Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Der König der alternativen Wirklichkeit

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 28.05.2026 08:04
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Früher logen Politiker wenigstens mit einer gewissen Anstrengung. Sie beschönigten, verdrehten, verschwiegen und schoben Zahlen so lange auf dem Tisch herum, bis sie irgendwie nach Wahrheit aussahen. Nicht schön, aber immerhin gab es noch ein stilles Abkommen mit der Realität.

Die Lüge musste glaubwürdig wirken.

Bei Donald Trump ist das anders.

Ihm scheint es völlig egal zu sein, ob eine Behauptung wahr, plausibel oder bereits nach drei Sekunden widerlegt ist. Die Aussage muss nicht stimmen. Sie muss nur wirken. Sie muss laut sein, grob, einprägsam und möglichst geeignet, die eigene Anhängerschaft in Wallung zu bringen.

Der grosse Dammbruch war dieser schauerliche Begriff: «alternative Fakten».

Allein das ist schon ein sprachlicher Autounfall mit Totalschaden. Fakten haben keine Alternativen. Es gibt keine alternative Schwerkraft, keine alternative Körpertemperatur und keinen alternativen Kontostand, nur weil man Ende Monat gern ein bisschen mehr hätte.

Aber genau dort beginnt das Gift.

Wahrheit wird nicht mehr als gemeinsame Grundlage verstanden, sondern als Frage der Zugehörigkeit. Nicht mehr: «Was stimmt?» Sondern: «Zu welchem Lager gehörst du?»

Und genau das macht den Möchtegern-Imperiator so gefährlich.

Nicht seine Frisur. Nicht seine peinlichen Auftritte. Nicht einmal die einzelne Lüge. Gefährlich ist die systematische Entwertung der Wirklichkeit.

Denn Demokratie braucht einen gemeinsamen Boden. Man darf unterschiedlicher Meinung sein. Man darf streiten, zweifeln, widersprechen. Aber wenn nicht einmal mehr klar ist, ob zwei und zwei vier ergibt, wird aus Politik irgendwann nur noch Stammesgebrüll.

Dann werden Journalisten zu Feinden, Gerichte zu Verschwörern, Wissenschaftler zu Lügnern und jeder Unsinn zur angeblich unterdrückten Wahrheit.

Das Perfide daran:
Es funktioniert.

Emotion schlägt Vernunft. Empörung schlägt Genauigkeit. Dauerfeuer schlägt Erinnerung. Wer pausenlos Unsinn produziert, gewinnt irgendwann allein deshalb, weil niemand mehr die Kraft hat, jede Absurdität einzeln zu widerlegen.

Der Informationsraum wird zugemüllt wie ein Bahnhofsklo nach einem Open Air.

Und irgendwo sitzen dann Menschen, die sich für die letzten Verteidiger der Wahrheit halten, während sie jeden noch so offensichtlichen Blödsinn schlucken wie abgestandenes Bier.

Man lacht oft über Donald Trump. Über seine kindischen Beleidigungen, seine groteske Selbstverliebtheit, seine Auftritte zwischen Reality-TV und politischem Kasperlitheater. Und ja, manchmal wirkt er tatsächlich wie ein halb verwirrter Märchenonkel, der sich selbst für Napoleon mit Golfclub hält.

Nur leider sitzt dieser Märchenonkel nicht auf einer Parkbank und erklärt Tauben seine Genialität.

Er sitzt an einem der gefährlichsten Hebel der Welt.

Und genau deshalb ist das Ganze nicht nur lächerlich. Sondern brandgefährlich.

Wenn Wahrheit bedeutungslos wird, bleibt am Ende nur Macht übrig. Lautstärke. Einschüchterung. Loyalität statt Vernunft.

Vielleicht wird man eines Tages sagen:
Der gefährlichste Satz unserer Zeit war nicht irgendeine Drohung.

Sondern die Vorstellung, Fakten seien bloss Ansichtssache.

Und genau dafür gehört dieser selbsternannte König der Welt politisch auf den Schrottplatz der Geschichte.

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