1. Der grosse Zeitungszerfetzer
Es gibt Menschen, die hinterlassen Spuren. Eindruck. Würde. Stil.
Und dann gibt es jene, die im Zug sitzen und Gratiszeitungen filetieren wie ein schlecht gelaunter Metzger am Montagmorgen.
Man kennt das Bild. Der Pendlerzug rollt gemächlich durch die Schweiz. Draussen ziehen Einfamilienhäuser, Lärmschutzwände und traurige Industriegebiete vorbei. Drinnen herrscht das übliche Ritual des öffentlichen Dahinvegetierens: Einer telefoniert auf Lautsprecher, jemand schaut TikTok mit voller Lautstärke, ein anderer schläft mit offenem Mund gegen die Scheibe gelehnt.
Und irgendwo sitzt er.
Der Zeitungszerfetzer.
Meistens älteren Semesters. Praktische Jacke. Funktionsweste. Vielleicht ein Käppi mit irgendeinem Vereinslogo. Der Blick konzentriert, ernst, fast chirurgisch präzise. Vor ihm liegt eine Gratiszeitung. Noch vollständig. Noch unschuldig.
Doch dann beginnt das Werk.
Langsam werden Seiten umgeblättert. Nicht gelesen - begutachtet. Gescannt wie Beute. Und plötzlich kommt Bewegung in die Sache. Ein kurzer Griff in die Mitte. Ein Ruck. RRRRATSCH.
Seite 17 bis 20 verschwinden in der mitgebrachten Migros-Tasche wie Organe auf dem Schwarzmarkt.
Zurück bleibt ein verstümmelter Zeitungstorso, der anschliessend seelenruhig wieder ins Ablagefach gelegt wird. Als wäre das völlig normal. Als hätte man der Öffentlichkeit soeben einen Dienst erwiesen.
Danke auch.
Man setzt sich später in denselben Zug, entdeckt noch hoffnungsvoll eine Zeitung und denkt: „Ah schön, etwas zum Lesen.“
Bis man merkt, dass mitten im Artikel plötzlich einfach Schluss ist.
„Die grosse Analyse zur Weltlage lesen Sie auf S…“
Ja WO DENN, VERDAMMT?
Der Rest liegt vermutlich bereits fein säuberlich zuhause neben dreissig ausgeschnittenen Coop-Rezepten von 1998 und einem Gesundheitsratgeber mit dem Titel „Selleriesaft gegen Rheuma“.
Es ist dieses spezielle Kleinbürgertum der maximalen Rücksichtslosigkeit bei gleichzeitig völliger Überzeugung, ein anständiger Mensch zu sein. Leute, die wahrscheinlich empört wären, wenn jemand im Restaurant das Salz mitnimmt - aber gleichzeitig kein Problem darin sehen, öffentliches Lesematerial auseinanderzunehmen wie ein Schimpanse auf Koffein.
Und das Faszinierende daran: Diese Menschen tun das mit einer Selbstverständlichkeit, die fast bewundernswert ist. Kein schlechtes Gewissen. Keine Heimlichkeit. Nein. Da wird offen gerissen, gefaltet und eingesteckt. Mit der Ruhe eines Buchhalters beim Sortieren von Steuerbelegen.
Es ist ohnehin eine seltsame Unsitte dieser Generation, alles ausschneiden zu müssen.
Rezepte. Wetterkarten. Gartentipps. Kreuzworträtsel. Fernsehsendungen.
Manche führen zuhause vermutlich ganze Bundesordner mit Artikeln wie:
„Auberginen richtig lagern“
„Die zehn besten Knieübungen für Senioren“
„So erkennen Sie Magnesiummangel beim Dackel“
Natürlich liest das nie wieder jemand. Diese Ausschnitte verschwinden in Schubladen, Ordnern oder irgendwelchen Küchenkisten, wo sie langsam vergilben und irgendwann beim Wohnungsräumen von den Enkeln entsorgt werden.
Aber der Instinkt bleibt bestehen.
Es ist archaisch. Wahrscheinlich tief im Gehirn verankert. Andere Menschen sammelten früher Beeren oder jagten Mammuts. Der moderne Pendler jagt Sudoku-Seiten aus „20 Minuten“.
Und jedes Mal trifft es die Allgemeinheit.
Denn der nächste Fahrgast bekommt keine Zeitung mehr. Er bekommt Überreste. Ein literarisches Unfallopfer. Ein Printmedium nach Organentnahme.
Ich frage mich manchmal ernsthaft, was in diesen Leuten vorgeht.
Denken sie:
„Perfekt. Jetzt habe ich das Horoskop und die Rabattbons. Der Rest kann zurück zur Bevölkerung.“
Oder:
„Den Wirtschaftsteil braucht sowieso niemand.“
Vielleicht gibt es irgendwo sogar geheime Zirkel solcher Menschen. Treffen in schlecht beleuchteten Gemeindesälen. Lange Tische. Thermoskannenkaffee. Raschelnde Jacken.
„Hansruedi hat heute den kompletten Rätselteil aus drei Zügen mitgenommen.“
Tosender Applaus.
Und natürlich gehört diese Spezies eng verwandt zur Fraktion jener Leute, die im Wartezimmer alte Zeitschriften mit nach Hause nehmen. Oder beim Arzt sämtliche Kreuzworträtsel bereits ausgefüllt haben, damit niemand anderes noch Freude daran haben kann.
Es ist dieselbe Energie.
Die Energie von Menschen, die fremdes Eigentum nicht zerstören wollen - aber es halt einfach völlig bedenkenlos unbrauchbar machen.
Still. Unspektakulär. Schweizerisch.
Vielleicht bin ich altmodisch. Aber wenn etwas öffentlich aufliegt, dann gehört es entweder allen oder niemandem. Man kann es lesen. Mitnehmen sogar. Aber dieses halbseidene Herausoperieren einzelner Seiten hat etwas zutiefst Widerliches.
Es ist die kulturelle Version eines Menschen, der am Buffet nur die Crevetten aus dem Nudelsalat pickt und den Rest zurückstellt.
Und jedes Mal, wenn ich wieder so eine amputierte Gratiszeitung sehe, denke ich dasselbe:
Manche Menschen hinterlassen der Gesellschaft wirklich nur Papierstaub und schlechte Laune.
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