Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Weinstopper-Tragödie

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 12.05.2026 21:58
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Eine Freundin von mir arbeitet in einem Schmuckgeschäft. Eine dieser tapferen Seelen also, die täglich erleben, wie Menschen Fachwissen mit Gratiskaffee verwechseln. Neulich erzählte sie mir völlig frustriert von einer Kundin, die einen dekorativen Weinstopper reparieren liess.

Also kein ordinärer Korken, wie er nach drei Gläsern Merlot sowieso irgendwo unter dem Küchentisch verschwindet. Sondern ein kleiner, hübscher Flaschenstopper mit Steinaufsatz, Metallfassung und Korkteil. So ein Ding, das nach Geschenkartikel aussieht, aber bei genauerem Hinsehen eben doch aus mehreren Teilen besteht, die zusammenhalten sollen. Möglichst gerade. Möglichst sauber. Möglichst so, dass man es später auch wieder benutzen kann.

Der alte Kork sass nicht mehr dort, wo er hingehörte. Also musste er entfernt werden. Nicht einfach „zack, abziehen, neuen dran, fertig“. Nein. Der alte Kork musste ausgebohrt werden. Alter Leim raus. Erhitzen. Reinigen. Neuen Kork zuschneiden. Loch neu bohren. Alles exakt anpassen. Wieder einkleben. Kontrollieren. Nacharbeiten. Fast eine Stunde Arbeit. Sauber gemacht. Fachgerecht. Mit gutem Resultat.

Kurz gesagt: echtes Handwerk.

Dann kam die Rechnung.

20 Euro.

Und plötzlich verwandelte sich die Kundin von einer hilfesuchenden Dame in eine beleidigte Grossaktionärin kurz vor der Enteignung.

„Ich dachte, Sie kleben den einfach schnell ein.“

Ah. Natürlich.

Dieses „einfach schnell“ ist sowieso einer der gefährlichsten Sätze unserer Zeit. Gleich nach „Ich kenne da jemanden, der das günstiger macht“ und „Das dauert doch nur fünf Minuten“.

Diese fünf Minuten basieren meistens auf zwanzig Jahren Erfahrung, Spezialwerkzeug und dem Wissen, wie man etwas macht, ohne das ganze Ding endgültig zu ruinieren.

Aber genau das sehen solche Leute nicht.

Sie sehen nur das fertige Resultat. Und weil es einfach aussieht, glauben sie, es sei einfach gewesen.

Das ist ungefähr so intelligent wie jemandem beim Geige spielen zuzusehen und danach zu sagen:
„Ja gut, der streicht halt ein bisschen herum.“

Oder einem Zahnarzt:
„Sie haben ja nur kurz gebohrt.“

Gerade in Fachgeschäften scheint sich dieser Wahnsinn inzwischen festgesetzt zu haben. Menschen holen Beratung ein, lassen sich helfen, profitieren von Erfahrung, Fachwissen und Präzision - und reagieren dann empört, sobald jemand wagt, dafür Geld zu verlangen.

Das Faszinierende daran ist die völlige Selbstverständlichkeit.

Niemand würde ernsthaft erwarten, gratis ein Schnitzel im Restaurant zu bekommen, nur weil das Fleisch bereits da war. Niemand geht zum Friseur und sagt:
„Die Schere besitzen Sie ja schon.“

Aber beim Handwerk setzt offenbar das Denken aus.

Da glaubt man ernsthaft, der kostenlose Kork müsse automatisch auch kostenlose Arbeit bedeuten. Nach derselben Logik müsste ein Arzt gratis operieren, solange der Patient seine eigenen Organe mitbringt.

Und dann dieses passive Beleidigtsein.

Bezahlt wird zwar noch - aber mit jener Miene, mit der Menschen früher vermutlich in den Gulag transportiert wurden. Man spürt richtig, wie innerlich Buch geführt wird:
„Unverschämtheit. 20 Euro. Für so wenig.“

Für so wenig.

Für eine Stunde Arbeit.
Für Werkzeug.
Für Erfahrung.
Für Präzision.
Für das Wissen, wie man etwas richtig macht.
Und vor allem: dafür, dass die Kundin es selber eben nicht konnte.

Denn genau dort liegt der eigentliche Kern des Problems:
Viele Menschen halten fremdes Können erst dann für wertvoll, wenn sie selbst daran scheitern.

Solange etwas ruhig, sauber und professionell erledigt wird, wirkt es plötzlich banal. Erst wenn sie es zuhause selber versuchen - mit Sekundenkleber, Küchenmesser und grenzenloser Selbstüberschätzung - merken sie, weshalb Fachleute existieren.

Wobei selbst das nicht immer hilft. Manche tragen den zerstörten Gegenstand danach einfach wieder ins Geschäft.

Mit den Worten:
„Könnte man das schnell retten?“

Ja. Kann man.

Für 40 Euro.

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