Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Arroganz der Macht und die Blindheit der Geschichte

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 02.03.2025 00:59
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Es gibt Momente, in denen sich die wahre Natur eines Politikers offenbart. Der Eklat zwischen Donald Trump und Wolodimir Selenski im Weissen Haus war ein solcher Moment. Hier stand ein Mann, dessen Land seit Jahren unter Bombenhagel und Terror leidet, einem anderen gegenüber, der sich vor allem für sein eigenes Ego und seinen politischen Vorteil interessiert. Trumps Verhalten war nicht nur unsouverän – es war eine Demonstration jener Rücksichtslosigkeit, die sich heute in weiten Teilen der Weltpolitik breitmacht.

Zynismus statt Diplomatie

Die Szene ist bezeichnend: Trump, sekundiert von seinem Vizepräsidenten J. D. Vance, keift Selenski an, weil dieser Sicherheitsgarantien einfordert. Die Botschaft ist klar: Die Ukraine soll dankbar sein, nicht fordern. Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine Haltung der Arroganz und des Zynismus, wie sie sich in der internationalen Politik immer weiter verbreitet. Anstatt die eigene Verantwortung als Führungsmacht wahrzunehmen, spielt sich die US-Regierung als gönnerhafter Patriarch auf, der Gnade gewährt, aber keine Diskussionen duldet.

Noch beunruhigender ist Trumps Gleichgültigkeit gegenüber Putins Expansionspolitik. Wenn der US-Präsident mehr Sympathien für einen Kriegsverbrecher als für einen Verbündeten hat, wirft das ernsthafte Fragen auf. Wie kann jemand, der sich als Verteidiger der westlichen Werte inszeniert, gleichzeitig denjenigen hofieren, der diese Werte mit Füssen tritt?

Die Verlockung der Täter-Opfer-Umkehr

Es ist eine alte Strategie: Wer sich mit einem Problem nicht auseinandersetzen will, kehrt die Rollen von Täter und Opfer um. Im Fall der Ukraine wird plötzlich nicht mehr Russland als Aggressor gesehen, sondern Kiew als undankbarer Bittsteller. Die Korruption in der Ukraine wird als Argument gegen weitere Unterstützung herangezogen – als ob Korruption in einem Land ein legitimer Grund wäre, es einem übermächtigen Feind auszuliefern.

Diese Argumentationsweise erinnert an die moralischen Verwerfungen, die Klaus Mann bereits in den 1930er-Jahren anprangerte. Auch damals gab es jene, die sich in Ausreden flüchteten, die Hitler kleinredeten oder ihn gar als Gegengewicht zu den «westlichen Kriegstreibern» sahen. Heute erleben wir eine ähnliche Relativierung: Man verweist auf westliche Fehler, um die Verbrechen Putins zu entschuldigen, und verharmlost einen brutalen Angriffskrieg als eine Art geopolitisches Schachspiel.

Die falsche Neutralität

Die heutige Weltordnung steht an einem gefährlichen Punkt. Der Westen, erschöpft von Kriegen und Krisen, verliert seine moralische Klarheit. Besonders in Europa ist eine Haltung weit verbreitet, die unter dem Deckmantel der Neutralität letztlich in Gleichgültigkeit mündet. Man spricht von «Friedensverhandlungen», während eine Seite mit Bomben und Raketen Tatsachen schafft. Man redet über «Provokationen des Westens», während Russland Städte in Schutt und Asche legt.

Diese Art der «Neutralität» ist nichts anderes als Feigheit. Sie bedeutet, sich vor der Realität zu drücken, aus Angst, Position zu beziehen. Doch die Geschichte zeigt: Wer in entscheidenden Momenten zögert, zahlt später den höchsten Preis.

Die Lehren der Geschichte

Es ist bequem, in der Gegenwart den moralischen Nebel zu akzeptieren. Doch die Zukunft wird schonungslos urteilen. So wie man sich heute über die westliche Naivität gegenüber Hitler wundert, wird man sich eines Tages fragen, warum so viele die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben.

Die Ukraine mag nicht perfekt sein, doch sie verteidigt das Grundlegendste: das Recht, als Nation in Frieden zu leben. Wer das relativiert, spielt jenen in die Hände, die die Welt in Chaos und Gewalt stürzen wollen.

Trump, Vance und all jene, die heute mit der Geschichte spielen, sollten sich eines bewusst machen: Die Arroganz der Macht ist trügerisch. Sie mag kurzfristig Siege bringen, doch am Ende wird sie sich gegen jene wenden, die glaubten, sich alles erlauben zu können.

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