Rellsens Kolumnen

Philipp Rellstab

Philipp Rellstab - Wortspieler & Klangtüftler. Jazzmusiker mit Trompete, Flügelhorn, Posaune und Tuba. Chefredaktor der SamiPost. Schreibt, wenn das Leben sticht - mal kurz, mal lang, aber immer mit Herz.

1. Die Tragödie der armen Marine

Text von Philipp Rellstab | veröffentlicht am 01.04.2025 16:22
Inhalt anzeigen/ausblenden

Eine Abrechnung mit Le Pens Opferinszenierung

Von all den Peinlichkeiten, die Marine Le Pen in ihrer Karriere produziert hat, ist diese vielleicht die köstlichste: Eine Politikerin, die jahrelang von Steuergeldern lebte, für deren Veruntreuung sie nun verurteilt wurde, stellt sich hin und ruft: „Ich werde mich nicht eliminieren lassen!“ – als wäre sie die tragische Heldin eines schlechten Theaterstücks.

Nein, Madame, niemand „eliminiert“ Sie. Sie haben sich selbst in diese Lage manövriert, mit beiden Händen tief in die EU-Kassen gegriffen und dachten wohl, das würde nie auffallen. Doch nun, da ein Gericht das Offensichtliche bestätigt hat, inszenieren Sie sich als Opfer eines finsteren Komplotts.

Das ist kein Zufall. Rechte Politiker beherrschen das Märtyrerspiel perfekt. Sie sind immer Opfer. Opfer der Justiz, Opfer der Medien, Opfer einer angeblichen Elite, die ihre Macht um jeden Preis verteidigen will. Dass sie selbst Teil dieser Elite sind – geschenkt. Dass sie selbst die Justiz gerne missbrauchen würden, wenn sie könnten – unwichtig. Wichtig ist nur, dass sie nie schuld sind.

Das ewige Lied der rechten Märtyrer

Rechtspopulisten lieben es, sich verfolgt zu fühlen. Es ist ihr Markenzeichen. Sie beschweren sich über „die Eliten“, während sie selbst zum politischen Establishment gehören. Sie wettern gegen die Justiz, wenn sie zur Verantwortung gezogen werden. Sie behaupten, das Volk werde betrogen, wenn sie selbst beim Betrügen erwischt wurden.

Das ist ein Muster, das sich immer wiederholt. Donald Trump behauptet, alle Prozesse gegen ihn seien eine Hexenjagd. Viktor Orbán warnt, dunkle Mächte in Brüssel wollten Ungarn „vernichten“. Und jetzt also Marine Le Pen, die sich als Opfer eines politischen Urteils inszeniert.

Dass es in Frankreich nichts Ungewöhnliches ist, dass Politiker wegen Korruption oder Untreue mit einer Sperre für politische Ämter bestraft werden, ignoriert sie dabei natürlich. Sie ist ja anders. Und wenn das Volk nicht für sie stimmen darf, dann ist das natürlich keine Folge ihrer eigenen Fehler, sondern ein Angriff auf die Demokratie.

„Ich werde alle Mittel ausschöpfen“ – Aber welche?

Le Pen will kämpfen. Sie will Berufung einlegen. Sie spricht von einem schmalen Weg, den sie noch gehen kann. Aber wohin soll dieser führen? Glaubt sie ernsthaft, sie könne sich aus dieser Affäre herausjammern?

Juristisch sind ihre Chancen überschaubar. Selbst wenn es ihr gelänge, das Urteil hinauszuzögern, würde sie 2027 immer noch als jemand dastehen, der mit öffentlichen Geldern nicht umgehen konnte. Und selbst wenn sie irgendwann wieder kandidieren dürfte – das Misstrauen bleibt.

Und was macht Bardella?

Da wäre noch ihr Kronprinz Jordan Bardella, der jetzt plötzlich als möglicher Ersatz ins Spiel gebracht wird. Doch Le Pen bremst: „Bardella ist ein Trumpf, den wir nicht zu früh ausspielen sollten.“

Klingt fast so, als wolle sie ihn an der kurzen Leine halten. Dass jemand anders ihre Rolle übernehmen könnte, scheint ihr nicht zu passen. Sie will die Kontrolle behalten – nur blöd, dass das Gericht da andere Pläne hat.

Bardella könnte natürlich antreten. Er ist jung, charismatisch und hat die Partei im letzten Jahr weiter nach vorne gebracht. Aber es gibt ein Problem: Er ist nicht Marine Le Pen. Und das könnte bei der Präsidentschaftswahl 2027 entscheidend sein.

Denn Le Pen ist für viele Wähler nicht nur eine Politikerin, sondern eine Art Symbol. Sie hat die rechtsextreme Front National in den letzten Jahren zu einer modernen, vermeintlich bürgerlichen Partei umgebaut. Ohne sie an der Spitze könnte es für den Rassemblement National schwerer werden, die Wähler zu mobilisieren.

Wer jetzt protestiert, hat den Schuss nicht gehört

Nun ruft die Partei zu Protesten auf. Man stelle sich das einmal vor: Eine Politikerin wird wegen Veruntreuung verurteilt – und ihre Anhänger rufen nicht „Schande über sie!“, sondern „Schande über das Gericht!“ Dasselbe Muster kennt man von Trump-Anhängern in den USA oder von Berlusconi-Fans in Italien.

Aber was genau soll da jetzt beklagt werden? Dass das Gesetz tatsächlich angewendet wurde? Dass Gerichte sich erdreisten, auch prominente Politiker zur Rechenschaft zu ziehen?

Man kann sich die Demoschilder schon vorstellen: „Gebt uns unsere verurteilte Kandidatin zurück!“ oder „Bestechung ist Demokratie!“ Man muss es diesen Leuten lassen – für kreative Argumente sind sie sich nicht zu schade.

Die Wahrheit tut weh

Es gibt nur eine Wahrheit in dieser Geschichte: Marine Le Pen wurde für etwas verurteilt, das sie nachweislich getan hat. Es gibt keine Verschwörung, keinen politischen Racheakt, kein düsteres Eliten-Komplott. Es gibt nur eine Politikerin, die glaubte, sich nicht an Regeln halten zu müssen – und nun mit den Konsequenzen leben muss.

Und das ist weder eine Tragödie noch ein Skandal. Es ist einfach nur gerecht.

Man kann das Urteil kritisieren. Man kann es für überzogen halten. Man kann darüber streiten, ob es klug ist, sie von der Wahl auszuschliessen – schliesslich könnte das tatsächlich einigen ihrer Wähler das Gefühl geben, man wolle ihnen ihre Entscheidung abnehmen. Aber eines kann man nicht tun: So tun, als wäre Marine Le Pen eine unschuldige Frau, die von dunklen Mächten zu Fall gebracht wurde.

Sie hat sich selbst zu Fall gebracht.

Und jetzt wird sie daran gemessen.

Wörter: 821 - Anschläge: 5302

Kommentare

Noch keine freigeschalteten Kommentare.