Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Ist das heute noch zeitgemäss?

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 16.05.2026 10:01
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Früher war der Eurovision Song Contest ein Musikwettbewerb.

Gut, manchmal ein schlechter. Aber immerhin einer mit Musik.

Da stand jemand auf der Bühne, sang ein Lied, daneben stand ein Orchester, und am Schluss bekam irgendjemand Punkte. Nicht alles war gut. Manches war sogar ziemlich fragwürdig. Aber im Kern ging es noch um ein Lied.

Heute wirkt der ESC oft wie eine Mischung aus Popshow, Weltuntergangsfilm, TikTok-Clip und Selbsthilfegruppe mit Nebelmaschine.

Seit 2024, als das Nemo für die Schweiz gewann, stellte ich mir wieder einmal diese Frage:

Soll ich mich davon jetzt vertreten fühlen?

Nein.

Hätte ich bei Lys Assia vermutlich auch nicht gemusst.

Denn nur weil jemand für die Schweiz singt, singt er noch lange nicht für mich. Die Schweiz klingt nicht nach einem einzigen Lied. Sie klingt nach allem Möglichen: Alphorn, Guggenmusik, Blaskapelle, Jazzclub, Bahnhofsdurchsage, Jodlerfest, Stadtlärm und irgendeinem Keyboard in einer Mehrzweckhalle.

Aber beim ESC wird heute aus jedem Auftritt gleich ein grosses nationales Ereignis gemacht. Man soll stolz sein. Man soll gerührt sein. Man soll die Botschaft verstehen. Man soll merken, dass hier gerade etwas Bedeutendes passiert.

Dabei möchte man manchmal einfach nur fragen:

Wo ist eigentlich das Lied?

Denn heute reicht es offenbar nicht mehr, einfach gute Musik zu machen. Jeder Auftritt muss aussehen, als hätte jemand für drei Minuten den Weltuntergang gemietet.

Da steht dann ein Mensch auf einer brennenden Plattform, hinter ihm flackern riesige LED-Wände, Tänzer wälzen sich bedeutungsvoll über den Boden, und irgendwo darunter läuft noch Musik.

Vermutlich.

Man hört sie einfach kaum noch vor lauter Inszenierung.

Der moderne ESC hat mit einem Musikwettbewerb oft nur noch am Rand zu tun. Es geht nicht mehr nur darum, wer das beste Lied hat. Es geht darum, wer am meisten auffällt.

Früher fragte man:

«Kann die Person singen?»

Heute fragt man:

«Funktioniert das auf TikTok?»

Natürlich muss heute auch alles eine Botschaft haben. Niemand singt einfach mehr über Liebe, Sehnsucht oder Herzschmerz. Nein, heute geht es gleich um Identität, Heilung, Befreiung, Mut, Trauma, Europa, Weltfrieden und den inneren Kampf gegen irgendetwas Unsichtbares.

Manchmal hat man das Gefühl, sogar der Nebel auf der Bühne habe inzwischen eine politische Meinung.

Dabei wäre das alles ja halb so schlimm, wenn die Musik wirklich überzeugen würde. Aber vieles klingt wie Pop aus der Fabrik: perfekt produziert, glattgeschliffen, laut, dramatisch, aber ohne richtige Seele.

Diese Songs haben oft keine Ecken mehr. Keine Fehler. Keine Luft. Keine Persönlichkeit. Alles ist so gebaut, dass es sofort wirken soll. Nach zehn Sekunden muss etwas knallen, nach dreissig Sekunden muss es emotional werden, und spätestens beim Refrain muss das Publikum wissen: Aha, jetzt ist Gänsehaut vorgeschrieben.

Nur bleibt davon oft wenig hängen.

Man erinnert sich nachher daran, dass jemand geschrien hat. Oder geflogen ist. Oder gebrannt hat. Oder auf einem riesigen Würfel stand.

Aber nicht an die Melodie.

Und genau das ist das Problem.

Ein gutes Lied braucht keine fünfzig Tänzer, keine Feuerfontänen und keine LED-Wand, die aussieht wie der Absturz eines Raumfahrzeugs. Ein gutes Lied funktioniert auch mit einer Gitarre am Küchentisch. Vielleicht sogar gerade dort.

Der ESC wirkt heute oft wie ein Wettbewerb darin, wer das Publikum am stärksten überrumpeln kann.

Lauter. Bunter. Grösser. Dramatischer. Noch mehr Licht. Noch mehr Tränen. Noch mehr Bedeutung.

Und irgendwo sitzt dann ein Jazzmusiker zuhause vor dem Fernseher und denkt:

«Ihr habt für all das wirklich ein Lied geopfert.»

Natürlich darf der ESC kitschig sein. Das war er immer. Kitsch gehört dazu. Glitzer gehört dazu. Peinliche Momente auch. Aber früher war es wenigstens oft ein sympathischer Kitsch. Heute wirkt vieles wie eine Hochglanzshow, die so sehr beeindrucken will, dass sie dabei vergisst, Musik zu sein.

Vielleicht ist genau das die Frage:

Ist das heute noch zeitgemäss?

Oder anders gesagt:

Brauchen wir wirklich eine halbe digitale Apokalypse, nur damit jemand drei Minuten singt?

Vielleicht wäre die modernste Revolution inzwischen ganz einfach:

Ein Mensch.

Ein Mikrofon.

Ein gutes Lied.

Und sonst einfach mal die verdammte LED-Wand ausschalten.

Wörter: 649 - Anschläge: 4264

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