Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die grosse Verschwörung der Buchstabenpresse

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 04.03.2025 08:02
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Man kennt das ja: Man liest eine Zeitung, hört Radio oder schaut die Tagesschau – und plötzlich wird man mit einer völlig absurden Idee konfrontiert. Nein, nicht vom Journalisten, sondern vom Kollegen am Stammtisch oder im Kommentarbereich auf Facebook. „Die Medien sind gesteuert! Die berichten nicht objektiv! Alles Mainstream-Propaganda!“

Ah, natürlich! Eine weltumspannende Verschwörung der Journalistinnen und Journalisten, die sich jeden Morgen im dunklen Keller eines Medienimperiums treffen, um gemeinsam auszutüfteln, wie sie das Volk heute wieder belügen können. Mit Kerzenlicht und geheimen Handschlägen, versteht sich. Und natürlich – wer hat’s erfunden? Die Regierung! Oder war’s Bill Gates? Oder gar die Echsenmenschen aus der Hohlerde?

Die geheime Elite der Mainstream-Medien

Man stelle sich das einmal vor: Zehntausende Journalistinnen und Journalisten auf der ganzen Welt, von Zürich über London bis New York, arbeiten Tag und Nacht zusammen, um eine gigantische Täuschung aufrechtzuerhalten. Keiner von ihnen hat je einen Fehler gemacht, keiner ist je ausgeschert, niemand hat je ein schlechtes Gewissen bekommen und die Wahrheit ausgeplaudert.

Das ist bemerkenswert – besonders, wenn man bedenkt, dass die meisten Redaktionen nicht einmal in der Lage sind, ihre Kaffeemaschine am Laufen zu halten oder eine Teamsitzung ohne Chaos über die Bühne zu bringen. Aber wenn es darum geht, eine perfekte, globale Manipulation durchzuziehen? Kein Problem!

Und die Drahtzieher dahinter? Natürlich die „Mächtigen“ – eine kleine Gruppe im Hintergrund, die alles kontrolliert. Und diese Mächtigen sind so schlau, dass sie alle grossen Medienhäuser steuern, aber gleichzeitig so dumm, dass sie zulassen, dass Hans-Ueli aus dem Oberaargau sie mit einem Facebook-Post entlarvt. „Lügenpresse“!

Objektiv ist, wer mir zustimmt

Der Vorwurf der „voreingenommenen Medien“ kommt interessanterweise meist von Leuten, die selber nur Quellen lesen, die genau das schreiben, was sie ohnehin schon denken. „Die Medien sind nicht objektiv!“ heisst oft übersetzt: „Sie schreiben nicht das, was ich hören will!“

Wer etwa glaubt, Corona sei nur eine harmlose Grippe gewesen, will das auch so in der Zeitung lesen. Steht da aber, dass es doch eine ziemlich ernste Sache war, dann ist das kein Journalismus mehr, sondern Manipulation.

Gleiches gilt für Klimawandel, Kriege oder sonstige ungemütliche Themen. Wenn’s nicht ins eigene Weltbild passt, ist es „Lügenpresse“. Und wer recherchiert, Quellen prüft und Fachleute befragt, ist kein Journalist, sondern ein willfähriger Handlanger der „Eliten“.

Aber wehe, eine Zeitung schreibt einmal genau das, was der Verschwörungsfreund hören will – dann wird sie mit Lob überschüttet: „Endlich mal ehrlicher Journalismus!“ Einmal zufällig die richtige Meinung getroffen, und schon sind aus den Systemknechten mutige Wahrheitssucher geworden.

Wenn nur die richtige Wahrheit zählt

Die Ironie ist ja: Während „die Medien“ vorgeworfen wird, einseitig zu berichten, wird von den selbsternannten Wahrheitssuchern genau das gefordert. Denn objektiv ist nur, wer genau ihre Sichtweise übernimmt. Alles andere ist manipuliert, gekauft oder vom „Deep State“ gesteuert.

Das ist ein bisschen so, als würde man in ein Restaurant gehen, ein Steak bestellen, aber einen Salat serviert bekommen. Und anstatt einfach zu sagen: „Das passt mir nicht“, ruft man sofort: „Das ist eine Verschwörung der Vegetarier-Lobby!“

Denn was ist wahrscheinlicher?
a) Alle grossen Medien der Welt haben sich zusammengeschlossen, um eine gigantische Täuschung zu verbreiten?
b) Eine Gruppe von Leuten ist einfach nicht damit einverstanden, was in der Zeitung steht?

Die Echokammer der Medienkritiker

Was besonders schön ist: Viele dieser „Medienkritiker“ vertrauen selbst völlig unkritisch den dubiosesten Quellen. Kaum schreibt eine unbekannte Website mit einer URL wie „wahrheit24.ru“, dass die Regierung heimlich Mikrochips in Brot einbackt, wird das sofort geglaubt.

Wer dagegen mühsam recherchiert, Fakten prüft, Expertinnen und Experten befragt? Der steckt natürlich mit den Mächtigen unter einer Decke.

Und so bleibt am Ende eine einfache Regel: Journalismus informiert, gefällt aber nicht immer allen. Und wenn die eigene Wahrheit nur aus Quellen stammt, die nie widersprechen, dann ist man vielleicht nicht der grosse Aufklärer, sondern einfach nur ein sehr zufriedener Kunde der eigenen Echokammer.

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