1. Der Tag der Arbeit - und die Hobby-Revolutionäre mit Kapuze
Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Man muss sich diesen Satz gelegentlich wieder einmal auf der Zunge zergehen lassen, weil er in Zürich jedes Jahr spätestens am Nachmittag unter einem Haufen Sprayereien, Petarden, Pflastersteinen und ideologisch aufgeblasenem Nebel verschwindet.
Tag der Arbeit. Nicht Tag der zerdepperten Schaufenster. Nicht Tag der vermummten Selbstdarsteller. Nicht Tag der pubertären Sachbeschädigung mit politischem Beipackzettel. Arbeit. Also dieses seltsame Ding, bei dem Menschen morgens aufstehen, Rechnungen bezahlen, Kinder ernähren, Mieten stemmen, Überstunden machen, Rücken kaputt haben, zu wenig verdienen, zu spät Feierabend haben und trotzdem jeden Tag wieder antanzen. Weil irgendjemand den Laden ja am Laufen halten muss.
Der 1. Mai war nie als Erlebnisnachmittag für Kapuzenromantiker gedacht. Er ist kein Abenteuerspielplatz für Leute, die Kapitalismuskritik mit dem Anzünden von Abfallcontainern verwechseln. Er ist historisch ein Tag der Arbeiterbewegung. Ein Tag, der aus echten Kämpfen entstanden ist. Aus Forderungen nach kürzeren Arbeitszeiten, menschenwürdigen Bedingungen, fairen Löhnen, Schutz vor Ausbeutung. Da ging es nicht um das Recht, einem Tramwartehäuschen eins auf die Fresse zu geben.
Und genau darin liegt die ganze Armseligkeit dieser jährlichen Zürcher 1.-Mai-Folklore. Während Gewerkschaften, Angestellte, Rentner, Familien, Migranten, Pflegepersonal, Reinigungskräfte, Handwerker und alle anderen, die tatsächlich etwas zu sagen hätten, für Anliegen auf die Strasse gehen, hängen sich am Rand wieder jene Gestalten dran, die aussehen, als hätten sie ihr politisches Weltbild zwischen YouTube-Kommentaren, WG-Küchen-Rotwein und einem schlecht kopierten Antifa-Flyer zusammengeschustert.
Sie nennen es Widerstand. Es sieht aber erstaunlich oft aus wie Langeweile mit Sturmhaube.
Natürlich darf man demonstrieren. Man soll sogar demonstrieren. Eine Demokratie, in der niemand mehr protestiert, ist auch nur noch ein sauber parkiertes Verwaltungsformular. Wer für bessere Löhne, bezahlbare Mieten, tiefere Krankenkassenprämien, faire Arbeitsbedingungen oder gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Strasse geht, macht genau das, wofür dieser Tag da ist. Das ist nicht nur legitim, das ist wichtig.
Aber wer danach durch die Stadt zieht, Fassaden versaut, Flaschen wirft, Polizisten attackiert oder fremdes Eigentum beschädigt, kämpft nicht für die Arbeiterklasse. Er produziert Arbeit. Für andere. Für Reinigungskräfte. Für Handwerker. Für Ladenbesitzer. Für Versicherungen. Für Stadtangestellte. Für genau jene Leute, deren Tag er angeblich verteidigen will.
Das ist der besonders hübsche Irrsinn daran: Da randalieren selbsternannte Kämpfer gegen Ausbeutung und sorgen dafür, dass am nächsten Morgen irgendjemand mit Putzkübel, Besen, Hochdruckreiniger und Sicherheitsweste den ganzen Dreck wieder wegräumen darf. Revolution deluxe, aber bitte die Reinigung dem Proletariat überlassen. Man selber hat nach dem grossen Umsturz schliesslich noch Brunch.
Der politische Tiefgang dieser Chaoten entspricht dabei oft ungefähr einer Pfütze auf dem Helvetiaplatz. Man ist gegen «das System». Gegen «die Bullen». Gegen «den Kapitalismus». Gegen «die da oben». Gegen alles, was sich auf ein Transparent sprayen lässt, ohne dass man es genauer erklären müsste. Es ist die grosse Oper der Halbbildung: viel Pathos, wenig Inhalt, dazu ein bisschen Rauch und kaputte Scheiben. Fertig ist die Discount-Revolution.
Und Zürich kennt dieses Theater längst. Der Vormittag ist Demonstration, der Nachmittag ist Ritual. Erst Reden, Fahnen, Forderungen. Dann die Nachhut der Empörungsdarsteller, die sich irgendwo zwischen Langstrasse, Kreis 4 und moralischer Selbstüberschätzung für historische Figuren halten. Dabei sind sie meist nur eine Mischung aus beleidigtem Gymnasiasten, kaputtem Ego und schlechtem Timing.
Das Tragische ist: Sie beschädigen damit nicht das System. Sie beschädigen den Tag.
Sie nehmen einem wichtigen Anliegen die Würde. Sie liefern jenen, die soziale Forderungen ohnehin für linke Folklore halten, jedes Jahr die perfekte Ausrede. Ein paar Vermummte schmeissen Mist, und schon redet niemand mehr über Arbeitsbedingungen, Löhne, Pflege, Mieten oder soziale Sicherheit. Dann geht es nur noch um Wasserwerfer, Tränengas, Sachschaden und Polizeimeldungen. Herzliche Gratulation. Politisches Eigentor mit Anlauf.
Wer wirklich etwas verändern will, braucht mehr als eine Kapuze. Er braucht Argumente. Ausdauer. Organisation. Verantwortung. Und vor allem ein Minimum an Respekt vor jenen, in deren Namen er angeblich handelt. Die Arbeiterbewegung wurde nicht von Menschen aufgebaut, die nach drei Bier eine Spraydose in die Hand nahmen und sich für den Endgegner des Kapitalismus hielten. Sie wurde aufgebaut von Menschen, die sich organisierten, streikten, verhandelten, litten, verloren, wieder anfingen und oft sehr realen Druck aushielten.
Dagegen wirkt der heutige Krawalltourist wie ein Fasnachtsclown in Schwarz. Nur weniger lustig.
Der 1. Mai verdient besseres. Die Arbeitenden verdienen besseres. Die echten Anliegen verdienen besseres. Und Zürich verdient es, dass dieser Tag nicht jedes Jahr von ein paar politischen Hohlkörpern gekapert wird, die ausser Lärm, Dreck und Sachschaden nichts zur Debatte beitragen.
Der Tag der Arbeit gehört denen, die arbeiten.
Nicht denen, die anderen Arbeit machen.
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