Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Der Brief im Postfach, das man ohne Brief nicht öffnen kann

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 11.05.2026 14:31
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Es gibt Momente im Leben, da steht man vor einem Verwaltungsakt und denkt: Nein. Das kann jetzt nicht wahr sein. Das ist zu schön, um wahr zu sein. Zu rund. Zu perfekt. Zu sehr Schweiz.

Ich habe mir ein Postfach bestellt.

Nicht, weil ich plötzlich ein Geheimagent geworden bin, auch wenn «Postfach 130» durchaus nach einem schlecht beleuchteten Treffpunkt in einem Spionagefilm klingt. Sondern aus einem einfachen Grund: Ich möchte keine Post mehr zuhause. Keine Briefe im Hausbriefkasten, keine gelben Zettel, keine amtlichen Überraschungen zwischen Werbung für Matratzen und mysteriösen Gratiszeitungen. Ich möchte Ordnung. Papier bitte gesammelt, kontrolliert, dienstags und freitags. So der Plan.

Also bestellte ich bei der Post ein Postfach. Standard. Ganz normal. Kein Luxus. Kein Champagnerfach mit Samtpolsterung. Einfach ein kleines Blechabteil für Briefe. 120 Franken im Jahr. Dafür, dass Papier nicht mehr zuhause landet, sondern an einem Ort, wo ich es freiwillig abhole. Eigentlich ein zivilisatorischer Fortschritt.

Der Antrag wurde bestätigt. Online. Modern. Digital. Fast schon elegant. Da stand: gültig ab 11. Mai. Postfach Dietikon 1. Die Post werde sich in den nächsten Tagen melden und mitteilen, ob der Antrag angenommen werde und wie die Schlüsselübergabe erfolge.

So weit, so gut.

Dann passierte: nichts.

Kein Mail. Kein Anruf. Kein Rauchzeichen. Kein eingeschriebener Bote auf gelbem Pony. Einfach nichts.

Also begann das Warten. Dieses spezielle Warten, das man nur kennt, wenn man mit einer Institution zu tun hat, die einerseits hochprofessionell organisiert ist, andererseits aber manchmal wirkt, als würde im Keller noch jemand mit Stempel, Wachssiegel und einem sehr müden Bleistift arbeiten.

Freitag: nichts.
Samstag: nichts.
Montag: Das Postfach sollte gültig sein. Immer noch nichts.

Also rief ich die Hotline an. Man kennt das. Erst Musik. Dann Ansage. Dann Musik. Dann das Gefühl, man sei als Mensch in eine Warteschleife hineingeboren worden und werde irgendwann darin bestattet. Doch irgendwann hatte ich tatsächlich jemanden am Telefon. Und siehe da: Das Postfach existiert. Es ist bestätigt. Nummer 130.

Postfach 130.

Ein schöner Moment. Fast feierlich. Ich hatte nun also ein Postfach. Es fehlte nur noch ein unwesentlicher Bestandteil: der Schlüssel.

Auf meine Nachfrage, wie ich denn nun an diesen Schlüssel komme, folgte der Satz, der diesen ganzen Vorgang in die Nähe grosser Kleinkunst rückte:

Die Benachrichtigung sei per Brief verschickt worden.

Per Brief.

An mich.

Und wo lag dieser Brief?

Natürlich im Postfach.

Im neuen Postfach.

In Postfach 130.

Dem Postfach, für das ich den Schlüssel brauchte.

Den ich laut Benachrichtigung hätte abholen können.

Die wiederum im Postfach lag.

Das ich ohne Schlüssel nicht öffnen konnte.

Man muss das erst einmal wirken lassen. Das ist kein Fehler. Das ist ein geschlossenes System. Ein kleines Perpetuum mobile der Verwaltung. Ein gelber Kreisverkehr ohne Ausfahrt. Bürokratische Esoterik auf höchstem Niveau.

Ich stelle mir die Szene intern ungefähr so vor:

«Wie informieren wir Herrn Rellstab über die Schlüsselübergabe für sein neues Postfach?»

«Per Brief.»

«An seine alte Adresse?»

«Nein, nein. Das wäre ja zu einfach.»

«Per Mail?»

«Um Himmels willen, wir sind doch nicht bei Raumschiff Enterprise.»

«Also ins neue Postfach?»

«Genau.»

«Aber er hat doch noch keinen Schlüssel.»

«Eben. Sonst wäre es ja keine Benachrichtigung zur Schlüsselübergabe.»

Man muss es der Post lassen: Wenn sie einen Schildbürgerstreich macht, dann nicht halbherzig. Dann mit Zustellstempel, Priority-Vermerk und FSC-zertifiziertem Papier. Da wird nicht einfach gepfuscht. Da wird sauber absurd gearbeitet.

Natürlich ging am Ende alles gut. Ich bekam die Schlüssel. Öffnete das Postfach. Und darin lag er: der Brief. Der eine Brief. Die heilige Schriftrolle des gelben Tempels. Das Dokument, das mir vermutlich erklärt hätte, wie ich an den Schlüssel komme, den ich bereits in der Hand hielt.

Ein Moment von seltener Schönheit.

Ich stand also vor Postfach 130, Schlüssel in der Hand, Brief im Fach, und dachte: Genau dafür müsste es ein Museum geben. Ein kleines Schweizer Museum der Verwaltungslogik. Gleich neben dem Passierschein A38, dem Automaten, der keine Zwanzigernoten nimmt, und dem Onlinekonto, das zwar einen Antrag entgegennimmt, ihn danach aber so gut versteckt, als wäre er Teil eines Zeugenschutzprogramms.

Und trotzdem: Ich war nicht einmal richtig wütend. Denn es hatte etwas Tröstliches. In einer Welt, in der alles schneller, digitaler und seelenloser wird, schafft es die Post noch immer, einen Vorgang zu erzeugen, der so menschlich absurd ist, dass man fast Zuneigung empfindet.

Fast.

Denn natürlich bleibt die Frage: Warum?

Warum verschickt man eine Schlüsselbenachrichtigung in ein Fach, das nur mit dem noch nicht übergebenen Schlüssel geöffnet werden kann? Warum sagt niemand im System: «Moment, Freunde, das könnte ein bisschen sehr Kafka mit gelbem Rand sein»?

Vielleicht, weil niemand zuständig ist. Vielleicht, weil das System es so vorsieht. Und wenn das System es so vorsieht, dann ist es offenbar richtig. Auch wenn es völlig gaga ist.

Aber nun ist es erledigt. Ich habe mein Postfach. Nummer 130. Ein kleines Blechfach für Briefe, Rechnungen, Behördenpoesie und sonstige Papierangriffe des Lebens. Dienstags und freitags werde ich es leeren. In Ruhe. Kontrolliert. Erwachsen.

Und jedes Mal, wenn ich den Schlüssel drehe, werde ich an den ersten Brief denken, der darin lag.

Den Brief, der mir sagen wollte, wie ich an den Schlüssel komme.

Schweiz, 2026.

Manchmal braucht es keine Satire. Man muss nur seine Post abholen.

Wörter: 853 - Anschläge: 5672

Kommentare

Urs Spörri
11.05.2026 19:47
Kafka in Reinkultur, dazu stilistisch gut abgefasst. Sollte breit veröffentlicht werden.