1. Weshalb ich nicht gendern werde
Es gibt Dinge, die kann man tun. Und es gibt Dinge, die kann man lassen. Man kann zum Beispiel versuchen, einen nassen Pudel mit dem Föhn zu frisieren. Man kann einem Staubsauger gesellschaftspolitische Verantwortung beibringen. Man kann auch mitten in einem Satz einen Doppelpunkt einbauen und hoffen, dass die Menschheit danach gerechter, klüger und innerlich geläuterter aus dem Sprachlabor spaziert.
Ich werde es trotzdem nicht tun.
Nicht, weil ich Frauen nicht ernst nehme. Ganz im Gegenteil. Ich nehme Frauen so ernst, dass ich ihnen zutraue, sich nicht erst durch ein Sternchen in der Mitte eines Wortes sichtbar fühlen zu müssen. Wer Gleichberechtigung davon abhängig macht, ob irgendwo „Bürger:innen“ steht, hat meines Erachtens das Problem nicht gelöst, sondern typografisch dekoriert. Das ist ein bisschen wie ein Pflaster auf einem Beinbruch - nur mit Genderstern.
Sprache ist lebendig, ja. Natürlich. Sie verändert sich. Sie darf das auch. Aber lebendig heisst nicht, dass man ihr mit dem Akkuschrauber in den Satzbau fährt, bis sie aussieht wie ein Möbelstück aus einer falsch verstandenen Reformpädagogik. Lebendige Sprache wächst. Sie stolpert, entwickelt sich, übernimmt, verwirft, biegt sich zurecht. Was sie nicht gut verträgt, ist moralischer Turnunterricht mit Pflichtübung am Doppelpunkt.
Das generische Maskulinum ist kein Geheimbund alter Herren mit Zigarre und Ledersessel. Es ist eine grammatikalische Form. Grammatik ist nicht Biologie. Wenn ich sage: „Die Bürger wollen mitreden“, dann meine ich nicht ein Geschlecht, sondern eine Rolle. Eine gesellschaftliche Funktion. Menschen, die betroffen sind. Menschen, die wählen, zahlen, arbeiten, widersprechen, sich ärgern, mitdenken und gelegentlich an der Kommentarspalte scheitern. Das Geschlecht ist in diesem Zusammenhang nicht der Punkt. Und wenn es nicht der Punkt ist, muss ich es auch nicht künstlich zum Mittelpunkt des Satzes machen.
Besonders lustig wird es, wenn aus lauter sprachlicher Weltrettung plötzlich Wörter entstehen, die aussehen, als hätte ein Drucker einen Nervenzusammenbruch gehabt. „Mitglieder:innen“ zum Beispiel. Da möchte man kurz innehalten, tief durchatmen und fragen: Was genau war der Plan? „Mitglieder“ ist bereits neutral. Da steht kein muskelbepackter Hugo im Wortstamm und bewacht die Tür. Ein Mitglied ist ein Mitglied. Punkt. Wer daraus „Mitglieder:innen“ macht, der gendert nicht mehr. Der streut Konfetti in die Grammatik und nennt es Fortschritt.
Ich sage das übrigens nicht mit erhobenem Zeigefinger. Eher mit erhobener Augenbraue. Diese Augenbraue hat inzwischen Dauerbetrieb. Sie zuckt bei „Zuhörenden“, obwohl die meisten davon gerade gar nicht zuhören, sondern aufs Handy starren. Sie zuckt bei „Teilnehmenden“, obwohl manche nur physisch im Raum sitzen und geistig längst bei der Einkaufsliste sind. Sie zuckt besonders heftig bei „Backenden“. Denn ein Bäcker ist ein Bäcker. Wenn er backt, wenn er nicht backt, wenn er schläft, wenn er Ferien hat, wenn er auf dem Klo sitzt und überlegt, ob er den Hefeteig zu lange hat gehen lassen. Er verwandelt sich nicht minütlich je nach Tätigkeit in eine sprachliche Aggregatsform.
Natürlich kann man sagen: „Aber Sprache beeinflusst Denken.“ Ja. Tut sie. Aber nicht jede Wortakrobatik ist automatisch Bewusstseinsbildung. Man kann auch so lange an der Verpackung herumfummeln, bis niemand mehr merkt, dass der Inhalt fehlt. Wenn Lohngleichheit, Respekt, Karrierechancen, Sicherheit und echte gesellschaftliche Teilhabe durch Doppelpunkte hergestellt würden, ich würde sofort eine ganze Satzzeichenparade organisieren. Mit Trillerpfeifen, pädagogischem Ernst und einem kleinen Feuerwerk aus Binnen-I. Aber die Welt wird nicht gerechter, weil ein Formular plötzlich aussieht wie ein WLAN-Passwort.
Das Absurde ist ja: Viele Menschen, die gendern, meinen es gut. Das will ich ihnen gar nicht absprechen. Im Gegenteil. Die Absicht ist oft anständig. Nur ist gut gemeint eben noch lange nicht gut geschrieben. Und manchmal klingt dieses Bemühen nach Gerechtigkeit so verkrampft, dass man Angst bekommt, der Satz müsse danach physiotherapeutisch behandelt werden.
Ich habe nichts gegen präzise Sprache. Im Gegenteil. Wenn eine Frauengruppe gemeint ist, schreibe ich Frauengruppe. Wenn eine Männergruppe gemeint ist, schreibe ich Männergruppe. Wenn eine gemischte Gruppe gemeint ist und die Zusammensetzung wichtig ist, kann man das sagen. Es gibt elegante Möglichkeiten, genau zu formulieren, ohne die Sprache zu zerhacken. Man kann freundlich sein, ohne einen Satz mit Sonderzeichen zu panieren.
Was mich stört, ist nicht Rücksicht. Rücksicht ist etwas Gutes. Was mich stört, ist der Tonfall der Sprachaufsicht. Dieses leise moralische Knirschen im Hintergrund. Diese Unterstellung, wer nicht gendert, sei mindestens rückständig, vermutlich verdächtig, eventuell schon mit einem Bein im sprachlichen Mittelalter. Dabei wollen viele schlicht normales Deutsch schreiben. Verständlich, lesbar, rhythmisch. Ohne Stolperdrähte.
Und ja: Ich schreibe auch weiterhin „Liebe Kollegen“, wenn ich eine Gruppe anspreche, für die diese Form im Deutschen seit jeher verwendet wird. Nicht, weil ich jemanden übersehen will. Nicht, weil ich jemanden kleiner machen will. Sondern weil ich dem Satz zutraue, das zu leisten, was Sprache seit Jahrhunderten leistet: Bedeutung aus Zusammenhang. Wer jedes Wort erst mit Warnwesten, Absperrband und dreifacher Beschriftung sichern muss, misstraut nicht nur der Sprache, sondern auch den Menschen, die sie lesen.
Ich werde also nicht gendern. Nicht aus Trotz. Nicht aus Frauenfeindlichkeit. Nicht, weil ich im Keller alte Duden-Ausgaben streichle und von 1953 träume. Sondern weil ich Sprache mag. Weil ich Klarheit mag. Weil ich Rhythmus mag. Weil ein Satz atmen soll und nicht nach jeder zweiten Silbe einen Gleichstellungs-Hampelmann machen muss.
Wer gendern will, soll gendern. Meinetwegen mit Sternchen, Doppelpunkt, Unterstrich, Binnen-I oder kleinen Glöckchen am Satzende. Jeder nach seiner Fasson. Aber ich möchte nicht dazu verpflichtet werden, Deutsch zu schreiben, das aussieht, als hätte jemand eine Tastatur auf Gleichstellungskonferenz geschickt und sie sei traumatisiert zurückgekommen.
Sprache darf ein Werkzeug sein. Ein schönes sogar. Man kann damit denken, trösten, streiten, erklären, lachen, widersprechen und gelegentlich jemandem sehr höflich die Meinung geigen. Aber man sollte nicht aus jedem Hammer ein moralisches Messgerät machen.
Darum: Ich werde nicht gendern.
Nicht, weil ich jemanden ausschliessen will.
Sondern weil ich nicht bereit bin, jeden Satz sprachlich so zu verkabeln, dass er am Ende klingt wie eine Bedienungsanleitung für ein linksdrehendes Toasterkollektiv.
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