Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Auf dem Radar - und trotzdem frei unterwegs?

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 31.05.2026 13:17
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Mehr Details sind bekannt zum Fall, den ich bereits in diesem Beitrag thematisiert habe.

Nach jeder Terrorattacke folgt ein Ritual. Politiker treten vor die Kameras. Polizeisprecher geben Auskunft. Experten analysieren. Journalisten rekonstruieren. Und irgendwann fällt fast immer derselbe Satz:

“Der Täter war den Behörden bekannt.”

Es ist ein Satz, der beruhigen sollte. Er tut das Gegenteil.

Denn wenn jemand den Behörden bekannt war, wenn er über Jahre hinweg Akten füllte, wenn er als Anhänger des Islamischen Staates auffiel, wenn er Teil eines radikalen Netzwerks war, wenn eigens geschaffene Spezialisten ihn auf dem Radar hatten - warum stehen wir dann wenige Tage später vor den Trümmern einer weiteren Gewalttat?

Genau diese Frage drängt sich nach dem Terroranschlag von Winterthur auf.

Der mutmassliche Täter war offenbar kein Unbekannter. Seit Jahren tauchte sein Name in Ermittlungen rund um die islamistische Szene auf. Bereits 2015 beschäftigte er die Behörden wegen IS-Propaganda. Die speziell geschaffene Sonderkommission der Zürcher Kantonspolizei kannte ihn. Der Nachrichtendienst dürfte ihn zumindest wahrgenommen haben. Und nur zwei Tage vor der Tat wurde die Bundeskriminalpolizei über einen Polizeieinsatz informiert.

Mit anderen Worten: Es handelt sich nicht um einen Fall, bei dem ein bis dahin völlig unbekannter Mensch plötzlich aus dem Nichts zuschlägt.

Der Mann war sichtbar.

Und trotzdem konnte er am Bahnhof Winterthur mehrere Menschen angreifen.

Das wirft Fragen auf.

Nicht deshalb, weil man nach jeder Gewalttat automatisch Schuldige innerhalb der Behörden suchen müsste. Wer Sicherheit garantiert, verspricht etwas, das kein Staat der Welt einhalten kann. Absolute Sicherheit existiert nicht.

Aber wenn ein Mensch gleichzeitig als Islamist bekannt ist, unter Wahnvorstellungen leidet, die Polizei selbst um Hilfe bittet, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird und unmittelbar nach seiner Entlassung einen Terroranschlag verübt, dann darf man durchaus nach den Abläufen fragen.

Was genau bedeutet eigentlich “auf dem Radar”?

Offenbar nicht das, was viele Bürger darunter verstehen.

Die meisten Menschen verbinden damit Beobachtung, Kontrolle und Einschreiten. Wer auf dem Radar ist, wird verfolgt. Wer als gefährlich gilt, wird überwacht. Wer sich radikalisiert, löst Alarm aus.

Doch je mehr man über solche Fälle liest, desto mehr entsteht der Eindruck, dass “auf dem Radar” oft lediglich bedeutet, dass irgendwo ein Dossier existiert.

Ein Name in einer Datenbank.

Ein Vermerk in einem Bericht.

Ein Eintrag in einem System.

Nicht mehr.

Vielleicht ist das sogar unvermeidbar. Sicherheitsbehörden beobachten Hunderte von Personen gleichzeitig. Man kann nicht jeden rund um die Uhr überwachen. Man kann nicht jeden präventiv einsperren. Ein Rechtsstaat darf Menschen nicht allein aufgrund von Vermutungen ihrer Freiheit berauben.

Das ist richtig.

Aber gerade deshalb wird die öffentliche Kommunikation problematisch.

Denn wenn nach einer Tat plötzlich bekannt wird, dass der Täter längst bekannt war, entsteht unweigerlich der Eindruck eines Versagens. Und dieser Eindruck wird nicht kleiner, wenn wichtige Informationen offenbar erst nach und nach ans Licht kommen.

Besonders irritierend wirkt in diesem Fall, dass die Sonderkommission über die jüngsten Auffälligkeiten informiert war. Der Mann hatte wenige Tage vor der Tat wirre Aussagen gemacht. Die Polizei schritt ein. Die Psychiatrie wurde involviert. Die Bundeskriminalpolizei wurde informiert.

All das geschah.

Und trotzdem stehen heute drei verletzte Menschen im Mittelpunkt dieser Geschichte.

Natürlich gibt es eine weitere Ebene.

Die psychische Erkrankung.

Sofort beginnt nach solchen Taten regelmässig eine Diskussion darüber, ob es sich um Terrorismus oder um eine psychische Krise handelt. Als ob sich beides gegenseitig ausschliessen würde.

Tut es aber nicht.

Ein Mensch kann psychisch krank sein und gleichzeitig terroristisch motiviert handeln.

Ein Mensch kann Wahnvorstellungen haben und trotzdem einer extremistischen Ideologie folgen.

Die Realität ist oft komplizierter als die Schlagworte, die wenige Stunden nach einer Tat durch die Medien geistern.

Gerade deshalb wirkt es befremdlich, wenn politische Verantwortliche bereits kurz nach dem Anschlag versuchen, Verantwortung in Richtung Psychiatrie zu verschieben. Vielleicht wurden dort Fehler gemacht. Vielleicht auch nicht. Das wird man untersuchen müssen.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht, wer jetzt am bequemsten als Schuldiger präsentiert werden kann.

Die entscheidende Frage lautet: Was wusste wer - und wann?

Wenn eine Sonderkommission geschaffen wurde, um genau solche Bedrohungen zu erkennen, dann muss auch transparent erklärt werden, welche Möglichkeiten sie tatsächlich besitzt. Kann sie nur beobachten? Kann sie intervenieren? Kann sie warnen? Kann sie handeln?

Oder produziert sie am Ende lediglich Berichte über Menschen, die man ohnehin schon kennt?

Der Fall Winterthur zeigt vor allem eines: Zwischen dem Wissen über eine potenzielle Gefahr und der Verhinderung einer Tat liegt offenbar eine gewaltige Lücke.

Eine Lücke, die sich nicht mit Pressekonferenzen schliessen lässt.

Eine Lücke, die auch nicht kleiner wird, wenn Informationen nur scheibchenweise an die Öffentlichkeit gelangen.

Und eine Lücke, die viele Bürger ratlos zurücklässt.

Denn wer hört, ein Täter sei seit Jahren bekannt gewesen, stellt am Ende immer dieselbe einfache Frage:

Wenn er tatsächlich auf dem Radar war - warum konnte er dann trotzdem frei herumlaufen, bis die Messer gezückt wurden?

Wörter: 791 - Anschläge: 5553

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