Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Sanija Ameti und das Madonna-Schiessen: Satire, Skandal und die Grenzen des politischen Aktivismus

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 24.01.2025 14:15
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Sanija Ameti hat auf ein Bild der Madonna mit Kind geschossen. So viel steht fest. Was zunächst wie eine Szene aus einem schlecht produzierten Mafia-Film klingt, ist in Wahrheit ein politischer Skandal der besonderen Art: eine Co-Präsidentin von Operation Libero, die sich in den letzten Jahren einen Namen als eloquente Kämpferin für liberale Werte gemacht hat, tritt plötzlich als Schiesswütige in Erscheinung – und das ausgerechnet mit einer religiösen Darstellung als Zielscheibe.

Die Empörung liess nicht lange auf sich warten. Kirchliche Kreise, konservative Politiker und viele aus der breiten Öffentlichkeit reagierten entsetzt. Religiöse Symbole zu zerstören – oder zumindest mit Patronen zu perforieren – ist nicht unbedingt die Art von progressivem Aktivismus, die sich gut in eine PR-Strategie einfügt. Selbst einige ihrer bisherigen Unterstützer zeigten sich verwundert: Ging es nicht bisher um Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und einen modernen, offenen Liberalismus? Seit wann gehören Feuerwaffen und christliche Ikonoklasmus zu den Kernkompetenzen einer Polit-Aktivistin?

Das Schiessen als politisches Statement?

Nun wäre es vielleicht zu einfach, das Ganze als einen moralischen Fehltritt einer impulsiven Politikerin abzutun. Schauen wir uns also die mögliche Botschaft hinter dieser Aktion an. War das Schiessen auf das Madonna-Bild ein gezielter Angriff auf die Religion als Institution? Ein feministisches Statement gegen patriarchale Strukturen, die sich in jahrhundertelanger kirchlicher Tradition verfestigt haben? Oder einfach ein missglückter Versuch, Aufmerksamkeit zu erzeugen, der nach hinten losging?

Einige ihrer Unterstützer argumentierten, dass Ameti damit lediglich auf die Unterdrückung von Frauen durch religiöse Systeme hinweisen wollte. Es sei ein symbolischer Akt der Befreiung gewesen – ein Schuss gegen die jahrhundertealte Verherrlichung der “reinen und gehorsamen” Frau, die durch die christliche Ikonographie zementiert wurde.

Das Problem mit solchen Erklärungen ist jedoch: Wenn der Kampf für Frauenrechte mit einer Pistole gegen eine jahrhundertealte Darstellung geführt wird, wird die eigentliche Botschaft schnell übertönt. Und zwar vom Echo der Patronenhülse, die auf den Boden fällt.

Der Preis der Provokation

In einer Zeit, in der politische Kommunikation stark von Empörung und Skandalen lebt, kann man sich fragen, ob solche Aktionen nicht geradezu kalkuliert sind. Aufmerksamkeit gibt es schliesslich mehr für das Ungeheuerliche als für das Vernünftige. Man könnte zynisch behaupten: Würde eine Politikerin heute eine gut recherchierte, differenzierte Analyse über den Einfluss der Religion auf Geschlechterrollen publizieren, würde das kaum jemanden interessieren. Aber ein Schuss auf eine christliche Ikone? Das landet auf der Titelseite.

Doch genau hier liegt das Problem. Die Provokation als politisches Werkzeug funktioniert nur dann, wenn sie eine intelligente Pointe hat. Ohne klar verständliche Botschaft wird sie zum Eigentor. Anstatt eine Diskussion über den Einfluss der Kirche zu entfachen, hat Ameti eine Diskussion über ihre eigene Urteilsfähigkeit ausgelöst. Ist das der Preis der neuen, skandalisierenden Politik?

Liberale Werte mit der Pistole verteidigen?

Ameti, die sich stets als Kämpferin für liberale Werte positionierte, hat mit dieser Aktion ihre eigene Marke beschädigt. Denn Liberalismus bedeutet eben nicht nur Freiheit im Denken und Handeln, sondern auch Respekt vor anderen Überzeugungen. Gerade ein echter Liberaler sollte wissen, dass Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass man sich alles erlauben kann, solange es provokativ genug ist.

Man stelle sich vor, ein konservativer Politiker hätte auf eine Regenbogenfahne geschossen, um ein Statement gegen die LGBTQ+-Bewegung zu setzen. Der Aufschrei wäre ohrenbetäubend – und zu Recht. Die liberale Grundidee ist nicht, dass jede Form von Provokation gerechtfertigt ist, sondern dass ein friedliches Miteinander durch Argumente und Überzeugungsarbeit erreicht wird.

Von der Polit-Influencerin zur Paria?

Dass Ameti nach diesem Vorfall aus der Grünliberalen Partei (GLP) ausgetreten ist und auch berufliche Konsequenzen tragen musste, kommt wenig überraschend. Die GLP gibt sich gerne als progressive, aber dennoch rationale Kraft in der Mitte des politischen Spektrums. Eine Politikerin, die mit Schüssen auf religiöse Bilder polarisiert, passt da nicht ins Konzept.

Dennoch bleibt sie Co-Präsidentin von Operation Libero – zumindest vorerst. Doch wie lange kann eine politische Bewegung, die für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit kämpft, eine Figur an der Spitze behalten, deren grösste mediale Schlagzeile nicht ihre politischen Errungenschaften, sondern ihre Schiesskünste sind?

Die grosse Ironie: Die Kirche als Profiteur

Ironischerweise könnte dieser Skandal genau jenen in die Hände spielen, die Ameti vielleicht ursprünglich kritisieren wollte. Während sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr Menschen von den Kirchen abwandten, hat diese Aktion den Eindruck erweckt, als sei das Christentum noch immer so mächtig, dass es in den Mittelpunkt eines politischen Eklats geraten kann.

Plötzlich wird Religion wieder zum Thema – nicht wegen theologischer Debatten oder gesellschaftlicher Fragen, sondern weil eine Politikerin sie buchstäblich unter Beschuss genommen hat. Konservative Kreise können sich nun als Verteidiger der christlichen Werte inszenieren, während die liberale Seite sich rechtfertigen muss.

Das ist nicht nur eine Ironie, sondern fast schon eine Bankrotterklärung für strategische Kommunikation.

Fazit: Wenn der Schuss nach hinten losgeht

Sanija Ameti hat mit dieser Aktion zweifellos für Schlagzeilen gesorgt – aber zu welchem Preis? Sie hat die Grenzen der politischen Provokation getestet und dabei mehr Schaden angerichtet, als sie vermutlich beabsichtigt hatte.

Es bleibt abzuwarten, ob sie sich politisch davon erholen kann oder ob sie als abschreckendes Beispiel dafür dient, wie man einen mühsam aufgebauten Ruf mit einer einzigen Aktion ruiniert. Eines steht fest: Wer in der Politik auf Bilder schiesst, sollte sich nicht wundern, wenn er am Ende selbst zur Zielscheibe wird.

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