Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Wenn der Briefkasten klingelt

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 06.09.2024 14:54
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Es gibt Menschen, die lieben es, ihre Meinungen in die Welt hinauszuposaunen. Früher reichte ihnen der Stammtisch, heute brauchen sie die Kommentarspalten der Zeitungen oder die sozialen Medien. Und dann gibt es jene, die noch eine Spur verbissener sind – die, für die ein einziger Beitrag in der Zeitung nicht genügt. Die, die schreiben, bis die Feder raucht, als wäre das bedruckte Papier ihre persönliche Kriegszone.

Ein solcher Mann war Bernhard Diethelm. Wer in der Region March und Höfe lebte und gelegentlich in den March-Anzeiger oder das Höfner Volksblatt blickte, kam an seinen Leserbriefen kaum vorbei. Er verfasste sie mit der Beharrlichkeit eines Uhrwerks, mit der Schärfe eines Fleischermessers und mit der Überzeugung eines Generals im Kampf gegen die Dummheit – wobei natürlich alle anderen die Dummen waren.

Es war ein Sport für ihn. Die politische Debatte diente nur als Vorwand, um Gegner abzukanzeln, sich über angeblich verweichlichte Zeitgenossen zu mokieren und sein eigenes Weltbild in möglichst schneidenden Worten zu verteidigen. Sein Ton? Spöttisch, aggressiv, oft grenzwertig. Seine Feindbilder? Vielseitig: Linke, Grüne, das Establishment, die Medien, die Justiz – kurzum, alle, die nicht in sein kleines Universum passten.

Doch das Schicksal ist eine poetische Instanz, und es scheint ein Faible für Ironie zu haben. Denn nun ist Bernhard Diethelm nicht mehr derjenige, der Anklagen in Form von Leserbriefen formuliert – sondern derjenige, der sich vor Gericht verantworten muss.

Man könnte sagen: Das Karma hat zurückgeschrieben.

Vom Saubermann zum Verurteilten

Lange inszenierte er sich als der aufrechte Kämpfer, als der Mahner in der Wüste, der den verkommenen Moralaposteln den Spiegel vorhält. Doch plötzlich kam heraus: Auch sein eigenes Spiegelbild war alles andere als makellos.

Die Liste der Vorwürfe, die gegen ihn erhoben wurden, liest sich wie eine Mischung aus einem schlechten Kriminalroman und einer Provinzposse. Körperverletzung? Ja. Besitz verbotener Pornografie? Auch das. Ein Mann, der stets den Zerfall von Anstand und Werten beklagte, wurde nun selbst zum Symbol ebenjener Dekadenz, die er so vehement bekämpfte.

Man stelle sich das vor: Jahrelang belehrte er die Leserbriefspalten über Moral, Anstand und den angeblichen Sittenverfall der Gesellschaft. Und dann? Dann erwischt es ihn selbst mit voller Wucht. Der Hüter der Ordnung, der sich so gerne als ritterlicher Verteidiger der guten alten Werte inszenierte, entpuppte sich als einer, der nicht einmal die einfachsten Regeln des Zusammenlebens respektierte.

Sein politischer Rückhalt? Verdunstet. Seine Partei? Hat ihn fallen gelassen wie eine heisse Kartoffel. Seine Glaubwürdigkeit? Geschichte.

Wenn der Spiess sich umdreht

Früher schickte er Briefe an die Redaktion, heute flattern ihm juristische Dokumente ins Haus. Eine bittere Ironie – oder eine gerechte Wendung der Dinge, je nach Perspektive.

Da sitzt er nun, in der Defensive. Statt mit scharfer Feder zu schreiben, muss er sich verteidigen. Statt über andere zu urteilen, urteilen nun Richter über ihn. Man kann sich fragen, wie es sich anfühlen muss, wenn das Blatt sich so drastisch wendet. Ist es Demut, die ihn nun erfüllt? Oder einfach nur Trotz?

Wer so lange austeilt, sollte damit rechnen, dass irgendwann die Retourkutsche kommt. Doch die, die besonders gerne austeilen, sind meist auch die, die am schlechtesten einstecken können. Das ist eine alte Wahrheit.

Was bleibt?

Der Name Bernhard Diethelm wird in der Region nicht so schnell vergessen werden. Nicht, weil er politisch besonders viel bewegt hätte. Nicht, weil er bahnbrechende Ideen hatte oder als grosser Visionär galt. Sondern weil er laut war, weil er penetrant war, weil er mit Vorliebe polarisierte.

Aber Polarisierung ist kein Wert an sich. Lautstärke ersetzt keine Substanz. Und wer sich in der politischen Arena bewegt wie ein Raufbold auf dem Pausenhof, darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann selbst im Staub liegt.

Es ist die klassische Geschichte des Hochmuts, der zum Fall führt. Einer, der sich jahrelang als überlegene Instanz aufspielte, als selbsternannter Richter über Gut und Böse, sitzt nun selbst auf der Anklagebank.

Ein tragisches Ende? Vielleicht. Eine verdiente Lektion? Mit Sicherheit.

Denn das Leben ist nicht nur eine Einbahnstrasse. Und manchmal, ja manchmal, schreibt das Schicksal seine eigenen Leserbriefe zurück.

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