1. „Hallo? Ghörsch mi?!“ – Warum jeder Depp im Zug telefonieren muss
Es gibt Dinge, die die Menschheit wohl nie verstehen wird. Warum fliegen Mücken immer ins Licht? Wieso schmeckt Wasser in einer anderen Flasche plötzlich besser? Und warum, verdammt noch mal, ist in jedem Zug, in jedem Waggon, zu jeder Tages- und Nachtzeit mindestens eine Person, die in unfassbarer Lautstärke in ihr Handy brüllt?
Dabei ist es egal, ob der Zug pünktlich ist (was er in der Schweiz meistens ist, also keine Ausrede für Extrazeit im Wagen) oder ob man noch schnell irgendwo stehen bleibt. Irgendjemand nutzt die Gelegenheit, um die gesamte Mitreiserschaft mit seinen privaten Belanglosigkeiten zu quälen.
Die Evolution des lauten Telefonierens
Früher, als Mobiltelefone noch 5 Kilo wogen und Antennen hatten, telefonierte man kurz, knapp und möglichst diskret. Weil es teuer war. Weil es peinlich war. Weil man einfach noch wusste, dass nicht jeder in der Umgebung am eigenen Blabla interessiert ist.
Aber dann kam die Flatrate. Und das Elend nahm seinen Lauf.
Heute gibt es keine Scham mehr. Heute gilt: Wer leise telefoniert, hat etwas zu verbergen. Und wer gar nicht telefoniert, ist offenbar ein asozialer Einzelgänger ohne Sozialleben. Also wird immer und überall gebrüllt.
Die schlimmsten Telefonier-Arten im Zug
Es gibt verschiedene Gattungen der telefonierenden Plagegeister, und sie alle verdienen eine gesonderte Erwähnung.
1. Der Wichtigtuer
Er beginnt jedes Gespräch mit „Ich bin grad im Zug.“ Aha. Danke für die Information, Sherlock. Und dann geht es los: „Ja, also die Präsentation muss noch mal überarbeitet werden, die Zahlen vom Q3 sehen nicht gut aus, und wir müssen den Workflow optimieren.“
Er spricht laut, er spricht in Buzzwords, und er will vor allem eines: Dass alle im Wagen wissen, wie UNFASSBAR wichtig er ist. Während er in der zweiten Klasse hockt. Natürlich.
2. Das Beziehungsdrama
„Warum hast du gestern nicht geschrieben?“ – „Ich hab dir doch gesagt, ich war mit den Jungs unterwegs!“ – „Mit WEM genau?!“
Grossartig. Eine Live-Therapiesitzung. Muss man sich ja sonst teuer leisten, hier gibt’s die Eskalation gratis. Die halbe Strecke Zürich–Bern wird jetzt mit kleinlichen Vorwürfen gefüllt, während der Rest des Zuges hofft, dass sich die beiden entweder sofort trennen oder einfach auf Lautlos stellen.
3. Der Hypochonder
„Also, der Ausschlag ist immer noch nicht besser. Die Salbe juckt auch. Und dann dieses Stechen im Magen – glaubst du, das ist was Ernstes?“
Nun, spätestens jetzt schon. Und alle im Umkreis von fünf Metern haben jetzt Phantom-Juckreiz, weil die Beschreibung einfach zu detailliert war. Vielen Dank für die spontane Sprechstunde.
4. Die Lautsprecher-Psychos
„GHÖRSCH MICH?! WART MAL, ICH MACH UF LUUTSPRECHER!“
Und plötzlich ist man unfreiwilliger Zuhörer eines Gespräches zwischen zwei völlig Fremden. Die eine Hälfte im Zug, die andere irgendwo anders, aber genauso laut. Warum das Handy ans Ohr halten, wenn man das Elend auch gleich mit der ganzen Abteilung teilen kann?
Liebe Leute, wenn ihr schon zu faul seid, euer Telefon ans Ohr zu halten – steckt es euch wenigstens direkt in den Rachen. Dann verstummen vielleicht wenigstens die Umstehenden vor Schock.
Gibt es eine Lösung? Nein.
Klar, es gibt Theorien. Man könnte telefonfreie Zonen einführen. Oder ein Gerät erfinden, das Handys in einem Umkreis von fünf Metern lahmlegt. Oder Menschen einfach ein Mindestmass an Anstand beibringen.
Aber seien wir ehrlich: Nichts davon wird je passieren.
Also bleibt nur eines: Die Kopfhörer tiefer in die Ohren rammen, laut Musik hören, oder auf den Moment warten, in dem sich zwei Zugtelefonierer gegenseitig überbrüllen und sich irgendwann durch akustische Selbstzerstörung eliminieren.
Bis dahin bleibt es, wie es ist: Wer Bahn fährt, fährt nie allein – sondern immer mit der geballten Ladung menschlicher Rücksichtslosigkeit.
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