1. Eidgenossen, Ahnen und das Märchen vom reinen Blut
Liebe Eidgenossen und Eidgenossinnen – und alle, die sich fest davon überzeugt haben, ein direkter Nachkomme Wilhelm Tells zu sein: Heute begeben wir uns auf eine kleine Reise in die Vergangenheit, genauer gesagt ins Jahr 1291. Das ist das Jahr, in dem die Urväter der Schweiz beschlossen haben, in einer Art mittelalterlichem Gruppenchat den Bundesbrief zu unterzeichnen. Ein stolzer Moment, keine Frage. Aber halt, bevor Sie in nostalgische Träume von „reinem eidgenössischem Blut“ verfallen, hier eine kleine Spoilerwarnung: Die Geschichte Ihrer Ahnen ist vermutlich wilder, chaotischer und internationaler, als Sie denken.
2 Milliarden Ahnen? Ja, Sie haben richtig gelesen!
Rechnen wir doch mal nach: Jeder Mensch hat zwei Elternteile, vier Grosseltern, acht Urgrosseltern – Sie merken schon, da geht was. Die Zahl verdoppelt sich mit jeder Generation. In der 30. Generation vor uns (also ungefähr zur Zeit der Bundesbrief-Unterzeichnung 1291) hätten Sie theoretisch über eine Milliarde Ahnen. Und wenn man alle Generationen zusammenzählt, ergibt das über zwei Milliarden Vorfahren.
Moment, sagen Sie jetzt, da stimmt doch was nicht – 1291 lebten ja gar nicht so viele Menschen auf der Erde! Ganz richtig beobachtet, Sherlock. Unser genetischer Stammbaum ist keine majestätische Tanne, sondern ein ziemlich chaotischer Busch. Viele dieser angeblichen Milliarden Ahnen sind einfach mehrfach in Ihrem Stammbaum vertreten. Cousin heiratet Cousine, Grosscousin verliebt sich in Grosscousine – voilà, der berühmte „Ahnenverlust“. So spart man Platz im Stammbaum.
Die Schweiz: Schon immer die Alpen-Drehscheibe
Nun aber zu einem beliebten Mythos: dem „reinen Eidgenossen“. Tja, liebe Freunde, wenn Sie wirklich glauben, Ihre Vorfahren hätten sich ausschliesslich in den Schweizer Alpen aufgehalten, während ringsherum die Römer, Burgunder, Alemannen und Franzosen Party machten, dann haben Sie wohl die Geschichte verpasst.
Stellen Sie sich das vor: Der Römer Gaius plaudert bei einem Glas Wein mit einer Helvetierin. Sie lachen, es funkt – und schwupps, ein kleiner Gaius-Helvetius kommt neun Monate später zur Welt. Ein paar Jahrhunderte später reist ein Burgunder durchs Land, verliebt sich in die Tochter eines Alemannen – und so geht das munter weiter. Denken Sie wirklich, die Schweiz war jemals eine genetische Festung? Nein, die Schweiz war eher eine alpine Autobahnraststätte, wo man nie wusste, wer gerade durchkommt und bleibt.
Reines Blut? Ein Märchen aus alten Zeiten
Das Konzept von „reinem Blut“ ist übrigens nicht nur überholt, sondern auch ein ziemlicher Witz. Gene scheren sich nicht um Landesgrenzen. Wenn ein Vorfahre aus Italien, einer aus Deutschland und ein weiterer aus Frankreich kommt, dann haben Ihre Gene das längst zu einem wunderbaren Fondue vermischt. Eine „rein schweizerische DNA“ gibt es nicht – es sei denn, wir sprechen von Käsebakterien.
Ein Hoch auf das genetische Chaos!
Also, liebe Eidgenossen, was lernen wir daraus? Unsere Ahnen haben keine Grenzen gekannt, und das ist wunderbar. Sie waren wanderlustig, liebesfreudig und offensichtlich sehr fleissig im Kinderzeugen. Das macht uns heute zu einem bunten Mix, der stolz darauf sein kann, so vielseitig zu sein.
Darum, liebe Mit-Schweizerinnen und Schweizer, wenn Sie das nächste Mal jemandem begegnen, der steif und fest behauptet, „nur Schweizer Blut“ in sich zu tragen, schenken Sie ihm ein Augenzwinkern und einen Atlas. Und vielleicht legen Sie noch einen Gentest dazu – die Überraschung dürfte grösser sein, als ihm lieb ist.
Hoch die Gläser auf unsere 2 Milliarden Vorfahren! Und denken Sie daran: Ohne Römer, Burgunder, Alemannen und Co. gäbe es uns so gar nicht. Na dann: Santé!
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