Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Mit dem Auto zum Fahrrad

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 08.05.2026 06:04
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„Das kann man sich doch nicht mehr leisten!“

Gesagt wird das meistens aus einem Fahrzeug, das gross genug wäre, um darin einen mittleren Bürgerkrieg auszutragen. Zwei Tonnen Stahl, Allradantrieb, Sitzheizung, zwölf Lautsprecher und ein Bordcomputer mit mehr Rechenleistung als die Mondlandung.

Und wohin fährt man damit?

Ins Fitnessstudio.

Um dort Fahrrad zu fahren.

Das ist kein Witz. Das ist inzwischen ein Lebensmodell.

Da sitzt dann Kevin in seiner atmungsaktiven Hochleistungsleggings auf einem stationären Fahrrad für 3’800 Franken und strampelt hochmotiviert gegen exakt gar nichts an. Kein Gegenwind. Kein Hügel. Kein Regen. Kein Ziel. Nicht einmal ein verdammter Briefkasten am Ende der Strecke.

Einfach nur: Pedale treten. Innenraumluft konsumieren. Elektro-Beats hören. Protein pulverisieren.

Und draussen vor dem Studio stehen sie alle aufgereiht nebeneinander: SUVs, Leasing-Bomber, Elektropanzer mit Öko-Aufkleber. Die moderne Form von: „Ich rette die Welt - aber bitte mit Sitzmassage.“

Früher fuhr man mit dem Fahrrad irgendwo hin. Heute fährt man mit dem Auto zum Fahrrad.

Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Der Mensch hat tatsächlich eine Technologie erfunden, mit der er sich effizient fortbewegen könnte - und benutzt sie jetzt ausschliesslich in geschlossenen Räumen. Wie ein Hamster mit Kreditkarte.

Natürlich kommt dann sofort jemand und erklärt:

„Ja, aber Fitness ist wichtig.“

Nein? Wirklich?

Danke für diese bahnbrechende Erkenntnis, Dr. Sporty McEiweisspulver.

Natürlich ist Bewegung wichtig. Aber weshalb muss jede menschliche Grundfunktion heute industrialisiert werden?

Treppensteigen?

Nein. Stairmaster.

Frische Luft?

Nein. Klimatisierter Cardio-Bereich mit Lavendelduft.

Fahrradfahren?

Nein. Indoor Cycling Experience.

Man hat aus simplen Alltagsbewegungen ein Abo-Modell gemacht. Das ist eigentlich genial. Irgend so ein Geschäftsmensch sass vermutlich eines Tages im Büro und dachte:

„Wie könnte man Menschen dafür bezahlen lassen, Dinge zu tun, die früher kostenlos waren?“

Und alle so:

„JA!“

Die moderne Welt hat überhaupt eine faszinierende Fähigkeit entwickelt: Sie produziert Probleme, verkauft die Lösung und lässt sich danach dafür feiern.

Die Leute sitzen acht Stunden täglich bewegungslos im Büro, bekommen Rückenschmerzen, fahren anschliessend mit dem Auto ins Fitnessstudio, laufen dort auf einem Laufband und posten danach:

„Selfcare.“

Früher hiess das schlicht: Leben.

Heute braucht es dafür Carbon-Trinkflaschen, Pulsuhren und motivierendes Geschrei aus einem Bluetooth-Lautsprecher.

Und wehe, man sagt etwas dagegen.

Dann kommt sofort jemand mit:

„Du bist wahrscheinlich einfach unsportlich.“

Nein, Heinz.

Ich bin einfach verwirrt.

Verwirrt darüber, dass Menschen ernsthaft 40 Franken Benzin verfahren, um an einem Ort anzukommen, an dem sie Kalorien verbrennen wollen.

Das ist ungefähr so logisch, als würde man mit dem Lift ins Untergeschoss fahren, um dort einen Bergwanderfilm zu schauen.

Oder als würde man beim Lieferdienst einen Salat bestellen, damit der Fahrer mit laufendem Motor durch die halbe Stadt fährt und einem anschliessend erklärt wird, das sei ein „Healthy Lifestyle“.

Die Menschheit ist inzwischen derart komfortverblödet, dass sie sich künstliche Anstrengung kaufen muss, weil sie jede natürliche Anstrengung aus ihrem Alltag entfernt hat.

Und gleichzeitig wundert man sich über Stress, Schlafprobleme und innere Leere.

Vielleicht, nur ganz vielleicht, täte uns allen ein bisschen weniger Optimierung gut und ein bisschen mehr echtes Leben.

Zu Fuss irgendwo hingehen.
Mit dem Fahrrad tatsächlich von A nach B fahren.
Etwas tragen, ohne dass eine App beteiligt ist.
Einmal schwitzen, ohne Monatsmitgliedschaft.

Aber vermutlich bin ich einfach altmodisch.

Ich gehe jetzt jedenfalls raus.
Frische Luft anschauen.
Ganz gratis.

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