Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Krank oder Terrorist? Die falsche Frage

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 29.05.2026 08:49
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Nach dem Messerangriff am Bahnhof Winterthur meldete sich rasch der Vater des Täters zu Wort. Sein Sohn sei krank, sagte er. Psychisch krank. Er brauche Hilfe und keine Etikette. Vor allem aber sei er eines nicht: Terrorist.

Es ist eine Aussage, die man verstehen kann. Welcher Vater möchte schon hören, dass sein eigenes Kind als Terrorist bezeichnet wird? Welcher Vater möchte erleben, wie der Name seiner Familie plötzlich in allen Medien erscheint, verbunden mit Gewalt, Angst und Schlagzeilen? Man spürt in seinen Worten Verzweiflung, Ratlosigkeit und den Versuch, irgendwo noch eine Erklärung zu finden.

Und trotzdem bleibt eine Frage zurück:

Warum sollte das keine Terrortat gewesen sein?

In der öffentlichen Diskussion wird oft so getan, als gäbe es zwei klar getrennte Kategorien. Hier der Terrorist. Dort der psychisch Kranke. Als wären das Gegensätze. Als müsste man sich zwingend für eine der beiden Erklärungen entscheiden.

Doch die Realität ist selten so einfach.

Wer sich die grossen Terroranschläge der vergangenen Jahrzehnte anschaut, stellt fest, dass psychische Probleme keineswegs eine Ausnahme sind. Viele Täter litten unter schweren Krisen, Persönlichkeitsstörungen, Wahnvorstellungen, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen. Nicht jeder Terrorist ist psychisch krank. Aber die Vorstellung, Terroristen seien grundsätzlich psychisch gesunde Menschen, die einfach eine politische Botschaft senden wollen, entspricht ebenfalls nicht der Realität.

Die beiden Dinge schliessen sich nicht aus.

Wenn jemand mit einem Messer auf Menschen losgeht, dabei religiöse Parolen ruft und gezielt Angst und Schrecken verbreitet, dann erfüllt das durchaus Merkmale dessen, was wir als Terror bezeichnen. Die Frage, ob der Täter gleichzeitig psychisch krank war, verändert die Tat nicht automatisch.

Auch ein psychisch kranker Mensch kann Terror verbreiten.

Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem unserer Debatte. Wir suchen ständig nach einer Erklärung, die uns beruhigt. Wenn wir hören, der Täter sei psychisch krank gewesen, entsteht sofort die Vorstellung, die Tat sei irgendwie weniger politisch, weniger ideologisch oder weniger bedrohlich. Fast so, als würde die Diagnose einen Teil des Schreckens auflösen.

Doch für die Opfer macht das keinen Unterschied.

Die drei Männer, die am Bahnhof angegriffen wurden, fragten sich in diesem Moment wohl kaum, ob ihr Angreifer eine psychiatrische Diagnose hatte. Sie sahen einen Mann mit einem Messer. Sie erlebten Angst. Sie wurden verletzt.

Die Wirkung der Tat bleibt dieselbe.

Besonders nachdenklich macht die Schilderung des familiären Umfelds. Der Vater berichtet von einem Mann, der seit Jahren isoliert lebt. Keine Arbeit. Keine Ausbildung. Keine sozialen Kontakte. Keine Perspektive. Ein Mensch, der sich immer weiter von seiner Umgebung entfernt hat. Gleichzeitig wird bekannt, dass er früher Verbindungen zur An’Nur-Moschee hatte und sich dort radikalisiert haben soll.

Auch das muss man ernst nehmen.

Radikalisierung entsteht selten aus einem einzigen Grund. Sie entsteht oft dort, wo Einsamkeit, Frustration, Sinnsuche und ideologische Angebote zusammentreffen. Nicht jeder isolierte Mensch wird zum Extremisten. Nicht jeder Extremist ist psychisch krank. Aber die Übergänge können fliessend sein.

Gerade deshalb wirkt die Diskussion über die richtige Bezeichnung so unerquicklich.

Es geht nicht darum, einen Vater zu verletzen.

Es geht nicht darum, einen Menschen nachträglich zu dämonisieren.

Es geht darum, die Realität nicht künstlich in Schubladen zu pressen.

Der Vater sagt, sein Sohn brauche Hilfe. Wahrscheinlich hat er recht. Vieles deutet darauf hin, dass dieser Mann seit Jahren Hilfe gebraucht hätte. Vielleicht stellt sich sogar die unangenehme Frage, weshalb ein Mensch mit einer solchen Vorgeschichte eine psychiatrische Klinik verlassen konnte, nur um kurze Zeit später am Bahnhof Menschen niederzustechen.

Auch darüber wird man sprechen müssen.

Doch selbst wenn sich später herausstellen sollte, dass psychische Probleme eine zentrale Rolle gespielt haben, beantwortet das nicht die Frage nach dem Charakter der Tat. Es beantwortet lediglich die Frage nach möglichen Ursachen.

Ursachen und Folgen sind jedoch nicht dasselbe.

Wir sollten aufpassen, dass wir aus Mitgefühl für Angehörige nicht die Begriffe verwässern. Wenn eine Tat darauf abzielt, Angst zu erzeugen, wenn sie im öffentlichen Raum geschieht, wenn sie von ideologischen oder religiösen Elementen begleitet wird und wenn sie eine ganze Gesellschaft erschüttert, dann ist die Bezeichnung Terrorakt zumindest nachvollziehbar.

Psychische Krankheit und Terrorismus sind keine Gegensätze.

Manchmal treffen sie auf tragische Weise zusammen.

Und genau das macht solche Fälle so verstörend. Nicht weil sie einfach wären. Sondern weil sie es eben nicht sind.

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