Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Wenn der Prix Walo jemanden sterben lässt, dann wenigstens mit schlechter Regie

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 03.05.2026 19:09
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Es gibt Peinlichkeiten, die passieren. Ein falscher Name in einem Programmheft. Ein Mikrofon, das nicht funktioniert. Ein Laudator, der den Preisträger mit dem Caterer verwechselt. Alles unangenehm, alles menschlich, alles reparierbar.

Und dann gibt es den Prix Walo.

Dort schafft man es offenbar, eine quicklebendige 98-jährige Kabarett-Legende während eines Gedenksegments unter die Verstorbenen zu mischen. Margrit Läubli, Grande Dame des Schweizer Kabaretts, wurde also öffentlich symbolisch beerdigt, während sie noch höchst lebendig ist. Das muss man auch erst einmal hinkriegen. Andere brauchen für solche Nummern ein Drehbuch, eine Satire-Sendung und ein ordentliches Timing. Die Prix-Walo-Organisation erledigt das live und unfreiwillig.

Man könnte jetzt sagen: Fehler passieren. Natürlich passieren Fehler. Aber es gibt Fehler, bei denen man den Kaffee verschüttet. Und es gibt Fehler, bei denen man eine lebende Künstlerin auf die Leinwand der Toten projiziert. Das ist nicht dieselbe Liga. Das ist nicht einmal derselbe Sport.

Besonders hübsch ist ja die Erklärung danach. Das Bild sei «versehentlich in die Liste geraten». Aha. Wie genau gerät denn ein Bild versehentlich in eine Liste Verstorbener? Ist das wie mit einzelnen Socken in der Waschmaschine? Man steckt sie lebendig hinein, und irgendwann kommen sie als Nachruf wieder heraus? Hat die Liste eine Eigendynamik entwickelt? Ist das Bild nachts selbständig hineingekrochen, mit schwarzem Rand und trauriger Musik im Gepäck?

Und dann der nächste Satz: «Mir war nicht bewusst, dass dieses Bild reingerutscht ist. Und jenen, die es visioniert haben, war es auch nicht bewusst.»

Grossartig. Visioniert haben sie es also. Nur offenbar nicht angeschaut. Das ist dann ungefähr wie ein Pilot, der vor dem Start sagt: «Ich habe das Flugzeug kontrolliert, aber mir war nicht bewusst, dass die Flügel fehlen.» Man fragt sich schon, was bei dieser Visionierung genau passiert ist. Sassen da Leute vor dem Bildschirm und dachten: «Ah ja, Margrit Läubli, 98, lebt zwar noch, aber sicherheitshalber schon mal in die Ewigkeit mit ihr»?

Das Bitterkomische daran: Die Betroffene selbst hat besser reagiert als die ganze Organisation vorbereitet war. Läubli sagte sinngemäss, wenn sie fürs Schweizer Fernsehen nun tot sei, hoffe sie doch, die Serafe-Gebühr nicht mehr bezahlen zu müssen. Das ist Kabarett. Das ist Punktlandung. Das ist die Art von Satz, für die andere Autoren drei Tage, zwei Espressi und einen Nervenzusammenbruch brauchen. Sie kriegt ihn aus dem Handgelenk hin, nachdem man sie gerade öffentlich ins Jenseits dekoriert hat.

Auch Sohn Lorenz Keiser lieferte trocken nach: Die Mutter sei gar nicht tot, sie sei nur während der Prix-Walo-Verleihung eingeschlafen. Wieder so ein Satz, der sitzt. Und vermutlich auch die ehrlichste Rezension des Abends.

Die Organisation hingegen wirkt, als hätte sie den ganzen Vorfall mit jener Mischung aus Vereinsmeierei, Altersheim-Gala und PowerPoint-Nahtoderfahrung produziert, die man in der Schweiz leider viel zu gut kennt. Irgendwo hat jemand eine Liste. Irgendwo hat jemand Bilder. Irgendwo hat jemand gesagt: «Das passt schon.» Und genau dort beginnt das Elend. Bei diesem «Das passt schon». Dem heiligen Schutzpatron aller Schweizer Pannen.

Denn nein, es passt eben nicht schon. Nicht bei einem Gedenksegment. Nicht bei Menschen, die ein Leben lang auf Bühnen standen, das Land unterhielten, prägten, zum Lachen brachten und Kulturgeschichte geschrieben haben. Wer Menschen öffentlich würdigt, sollte wenigstens wissen, ob sie noch atmen. Das ist keine übertriebene Erwartung. Das ist die unterste Kellertreppe der Sorgfalt.

Man stelle sich vor, Läubli wäre nicht mit Humor gesegnet. Man stelle sich vor, die Familie hätte diese Meldung im Saal oder am Bildschirm unvorbereitet gesehen. Man stelle sich vor, jemand hätte erschrocken zum Telefon gegriffen. Solche Fehler sind nicht einfach «peinlich». Sie sind respektlos. Nicht absichtlich vielleicht. Aber Respektlosigkeit braucht keine Absicht. Manchmal reicht Schlamperei völlig.

Und genau da liegt das Problem: Der Prix Walo will Glanz, Glamour, nationale Unterhaltung, grosse Namen, grosse Gefühle. Aber wenn man mit Erinnerung, Lebensleistung und Tod hantiert, sollte man nicht arbeiten wie ein Schüler, der morgens um 7:42 Uhr noch schnell sein Referat auf dem Drucker der Mutter zusammenkopiert.

Natürlich hat sich Monika Kälin entschuldigt. Das ist richtig. Das muss man anerkennen. Aber eine Entschuldigung ist nur der Anfang. Danach müsste eigentlich die Frage kommen: Wer hat diese Liste erstellt? Wer hat sie geprüft? Wer hat sie freigegeben? Und weshalb hat niemand in dieser ganzen Kette gemerkt, dass Margrit Läubli noch lebt?

Vielleicht ist das ja die eigentliche Pointe dieses Abends: Die Totgesagte war wacher als die Verantwortlichen. Läubli lebt. Ihr Humor lebt. Ihr Timing lebt. Nur beim Prix Walo scheint einiges bereits ziemlich lange klinisch flachzuliegen.

Am Ende bleibt ein Satz hängen: Margrit Läubli wurde beim Prix Walo versehentlich für tot erklärt und hat trotzdem den besten Auftritt des Abends geliefert.

Das muss man erst einmal schaffen.

Also, liebe Prix-Walo-Organisation: Beim nächsten Gedenksegment vielleicht vorher kurz kontrollieren, ob die Toten wirklich tot sind. Nicht übertreiben, nur so als gewagte Innovation. Ein Telefonanruf. Eine Google-Suche. Ein Pulscheck. Irgendetwas.

Und falls das alles zu kompliziert ist: Margrit Läubli fragen.

Die lebt nämlich.

Und zwar offensichtlich lebendiger als eure Qualitätskontrolle.

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