1. Der heilige Schwarzfahrer von Lausanne
Es gibt Menschen, die begehen eine Dummheit und schämen sich wenigstens noch dabei. Und dann gibt es moderne Linkspolitiker. Dort wird aus jeder Peinlichkeit sofort ein moralisches Kunstprojekt gemacht.
In Lausanne hat nun ein junger Stadtparlamentarier öffentlich erklärt, dass er seit Jahren täglich schwarzfährt. Nicht versehentlich. Nicht ausnahmsweise. Nicht in einer finanziellen Notsituation.
Nein.
Mit Ansage.
Mit Haltung.
Mit fast schon revolutionärem Brustton der Selbstgerechtigkeit.
Man stelle sich das bildlich vor:
Da sitzt ein gewählter Volksvertreter in einem politischen Gremium und erklärt im Grunde:
«Regeln gelten für mich nur dann, wenn ich gerade Lust darauf habe.»
Und das Erstaunlichste:
Er scheint ernsthaft zu glauben, das mache ihn sympathisch.
Diese Sorte Mensch ist das politische Äquivalent eines Typen, der im Coop eine Salami in die Jacke steckt und sich danach als Freiheitskämpfer gegen den Kapitalismus bezeichnet.
Der Mann fährt also seit Jahren schwarz, springt bei Kontrollen aus dem Bus und erklärt gleichzeitig, der öffentliche Verkehr müsse praktisch gratis werden.
Natürlich.
Denn nichts beweist die Finanzierbarkeit eines Systems überzeugender als Menschen, die konsequent nichts dafür bezahlen.
Das ist ungefähr so, als würde ein Pyromane einen Vortrag über nachhaltigen Brandschutz halten.
Besonders faszinierend ist diese inzwischen typisch linke Umdeutung sämtlicher persönlicher Fehlleistungen in politische Haltung.
Vorhänge bei Ikea klauen?
Nicht Diebstahl - Solidarität.
Ohne Ticket Bus fahren?
Nicht Betrug - Sozialkritik.
ACAB-Shirt im Parlament?
Nicht pubertäre Peinlichkeit - Widerstand.
Wenn diese Leute betrunken in einen Brunnen fallen würden, erklärten sie vermutlich noch, das sei ein performativer Protest gegen die Vertikalisierung urbaner Bewegungsräume gewesen.
Es gibt in dieser politischen Blase offenbar keine Grenze mehr zwischen Aktivismus und kompletter Verwahrlosung des eigenen Verantwortungsgefühls.
Früher galt:
Wer ein öffentliches Amt hat, sollte Vorbild sein.
Heute reicht offenbar:
Man muss nur laut genug «Systemkritik» murmeln, während man sich danebenbenimmt.
Und natürlich folgt immer dieselbe moralische Nebelmaschine:
Der arme idealistische Rebell gegen das kalte System.
Das Problem ist nur:
Das «System» sind hier normale Leute.
Busfahrer.
Kontrolleure.
Arbeitende Menschen.
Lehrlinge.
Rentner.
Pflegepersonal.
Jene Trottel also, die morgens ihre Billette bezahlen, ohne sich dabei wie Che Guevara auf Rädern zu fühlen.
Die eigentliche Frechheit liegt nämlich nicht einmal im Schwarzfahren selbst. Das machen viele irgendwann mal.
Die wirkliche Arroganz ist dieser selbstzufriedene Stolz darauf.
Dieses widerliche Gefühl moralischer Überlegenheit, obwohl man schlicht bescheisst.
Und exakt dort kippt moderne Ideologie regelmässig ins Lächerliche:
Man hält sich gleichzeitig für Opfer, Widerstandskämpfer und moralisch überlegen - während man einfach nur die Rechnung anderen überlässt.
Das ist keine soziale Gerechtigkeit.
Das ist pubertärer Egoismus mit politischem Theater-Make-up.
Besonders grotesk wird es, wenn man bedenkt, dass dieselben Kreise sonst bei jedem Bagatelldelikt sofort gesellschaftliche Sensibilisierung, Awareness-Kampagnen und moralische Umerziehung fordern.
Aber wehe, der eigene Aktivist macht denselben Mist.
Dann wird plötzlich alles komplex.
Dann muss man «Kontexte verstehen».
Dann geht es um «soziale Realitäten».
Dann ist Schwarzfahren praktisch schon ziviler Ungehorsam auf Gandhi-Niveau.
Man wartet eigentlich nur noch darauf, dass irgendein Feuilleton-Trottel demnächst schreibt:
«Das absichtsvolle ticketlose Reisen dekonstruiert hegemoniale Mobilitätsstrukturen.»
Diese Leute können nicht einmal mehr ehrlich zugeben, dass sie einfach Scheisse gebaut haben.
Alles muss immer Manifest sein.
Alles Haltung.
Alles Aktivismus.
Selbst der Griff in fremde Taschen wird noch zur revolutionären Performance hochfrisiert.
Und irgendwann sitzt man dann da und fragt sich:
Wie zum Teufel konnte aus der politischen Linken teilweise eine Mischung aus WG-Küchenmoral, Dauerempörung und intellektualisiertem Ladendiebstahl werden?
Vielleicht ist genau das das eigentliche Problem unserer Zeit:
Nicht die Regelbrecher.
Sondern jene, die sich dabei noch für die besseren Menschen halten.
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