitisches Ramschverkaufen. Alles muss raus, Demokratie inklusive.

Besonders widerlich ist dabei die Verachtung gegenüber den Falklandbewohnern. Diese Menschen sind keine Spielfiguren. Sie sind keine Fussnote in einem Pentagon-Mail. Sie sind keine Knöpfe auf Donys Hemd, die man nach Laune öffnet oder schliesst. Sie haben eine Geschichte, eine politische Entscheidung und ein Recht darauf, nicht als Rachewerkzeug benutzt zu werden, nur weil der selbsternannte König der Welt wieder einmal eine seiner napoleonischen Zuckerunterzuckerungen hat.

Und ja, man darf die britische Kolonialgeschichte durchaus kritisch sehen. Sehr sogar. Aber hier geht es nicht darum, plötzlich antikolonial empfindsam zu werden. Dony entdeckt ja nicht das Selbstbestimmungsrecht der Völker, weil ihn nachts die moralische Erleuchtung aus dem Bett gekegelt hat. Er entdeckt es nur als Knüppel gegen einen Verbündeten. Das ist nicht Prinzipientreue. Das ist Erpressung im Sonntagsanzug.

Am Ende bleibt das Bild eines Mannes, der die Macht Amerikas nicht als Verantwortung begreift, sondern als Spielzeug. Ein Tyrann im Kinderzimmer der Weltpolitik. Einer, der Bündnisse verbiegt, Drohungen streut und historische Konflikte ausgräbt, wenn ihm jemand nicht schnell genug die Stiefel küsst.

Die Falklandinseln bleiben britisch, sagen die Menschen dort. Und eigentlich müsste jeder Demokrat antworten: Ja, wenn sie das so wollen, dann ist das so.

Aber bei Dony zählt der Wille der Menschen nur, solange er in seine Reality-Show passt.

Und genau deshalb ist dieser Mann nicht einfach ein lauter Trottel mit Macht. Das wäre schon schlimm genug. Er ist ein Symptom. Eines für eine Politik, in der Stärke mit Rücksichtslosigkeit verwechselt wird, Bündnisse mit Gehorsam und Demokratie mit dekorativem Lametta.

Kurz gesagt: Der Imperator spielt Risiko. Nur leider mit echten Ländern.

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