Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Sugus für die Reichen, Räumung für den Rest

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 09.03.2025 08:25
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Von sozialem Wohnraum zur Goldgrube – die Geschichte der Zürcher Sugus-Häuser ist eine Lehrstunde darüber, wie Immobilienmärkte funktionieren und für wen sie arbeiten. Einst als bezahlbare Wohnungen für Durchschnittsverdiener gedacht, sollen nun über 200 Mieter weichen, weil die Besitzerin Regina Bachmann eine „unumgängliche Kernsanierung“ vorschiebt. Doch seltsamerweise betrifft dieser Sanierungsdrang nur ihre drei Häuser – in den sechs baugleichen Liegenschaften nebenan, die anderen Eigentümern gehören, können die Menschen weiterhin bleiben. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Doch die Skrupellosigkeit ist nicht einmal das Schockierendste an dieser Geschichte. Viel aufschlussreicher ist, wie sich die Stadt Zürich in dieser Affäre als ohnmächtige Bittstellerin präsentiert. Stadtpräsidentin Corine Mauch versuchte zu vermitteln. Sie schrieb Briefe. Sie versuchte es über verschiedene Kanäle. Doch die Besitzerin der Häuser hatte Besseres zu tun, als zu antworten. Der Immobilienmarkt ist eben kein Ort für Sentimentalitäten, sondern ein knallhartes Business. Und das zeigt sich besonders deutlich, wenn es ums grosse Geld geht.

200 Millionen für ein Schweigen

Nachdem die Kündigungen einen Proteststurm ausgelöst hatten, brachte Zürich sogar einen Kauf der drei Häuser ins Spiel. Aber wenn sich jemand schon die Mühe macht, über 100 Mietparteien hinauszuwerfen, dann sicher nicht für einen fairen Deal. Bachmann fordert für ihre drei Häuser sage und schreibe 200 Millionen Franken – fast doppelt so viel wie der geschätzte Marktwert. Das ist, als würde jemand für eine alte Schachtel Sugus den Preis einer Luxuspraline verlangen und sich dann wundern, warum niemand kauft.

Die Stadt wird diesen Preis nicht bezahlen, das ist klar. Doch genau das scheint die Taktik zu sein: Man stellt eine absurde Forderung, weiss, dass sie keiner akzeptiert, und kann sich dann als harmloser Geschäftsmensch präsentieren, der „zum Gespräch bereit gewesen wäre“. Der Trick ist alt, funktioniert aber immer wieder. Inzwischen vergehen die Monate, die Mieter müssen bis Ende März ausziehen, und Bachmann kann in aller Ruhe weiter schweigen.

Leerkündigungen: Profit statt Menschlichkeit

Was in den Sugus-Häusern passiert, ist kein Einzelfall. Leerkündigungen – also das gezielte Rauswerfen aller Mieter, um danach luxuriös zu sanieren und teurer zu vermieten – sind in Zürich längst ein bewährtes Geschäftsmodell. Besonders perfide ist, dass oft nicht einmal eine echte Sanierung notwendig ist. Es reicht, eine „Kernsanierung“ zu behaupten, um bestehende Verträge auszuhebeln. Wer kann schon das Gegenteil beweisen?

Es ist das perfekte System für all jene, die mit Wohnraum spekulieren wollen. Die jetzigen Mietpreise der Sugus-Häuser sind vergleichsweise moderat, doch nach der Sanierung könnten sie problemlos verdoppelt oder verdreifacht werden. Ein massives Geschäft für die Eigentümerin, ein Desaster für die Menschen, die jahrelang dort gelebt haben.

Die Ironie ist, dass genau diese Häuser einmal als Symbol für bezahlbaren Wohnraum gedacht waren. Regina Bachmanns Vater, der Bauunternehmer Leopold Bachmann, hatte sie Ende der 1990er-Jahre genau aus diesem Grund errichtet. Jetzt sind sie das Gegenteil: Ein Symbol für die brutale Logik des Marktes, die mit sozialer Verantwortung nichts am Hut hat.

Machtlose Politik, machtlose Mieter?

Dass sich die Stadtregierung in dieser Affäre von einer Immobilienbesitzerin vorführen lässt, ist bezeichnend. Wenn eine Stadtpräsidentin nicht einmal eine Antwort auf ihre Vermittlungsversuche bekommt, was sagt das über das Machtverhältnis zwischen Politik und Investoren aus?

Das Problem ist, dass Zürich und andere Städte in der Schweiz kaum wirksame Mittel haben, um gegen solche Leerkündigungen vorzugehen. Ja, es gibt Mieterschutzgesetze, und ja, man kann sich juristisch wehren – doch diese Prozesse dauern lange, kosten Geld und haben oft wenig Aussicht auf Erfolg. Die Eigentümer wissen das und können sich darauf verlassen, dass am Ende doch ihre Interessen durchgesetzt werden.

Die Proteste der Mieter sind wichtig, aber sie stossen an Grenzen. Petitionen mit zehntausenden Unterschriften sind ein starkes Signal, doch sie ändern nichts an der rechtlichen Lage. Und während die Diskussion weitergeht, ist der März nicht mehr weit – der Zeitpunkt, zu dem die Bewohner ihre Wohnungen räumen müssen.

Was müsste passieren?

Was es bräuchte, wäre eine echte politische Antwort auf das Problem der Leerkündigungen. Andere Städte in Europa haben längst strengere Gesetze eingeführt, um genau solche Situationen zu verhindern. In Berlin gibt es etwa das sogenannte „Vorkaufsrecht der Stadt“, das es Behörden ermöglicht, Mietshäuser zu erwerben, bevor sie an Investoren verkauft werden. Auch Zürich könnte ähnliche Mechanismen einführen – doch dazu fehlt bisher der politische Wille.

Gleichzeitig müsste man die finanziellen Anreize für solche Spekulationsgeschäfte reduzieren. Wer absichtlich günstigen Wohnraum zerstört, um ihn später mit maximalem Profit weiterzuverkaufen, sollte dafür nicht noch steuerliche Vorteile geniessen. Auch ein Verbot von Leerkündigungen wäre eine Möglichkeit – mit klaren Sanktionen für Eigentümer, die solche Praktiken anwenden.

Aber all das wird nicht passieren, solange Zürich weiter nur höfliche Briefe schreibt und sich ignorieren lässt. Solange Stadt und Kanton keine klaren Konsequenzen ziehen, wird sich nichts ändern. Und die Sugus-Häuser werden nicht die letzten sein, die diesem Spiel zum Opfer fallen.

Am Ende zählt das Geld – und sonst nichts

Die Geschichte der Sugus-Häuser zeigt, wie der Wohnungsmarkt wirklich funktioniert. Es geht nicht um Bedarf, nicht um Gerechtigkeit, nicht um soziale Verantwortung. Es geht um Zahlen in einem Excel-Sheet, um Renditen und um die Frage, wie man mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Gewinn machen kann.

Die betroffenen Mieter sind da nur eine Randnotiz. Sie können protestieren, sie können Petitionen sammeln, sie können Medienberichte anstossen. Doch am Ende zählen nur Verträge, Grundbucheinträge und der Goodwill der Eigentümer – und der ist in diesem Fall nicht vorhanden.

Zürich wird also weiter zusehen müssen, wie erschwinglicher Wohnraum verschwindet. Die Stadt kann nichts dagegen tun, heisst es. Vielleicht stimmt das. Aber vielleicht fehlt ihr auch einfach der Mut, es wirklich zu versuchen.

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